Ein Baum wächst in Brooklyn

Ich hatte einen Baum vor dem Fenster. Einen Lindenbaum. Nicht am Brunnen vor dem Tore, sondern vor einem fünfstöckigen Haus, eingefügt in das Pflaster einer Straße, vor dem Zimmer einer Jugendlichen. Das ist auch so eine Art Brunnen vor dem Tore, am Tor zur Welt, da wo es weitergeht, wo man hinausschauen kann, gedanklich das Zimmer und die eigene Welt verlassen, da steht ein Baum, der immer da ist, dass Blätter wechseln, der Saft und Leben hat, bleibt, mehr weiß, weniger weiß, man weiß es nicht. Ich habe irre viele Gedichte über diesen Baum geschrieben.

Im Roman „Ein Baum wächst in Brooklyn“ von Betty Smith aus dem Jahr 1943, das in diesem Herbst von Eike Schönfeld für den Inselverlag neu übersetzt wurde, wächst Francie Nolan mit einem solchen Baum vor dem Fenster auf. Er steht neben der Feuerleiter, auf der sie liest, und umfängt ihren Leseplatz mit seinen Ästen und Blättern, so dass sie ganz woanders zu sein scheint. Ihr Plan ist, die ganzen Bücher der Leihbibliothek auszulesen, und da sie jeden Tag ein Buch liest, scheint das nicht völlig im Unerreichbaren.

Unerreichbar ist vieles andere. Der Roman beginnt im Sommer 2012, unter eben diesem Baum und endet im Spätsommer 2018. Er spielt im Brooklyn der Eingewanderten, einem Umfeld in dem 1 Penny viel und 5 Pennys manchmal alles bedeuten können. Francie sammelt Lumpen, um sie gegen Pennys einzutauschen, sie spielt mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder Neeley, sie wären auf einer Polarexpedition, wenn sie nichts zu essen haben. Großmutter, Tanten und die Bewohner des Viertels, die aus Irland, Deutschland, Österreich eingewandert sind spielen eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Von ihnen hängt der Alltag ab. Der Großmutter, die nicht lesen kann, ist Bildung so wichtig, dass sie ihre Tochter, Francies Mutter darauf einschwört, ihren Kindern jeden Abend eine Seite aus der Bibel und eine Seite Shakespeare vorzulesen.

Francie manövriert den Alltag in seinen wirtschaftlichen Facetten (wo bekommt man das günstigste Brot, wie hält der Kaffee am längsten) mit Hilfe von Geschichten (wie der Polarexpedition). In der Schule bekommt sie für die Geschichten, die sie aufschreibt, Einsen. Bis sich ihre Welt verändert. Sie bemerkt, was hinter den Geschichten liegt.

Die Waage im Teeladen schimmerte nicht mehr so hell, und die Dosen waren angestoßen und schäbig. (…)

Alles veränderte sich. Francie geriet in Panik. Ihre Welt entglitt ihr, und was würde an deren Stelle treten? Aber was war denn überhaupt anders? Jeden Abend las sie wie immer eine Seite aus der Bibel und eine Seite Shakespeare. (…) Sie steckte Pennys in die Spardose. Der Trödelladen war noch da, die Geschäfte blieben alle gleich. Nichts veränderte sich. Was sich veränderte, war sie.                                (S. 276)

„Ein ganz schlimmer Fall von Großwerden“, attestiert ihr Vater, als sie ihn um Rat fragt.

  • „Was ist passiert, dass du jetzt so schreibst“, fragt Miss Gardner, die Englischlehrerin an der Grundschule. „Du warst eine meiner besten Schülerinnen. Du hast so hübsch geschrieben. Deine Aufsätze haben mir so gut gefallen. Aber diese hier …“ Frannie weiß nicht, was anders geworden ist. Sie hat sich dieselbe Mühe mit Rechtschreibung und Schönschrift gemacht.
  • „Ich meine, dein Thema. (…)  Armut, Hunger und Trunkenheit sind doch häßliche Themen. Wir alle wissen ja, dass es das gibt. Aber man schreibt doch nicht darüber.“
  • „Worüber schreibt man denn?“ – „Man versenkt sich in die Phantasie und findet dort Schönheit.“
  • „Was ist Schönheit?“ – „Schönheit ist Wahrheit, Wahrheit Schönheit.“
  • „Aber diese Geschichten sind die Wahrheit.“

Miss Gardner meint mit Wahrheit „Dinge wie die Sterne, die immer da sind, die Sonne, die immer aufgeht, die wahre Vornehmheit des Menschen“.

