Bücher haben

Gerade habe ich ein paar Blogeinträge darüber gelesen, Bücher auszusortieren. Und einige Kommentare dazu.

Bücher haben ist für mich ein Glück, eine Art vorelektronisches Internet, in dem alles steht und ich dem ich alles nachschauen kann, so weit ich komme. Es ist nicht so groß wie das Internet, und es steht nicht alles drin, was im Internet steht, aber man kann ja mal loslaufen in die Richtung, und lesen was am Weg liegt, und ausgelesen habe ich die Bücher bis jetzt noch nicht. Viele Lexikonartikel, unterschiedlich alt, vom Brockhaus meines Opas, die ältesten Bände von 1922, bis zur Veröffentlichung der Heinrich-Böll-Stiftung aus dem letzten Jahr, verweisen auf Pfade, deren Ende ich noch nicht erreicht habe.

Ich sortiere Bücher in den Regalen nach Belletristik, Kinderbüchern, Sachbüchern und Lexika, Belletristik und Kinderbücher alphabetisch nach Autor*innen (die Anthologien in einem Extra-Brett), die Sachbücher und Lexika nach Themengebieten, damit ich schnell alles finde, wenn ich etwas suche, wenn ich mit jemanden rede, und mir einfällt, dazu habe ich …

Darum gebe ich nur Bücher weg, die mir nichts gesagt haben. Andere möchte ich noch mal lesen oder etwas nachschlagen, und vor allem: verleihen, und zwar gezielt verleihen. Ich finde den Gedanken, Bücher zu verschenken sehr sympathisch, damit das Buch nicht in der Zeit, die es im Regal steht, bloß vor sich hinschweigt. Aber woher weiß ich, ob es dann nicht in einem anderen Regal steht?

Ich verleihe gerne Bücher, wenn ich mich Menschen rede, die ein Thema beschäftigt, oder die gerne mal wieder lesen würde. Als Einsteigerbuch für Leute, die behaupten, Lese mache ihnen einfach keinen Spaß mehr, verleihe ich fast immer das Wetter vor 15 Jahren, das funktioniert ebenso fast immer als Wiedereinstiegsdroge oder als Hoffnung für Leute: Vielleicht lese ich doch ganz gerne.

Ich habe mal ein altes Telefontischchen gekauft, weil ich die Farbe des Holzes schön fand. Da, wo die Telefonbücher hingehören, befand sich lange mein Stapel ungelesener Bücher. Oder angefangener und wieder weggelegter Bücher. Manche Bücher lagen dort sehr lange, und ich habe sie trotzdem gelesen. Manchmal passen sie einfach nicht in das Leben, das man gerade führt. Lady Chatterley habe ich drei mal angefangen, bis mich die Realität der 10er Jahre in der englischen Pampa mit der Beschreibung einer Jugend in der deutschen Reformpädagogik (!) eingesogen hat. Ungelesene Bücher sind Bücher im Zustand des Noch-Nicht-Gelesenseins, für Zeiten im Leben, die man noch nicht gelebt hat.

Das Buch Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat wanderte 2007 als Smalltalkhilfe für Akademiker*innen durch die Presse. Es geht aber um den permanenten Zustand des Nichtgelesenseins aller Bücher die man gelesen oder nicht gelesen hat.

Wer schon einmal ein Buch zweimal gelesen und beide Male unterschiedliche Dinge darin gefunden/erlebt/entdeckt hat, kann sich die unzähligen Male vorstellen, in dem sie/er* dieses Buch noch nicht gelesen hat.

Einzelne Bücher habe ich mehr als zwanzig mal gelesen, manchmal von hinten (ich will nur den Schluss noch mal lesen, doch den letzten Teil, vielleicht noch ab dem zweiten Kapitel, und dann am Schluss, den Anfang noch mal und manchmal bis zum Ende durch). In anderen habe ich nur einzelne Stellen nachgeguckt, auch zitiert bzw. in Briefen abgeschrieben.

Als ich Todorovs Eroberung Amerikas, von dem ich dachte, ich hätte seinen Inhalt fast vergessen, für meine Magisterarbeit noch einmal las, stellte ich fest, dass ich die gleichen Gedanken und Passagen, die ich bemerkenswert fand, schon einmal angestrichen hatte (was ich ebenfalls vergessen hatte), und was mich in Zeiten der Plagiatsaffäre des Barons von Guttenberg sehr erschreckte, ich hatte große Gedankenkomplexe in meinen „allgemeinen gesunden Menschenverstand“ übernommen und für meine eigenen gehalten. Sie hatten mich so überzeugt, ich hatte sie gedanklich nachvollzogen, und mich an den Input weniger erinnert, weil der Gedankengang in meinem Kopf eine stärkere Erinnerung war, weil in ihm, auch emotional, nehme ich an, wenn ich die Erinnerungswissenschaft richtig verstanden habe, mehr erlebt habe.

Was mir jetzt wiederum nicht einfällt, ist, wie genau das Zitat geht, und vom wem es ist, und ob es es überhaupt wirklich gibt, dass Wissen immer ein Tropfen im Meer des Unwissens ist. An allen Enden des Tropfens, an jedem Punkt seiner Oberfläche, berührt er etwas, was ich nicht weiß. Was vielleicht niemand weiß. Ich glaube, das Zitat bezieht sich auf eine Weltkarte aus der Renaissance, und das Unwissen sind tatsächlich die Meere, und das entdeckte Land wird als gewusst eingezeichnet.

So sind jedenfalls Bücher für mich. Sie sind Bojen auf dem Meer dessen, was ich noch nicht weiß. Verleihen ist eine gute Möglichkeit, mehr darüber zu erfahren, wie man sie noch lesen kann. Drüber Reden hilft, mehr darüber zu entdecken, was man da eigentlich gelesen hat, weil im Erzählen plastischer wird, was vorher nur kurz angedacht war.

Wenn eine/jemand* beim Lesen auf den Gedanken kommt, mir ihre/seine* Lebenssituation zu beschreiben, und mich nach einem Buchtipp zu fragen, dann wäre das für mich die allergrößte Freude.

 

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