Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen

Das habe ich schon im Erdkundeunterricht gelernt. Oder zumindest gehört. Man wird ja manchmal klug, wenn man sich langweilt, und ein Atlas ist ein guter Ansatzpunkt zum Abdriften, wenn man in der Schule nicht mehr zuhört, sondern gedanklich versucht, die Erdteile wie Puzzelstücke wieder zusammen zu setzen, die mal auf den flüssigen Teilen der Erde auseinandergeschwommen waren aber fraglos zusammengehören. Pflanzenteile die man an der Westküste Afrikas und der Ostküste Südamerikas finden kann, weist mein Atlas aus, Spuren von Tierarten, die auf den Höhenlinien entlangzogen.

Über Grenzen, Schwammiges, das Verschieben erzählt der Roman, er fasst niemals Fuß auf dem sich verschiebenden Grund, auf dem wir uns bewegen. Was heißt da bodenständig, wenn sich die Platten auf der Lava so bewegen, dass sich Kontinente bilden?

Ein Anti-Krimi. Während sich der Krimi auf ein Ziel fokussiert, die Auswahl der Welt einschränkt, steckt dieser Roman seine Grenzen schon im Titel (nicht) ab: „Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen.“ Es geht um Alles und Nichts, um Energie und um Müdigkeit, über die die namenlose Erzählerin promoviert, während Nelly, deren Verschwinden die Romanhandlung auslöst, sich mit Plattentektonik und schmelzenden Erdmassen beschäftigt und mit flirrender Energie die Karriereleiter der Juniorprofessur samt Eigentumswohnung erklommen hat. Eine Juniorprofessur für Seismologie, den winzigkleinen Bewegungen der Erdplatten nachspüren, und das macht auch dieser Text. Überhaupt beschreibt sich der ganze Text selbst:

„Sie (Nelly) entwarf Skizzen für Ausstellungsstücke, bunte, dreidimensionale Modelle, Veranschaulichungen der Plattentektonik, der Theorie vom Auseinanderbrechen und -driften der Kontinente. Es konnte einem auf den Nerv gehen, ihre ständige Unruhe, aber wenn sie fehlte, breitete sich Traurigkeit aus, eine Ruhe und eine Leere, wie sie vor ihrem Besuch nicht geherrscht hatte oder vielleicht doch geherrscht hatte, aber es war nicht mehr möglich, sich das vorzustellen, sich daran zu erinnern.“

Sinn und Bedeutung driften auseinander, wenn das Material darunter zum Schmelzen kommt. Wenn man lange genug darüber nachdenkt, woraus die Erde besteht (Mineralien, Elemente, Moleküle) und wie sie entstanden ist (Urknall, Fliehkraft, Unterdruck?) kann man darauf kommen, dass das alles völlig zufällig ist, unzusammenhängende Teile zusammenhängen, ohne Bedeutung – so ist dieser Roman gebaut.

Eine Erinnerung. Am Waldrand, ein Wochenendgebiet, Freizeit im Wald, Arbeit in der Stadt, Freizeit und Arbeit prallen aufeinander, Informationen münden nicht in Verstehen, weder für die Erzählerin auf der Suche nach Nelly noch für Nelly in ihrer Arbeit noch für die Leser*in dieses Romans. Übergänge, Grenzen, etwas hört auf, etwas fängt an, jemand verschwindet. Miriam Zeh liest diesen Roman als Abgesang auf das universitäre System, das nur noch Wissen, kein Verstehen vermittelt.

Was mit dem Erzählen passiert, wenn niemand mehr wirklich etwas wissen will, ist eine hochrelevante Untersuchung in den Zeiten von Fake-News. Es greift das auf, was passiert, wenn es zugleich um Alles und um Nichts geht. Nicht mehr viel, zu dem man sich in Bezug setzen kann, nichts was zum Handeln reichen würde.

„Verloren oder bewusst verworfen, ich konnte es nicht sagen, jedenfalls schien es ihr vor allem ums Erzählen zu gehen, ohne Punkt und Komma, weniger, um etwas aufzudecken, als einfach zu erzählen, weil sie Lust hatte, damit es nicht still war.“

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Prosanova 2017 // Wir übernehmen nicht (Epilog)

Festival für junge Literatur, 8.-11. Juni 2017,  Hildesheimer Nordstadt

„Kennen wir uns?“

Prosanova 2017. Vier Hallen, 800 Teilnehmer, gemischt gutes Wetter. Das eigentliche Festival beginnt ja oft erst am zweiten Tag aus dem Rückblick, und von dort macht dann der erste Tag Sinn.