Während sie wie Platon das Gute, Wahre und Schöne als eins denkt, ist für Francie der Baum in ihrem Hof derjenige, der immer da ist. Der Baum mit Wurzeln in der Erde, der weiterwächst, wenn er abgehauen wird, wie die Menschen in ihrem Viertel.

Francies Noten bleiben schlecht. Ihr Leben bleibt in Berührung mit Armut, Hunger, aber auch mit Erwachsenwerden, mit dem Einsatz ihres Lesens. Ihre Bildung führt immer über Umwege. Aber daran hält sie fest:

Als sie ihre erste Liebe trifft, erzählt sie ihm „nur von den schönen Seiten – wie gut Papa ausgesehen habe – wie klug Mama sei – was für ein famoser Bruder Neeley sei und wie goldig ihre kleine Schwester. Sie erzählte ihm von der braunen Schale auf dem Tresen der Bücherei.“ Aber als er ihr erzählt, wie einsam er sein ganzes Leben über war, erzählt sie ihm dasselbe über sich. In diesem Moment beginnt etwas.

Betty Smith erzählt vom Leben in schwierigen Umständen nicht als eine Geschichte über schwierige Umstände, sondern als eine Geschichte vom respektvollen, liebevollen, wütenden Umgang mit dem, was da ist. Sie braucht die Blumenblüten und Schmetterlinge nicht, die Frannies Lehrerin von ihr lesen wollte. Sie nimmt sich des Lebens, der Menschen und dem Alltag Brooklyns an und damit der Einwanderungsgeschichte Amerikas in der Tradition von Willa Carters „My Antonia“. Eine Geschichte vom Ankommen, vom Sichorientieren, vom Nichtanderswissen, vom Lernen, vom Weitermachen.

Diese Zeit heute braucht es wie jede andere Zeit, das Hinsehen auf das was da ist, nicht das was sein sollte, was behauptet wird, was Menschen für ihre Argumentationen annehmen wollen. In Zeiten von Fake News und dem Storytelling der Unternehmen zeigt diese Neuübersetzung, wie aktuell es ist, mit dem zu leben, was da ist, und nicht dem, wie man die Welt eigentlich sehen sollte.

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Elena Ferrante: Die Geschichte der getrennten Wege, Erzählen neben gewohnten Erzähltropen

Das neue Buch kommt erst im Februar. Gut, dass ich im November so viel reise. Wiesbaden, München, Paris.

Es ist viel darüber geschrieben worden.

Das erste Mal mit dieser Art zu Erzählen in Berührung gekommen bin ich, als ich im Mai 2016, am Plötzensee, es war sehr heiß, Sharon Dodua Otoos „die dinge die ich denke, während ich höflich lächle …“ las. Zehn Kapitel, die alle mitten im Satz anfangen und aufhören, deren Sätze nicht in anderen Kapiteln zu Ende geschrieben werden. Es beginnt, wenn man chronologisch liest, in Kapitel 10 und endet in Kapitel 1, aber was heißt das schon. Wo diese Geschichte anfängt und wo sie aufhört, ergibt sich beim Lesen, im eigenen Kopf. Und der möchte immer wieder mitmachen. Er kennt alle Geschichten von Frauen und Müttern und Geburt, von Liebe und Eifersucht, von Fremdheit und Rassismus und einige von Geflüchteten, eine Figur taucht auf und der Kopf ordnet sie in ein Erzählmuster ein. Und die Novelle (so nennt sie der Verlag), nimmt den Erzählstrang und wickelt ihn nach einem anderen Muster auf.

