Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen

Das habe ich schon im Erdkundeunterricht gelernt. Oder zumindest gehört. Man wird ja manchmal klug, wenn man sich langweilt, und ein Atlas ist ein guter Ansatzpunkt zum Abdriften, wenn man in der Schule nicht mehr zuhört, sondern gedanklich versucht, die Erdteile wie Puzzelstücke wieder zusammen zu setzen, die mal auf den flüssigen Teilen der Erde auseinandergeschwommen waren aber fraglos zusammengehören. Pflanzenteile die man an der Westküste Afrikas und der Ostküste Südamerikas finden kann, weist mein Atlas aus, Spuren von Tierarten, die auf den Höhenlinien entlangzogen.

Über Grenzen, Schwammiges, das Verschieben erzählt der Roman, er fasst niemals Fuß auf dem sich verschiebenden Grund, auf dem wir uns bewegen. Was heißt da bodenständig, wenn sich die Platten auf der Lava so bewegen, dass sich Kontinente bilden?

Ein Anti-Krimi. Während sich der Krimi auf ein Ziel fokussiert, die Auswahl der Welt einschränkt, steckt dieser Roman seine Grenzen schon im Titel (nicht) ab: „Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen.“ Es geht um Alles und Nichts, um Energie und um Müdigkeit, über die die namenlose Erzählerin promoviert, während Nelly, deren Verschwinden die Romanhandlung auslöst, sich mit Plattentektonik und schmelzenden Erdmassen beschäftigt und mit flirrender Energie die Karriereleiter der Juniorprofessur samt Eigentumswohnung erklommen hat. Eine Juniorprofessur für Seismologie, den winzigkleinen Bewegungen der Erdplatten nachspüren, und das macht auch dieser Text. Überhaupt beschreibt sich der ganze Text selbst:

„Sie (Nelly) entwarf Skizzen für Ausstellungsstücke, bunte, dreidimensionale Modelle, Veranschaulichungen der Plattentektonik, der Theorie vom Auseinanderbrechen und -driften der Kontinente. Es konnte einem auf den Nerv gehen, ihre ständige Unruhe, aber wenn sie fehlte, breitete sich Traurigkeit aus, eine Ruhe und eine Leere, wie sie vor ihrem Besuch nicht geherrscht hatte oder vielleicht doch geherrscht hatte, aber es war nicht mehr möglich, sich das vorzustellen, sich daran zu erinnern.“

Sinn und Bedeutung driften auseinander, wenn das Material darunter zum Schmelzen kommt. Wenn man lange genug darüber nachdenkt, woraus die Erde besteht (Mineralien, Elemente, Moleküle) und wie sie entstanden ist (Urknall, Fliehkraft, Unterdruck?) kann man darauf kommen, dass das alles völlig zufällig ist, unzusammenhängende Teile zusammenhängen, ohne Bedeutung – so ist dieser Roman gebaut.

Eine Erinnerung. Am Waldrand, ein Wochenendgebiet, Freizeit im Wald, Arbeit in der Stadt, Freizeit und Arbeit prallen aufeinander, Informationen münden nicht in Verstehen, weder für die Erzählerin auf der Suche nach Nelly noch für Nelly in ihrer Arbeit noch für die Leser*in dieses Romans. Übergänge, Grenzen, etwas hört auf, etwas fängt an, jemand verschwindet. Miriam Zeh liest diesen Roman als Abgesang auf das universitäre System, das nur noch Wissen, kein Verstehen vermittelt.

Was mit dem Erzählen passiert, wenn niemand mehr wirklich etwas wissen will, ist eine hochrelevante Untersuchung in den Zeiten von Fake-News. Es greift das auf, was passiert, wenn es zugleich um Alles und um Nichts geht. Nicht mehr viel, zu dem man sich in Bezug setzen kann, nichts was zum Handeln reichen würde.

