Berlinale Tagebuch Tag 6, Dienstag 20. 02. 2018: Der Serien-Tag

Charlie Karumi als Marcus und Anton Nikolaj Hjejle Øberg als Christian in Liberty

12.00 3 Tage in Quiberon, Wettbewerb, Regie Emily Atal

1981 machte Romy Schneider eine Kur in Quiberon, Bretagne. Dort gab sie dem STERN ein Interview. Wieder ein Film „nach einer wahren Begebenheit“. Nachgestellt entlang der berühmten Fotostrecke von Robert Lebeck. Wie diese in Schwarz-Weiß. Ein Film in Schwarz-Weiß, geht das heute noch? Ja. Oh, Boy. The Party. Und jeden der Filme, die ich aus der Retrospektive („Weimarer Kino – neu gesehen“) gesehen habe, fand ich aufregend an Schnitt, Kamera, Tondesign, jeder einzelne funktionierte in genau diesen Bildern.

In „3 Tage in Quiberon“ jedoch sind außerhalb des Hotels der Sand der Dünen, die Wellen des Meers, die Felsen am Ufer, der Weg alle in ähnlichem Grau, während beispielsweise die Landschaft Brandenburgs in „Ihre Majestät die Liebe“ (Berlinale Retrospektive, 1931)  in völlig verschiedenen Grautönen strahlt und schillert, dass man das Gefühl hat, sie wären so grün wieder Teich, so blau wie der Himmel, so schattig wie die Baumkronen, so matschig wie der Erdboden.

Zu dem Schwarz-Weiß in „3 Tage in Quiberon“ fällt nur auf: Keine Kontraste. Ebenso wenig Tiefe bekommen die Bilder, wenn man sie mit denen der Originalaufnahmen vergleicht. Etwas abzubilden heißt nicht, etwas nachzustellen, nicht die Oberfläche von etwas nachzuempfinden, sondern eine neue Oberfläche zu finden, das das dahinterliegende heute genauso frisch und unverbraucht wiedergibt wie es beim ersten Mal war.

Dass Marie Bäumer in der Rolle der Romy Schneider gut sein sollte, hatte ich im Vorfeld gehört – aber der Film zeigt Romy mehr in der Rolle als Muse, als schöner, unverständlicher und irrationaler Frau als als eigenes Subjekt. Er scheint das nachzumachen, worunter Romy Schneider zeitlebens gelitten hat, nämlich Projektionsfläche zu sein. Statt den Film aus ihrer Perspektive zu erzählen, erzählt er ihn aus der Rolle des Beobachters – ein folgerichtiges Ergebnis des Versuchs, Fotos nachzustellen.

15.30 Home Ground – Heimbane, Berlinale Series, Regie Arild Andresen

Seit 5 Jahren gibt es Berlinale Series, seit diesem Jahr haben sie eine eigene Spielstätte, den Zoopalast. Serien verbinden viele mit Fernsehen und erwarten hauptsächlich Unterhaltung. Auch wenn ihnen schon auffällt, dass sie kaum aufhören können und binge watchen, empfinden sie das eher als Teil eines guilty pleasure als sich zu fragen, wie das eigentlich gemacht ist. Dabei sind Serien, auch wenn sie im Fernsehen laufen, eine eigene Kunstform. Ein Film mit 90-120 Minuten benötigt eine andere Dramaturgie als 12 Folgen à 45 Minuten, die zum Weitergucken animieren, aber auch in sich funktionieren müssen. Für die Figurenentwicklung bedeutet es völlig andere Möglichkeiten: Statt die Entwicklung einer*s Held*in durch drei Akte zu verfolgen, in dem der Ist-Stand auf der Vorgeschichte basiert und die Veränderung zu einem neuen Ist-Stand erzählt wird, erlauben es Serienformate, Veränderungen und Entwicklungen in verschiedenen Stufen, mit ihren Widersprüchen, Rückfällen aber auch Regelmäßigkeiten zu erzählen. Es entsteht nicht die Geschichte einer Figur, sondern der*die Zuschauer*in kann Entwicklungen von Veränderungen mitverfolgen, im Falle der wöchentlich versetzen Ausstrahlung sogar im Laufe von Veränderungen im eigenen Leben.