Material, Prozess, Protokolle, das ist das Thema, das sich die Organisator*innen, die Redaktion der Literaturzeitschrift Bella Triste ausgedacht haben – ein Themenfeld so weit, dass das Festivalgelände (vier große Hallen in der Nähe des Bahnhofs und die dazwischenliegenden Grünflächen, siehe Foto) mehrfach reinpassen würde.

Das Festival kickte für mich ein mit dem Frühstück am Freitag, bestehend aus Kaffee, Tee und dem Inhalt eines Obstkorbs. Das wir im Nachhinein „das Chorfrühstück“ nannten. Der Chor ist die Schnittstelle von Musik, Theater und Literaur und durchzieht alle Zeitalter des Theaters nach Hans-Thies Lehmann, habe ich beim Frühstücken im Rahmen eines Referats gelernt, das in seinen letzten Zügen kurzerhand kollektiv vorbereitet wurde.

Wer spricht hier eigentlich?

Das hat viel zu tun mit einem angenommenen Wir und damit, wen man kennt, und was man für allgemein verständlich hält und glaubt, gar nicht mehr sagen zu müssen.

Das Wir ist immer eine Ansammlung von konkreten Einzelpersonen, oft aber schwammig und tröstlich. „Wann wird etwas zu einem Wir? Was soll ein Wir verheimlichen“, fragte Felix Ensslin an das Wir aus Angela Merkels „Wir schaffen das“. Das Wir macht genauso oft etwas sichtbar wie es etwas verschweigt das dann als Unwohlsein bleibt. Über das Wir muss keine Aussage mehr gemacht werden. Alle Fragen scheinen entschieden wenn die eine Frage beantwortet ist „Wer ist eigentlich wir?“.

Dabei ist das „Wir“ eigentlich noch interessanter als das „Ihr“, weil es darin noch viel unausgegorener brodelt. Das „Ihr“ soll nur abgrenzen und nur sagen: „Ihr seid so. Wir, wir sind nämlich ganz anders.“ In diesem „Ihr“ kann man alles ablagern. Vom Wir kann man nicht so ohne Weiteres behaupten, dass das nichts mit einem zu tun hat, von dem ist man ja ein Teil. Da wird es erst spannend mit dem was da alles reinpassen muss.

Wir übernehmen nicht

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Bei der Release-Veranstaltung der Zeitschrift die Epilog zu ihrer Ausgabe über die Generation Golf trat ein Chor (This is Hardchor, Foto) auf, der Poplieder singt, die „Ich“ singen. Zwischen all den Texten, die eine Generation einfangen wollten, konnte man einer Stimme zuhören, die gemeinsam etwas ausdrückte, die die unterschiedlichen Emotionen einebnete in einen beruhigenden Klangteppich, den immer schon jemand anderer gefühlt hatte.

Der Chor hat etwas tröstliches, wenn alle mitsingen “ I don‘t wanna feel“ und zugleich damit auf der Tanzfläche mit geschlossenen Augen völlig allein sind.

Was verschwindet in diesem Chor?

Tim Holland, Anne Munka: Futur Drei

Am Samstag Mittag befinden wir uns in der Klanginstallation Futur Drei (audiolink) von Tim Holland und Anne Munka (Samstag Mittag) in einem Live-Hörspiel als wären wir alle multipliziert, multivokal, polyvokal Teil eines Kollektivs dem dieselben Sätze durch den Kopf gehen.

  • „Ich bin keiner von uns“„stirbt allein“
  • „Die alten Beziehungen waren barock / eine Überforderung / jetzt führen wir für jedes Gefühl eine eigene Beziehung.“
  • „Wir greifen nach uns“
  • „Die Scham die uns beim Schwimmen trägt“
  • „Wir suchen nicht mehr, wir finden uns auf Börsen“

Taxilesungen (Tim Holland, Shida Bazyar)

Während der Taxilesung („die exklusivste Lesung der ganzen Welt“) am Sonntag Mittag liest Tim Holland (audiolink) denselben Text noch ein mal vom Vordersitz in die aus drei Personen bestehende Audienz. Als wir den Bus überholen, der an einer Haltestelle wartet und den Fahrplan einhält, sind wir bei der Stelle „es gibt Leute die nicht mitmachen wollen bei dem Kollektiv“. Viele bezeichnen die Taxilesung als das beste Format des Festivals, ein Format, an dem nur drei Personen (neben Fahrer und Autor*in) teilnehmen.