„Verloren oder bewusst verworfen, ich konnte es nicht sagen, jedenfalls schien es ihr vor allem ums Erzählen zu gehen, ohne Punkt und Komma, weniger, um etwas aufzudecken, als einfach zu erzählen, weil sie Lust hatte, damit es nicht still war.“

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Totenzug der Ameisen – Zoroastre an der Komischen Oper Berlin

War schon mal jemand von Euch in Tempelhof? Ich nehme an, die meisten. Einer der jüngeren Tatorte spielte mit dem Aufeinanderprallen der Hochhaussiedlungen am Rande des Tempelhofer Felds („Rollbergkiez“, verschrien) und der weltoffenen Bourgeousie im anliegenden Altbauquartier.

Als ich neulich eine Woche Hund und Wohnung in der Siedlung um den Kaiserkorso hütete, lernte ich ein ganz anderes Tempelhof kennen. Unerwartet kleine Häuser, blumenverrankte Gartenspaliere, alle Straßennamen heißen nach hohen Militärs, friedlicher als in Wiesbaden, solange sich nicht die Hunde ins Gehege kommen, die der einzige Grund sind, dass jemand in dieser Gegend spazieren geht.

In der Inszenierung des Barock-Dramas Zoroastre an der Komischen Oper (Musik Jean-Philippe Rameau, Bühnenbild Rainer Sellmaier) stehen ganz lapidar zwei Einfamilienhäuser (eigentlich: Einpersonenhäuser) auf der Bühne, dazwischen ein Rasenstück.

Dort wohnen die Antagonisten Zoroastre (Thomas Walker) und Abramane (Thomas Dolie) Gartenzaun an Spalier. Der Originaltext (Louis Buch Cahusac) erzählt von zwei Zauberern. Diese Inszenierung (Regie Tobias Kratzer, Dramaturgie Johanna Wall) erzählt von unterschiedlichen Nachbarn.

Die einen trinken Bier aus Pfandflaschen, die anderen Bier aus Dosen. Giebeldach versus Flachdach, bodentiefe Fenster versus immer runtergelassene Jalousien, Kindlelexikon und Klassikgenuss aus kabellosen Kopfhörern neben Ballercomputerspielen am Desktoprechner. Sie konkurrieren um dieselbe Frau (Amelite, Katherine Watson). Unerwiderte Liebe zu einem Nachbarn, den man jeden Tag durchs Schlafzimmerfenster sieht, das kennen wir schon von Taylor Swift, mit denselben Distinktionsmerkmalen, nur genderrevers: „she wears short skirts / I wear T-shirts“ (das Video startet mit demselben Blick auf zwei Häuser). Identität entsteht am problemlosesten, wenn man sich von jemandem abgrenzt, und wenn Konkurrenz dazu kommt, wie auf dem engumkämpften Berliner Wohnungsmarkt oder der sprichwörtlichen Liebe zum girl next door. Noch viel mehr fiebert man mit mit Erinice (Nadja Mchantaf), die wiederum in Zoroastre verliebt ist und sich dafür mit Abrame verbündet – ein Plot wie die Teeniestory im oben genannten Tatort.

Kennst Du das Land, wo die Zitronen blühen? Nein? Zoroastre auch nicht. Aber er hat sich die Zitronenbäume in den Wintergarten gestellt, sie haben unter dem engen Glasdach kaum Platz zum wachsen. Er macht Yoga, nicht in einer Klasse, sondern allein mit seinem Privatlehrer Oromases (Jonathan McCullo). Zu seiner Hochzeit kommen praktisch keine Gäste, also braucht er auch nur eine einstöckige Hochzeitstorte. Kein Wunder, dass der Chor ins Off verbannt ist. Die Gesellschaft hat keinen Raum in diesem Konflikt – für Zoroastre und Abramane jedenfalls nicht.

Der Chor sagt stimmlich zu den Emotionen auf der Bühne: „Du bist nicht allein. Wir kennen das auch.“ Aber man sieht sie nicht. Viel mehr als die kleine Welt um das Rasenstück in ihrem Vorderhof bespielen die Protagonist*innen nicht.