Home Ground – Heimbane erzählt die Geschichte der fiktiven ersten Trainerin eines Fußballclubs der norwegischen ersten Liga (Ane Dahl Torp). Die erste Folge jeder Serie muss einiges leisten: Die Figuren einführen, den Konflikt der Serie plausibel machen, neugierig machen auf mehr. Diese erste Folge folgt dem männlichen Blick auf eine Frau: Von ihr wird erzählt, wie sie sich in einer Männerwelt bewegt, wie sie mit Vorurteilen und Beleidigungen umgeht (direkt, souverän, charmant – nicht, wie es ihr wirklich damit geht, und wie Frauen mit ihr umgehen), wie sie sich als Mutter verhält. In gewisser Weise ist es also die Klischee-Geschichte, wie man es sich als Mann (Serienschöpfer und Drehbuchautor: Johan Fasting, Regie Arild Andresen) so vorstellt, wenn eine Frau Sexismus erlebt. Die selbstverständlich blond, schlank und gutaussehend ist.

Die 2. Folge ist witzig und macht etwas richtig was die erst nicht macht. Sie setzen Haken. Sie setzen Dinge in Bewegung. Veränderung. Die Serie versucht nicht, ein Film zu sein. Nur einmal kurz, als sich die Kamera in dem Regen über dem Netz zwischen Torpfosten versenkt. Sie entwickelt die Figuren komplex und in unterschiedliche Richtungen weiter:

Was bedeutet es, mit ehrgeizigen Eltern aufzuwachsen, die einen schon als Kind trainieren? Was bedeutet es, erfolgreich in einem Metier zu sein, und darum wenig Kritik zu bekommen in einem Metier, das man gerade erst lernt und darin nicht wirklich besser zu werden? Wie schlägt man sich mit genug Pragmatismus aber auch genug Weitsicht für die wichtigen Themen in einem Fußballclub durch, der aus Tradition und loyalen Hierarchien besteht, aber mit anderen Clubs mithalten können muss? Ane Dahl Torp spielt vielschichtig und nimmt die ganze Welt ihrer Figur mit in ihr Spiel hinein, so dass es in jeder Szene nicht nur um den gerade verhandelten Konflikt geht. Einzig die Rolle des Bösewichts, die der einzige Schwarze Schauspieler spielt, bereitet mir noch Kopfschmerzen. Vielleicht entwickelt sie sich noch zum wirklich interessanten Gegenpart – in den ersten zwei Folgen ist sie aber erschreckend eindimensional gezeichnet.

18.00 Liberty, Berlinale Series, Regie Mikael Marcimain

Wieder eine Literaturverfilmung. Nach dem Tod des dänischen Schriftstellers Jakob Ejersbo (1968-2008) wurden drei auf seiner Kindheit in Tansania basierende Romane als Trilogie posthum veröffentlicht: Eksil, Revolution und Liberty (<- Link: Rezension der Buchbloggerin). In Liberty wird die Geschichte des dänischen Jungen Christian erzählt, der im Jahr 1980 mit seinen Eltern, die in der Entwicklungshilfe arbeiten, nach Tansania zieht. Dort trifft er auf den gleichaltrigen Schwarzen Marcus und die Mitschülerin Samantha, aus deren Perspektive die anderen beiden Bücher der Trilogie erzählt werden. Auch die Verwicklungen der Eltern und deren Freunde, die in einer Gated Community leben, spielen eine wichtige Rolle.

In der Vorstellung saß ich zufällig neben der Mutter der Schauspielerin der Samantha, Tana Kyhle Kahr. Sie ist mit schwedischen Eltern in Kenia aufgewachsen und spricht daher als eine der wenigen Schauspieler*innen Kisuaheli. 

Diese Serie findet eine wilde, kluge, unverbrauchte Bildsprache, um das Hineingeworfenein des Neuankömmlings Christian zu zeigen. Es ist nicht das, was man sich denkt wie es wäre, sondern das, was da ist, mit dem man sich auseinander setzen muss. Je weniger Macht man hat, desto mehr. Christian ist als Kind seiner Eltern in einer Position, in der er vieles nicht selbst entscheiden kann. Marcus ist Kind ohne Eltern, das „netterweise“ für Kost und Logis in einer privilegierten Familie mitleben -und arbeiten darf in einer noch viel weniger starken Position.