Im Taxi kommt man selten am Erzählen von Kurzformen des eigenen Lebens vorbei, anders als im Bus gibt der enge Raum einen Rahmen vor, in dem man fast immer etwas über die Kinder des Fahrers erfährt.

Auch beim Lesen ist man meistens allein und hat die intime Erfahrung einer Stimme, die einem etwas erzählt. Bei einer anderen dieser Taxilesungen verschwindet für mich das einzige Mal auf diesem Festival der Kontext der Umgebung und ich befinde mich völlig in einem Text. Shida Bazyar liest den Text „Die du dir baust“ den ich noch einige weitere Male hören und lesen will und bei dem mir nichts der Dinge auffällt, die mir bei Tim Hollands Lesung aufgefallen sind, keine Straßenschilder mit Ausrufezeichen, Hinweisschilder, Straßennamen, die einen dreidimensionalen Paratext zum Live-Audio bildeten, weil ich völlig im Text untergetaucht bin, in der Beziehung zwischen dem Du und dem Ich im Vordergrund, die den Hintergrund des nichtbenannten aber lauten Kollektivs überdeckte und das Ich überhaupt erst in dieses Kollektiv gebracht hatte.

Das greift die große Frage der Schreibschulen auf, ob die Stimmen, die in diesen Räumen wie dem Blauen Salon auf der Domäne Marienburg, in dem das Institut für Kreatives Schreiben der Uni Hildesheim seine Seminare hält, entstanden sind, wiedererkennbar sind. Ob es so viele braucht, die mit einer Stimme sprechen.
Wem hört man eigentlich zu?

Ständig bilden sich Schlangen, obwohl es selten wirklich voll ist. Am Sonntag stellen sich Menschen schon in einer Schlange an, obwohl es bei der Insellesung auf dem Parkplatz ganz sicher keinen Einlassstopp geben wird, einfach aus Gewohnheit. Die Schlange, in der sich alle mehr oder weniger ordentlich einreihen. Ist das nicht Teil der Sehnsucht des Individuums, sich aufzulösen, Teil einer Gemeinschaft zu sein (Tocotronic – „Ich möchte mich auf Euch verlassen können)?

An wen richtet sich das Erzählen, wem erzählen wir etwas?

Uns?

Julia Rüegger: Holzhacken, Freitag

Am Freitagnachmittag wird bei der Veranstalung „Skriptor“ gemeinsam ein Text von Autor*innen und Lektor*innen bearbeitet (audiolink), der „Holzhacken“ heißt.

Aus dem Kinder-Wir löst sich während des Textes eine der beiden Schwestern. Das ist die Handlung. Es hört auf, ein Wir zu sein, als eine der beiden immer besser wird beim Holzhacken und die andere es nicht lernt. Etwas spalten, um es dann zu verfeuern. Ein Feuer damit zu nähren. Dabei ist es schon sehr, sehr warm, auch wenn während der Diskussion der Regen auf das Wellblechdach des räumlich begrenzten Anbaus prasselt. Und während das Ich des Textes das Holzhacken nicht hinbekommt, hört das Wir auf, und das Ich weiß, dass das Holzhacken irgendwann einmal lebensrettend sein wird.

„Dieses Gefühl von ‚wir sind nicht gleich‘ ist schon ziemlich früh da“, sagt Anke Stelling in der Diskussion des Textes. Am Vormittag desselben Tages sagte sie in der Veranstaltung „Einen Augenblick organisieren“ zu ihrer Dramaturgin Daniela Plügge immer wieder „da sind wir verschieden“.

Was heißt das über ein Wir, wenn da nicht mehr geredet werden muss, wenn „da sind wir verschieden“ schon der Akkord ist auf dem das Lied endet, kein Septakkord, nichts unaufgelöst, einfach das Ende.

Da sind wir verschieden, Prosanova –  da würde ich gerne noch weiter drüber sprechen.