Aus dem Nichts (Fatih Akin)

Pünktlich zum Abschlussbericht des Hessischen NSU-Untersuchungsausschusses kommt Fatih Akins NSU-Hinterbliebenen-Drama „Aus dem Nichts“ in die Kinos. Der Film war für die goldene Palme in Cannes nominiert, konnte aber nur einen Preis für seine Hauptdarstellerin Diane Kruger mitnehmen. Die dominiert den Film in fast jeder Szene. Warum ist aus der Geschichte der NSU-Morde ein Film über das Leiden einer Deutschen geworden? Aus demselben Grund, aus dem der hessische Verfassungsschutz von dem geplanten Mord an Halit Yozgat im April 2006 in Kassel gewusst hat, aber nichts dagegen unternommen hat?

Braucht es das Leiden einer Deutschen, um sich zu identifizieren? Fatih Akin hat Erfahrung in der Besetzung bunter Casts – die Wahl auf die blonde Darstellerin Diane Kruger ist wohl nicht zufällig gefallen. An ihr inszeniert er eine fiktive Tragödie im Schatten der NSU-Morde. Die Unausweichlichkeit der antiken griechischen Tragödie nimmt er mit bis in den Schauplatz des dritten Teils, für den in Griechenland gedreht wurde und in die Besetzung von Diane Kruger, die mit der Rolle der Helena in „Troja“ ihren Durchbruch hatte.

Die realen Fälle dienen als zeitgeschichtliches Tableau, auf dem Akin ein Drama inszeniert, für dessen Funktionieren er einige Bedingungen konstruieren muss – und so wirkt der Film zunächst auch: Konstruiert. Eine Reihe von Szenen, die alle etwas zu gewollt wirken, die Kamera wackelt, Dialoge wie im Fernseh-Abend-Krimi: „Fühlen Sie sich in der Lage, uns bei den Ermittlungen zu helfen?“ „Kann das nicht bis morgen warten?“ „Gibt es jemanden den Sie anrufen können?“

Der Film kommt zu sich in der Ruhe der Kamera, in den Einstellungen, die den Szenen Raum geben, mehr zu sein als die Umsetzung der für die Handlungen notwendigen Informationen. Er verwendet viel Zeit auf die Exposition, und wo er Bilder verwendet, wird er oft sehr explizit metaphorisch:

Im Übersetzungsbüro, das zum Tatort wird, dem Ort, an dem eine Resozialisation gelungen ist, Flugtickets gebucht werden, zwischen Sprachen gewechselt wird, spritzt Blut auf eine Weltkarte.

Es regnet, es regnet über die bodentiefen Fensterscheiben der eskapistisch inszenierten Wohnung im Grünen, es regnet über die zu Tryptichen angeordneten Fensterscheiben im Polizeipräsidium. Der Schatten von Regentropfen läuft über Diane Krugers Gesicht, das große Teile der Laufzeit des Films im Fokus steht.

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The Square – eine geometrische Kritik.

The Square (Schweden 2017) – eine geometrische Kritik.

Anke Dörsam

Eine Reiterstatue aus Bronze, mit grüner Patina bedeckt, blickt den Zuschauer aus der Leinwand an. Sie hat aber keine Chance, etwas zu sagen, sondern wird an einen Kran gehängt – von einem Monteur, der sich in seinem neonorangenen Overall mit Reflektorenstreifen von ihr absetzt, als gehöre er in eine andere Dimension. Der blassgraue schwedische Himmel hängt über dem Museumsvorplatz, während ein Cello den Gesangspart in Bachs „Ave Maria“ übernimmt, begleitet anstelle der Instrumente von einer menschlichen Stimme. Wer begleitet hier wen, was? Der Kran begleitet die Statue nach unten, wo sie auf dem Pflastersteinboden zerschellt und ihren Kopf verliert. Niemand fängt ihn auf oder packt ihn in Transportkisten, weitere Bauarbeiter in Neongelb, das vor dem fahlen, beigen Stein wie Grün wirkt, hauen den Vorplatz auf, fügen einen Metallrahmen ein und walzen das Pflaster zu einer glatten Fläche. Das titelgebende Quadrat im Boden bleibt leer liegen.

Christian (Claes Bang) ist der Direktor dieses renommierten und progressiven „Museum X“. Eine Reihe von Pech, Vorurteilen und klassischem Führungsverhalten führen ihn in die Katastrophe: Ein Performance-Künstler (Terry Notaro) schmeißt den Starkünstler (Dominic West) aus einem Museumsempfang. Ein Medienskandal führt zu einer Kündigung. Es gibt Tote. Wenigstens metaphorisch. Ein Meta-Film.

Ein Film vom Scheitern (Regie und Buch: Ruben Östlund), und das fängt schon beim Quadrat an. Seine eingeebnete Fläche auf dem Museumsvorplatz wird nie den direkten Blick in das Gesicht des Zuschauers werfen wie die Plastik, die es ersetzt hat, und der Film selbst ist durchsetzt von verhinderten Quadraten: Rechtecken und Rauten. Die Rückseite eines Laptopbildschirms, überhaupt: Bildschirme, Smartphones, Projektionsleinwände. Aber auch Kacheln, Spiegel, Fenster, Treppen mit ihren abgegrenzten Flächen. Zum Quadrat schafft es kaum eine von ihnen, wie auch das titelgebende Kunstwerks es nur in den Dialog des Films schafft, der viel von dem tragen muss, was die Bilder nicht halten.

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