Anders als viele andere Serien erzählt „Liberty“ nicht nur die Geschichte der weißen Figuren mithilfe der Schwarzen. Oft bekommen Schwarze Figuren den reaction shot: Wie sie die Situation sehen ist wichtig für die Szene, und oft wird gerade das Clashen der Kulturen aus ihrer (stummen) Perspektive erzählt. Trotzdem stehen nach der Premiere auf der Bühne bis auf Charlie Karumi nur weiße. Die Antworten auf die Fragen, die ich der Produktion dazu gestellt habe, waren abgründig rassistisch, ebenso die Antworten der Produktion nach der Vorstellung auf andere Fragen: Warum wurde nicht in Tansania gedreht, sondern in Südafrika? Warum sind die afrikanischen Dialekte und Sprachen, die in den Hintergrundszenen gesprochen werden alle aus unterschiedlichen Ländern, als wäre Afrika ein einziges Land mit einer einzigen Kultur, die alle austauschbar sind? Und warum wird die Entwicklungszusammenarbeit so gezeigt, wie sie seit zwanzig Jahren nicht mehr ist – ein weißer erklärt, die Schwarzen hören alle andächtig zu? Die letzte Frage erklärt sich zumindest aus der Romanvorlage. Es werden die Verhältnisse der 80er Jahre erzählt. Die Serie spielt mit unglaublich heutigen Bildern im Jahr 2018 – die Bilder, Schnitte und Kamerafahrten, die sie findet, machen ihre erzählerische Stärke aus. Vielleicht wird bei der Ausstrahlung ein Hinweis transportiert werden, dass es sich um eine ins Heute versetzte vergangene Geschichte handelt (wie etwas Transit, im Berlinale Wettbewerb). 

 

21.30 The Looming Tower, Berlinale Series, Regie Alex Gibney

Noch eine Literaturverfilmung UND eine nach realen Begebenheiten, und zwar nach einem Sachbuch von Lawrence Wright, das sich mit dem Vorfeld der Anschläge auf die New Yorker Zwillingstürme am 11. September 2001 beschäftigt.

Was mit viel Starpower (Jeff Daniels und in einer Nebenrolle Peter Sarsgaard ) angetöst kommt und von den Berlinale-Organisator*innen entsprechend beworben wird, entpuppt sich als altbackenes Erzählschema mit Standard-Kulissen.

Oder, wie Matt Zoller-Seitz (einer der klügsten TV-Kritiker) es formuliert: „Law & Order: Bin Laden Unit“. Die Kulissen wirken wie aus einem Standard-Pappmaché-Satz „beliebige arabische Kulisse“ zusammengewerkelt, für Afrika (der Anschlag auf die US-Botschaft in Nairobi) laufen tatsächlich Männer mit Lendenschurz und Speren über der Schulter beim Schafe hüten über die Steppe. Eine prominente Männerfigur führt sexuelle Beziehungen zu drei verschiedenen Frauen, die Klischee bleiben, ohne dass diese Eskapaden irgendwas zur Handlung beitragen würden. Die Figur des libanesischstämmigen FBI-Mitarbeiters Ali Soufan (Tahar Rahim) bekommt wenig mehr Charakterisierung als der allgemeine arabischstämmige Prototyp. Diese Erzählform ist so hanebüchen altmodisch, dass es nicht mal spannend wird. Dass man weiß, wie es ausgeht, und die Charaktere keine schlüssigen Motivation haben, hilft nicht.

 

Fazit: Serien auf der Berlinale

Das war für mich der Serien-Tag auf der Berlinale: Der erste Tag, an dem ich Serien statt Filme gesehen habe, und dann auch noch drei davon, am Stück. Es hat sich anders angefühlt als die Tage davor.

Serie ist etwas anderes als Film. Es sieht aus wie Fernsehen. Aber es setzt Haken: Hier gibt es mehr zu erzählen, wie ein nicht aufgelöster Akkord, man weiß, es kommt noch etwas, man will mehr wissen. Damit greift es etwas auf, was einem im Leben begegnet – oder zeigt eine Herangehensweise an das Leben, die man vielleicht vergessen hat: Hier kann man nachfragen. Da gibt es noch eine Geschichte. Das ist nicht alles, was mir begegnet. Serien erzählen, gehen in die Entwicklung, Verwicklung und erzeugen so Beteiligung.

Berlinale Series hat als Bild den Bären im Pool in orange (statt sonst in hellblau) – eingefärbt, heimelig?

