Heimat Moabit 1

Heute, ein kalter Tag. Ein sommerlicher Tag mit 17 Grad im Juni und genug Gründen, EisEssen zu gehen. Und spazieren zu gehen. Durch das Stadtschloss an der Rostocker Straße hinten durch, am Spielplatz vorbei. Die Spielplätze auf der Waldstraße, an der Wiclefstraße, am Wullenwebersteg. Auch in den Zeiten, in denen ich woanders gelebt habe, hat es mich immer zutiefst beruhigt, meine Füße in den kühlen Sand eines Spielplatzes graben zu können, wenn ich im Sommer durch Moabit lief.

Egal was war.

Es ist ein besonderes Licht hier im Sommer. Am Nachmittag. Es ist die Farbe des Lichts, das zwischen den Zweigen der Büsche hindurchfällt, an den Ästen der Bäume vorbei. Es hat etwas mit dem Wasser zu tun, das Moabit umgibt. Nehme ich an, mit der Feuchtigkeit, mit der Temperatur, die leicht verschieden ist von anderen Orten, wie vielleicht die Wolkendecke oder auch nur die filternden Schichten ein anderes Licht auf die Stadt werfen. Besonders an den kühleren Tagen im Sommer.

Das ist Heimat für mich. Nach dem Abitur lebte ich für einige Zeit in Ecuador, und das war es, was ich am meisten vermisste: Das Nachmittagslicht. Das Licht, das schräg und leicht fällt, gegen fünf Uhr an einem Tag im Juni. Es gab noch etwas anderes, was mir fehlte: Auf der Straße essen zu können. Nachts durch die Stadt zu laufen. Ich hatte einen wieder kehrenden Traum: Ich lief nach Hause, vom Roseneck aus den Ku’damm entlang, es war dunkel, und ich aß auf dem Heimweg einen Döner.

Döner essen. Das ist ein Gericht, das alle zehn Finger benötigt, zumindest bei mir. Ich habe ihn in den Händen, oben Brot, unten Brot, dazwischen eine bewegliche Ansammlung von Essen. Ich habe meine Diplomarbeit über Brot geschrieben, vielleicht auch deswegen, und seine Anziehungskraft in vielen Kulturen, Essen zu sammeln: Hamburger, Sandwiches, Tortillas, Döner, Schawarma, Klappstullen mit allem, was der Berliner Kühlschrank so hat (Schnitzel, Käse, Wurst).

Ich weiß, dass der Berliner Döner kein original türkisches Gericht ist. Dafür ist er ein Berliner Gericht. Ich habe die Berliner Mischung aus frischen Gurken, Tomaten, Salat und Saucen immer vermisst. Ich weiß, dass die Münchner Mischung, beispielsweise, Unmengen an Fleisch und Weißkraut, manchmal Rotkraut, näher an einem vermeintlichen Original dran sein soll. Trotzdem habe ich immer weitergesucht. Oft kam die Türkische Pizza (Lamacun) näher an den Geschmack heran, den ich mit meinem Döner vermisste – in Mainz wurde das mein Go-to-Essen.

Die Saucen. Knoblauch Kräuter Scharf. Im Grunde ist meine persönliche Kombi Knoblauch-Scharf, aber manchmal denke ich, ein bißchen Kräuter schadet auch nicht. Vor allem meine Zeit in Westdeutschland hat dazu geführt (wo es die so nicht gab), dass ich die rosane Knoblauchsauce immer nehme, wenn es sie gibt und heiß und innig liebe.

In Moabit gibt es den wunderbaren Beusselgrill. Er blickt über die Gleise. Neben dem verlassenen Turm an der Beusselbrücke, in den ich irgendwann einziehen will, hat er eigentlich immer offen, wenn ich dort vorbeikomme, vom S-Bahnhof den Heimweg auf die Moabiter Insel einschlage. Auch wenn die Küche dort partiell schon zu hat, gibt es dort immer noch etwas zu essen, und den Blick aus den großen Fenstern im Raum nach hinten hinaus. Und Tee.

Dieser Beusselgrill ist genauso mein Zuhause wie die Markthalle, die Spielplätze, die großen Gemüseläden wie der BOLU, die zahllosen kleinen Imbisse, und die Leute, die ich auf der Straße treffe und mit denen ich zum Teil aufgewachsen bin. In Mainz habe ich mich am wohlsten in der Neustadt gefühlt, und in München bin ich den Weg vom Hauptbahnhof immer zu Fuß gegangen, durch die Schillerstraße.

Es ist nicht meine Heimat, die Seehofer wieder herstellen will, wenn es ein Deutschland sein soll, das völlig weiß ist, ist es nicht das Land, in dem ich aufgewachsen bin. Ich fühle mich unvertraut, wenn alles homogen ist. Das ist nicht mein Zuhause. Es fühlt sich nicht ruhig oder sicher an.

Als ich Ende 2017 für eine kleine Umfrage zum Jahresende noch ein paar Stimmen aufnehmen wollte, bin ich einmal um den U-Bahnhof Turmstraße gezogen. Neben Menschen, die direkt vom LaGeSo kamen, habe ich mit Leuten gesprochen, die gerade einen Ausbildungsplatz bekommen haben, und am Dönerstand am Westausgang des U-Bahnhofes nicht nur eine flammende Rede gegen die AFD gehört, sondern auch noch eine Hymne auf den dort verkauften Döner (hier am Ende des Audiofiles).

Und dann sind wir mit den Jungs noch zu einer Beste Energy Cipher gegangen („Beste“ ist das Kennwort der Moabiter – wegen „Moabit ist Beste„). Das ist Free Style Hip Hop, im Kreis, mit Leuten, die sich kennen, mögen und vertrauen und das Mikro rumgeben und übernehmen, so wie es gerade der Flow ergibt. Und die Menschen, die genauso unterschiedlich sind, wie sie aussehen, ob jetzt mit Lampenbeleuchtung, im Tageslicht oder in dem Licht, das das ganze Jahr über am Nachmittag neue Winkel findet, in denen es auf der Erde ankommt.

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Wie war dein 2017?

Ein paar mal bin ich jetzt schon für CouchFM (Montag bis Freitag von 17-18h auf Radio Alex, 91,0) mit einem Mikrofon durch die Gegend gelaufen und habe kleine 1-Minute-Umfragen gemacht. Zu ganz unterschiedlichen Themen. Jetzt, am Ende des Jahres, ging es um das Jahr 2017. Und das ist die bisher politischste Umfrage geworden. Ich habe größtenteils in Moabit rumgefragt. Da ist ja auch das Lageso. Zwei Leute, die ich angesprochen habe, kamen direkt von da. Sie haben sehr nachdenklich geantwortet. Es war ein anstrengendes Jahr, das hoffentlich eine gute Grundlage wird für das nächste Jahr. Ich habe ihnen „the best of luck“ für ihre Pläne und ihre Zukunft gewünscht, und frage mich seitdem, wie das wohl auf sie gewirkt haben muss, nach der Behörde, beim Warten auf die U-Bahn, eine Frage nach ihrem Jahr 2017. Ansonsten hat Moabit genauso bunt geantwortet, wie es ist. Der Döner dort ist nunmal besonders gut.

Wie war dein 2017 (<- Audiolink, ca. 1:30 Minuten)

Und die Leute am Dönerstand haben uns dann gleich noch mitgenommen zu einem Cypher, der das letzte Mal stattfand, weil der Mietvertrag aufgelöst wurde. Was ein Cypher ist, wusste ich vorher auch nicht, aber dazu und besonders über diesen Abend werde ich noch mal einen eigenen Beitrag machen #besteenergycypher #moabitistbeste