Nachtrudern

Bin völlig unvorbereitet und -eingenommen um acht Uhr abends im Verein angekommen, nach einer Hinfahrt zwischen schwarz-gelb-gekleideten Fussballfreund*innen mit Bockwurst auf dem Handteller.

Ich dachte, wir fahren einfach ein bißchen am Abend. Es war ja noch hell, heller als es im Winter mittags je wird. Als ich die Verteilung der Kühlboxen und Lebensmitteltaschen auf die zwei Boote beobachtete, wurde mir jedoch klar, dass es sich um eine Wanderfahrt handelte, obendrein noch um eine sogenannte Zielfahrt, eine Untereigenheit der Ruderer*innen, ihre Fahrten zu kategorisieren und in Sommer-, Winter- und Jahreswettbewerben zu feiern: Es macht nichts, wenn man nicht daran teilnimmt, aber wenn man eh schon mal rudert, gibt es immer wieder mal Versammlungen mit Medaillenverleihungen, z. B. wenn man vom 1. April bis 31. 10. (der Ruderer-Sommer, hat nichts mit Temperaturen zu tun, auch wenn es vorher oder nachher warm ist) mindestens 4 Zielfahrten und mindestens 800 km (in meiner Altersklasse) gerudert ist. Eine Zielfahrt braucht mindestens 20 km (und das Erreichen eines anderen Zielbereiches als des Heimatzielbereichs (in unserem Fall Zielbereich 2, Erklärungen im unter „Sommer“ verlinkten PDF 🙂 ), also sind wir 20 km gerudert. 10km hin, zu Welle Poseidon am Wannsee (Zielbereich 3), haben da Pause gemacht, der Mond wanderte von hinter einem Baum beständig nach rechts, während wir auf der Terrasse saßen, aßen, tranken, die Lichter auf dem Wannsee sahen, die Fußballfans beim Elfmeterschießen stöhnen und grölen hörten, und um 23.14 der Mond völlig rund wurde (wurde mir gesagt). Read More

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Bücher haben

Gerade habe ich ein paar Blogeinträge darüber gelesen, Bücher auszusortieren. Und einige Kommentare dazu.

Bücher haben ist für mich ein Glück, eine Art vorelektronisches Internet, in dem alles steht und ich dem ich alles nachschauen kann, so weit ich komme. Es ist nicht so groß wie das Internet, und es steht nicht alles drin, was im Internet steht, aber man kann ja mal loslaufen in die Richtung, und lesen was am Weg liegt, und ausgelesen habe ich die Bücher bis jetzt noch nicht. Viele Lexikonartikel, unterschiedlich alt, vom Brockhaus meines Opas, die ältesten Bände von 1922, bis zur Veröffentlichung der Heinrich-Böll-Stiftung aus dem letzten Jahr, verweisen auf Pfade, deren Ende ich noch nicht erreicht habe.

Ich sortiere Bücher in den Regalen nach Belletristik, Kinderbüchern, Sachbüchern und Lexika, Belletristik und Kinderbücher alphabetisch nach Autor*innen (die Anthologien in einem Extra-Brett), die Sachbücher und Lexika nach Themengebieten, damit ich schnell alles finde, wenn ich etwas suche, wenn ich mit jemanden rede, und mir einfällt, dazu habe ich …

Darum gebe ich nur Bücher weg, die mir nichts gesagt haben. Andere möchte ich noch mal lesen oder etwas nachschlagen, und vor allem: verleihen, und zwar gezielt verleihen. Ich finde den Gedanken, Bücher zu verschenken sehr sympathisch, damit das Buch nicht in der Zeit, die es im Regal steht, bloß vor sich hinschweigt. Aber woher weiß ich, ob es dann nicht in einem anderen Regal steht?

Ich verleihe gerne Bücher, wenn ich mich Menschen rede, die ein Thema beschäftigt, oder die gerne mal wieder lesen würde. Als Einsteigerbuch für Leute, die behaupten, Lese mache ihnen einfach keinen Spaß mehr, verleihe ich fast immer das Wetter vor 15 Jahren, das funktioniert ebenso fast immer als Wiedereinstiegsdroge oder als Hoffnung für Leute: Vielleicht lese ich doch ganz gerne.

Ich habe mal ein altes Telefontischchen gekauft, weil ich die Farbe des Holzes schön fand. Da, wo die Telefonbücher hingehören, befand sich lange mein Stapel ungelesener Bücher. Oder angefangener und wieder weggelegter Bücher. Manche Bücher lagen dort sehr lange, und ich habe sie trotzdem gelesen. Manchmal passen sie einfach nicht in das Leben, das man gerade führt. Lady Chatterley habe ich drei mal angefangen, bis mich die Realität der 10er Jahre in der englischen Pampa mit der Beschreibung einer Jugend in der deutschen Reformpädagogik (!) eingesogen hat. Ungelesene Bücher sind Bücher im Zustand des Noch-Nicht-Gelesenseins, für Zeiten im Leben, die man noch nicht gelebt hat.