Eine Leinwand beamt die Tänzer*innen des Balletts in Ameisenkostümen in Sichweite des Publikums, wenn die Sänger*innen in die Nähe des Rasenquadratmeters im Bühnenvordergrund kommen. Die Asche, die von Céphies (Katarzyna Wlodarcyk) Zigarette fällt, segelt als Bombenregen über die Ameisengruppe ins Gras, während der Text singt „welch grauenvolle Nacht“.

„Zittre vor meinem Hass und meiner Macht und dem was dir bevorsteht“ heischt Erinice, die ähnlich wie Azucena in Trovatore auch stimmlich zum energetischen Zentrum des Abends wird, ihre Konkurrentin an. Liebeskummer, Eifersucht, privates Drama dieser Inszenierung werden dem dramatischen Text des Originals, in dem Zauberer den Kampf um Gut und Böse ausfechten, nicht gerecht, solange man nicht ihre Auswirkungen auf ihre Umwelt einbezieht. Was das Ballett der Ameisen erlebt, spiegelt die Dramatik des Librettos wieder.

Auch der soziale Distinktionskampf um das Tempelhofer Feld, darum, was es heißt, in Berlin zu leben, der Rückzug auf die privaten Merkmale der richtigen Brille und des freiheitlichen Schrebergartens, hinterlässt einen Nebenkriegsschauplatz Restwelt. Möglicherweise ist es Absicht, dass der im Kontrast komponierten Musik (alles um Zoroastre wunderschön, alles um Abrame und Erinice dräuend) stimmlich vom Sänger des Zoroastre eine knorpelige bis knochige Interpretation entgegengesetzt wird. Musikalisch ist die Textur trotzdem wunderschön, und das Orchester der Komischen Oper, das zeitgleich Ariberts Reimans Medea aufführt, leistet Haptisches und Zärtliches mit der barocken Musik. Die Streicher spielen in dieser besonderen Interpretation mit Barockbögen auf modernen Instrumenten, als Analogie darauf, dass diese Inszenierung die Themen der modernen Welt mit dieser barocken Musik zum Klingen bringt. Währenddessen legt Erinice ihre Stilettos ab und interagiert zunehmend barfuß im zerstörten Vorgarten, und die Ameisen begraben ihre Toten.

Wieder am 24., 28. Juni, 6., 8. und 14. Juli.

»Am Ende stellt sich doch die Frage, ob der ›Gute‹ wirklich der moralisch Höherstehende ist«  (Interview mit Dirigent Christian Curnyn, Regisseur Tobias Kratzer, Ausstatter Rainer Sellmaier und Videodesigner Manuel Braun)

Get Out, Jordan Peele, USA 2017

Nachts. Chris steht noch mal auf, um eine zu rauchen. Die Landschaft vor dem Haus entfaltet sich im Mondlicht, der Rasen schimmert bläulich. Er tritt auf die Zufahrt. Jemand rennt, rennt auf ihn zu, Walter, der Schwarze Gärtner, der wie angewurzelt den Weg gesäumt hat, als Chris mit dem Auto ankam, er rennt auf ihn zu wie bei den 100 Metern Sprint auf der WM, bis – (spoiler).

 

Die Story

Chris Washington (Daniel Kaluuya), wie der Name schon sagt All American Boy, außerdem Schwarz, und Rose Armitage (Allison Williams), All American Girl, weiß wie aus der Tommy-Hilfiger-Werbung, sind seit vier (glaubt er) oder fünf (findet sie) Monaten ein Paar. Sie fahren übers Wochenende zu ihren Eltern, auch weiß, zum Kennenlernen aufs Land. Ein Horrormovie. Es gibt auch eine Party.