Wie das, was Paul Auster in „City auf Glass“ macht“, das eigene Leseverhalten zum eigentlichen Schwerpunkt der Handlung zu machen, die Gewohnheit, aber auch das Bedürfnis, Zusammenhänge, Ordnung, Sinn und  Kausalität in das Labyrinth des Textes zu bringen (während die Romanfiguren Blue, Black und Brown durch das Labyrinth der Straßen New Yorks laufen und eine andere Figur versucht, herauszufinden, was das bedeutet).

Beim Lesen von Sharon Otoos Novelle hing meine Erwartung, die den Text aufschlüsselte, im Anschnallgurt am Inneren der Autotür, wenn das Auto eine scharfe Kurve macht. Das Verhalten der Erzählerin ihrem Mann, ihren Kindern gegenüber, der Geflüchteten im Wohnheim, erzeugte in mir eine Spannung, von der ich die ganze Zeit annahm, dass sie sich auflösen würde, dass sie der Weg ist, dem der Spannungsbogen der Erzählung folgt, das noch nicht Erzählte, das zum Weiterlesen animiert. Erst im Laufe des Lesens merkte ich, dass die Erzählung nicht die Klötze aus dem Weg räumen wollte, die sie hinstellte, sondern dass es um sie ging. Und wie sehr das, was ich erwartet habe, mit mir zusammenhing. Und meinen Erwartungen an (weibliche) Figuren. Ich wollte sie verstehen. Ich wollte wissen, was hinter den Taten steckt, während der Text davon erzählt, was passiert, das nicht moralisch akzeptabel ist, aber passiert. Ein zu großer Teil des Lebens, um nicht davon zu erzählen, um ihn nicht hinzustellen, in Klötzen, zu beschreiben, um sie herumzugehen, dahinter, davor, Literatur zu verwenden, um zu untersuchen, was das eigentlich ist, das Leben.

Elena Ferrante erzählt in ganzen Kapiteln. Sie beginnt jeden der vier Teile, die zusammen einen sehr langen Roman bilden, mit einem Kapitel eins. Sie schlägt sich in Vor- und Rückblicken der 66-Jährigen Schriftstellerin Elena Greco durch den Dickicht der gesellschaftlichen Veränderungen Italiens von den 40ern bis in die Gegenwart, ohne den Erzählstrang, an dem sie die Lesenden führt aus der Hand zu geben. Alles, was erzählt wird, ist eingeordnet in eine starke Erzählstimme, die so vehement erzählen will, dass man ihr folgt. Erzählanlass ist das Verschwinden der Freundin Elenas, die sie Lila nennt. Elena Ferrante ärgert die Lesenden nicht mit offenen Satzenden. Sie erzählt, was zu erzählen ist, Kindheit, Schulzeit, Lieben, Entlieben, Tode, das Erstarken der Mafia, soziale Ungerechtigkeit. Sie erzählt diese Geschichten als Geschichten von Wollen und Können, von Möglichkeiten und Zwängen. Armut, die Vorgaben der Familie, der eigenen Begabungen, der Machtverhältnisse in der Gesellschaft sind der eigentliche Stoff der Geschichte, vor dem sich die Handlungen der einzelnen Figuren nur entfalten und in dem sie manchmal untergehen.

Das Muster und die Ordnung, in dem diese Erzählstränge angeordnet sind, ist jedoch die Frage, was Freundschaft bedeutet in den unterschiedlichen Erwartungen, die an Frauen gestellt werden.

Grundsätzlich werden in der Literaturgeschichte ja nicht viele Geschichten von Frauen erzählt, die befreundet sind. Frauen sind meistens Mütter, Geliebte, Ehefrauen oder Angebetete von männlichen Figuren. Die klassische Ammenfigur ist dazu da, den inneren Monolog der Frau zu zeigen und zeigt keine Freundschaft. Dann gibt es das Erzähltrope der „Besten Freundin“: Hanni und Nanni, Dolly und Susanne. Sie tun alles füreinander, sie gehen durch dick und dünn. Hinter diesem Ideal verbirgt sich ein weites Feld von Realität, das noch nicht erzählt wurde. Enge Verbundenheit mit gleichzeitiger Fremdheit, füreinander Einstehen und Verrat nicht in einzelnen erklärten Abweichungen, sondern als komplexes Gebilde, das als Ganzes die Freundschaft abbildet.