Das Buch Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat wanderte 2007 als Smalltalkhilfe für Akademiker*innen durch die Presse. Es geht aber um den permanenten Zustand des Nichtgelesenseins aller Bücher die man gelesen oder nicht gelesen hat.

Wer schon einmal ein Buch zweimal gelesen und beide Male unterschiedliche Dinge darin gefunden/erlebt/entdeckt hat, kann sich die unzähligen Male vorstellen, in dem sie/er* dieses Buch noch nicht gelesen hat.

Einzelne Bücher habe ich mehr als zwanzig mal gelesen, manchmal von hinten (ich will nur den Schluss noch mal lesen, doch den letzten Teil, vielleicht noch ab dem zweiten Kapitel, und dann am Schluss, den Anfang noch mal und manchmal bis zum Ende durch). In anderen habe ich nur einzelne Stellen nachgeguckt, auch zitiert bzw. in Briefen abgeschrieben.

Als ich Todorovs Eroberung Amerikas, von dem ich dachte, ich hätte seinen Inhalt fast vergessen, für meine Magisterarbeit noch einmal las, stellte ich fest, dass ich die gleichen Gedanken und Passagen, die ich bemerkenswert fand, schon einmal angestrichen hatte (was ich ebenfalls vergessen hatte), und was mich in Zeiten der Plagiatsaffäre des Barons von Guttenberg sehr erschreckte, ich hatte große Gedankenkomplexe in meinen „allgemeinen gesunden Menschenverstand“ übernommen und für meine eigenen gehalten. Sie hatten mich so überzeugt, ich hatte sie gedanklich nachvollzogen, und mich an den Input weniger erinnert, weil der Gedankengang in meinem Kopf eine stärkere Erinnerung war, weil in ihm, auch emotional, nehme ich an, wenn ich die Erinnerungswissenschaft richtig verstanden habe, mehr erlebt habe.

Was mir jetzt wiederum nicht einfällt, ist, wie genau das Zitat geht, und vom wem es ist, und ob es es überhaupt wirklich gibt, dass Wissen immer ein Tropfen im Meer des Unwissens ist. An allen Enden des Tropfens, an jedem Punkt seiner Oberfläche, berührt er etwas, was ich nicht weiß. Was vielleicht niemand weiß. Ich glaube, das Zitat bezieht sich auf eine Weltkarte aus der Renaissance, und das Unwissen sind tatsächlich die Meere, und das entdeckte Land wird als gewusst eingezeichnet.

So sind jedenfalls Bücher für mich. Sie sind Bojen auf dem Meer dessen, was ich noch nicht weiß. Verleihen ist eine gute Möglichkeit, mehr darüber zu erfahren, wie man sie noch lesen kann. Drüber Reden hilft, mehr darüber zu entdecken, was man da eigentlich gelesen hat, weil im Erzählen plastischer wird, was vorher nur kurz angedacht war.

Wenn eine/jemand* beim Lesen auf den Gedanken kommt, mir ihre/seine* Lebenssituation zu beschreiben, und mich nach einem Buchtipp zu fragen, dann wäre das für mich die allergrößte Freude.

 

Meer Moabit

Moabit ist eine Insel. Das heißt, dass ich es vollständig umschwimmen könnte. Das heißt auch, dass es mit ein paar Posten auf Brücken schnell absperrbar ist, wie es wegen der Gebrüder Sass gemacht wurde. Von vielen Stellen ist das Wasser nicht weit. Weg. Die Mücken auch nicht, wenn es warm ist. Besonders ist aber der Himmel an den Stellen, die da sind, wo das Wasser ist, im Norden noch verstärkt von den vielen Gleisen des alten Morbider Güterbahnhofes, die neben dem Westhafen liegen (um von dort früher besser Waren umladen zu können. Silos stehen auch da).
Der Himmel verfärbt sich meistens schlierend, wie wenn Farben in Wasser gegossen werden, um es dann mit einem Papier aufzunehmen. Das haben wir im Kindergarten am Holsteiner Ufer gemacht, genauer gesagt, im Hort. Dafür musste ich als Kind eine Brücke überqueren, und dann noch unter einer anderen Brücke durch, die wir die „Huh“-Brücke nannten, weil wir dort immer mit über dem Mund flatternden Händen durchliefen und dabei „Huh(uhuhuhuhuh)“ riefen.
Ich bin am Ufer aufgewachsen und gucke gerne in die Spree. In meiner Jugend saß ich oft am Ufer, eigentlich mit einem Buch, zog an den Weiden (die wippen) und schaute in das fließende Wasser.
Meine liebsten Beschäftigungen heute (neben Lesen, Nachdenken, Kochen, Reden und ins Theater oder Kino gehen): Schwimmen und Rudern. Sich im Wasser bewegen und dadurch mit dem Wasser bewegen, nicht fließen, aber selbst treiben. Ohne den Grund zu berühren. Vielmehr berührt das Wasser mich.