Diese Erzählweise hat etwas Privates. Etwas Persönliches. Man sitzt anders im Kino als in einem Film, der auf Spannungsaufbau, Gefühle und Auflösung setzt, eines Publikums gemeinsam im Kinosaal. Man vergisst etwas vom Dasein. Vom Kino. Von der Berlinale. Ist es das Medium Fernsehen, das den Rahmen ausblenden lässt? Der Laptop, die Wohnzimmerkonsole, das Bett? Möchte sie etwas verschwinden lassen?

 

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Kulturelle Aneignung, Opferkonkurrenz und die weiße Perspektive

Gedanken zu dem Gespräch „Respekt! Grenzen kultureller Aneignung“ mit Eva Geulen, Matthias Dell und Ekkehard Knörer (Merkur-Gespräch 9). (Audioaufzeichnung)

Der coole Hund Underdog, Coolness des Nichtprivilegierten und die eigene Leistung

Kenneth Goldsmith hat das Uncreatice Writing erfunden. Er denkt über Urheberschaft nach, indem er bestehende Texte verwendet. Einmal hat er eine ganze Ausgabe der New York Times abgeschrieben.

Als er im März 2015 zu einer Konferenz der Brown Universität eingeladen war, las er dort als Gedicht mit dem Titel „The Body of Michael Brown“ den Autopsiebericht des unbewaffneten afroamerikanischen 18jährigen Michael Brown, der bei einer Polizeikontrolle in Ferguson erschossen wurde.

Mit dramatischem Gestus endet er mit den Worten (die im Bericht an anderer Stelle stehen), die Genitalia des Toten seien unbemerkenswert.

Er macht den Körper eines toten afroamerikanischen 18jährigen zu einem Kunstwerk, mit dem er provozieren und eine „powerful reading“ erzeugen will. “How could it not have been, given the material?”

Wenn das Verwenden von fremdem Textmaterial ein legitimer Vorgang in der postmodernen Kunst ist, was unterscheidet sie dann von Appropriierung?

Appropriierung kostet nichts. Goldsmith liest als weißer, vielfach ausgezeichneter Dichter an einem privilegierten Ort. Er spricht über den Körper, auf den Schwarze Menschen in der Realität jahrhundertelang nicht nur in den USA reduziert wurden. Er nutzt die Tatsachen der Ungerechtigkeit und des Leidens und Sterbens anderer, um einen kraftvollen Effekt hervorzurufen, ohne jemals in Gefahr zu sein, dasselbe zu erleben.

Er stellt sich damit in die Nähe des ebenso jahrhundertelangen Kampfs Schwarzer Menschen um Selbstbestimmung, ohne sich an ihm zu beteiligen. Das scheint attraktiv. Man wird Teil der coolen Schwarzen Bewegung, die auch ein Thema in Jordan Peeles herausragendem Film „Get Out“ ist: Die Coolness des Untergrunds, die Coolness des Unterdrückten, nicht Teil von Privilegien zu sein.

In Deutschland kam diese (vermeintliche) Coolness des Underdogs (aus privilegierter Sicht) bei Kesslers Arztsohndebatte zum Vorschein. Es ist cool, authentisch zu sein, es ist cool, einer von den anderen zu sein, die es nicht nur wegen ihrer eigenen Privilegien geschafft haben. Nicht nur der Nutznießer der eigenen Privilegien und quasi nach oben gerutscht zu sein, sondern es sich selbstständig erarbeitet zu haben, gegen alle Widrigkeiten, ein Held, nicht nur ein Parasit. Das haftet dem Mythos, der um Obama rezipiert wurde an, und dem Selbsthass der aus Debatten wie der Arztsohndebatte spricht:

Das Andere ist das Interessante. Das Migrantische. Kriegserfahrungen. Oder Armut. Da hat jemand noch was vom Leben erlebt.

Natürlich ohne etwas von den eigenen Privilegien aufzugeben. Das geht Hand in Hand mit dem so Tun als wäre man arm, was der Blogger IckwerdeeinBerliner („how to Blend in with the Germans“)  beschreibt:

The moral dilemma Germans are in, is that they consider people who have money to be boring squares. In their never-ending quest to be special while not diverging from their peers too much, Germans have perfected the act of appearing eternally broke while they’re actually buying loft-apartments in Berlin-Mitte behind their friend’s backs.

As you might already have found out, Germans love being in win-win situations like this one: On the outside, they can maintain the “urban bohemian” appearance, while secretly preparing the “boring” and “square” lifestyle they like to ridicule.