Ich habe mich viel mit Büchern abgemüht, aber ich habe sie nur hingenommen, habe nie wirklich Gebrauch von ihnen gemacht, habe sie nie gegen sich selbst gekehrt. Aber so muss man denken. So muss man gegendenken. Lila (…) hat das im Blut.  (…)

Meine Lektüren in dieser Zeit bezogen auf die eine oder andere Art letztlich immer Lila mit ein. Ich war auf ein weibliches Denkmodell gestoßen, das, von den zu berücksichtigenden Unterschieden abgesehen, das gleiche Gefühl der Bewunderung und der Unterlegenheit in mir auslöste, das ich ihr gegenüber empfand.“

Elena Ferrante: Die Geschichte der getrennten Wege. Neapolitanische Saga Band 3, Suhrkamp 2017, S. 358. Aus dem Italienischen von Karin Krieger.

Lila und Elena waren die beiden besten ihrer Grundschulklasse in einem armen Viertel von Neapel. Beide bekamen die Förderung ihrer Lehrerin, nur eine konnte wegen der familiären Verhältnisse auf die Oberschule gehen. Elena erzählt die Geschichte dieser Beziehung, und sie erzählt sich als die weniger Begabte. Die wesentlichen Eigenschaften beider Mädchen, später Frauen sieht sie immer in Relation zueinander. So spielt auch die Gesellschaft oft zwei Frauen gegeneinander aus: Die Kluge und die Schöne. Die Wilde und die Angepasste. Die femme fatale und die Mutter. Wenn es nur zwei Frauen gibt, können sie nicht einfach so sein wie sie sind, hier wild, da ruhig, unterschiedlich nicht auf einer binären Skala, sondern vieldimensional.

Nur die angepasstere der beiden, Elena, schafft den Weg aus Neapel heraus. Beider Wege führen über Männer, mit weniger großen Clashs oder Katastrophen, und die Frage bleibt, wie viel Eigenständigkeit (und, um den Titel des ersten Bandes zu zitieren, Genialität) es braucht, um  erfolgreich zu sein, und wie sehr diese Eigenständigkeit verborgen bleiben muss, um den Weg nicht zu verhindern.

Es wird damit auch die doppelte Anforderung an Frauen geschildert: Mutig zu sein und Neues zu schaffen, neue Wege zu begehen, neue Gedanken zu formulieren, denn warum sollte man nicht sonst immer eher den Mann einstellen, dem Mann zuhören, den Mann lesen, der das tut. Aber freundlich und versorgend zu sein, das Wohl aller im Blick zu haben, der Kinder, der Gruppe, und nicht zusätzlich und unnötig Schwierigkeiten schaffen in einer Welt, die ohnehin schon kompliziert ist.

Diese beiden Anforderungen an Frauen werden in der Freundschaft von Lila und Elena miteinander verzwirnt, verzweigt, und sie spielen auch eine Rolle im Umgang  der beiden miteinander, in dem, was für sie Verrat bedeutet. Eine Gesellschaft, die Frauen gegeneinander ausspielt, belohnt auch die Übernahme einer der beiden Rollen. Letztlich ist es nicht nur eine Frage der Moral, sondern in einer Gesellschaft, die auf Machtverhältnissen beruht, auf sozialen Ungleichheiten, auch eine Frage des Überlebens im eigentlichen Sinn: zwei Menschen mit einer schwierigen Ausgangsposition versuchen ein Leben zu führen, in dem sie leben können.

Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen

Das habe ich schon im Erdkundeunterricht gelernt. Oder zumindest gehört. Man wird ja manchmal klug, wenn man sich langweilt, und ein Atlas ist ein guter Ansatzpunkt zum Abdriften, wenn man in der Schule nicht mehr zuhört, sondern gedanklich versucht, die Erdteile wie Puzzelstücke wieder zusammen zu setzen, die mal auf den flüssigen Teilen der Erde auseinandergeschwommen waren aber fraglos zusammengehören. Pflanzenteile die man an der Westküste Afrikas und der Ostküste Südamerikas finden kann, weist mein Atlas aus, Spuren von Tierarten, die auf den Höhenlinien entlangzogen.

Über Grenzen, Schwammiges, das Verschieben erzählt der Roman, er fasst niemals Fuß auf dem sich verschiebenden Grund, auf dem wir uns bewegen. Was heißt da bodenständig, wenn sich die Platten auf der Lava so bewegen, dass sich Kontinente bilden?

Ein Anti-Krimi. Während sich der Krimi auf ein Ziel fokussiert, die Auswahl der Welt einschränkt, steckt dieser Roman seine Grenzen schon im Titel (nicht) ab: „Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen.“ Es geht um Alles und Nichts, um Energie und um Müdigkeit, über die die namenlose Erzählerin promoviert, während Nelly, deren Verschwinden die Romanhandlung auslöst, sich mit Plattentektonik und schmelzenden Erdmassen beschäftigt und mit flirrender Energie die Karriereleiter der Juniorprofessur samt Eigentumswohnung erklommen hat. Eine Juniorprofessur für Seismologie, den winzigkleinen Bewegungen der Erdplatten nachspüren, und das macht auch dieser Text. Überhaupt beschreibt sich der ganze Text selbst:

„Sie (Nelly) entwarf Skizzen für Ausstellungsstücke, bunte, dreidimensionale Modelle, Veranschaulichungen der Plattentektonik, der Theorie vom Auseinanderbrechen und -driften der Kontinente. Es konnte einem auf den Nerv gehen, ihre ständige Unruhe, aber wenn sie fehlte, breitete sich Traurigkeit aus, eine Ruhe und eine Leere, wie sie vor ihrem Besuch nicht geherrscht hatte oder vielleicht doch geherrscht hatte, aber es war nicht mehr möglich, sich das vorzustellen, sich daran zu erinnern.“

Sinn und Bedeutung driften auseinander, wenn das Material darunter zum Schmelzen kommt. Wenn man lange genug darüber nachdenkt, woraus die Erde besteht (Mineralien, Elemente, Moleküle) und wie sie entstanden ist (Urknall, Fliehkraft, Unterdruck?) kann man darauf kommen, dass das alles völlig zufällig ist, unzusammenhängende Teile zusammenhängen, ohne Bedeutung – so ist dieser Roman gebaut.

Eine Erinnerung. Am Waldrand, ein Wochenendgebiet, Freizeit im Wald, Arbeit in der Stadt, Freizeit und Arbeit prallen aufeinander, Informationen münden nicht in Verstehen, weder für die Erzählerin auf der Suche nach Nelly noch für Nelly in ihrer Arbeit noch für die Leser*in dieses Romans. Übergänge, Grenzen, etwas hört auf, etwas fängt an, jemand verschwindet. Miriam Zeh liest diesen Roman als Abgesang auf das universitäre System, das nur noch Wissen, kein Verstehen vermittelt.

Was mit dem Erzählen passiert, wenn niemand mehr wirklich etwas wissen will, ist eine hochrelevante Untersuchung in den Zeiten von Fake-News. Es greift das auf, was passiert, wenn es zugleich um Alles und um Nichts geht. Nicht mehr viel, zu dem man sich in Bezug setzen kann, nichts was zum Handeln reichen würde.

„Verloren oder bewusst verworfen, ich konnte es nicht sagen, jedenfalls schien es ihr vor allem ums Erzählen zu gehen, ohne Punkt und Komma, weniger, um etwas aufzudecken, als einfach zu erzählen, weil sie Lust hatte, damit es nicht still war.“