Und, wie finden wir das?
Es lief doch alles so prima. Die Vereinigten Staaten von Amerika wurden eine Wirtschaftsmacht mit billigen Arbeitskräften, kluger Planwirtschaft (Baumwolle in vernünftig großen Plantagen) und dem allgemeinen Recht auf das Streben nach Glück. Ein bisschen unheimlich war es schon, dass die Schwarzen Bediensteten mit ihrem Gesichtsausdruck immer was anderes zu sagen schienen als das, was sie dann tatsächlich äußerten („Yes, Ma‘am), aber diese Ur-Angst des Weißen konnte man prima im Genre des Horrorfilms verarbeiten. Zum Beispiel “Der verbotene Schlüssel“ mit Kate Hudson (2005): Eine junge weiße Pflegerin wird auf einem abgelegenen Gut eingesetzt, auf dem die Schwarzen Dienstboten einen Kult aus Afrika weiterpflegen (machen die ja bekanntlich so), der ihnen Seelenwanderung erlaubt. Die unheimlichen Schwarzen tun nur so, als wären sie brave Diener. Eigentlich wollen sie die Körper der unschuldigen, gutmeinenden Weißen.
Rassismus wird mit fundierter Tradition und viel Erfahrung praktiziert. Sklaverei, schlecht bezahlte Hausangestellte, der Profisport (Chris wird im Film gefragt „Warum bist du kein Sportler? Mit deinem Genmaterial und deinem Körperbau wärst du ein verdammtes Tier“).

In ihnen lebt ja noch das wilde Afrika. Gleichzeitig sind sie aber auch ziemlich cool, eigentlich wollen wir alle in ihre Haut schlüpfen. „People want to be stronger, cooler, like black people.“ „I want your eye. I want those things that you see.“ Die Liebe des weißen Mannes, der Obama auch noch ein drittes Mal gewählt hatte, ist noch gefährlicher als seine Verachtung, auch wenn diese Form des Rassismus auch schon nicht ganz ohne ist (siehe Geschichtsbücher oder wahlweise Nachrichten).

 

Chris braucht auch einen Schlüssel, nicht um in die geheimen Kammern des Hoodoo-Kults vorzustoßen, sondern um den Motor des Fluchtautos anzuwerfen.

Get Out“ ist wörtlich gemeint. Ein gut gemeinter Ratschlag.
Gruseligster Dialog

Noo noo noo noo no no no no. The Armitages are so good to us, they treat us like family.“

Georgina (Schwarze Hausangestellte) völlig aus dem Kontext, als sie sich entschuldigen will (soll?), dass sie das Ladekabel aus Chris‘ Mobiltelefon entfernt und nicht wieder angesteckt hat.

 

Reaktionen aus dem Publikum

Ab und zu erschrecktes Aufquieken und die lautstarke Luftdekompression, wenn zu lange angehaltener Atem entweicht. Leichte Lacher, die dem Quieken folgen.
Äh, und der Bechdel-Test?

Ja. Roses Mutter Misty rät der Schwarzen Hausangestellten Georgina, sich doch vielleicht hinzulegen, nachdem sie fast ein Glas mit Eistee zum Überlaufen gebracht hat.

 

Fazit

Dieser Film versteht sich auf den Gruselfaktor Realität, die nicht aufhört wenn man den Kinosaal verlässt, und versetzt den brisanten Cocktail mit hochprozentiger Schauspielerleistung und Soundeffekten nach allen Regeln der Kunst.

 

Diese Rezension (mit leichten Änderungen) wurde zuerst veröffentlicht bei ZurQuelle.

La La Land, USA 2016

Cabrios tummeln sich im zäh breiig fließenden Berufsverkehr über einer Brücke bei 28 Grad im Schatten. Gut gelaunte, kluge, geerdete Menschen aller Hautfarben und Körperformen steigen aus und singen „it’s another day of sun“. Klangvoll, aber nicht zuckersüß. Der Verkehr steht. Im Laderaum eines Lastwagens spielt eine Jazzcombo. Die Brücke tanzt. Quer über die Autos, in komplizierten Dance-Moves – yeah. Ein Musical.