Aus eigener Leistung

Es geht auch um den Leistungsgedanken. Das, was man hat und ist, aus eigener Leistung erreicht zu haben. Man ist nicht mehr, wie in vergangenen Zeiten, stolz darauf, nicht arbeiten zu müssen, weil andere (Vorfahren oder Angestellte) es für einen getan haben. Das hat mit einer Priotisierung von Individualität zu tun, und die Klassenfrage wird hintangestellt, auch weil sie Machtfragen stellt: Ob das alles so bleiben darf.

Was man sich selbst erarbeitet hat, darf einem nicht weggenommen werden.

In denselben Kontext gehört die Beliebtheit des Berichtes des französischen Soziologen Didier Eribon über seine Rückkehr nach Reims (wo er in einer Familie der Arbeiterklasse aufwuchs). Die ZEIT fragt: „Sind wir nicht alle aus Reims?“ – Mythen, die sich der Erfolgreiche zurecht legt, ungleich der Scham der Aufsteiger, die ihre nichtakademische Herkunft oft verbergen (wie es Eribon ebenfalls getan hat).

 

Macht-Frage

Der beste Umgang mit Klassen und Machtstrukturen, um sie nicht zu ändern, ist es, sie zu leugnen, wie es die Ostermeier-Inszenierung tut, an die der ZEIT-Titel seine Frage stellt. Wer wird Kunst über die Klassenfrage machen dürfen? Wer wird damit Geld verdienen?

Wer wählt aus, wer handelt, wer trifft die Entscheidungen?

Wer guckt, wer wird angeguckt, über wen wird erzählt?

Von wem? Wer hat eine Stimme?

Die Debatte um Schwarze Schminke auf weißen Gesichtern an Deutschen Theatern, um den Anderen darzustellen, stellt die Frage: Was ist normal?

Der „normale“ als nicht-farbig gelesene Mensch muss erst verändert werden, um einen Fremden darzustellen. Weiß ist genauso eine Hautfarbe wie andere Farben auch. Es ist nicht der Normalfall des Menschen. Als Markus Lanz im Dezember 2012 für die Wetten-Dass-Saalwette Augsburger Kinder aufforderte, als Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer zu erscheinen, „schwarz geschminkt“ ignorierte er die Tatsache, dass es Augsburger Kinder gibt, die nicht erst geschminkt werden müssen, um als Jim Knopf zu kommen.

Es gibt nicht den „unmarkierten Menschen“ und die anderen, auf die sich migrantische, rassistische Geschichte bezieht. Rassismus ist auch eine weiße Geschichte. Lynching ist eine weiße Geschichte. Weiße haben andere Menschen aufgehängt.

In der Eingangsszene der poppig-süffigen, erzählerisch interessanten Netflix-Serie „Dear White People“ wird Samantha White (gespielt von Logan Browning) in einem Vorlesungssaal zur Geschichte der Sklaverei, in dem ansonsten nur weiße Studierende sitzen, gefragt: Möchten Sie etwas dazu sagen?

Dabei ist die Geschichte der Sklaverei ebenso die Geschichte vieler weißer im Raum, die davon profitiert haben.

Die Welt hat vorher so funktioniert, WEIL Privilegien nicht in Frage gestellt wurden.

Sie wird anders funktionieren, wenn wir es tun. Es geht um Macht und Gerechtigkeit, darum, wer für welche Handlungen welche Reaktion bekommt und wer für welchen Erfolg was tun muss.

Unhinterfragte Privilegien

Es sind keine Symmetrien, wenn Menschen mit mehr Privilegien und Möglichkeiten sich Erfahrungen und Kultur von Menschen mit weniger Privilegien aneignen. Sie erzählen deren Geschichten, ohne sie zu Wort kommen zu lassen. „Ich bin hier mitgemeint, aber ich habe keine Stimme“

Es ist ein Fortschritt, Privilegien und Gewaltzusammenhänge zu reflektieren und nicht fortzusetzen oder zu verteidigen.

Es war bei der Merkur-Veranstaltung keine nichtweiße Person auf dem Podium (oder im Raum). Dazu extra eine nichtweiße Person einzuladen hätte bedeutet, sie auf ihre Außenseiterposition zu reduzieren, sagten die Veranstaltenden, als das angefragt wurde – eine Frage, die sich nicht erst in der Podienbesetzung einer Veranstaltung stellen sollte! Damit verbunden wurde die Frage, ob Nichtweiße, wenn sie zu solchen Panels eingeladen werden, auf ihre Hautfarbe reduziert werden und ob sie immer nur zu Rassismus reden dürfen, oder auch zu etwas anderem? Ob sie durch ihre Hautfarbe thematisch markiert seien? Das ist die andere Seite der Münze der fiktiven Situation der Studentin Samantha White. Rassismus ist auch eine weiße Geschichte. Das heißt nicht, dass nur weiße Stimmen dazu sprechen sollten.