Die Story

Mia und Sebastian verfolgen ihren Traum als Künstler*innen in Los Angeles. Sie geht zu Vorsprechen als Nebendarstellerin in Fernsehserien, er spielt Jazzpiano und hat gerade seinen eigenen Club geschlossen. Sie mögen einander nicht so, aber dann lernen sie voneinander, ihre Kunst weniger eng zu sehen, und trotzdem an die eigenen Träume zu glauben. Wie es sich für ein Musical gehört, wird gesungen, und zwar immer, wenn es ans Eingemachte geht. Es wird alles zitiert, was die Hollywood-Musical-Geschichte so her gibt: Ginger Roberts & Fred Astaire, Adam-Sandler-Movies, Woody Allen.

Und, wie finden wir das?

Von den unromantischen Konfrontationen bis zur Vorstellungsgespräch-Montage für Nebenrollen läuft dieser Film anders ab als gedacht. Mia (Emma Stone, für diesen Film zurecht Oscar-Favoritin als beste Hauptdarstellerin) ist nicht sanft, sondern witzig, seltsam und gibt den Ton vor. Sebastian (Ryan Gosling, spielt Jazzpiano mit einem Tastenanschlag aus dem Handgelenk, als hätte er nicht erst für diesen Film Klavier spielen gelernt) glaubt Leuten nicht, dass sie meinen, was sie sagen, und übergeht sie lieber. Hier treffen nicht wie sonst oft Optimismus und Realismus aufeinander, sondern Realistin und pessimistischer Romantiker („That’s L. A. . They worship everything, and they value nothing“.)

Sein Oldtimer stört mit charakteristischem Hupen in einem lauten Fis mehrfach die Szenerie.

Der Hauptcast ist ziemlich weiß, was sich anbietet wenn man weiße Figuren stummen Schwarzen Nebenrollen den Jazz erklären lassen will, aber John Legend als Bandleader meistert seine erste Schauspielrolle mit Bravour. Die Band heißt The messengers und transportiert Jazz ins Aktuelle (völlig zum Missfallen des Jazzpuristen Sebastian, versteht sich).

Durchchoreographiert bis zum Einschenken des Chardonnays in Gläserkolonnen (Choreographie Mandy Moore, So You Think You Can Dance) ist La La Land (der Titel spielt auf Los Angeles und zugleich auf die scheinbare Albernheit von Musicals an) zwar eine romantische Komödie im Stil der 30er Jahre (Regie Damien Chazelle, Whiplash), spielt aber trotzdem im 21. Jahrhundert: Mobiltelefone klingeln in G-Dur in das romantische E-Dur-Duett. So, wie sich die technicoloren, pastelligen Farben (beige, englischgrün, blau, gelb, rotbraun, pink und rosa) letztlich beißen, läutet die Kakophonie der Moderne in die artifiziellen Melodien des alten Hollywood. Wenig Hintergrundmusik. Profundes Grau mit rosa Lichtschatten.

Sie singen, wenn es darum geht, nicht das zu machen, was pragmatisch, vernünftig, messbar, nützlich ist. Um diesen Teil im Leben. Sie nehmen das Genre ernst. Stone und Gosling spielen es ernst, ernst, ernst, ernst. Es ist ja auch ernst. Im Leben nach etwas zu suchen, was einen trägt. Und die Liebe. Und dass man es einfach nicht weiß.

 

Schlechtester Dialog

Zählt in einem Musical auch die schlechteste Setlist?

Sebastian muss in einem Restaurant Weihnachtslieder ohne den geringsten groove oder jive spielen: I Wish You A Merry Christmas und als nächstes Jingle Bells. Klingt furchtbar, wird aber zum Glück auch schnell unterbrochen.

Schlechte Dialoge hat der Film nicht, was erstaunlich ist, wenn man so als Quelle-Rezensentin mit gezücktem Tintenrollschreiber den ganzen Film darauf wartet und keiner kommt, sondern man jedes mal denkt: Wow, guter Dialog. (Ausnahme: „I am a Phoenix, rising from the ashes“, ruft Sebastian seiner Schwester nach, nachdem sie ihm gesagt hat, dass es nach der Schließung seines Clubs wirklich nicht so mit ihm weiter geht. Aber weil das überhaupt nicht stimmt, und dem Film klar ist, dass das in der Situation ein richtig blöder Satz ist, zählt das nicht.)

Reaktionen aus dem Publikum

Nach zwei Minuten kommt Begeisterung auf, einzelne „Whoo!“-Rufe, rhythmische Bewegungen. Enttäuschtes Buhen, als der Filmtitel eingeblendet wird.

Lachen, als Mia bei einer Audition plötzlich anfängt zu singen, dabei ist das voll die ernste Szene! Am Ende erleichtertes Aufstöhnen, zeitgleich Applaudieren. Während sich der Saal sehr langsam leerte, sangen mindestens drei Personen in unterschiedlichen Reihen den Themesong.

Äh, und der Bechdel-Test?

Plenty. Obwohl, keine andere Frau außer Mia hat einen Namen. Mist. Aber eine Vierer-Mädels-WG unterhält sich viel (in Dialog und Song) über den L. A. – Casting-Wahnsinn, berufliche Ziele, das Schreiben von Stücken – aber andererseits: Namen kommen in diesem Film generell nicht häufig vor. Den Namen des männlichen Protagonisten habe ich erst in der letzten halben Stunde aus dem Namen seines Clubs („Seb’s“, mit einer Achtel-Note als Apostroph) abgeleitet. Und überhaupt, es wird relativ wenig geredet, wenn man stattdessen auch singen könnte. Also: Bechdel-Test mit einem zugedrückten Auge bestanden.

 

Fazit

Nie hätte ich von einem Musical erwartet, dass es so nah an dem dran ist, worüber ich oft vor dem Einschlafen nachdenke: Was ist das eigentlich für ein Leben, in dem das, was wichtig ist, nicht unbedingt das ist, was vernünftig erscheint?

 

Diese Rezension (leicht gekürzt) wurde zuerst veröffentlicht bei ZurQuelle.

 

Snowden (USA 2016)

Ein Mann verkleidet sich, zieht die Schiebermütze tief ins Gesicht. Eine Fotografin hängt ihm zur weiteren Verkleidung ihre geliebte Kamera über die Schultern. Mit nerdigem Rucksack und gesenktem Kopf verlässt Edward Snowden das Hotel, das schon vor Journalisten wimmelt. Ein Mugshot ist geboren.

Was war geschehen?

4. Juni 2013. Zwei Journalist*innen (Melissa Leo als Laura Poitras und Zachary Quinto als Glenn Greenwald) treffen einen unscheinbaren Mann (Joseph Gordon-Levitt mit Brille) an einem Flughafen in Honkong. Erkennungszeichen ist ein Zauberwürfel (Rubikon). In Oldschool-Spionage-Manier wechseln sie codierte Dialoge als Erkennungszeichen. Ein Hotelraum voller Spiegel und undurchsichtiger Behänge vor den geschlossenen Fenstern (Achtung, Metapher!) wird zum Schauplatz eines Interviews, das in Rückblenden die Stationen rekapituliert, die zu dem Moment geführt haben, der das Verhältnis der USA zu ihren Freunden und das Leben des Nerds Ed Snowden für immer verändern wird.

Regisseur Oliver Stones (Wallstreet) Heldenepos endet nach 134 Minuten in einer Predigt, untermalt von Musik aus dem Vorspann eines Computerspieles: Wir werden die Welt mit neuen Augen sehen. „Ich stehe hier, ich kann nicht anders“, sagt der Martin Luther des 21. Jahrhunderts, ein Botschafter zwischen unsichtbaren Mächten (Daten! Der geheime Beobachter hinter deiner Laptopkamera!) und den Menschen auf der Erde.

Ein mit seinem Wissen einsamer Mann, ein Ausnahmetalent, den Programmiertest mit angesetzten Dauer von fünf Stunden löst er in 38 Minuten.