Es geht auch um Geld, Macht und Reputation. Wer sitzt wo auf einem Podium? Wem hört man zu? Wer kann nachher auf seine Seite schreiben „Organisation eines Panels zu Appropriierung“? Dieses Privileg trifft auf drei weiße zu. Sie dürfen sich jetzt etwas im Glanz der Auseinandersetzung mit dem Thema sonnen. Links zu sein, offen, egalitär …

 

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It‘s not your story to tell – show – earn money and reputation with

 

Martyrerkonkurrenz

Es geht bei dem Vortrag des Gedichts „The Body of Michael Brown“ nicht um einen neutralen Text, sondern es geht um die Aneignung von Leid.

Die Identifikation mit dem Opfer ist attraktiv. Opfer tragen keine Verantwortung. Das kennen die Deutschen schon. Die Faszination mit der Identifikation mit dem Judentum von Deutschen nach 1945 steht in keinem Vergleich mit der Identifikation mit den Motiven der Täter.

Der episodische Spielfilm „Oh Boy“ (2012), erzählt die Geschichte des jungen Deutschen Niko (Tom Schilling), der sich nicht entschuldigt, der seine Privilegien nicht verheimlicht. Einen Tag lang begleitet die Zuschauer*in ihn auf der Suche nach einer Tasse Kaffee, nachdem er den ersten Kaffee des Tages abgelehnt hat.

Berlin-Film, Generationenporträt, Debüt: Viele Label bieten sich für Jan Ole Gersters erste Kinoarbeit an, aber keines passt. Sein Tonfall ist so fein und präzise, dass er nichts von einem polternden Erstling oder gewichtigen Generationenpanorama hat. (…)

Dabei ist „Oh Boy“ zeit- und ortsspezifischer, als er zunächst erscheint, lässt sich aber nur nicht von der Gegenwartsaufgeregtheit, die Berlin bestimmt, beeindrucken. Hipster, Touristen oder Bionade-Mütter sucht man vergebens. Stattdessen wendet der Film seinen Blick auf die Geschichte der Stadt und legt nach und nach frei, wie die Fixierung auf die Jetztzeit die Geschichte verdrängt und ständiges Abgelenktsein auch nur ein Weggucken ist. (Hannah Pilarczyk im Spiegel)

Nikos Freund Matze nimmt ihn mit an das Set eines deutschen Nazi-Films. Es wird die Geschichte eines SS-Offiziers erzählt, der in den Kriegswirren (wenn das nicht schon ein Euphemismus ist) seine Jugendliebe Hannah wiedertrifft, die aufgrund ihrer jüdischen Herkunft verfolgt ist und ein Kind mit ihm hat, von dem er nichts wusste. Dieser Film-im-Film nimmt uns mit in eine sehr deutsche Reaktion im Umgang mit dem Holocaust: Er erzählt die Geschichte als eine Geschichte des Leids von Deutschen. Nicht Hannahs Geschichte wird erzählt, sondern das heldenhafte Leben des Offiziers Philipp Rauch.

Gegen Ende des Films kippt ein Deutscher, der die Zeit tatsächlich erlebt hat, neben Niko vom Barhocker. Friedrich (Michael Gwisdek) wird von Schuldgefühlen verfolgt, seitdem er als Kind in Reaktion auf die während der Reichsprogromnacht überall versplitterten Glasscherben geweint hat, weil er dachte, er könnte nie wieder in der Straße vor seinem Haus Fahrrad fahren. Er war ein Kind, aber ihm ist bewusst, was in dieser Nacht außerdem noch geschehen ist. Und dann kippt er vom Stuhl.

So ambivalent, so unromantisch, so existenziell kann Schuld für Nichtopfer sein. Es gibt noch genug weiße deutsche Perspektiven auf den Umgang mit ungleichen Machtstrukturen zu betrachten, dass der Versuch der Näherung an Aneignung als etwas, was andere machen, nur ein Anfang sein kann.

 

Michael Gwisdek als Friedrich zeigt auf die Straße. Es ist hier geschehen. Es hat was mit uns zu tun.

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