Anfangs hat er sich beim Militärdienst noch beide Beine gebrochen, das Gewicht, dass er sich auf die Schultern geladen hatte (Achtung, Metapher), war zu schwer für eine Person. Also sucht er sich einen anderen Weg, seinem Weg zu dienen. Er hat zwar keinen Schulabschluss, aber den Verstand eines Genies. Deutlich wird das vor allem an seiner Liebe zum magischen Zauberwürfel. Natürlich sehen wir auch Code über Computerbildschirme laufen. Die Amerikaner lieben ihre Helden. Mich interessieren eher Menschen. Die Kamera Anthony Dod Mantle (Slumdog Millionaire, Von Triers Antichrist) macht mit ihren klugen Kompositionen von Gebäudeteilen, Fenstern und Spiegeln einiges wett. Die religiösen Konnotationen um Macht, die alles weiß, über Leben und Tod entscheidet und im Verborgenen bleibt wirft interessante Fragen auf, wo der Film aus der Verengung auf seinen Protagonisten ausbricht.

Schlechtester Dialog

„That, Mr. Snowden, is the state of the world. Secrecy is security, and security is victory.“

(Nicolas Cage als CIA-Official Hank Forrester zu Menté Ed während eines Videotelefonats, das ihn in Überlebensgröße an eine Wand projizert. Es folgt ein Zoom. Herzhafte Lacher aus dem Publikum.)

Reaktionen aus dem Publikum

Das erste Mal, dass ich die Sneak in dem herrschaftlichen Saal mit roter Plüschsamtbestuhlung und Balkonsitzplätzen erleben darf (das Passage-Kino hat wohl mit einem Herbsteinbruchkinoboom gerechnet oder wollte dem Anspruch des Films gerechnet werden) sitze ich in einem aufmerksamen Publikum, das mit einer kurzen Lachpause (siehe letzter Punkt) bis zum Ende um fünf vor halb zwei. Das ist Einsatz.

Äh, und der Bechdel-Test? Nein. Es gibt überhaupt nur zwei weibliche Sprechrollen. In den Rückblenden der love interest (Shailene Woodley, Divergent, das Schicksal ist ein mieser Verräter – warum sie sich zu einer Rolle als „Freundin von“ herabgelassen hat, bleibt unklar – neben Nicolas Cage ist sie der größte Star in dieser Besetzung), in der Rahmenhandlung eine Journalistin, die Fotos macht. Dieser Film geht so weit, dass selbst die Dialoge der Frauen mit Männern sich nur um einen Mann drehen. Übrigens gibt es im Film auch so gut wie keine nichtweißen Menschen. Selbstverständlich reden sie auch nicht miteinander. Einer der drei (natürlich Männer) ist immerhin kein Bediensteter/Bodentruppensoldat. Edwards Spitzname „Snowwhite“ trifft also auch auf den ganzen Film zu.

Fazit: Ein messianisches Erlebnis über die Macht von Technik und die Technik der Macht, mit eindrucksvollen Bildern, durchschnittlicher Schauspielleistung, epischen Musikteppichen und Überlänge.

Diese Rezension (mit leichten Änderungen) wurde zuerst veröffentlicht bei ZurQuelle.

Die Katrin wird Soldat

von Adrienne Thomas las ich zuerst mit 15, nehme ich an, und es prägte sich mir mit einer Intensität ein, so dass ich immer wieder daran dachte, obwohl niemand über dieses Buch sprach. Es war eines der Bücher, die mir dankenswerterweise von der Bibliothekarin der Stadtbücherei Spandau ans Herz gelegt wurden.

Adrienne Thomas wurde unter dem Namen Hertha Strauch 1897 in Lothringen geboren und wuchs dort in einem gutbürgerlichen Haus zweisprachig auf. In Metz, wo sie zur Schule ging, lebten Deutsche und Franzosen miteinander.

Als Jüdin und, noch dringlicher, Pazifistin, wurden ihre Bücher verboten, sie emigrierte 1933 in die Schweiz, über Frankreich, Österreich, Tschechien, Portugal und andere Europäische Länder (diese Erfahrungen flossen in andere Romane wie „Reisen Sie ab, Mademoiselle“ ein) schließlich 1940 in die USA. Read More