Kai aus der U-Bahn oder das Tüte-Graffito

Es ist ja nun nicht so, als ob sich nichts tut in Moabit. Der U-Bahnhof Birkenstraße hat seinen einen Ausgang geschlossen und dafür seinen anderen Ausgang wieder geöffnet, so wie wenn man von seinem Standbein auf das Spielbein wechselt. Als ich klein war, war die Gegend nördlich der Turmstraße eine unheimliche Gegend, schlecht beleuchtet, wo man darauf achtete, dass die Kinder zu zweit, nicht allein nach der Ministrantenstunde nach Hause gingen. (Die Gemeinde liegt in der Nähe der Turmstraße, ich wohnte im Süden.)

Als ich 2013 zur Wohnungsbesichtigung fuhr, wunderte ich mich über den anachronistischen Bahnhof, keine Rolltreppen, kein Backshop, keine Bushaltestelle, sehr kurze Treppenfluchten, die kaum Distanz zwischen Gehweg und Bahnsteig legen. In meinem ersten Jahr stiegen mit mir drei Leute oder auch mal niemand anderer aus der Bahn aus, dann wurden es 10, 20, inzwischen sind es fast 50.

Die U 9 wurde (für Menschen, die U-Bahnen lieben, ist Wikipedia eine Freude. Das sind Menschen mit Hingabe, die diese Artikel angelegt haben) in den 60ern erbaut und verfolgt ein Konzept mit ihren kleingekachelten farbverschiedenen Bahnhofsgestaltungen, die in Blau- und Grüntönen einen ineinander übergehenden Farbverlauf bilden, wenn man sie aneinanderreihen würde, also ohne dass die Bahn zwischendurch Tunnel fahren müsste.

Darum gab es Protest bei der Renovierung. Eigentlich wollte ich aber über die Tüte-Graffitis schreiben, die sofort auftauchten, nachdem der eine U-Bahneingang fertig war. Sozusagen als Einweihung.

Ich habe hier eins für Euch festgehalten als Beitragsbild – die im Bahnhof wurden schnell wieder entfernt (vermutlich gibt es schon wieder neue, ich muss mal schnell genug sein, eins festzuhalten).

Die hängen überall an Moabiter sprühfähigen Flächen, und ich habe keine Ahnung, was sie bedeuten. Sie erinnern mich an das „tut“ und „tat“ aus Kai aus der Kiste.

Kai gewinnt den Wettbewerb um eine Marketingkampagne der Marke „tut“ damit, dass er überall seine Freunde, anderer Berliner Kinder einspannt, und sie biss zum Entscheidungszeitpunkt viel mehr Zeichen in der Berliner Plakatlandschaft hinterlassen haben als sein Mitbewerber.

Kai2

Möglicherweise handelt es sich aber um etwas ganz anders als ein Wolf-Durian-Zitat mit Umlaut-Erweiterung, die ich immer sehr begrüße.

In eine Tüte kann man etwas hineintun. Man braucht sie praktisch immer. Zum Schwimmengehen, um das nasse Badezeug nach dem Schwimmen einzupacken. Damit Das Brot nicht trocken wird. Beim Einkaufen. Um sich nach einem Sommerregen auf die Wiese setzen zu können. Oder während des Regens über den Kopf zu halten. Eine Tüte schlägt die meisten Viele-Verwendungsmöglichkeiten-für-ein-Ding-Gegenstände um Längen. Und man kann sie falten, knüllen und rollen und so klein machen wie man gerade Platz hat.

Damit sind sie ein bisschen wie das verzauberte Zelt aus den späten Bänden von Harry Potter, das nach dem Aufbauen viel größer wird als andere Zeltvorrichtungen die so in eine Handtasche passen.

Das Knüllprinzip ist auch für andere Gegenstände beim Packen für Zelturlaube vorteilhaft anwendbar.

Das Tüte-Graffito besticht auch durch eine gewisse Eckigkeit und Gleichmäßigkeit (die Farbe ist nicht immer so verlaufen wie bei dem hier fotografierten Exemplar) und erinnert an Sütterlinschrift.

Ich bin dankbar für Hinweise um wen oder was es sich bei diesem Graffito handelt, bis dahin weiß ich seine Metaphorik unbekannterweise zu schätzen.

Publicradio

Radio hat auch Wellen. Man muss sie nur irgendwo einfangen. Und hören. Man sieht sie nicht, es gibt unzählige Frequenzen über die Töne, Worte, Inhalte in der Luft sind.

Frequenzen sind geregelt, wenn zu dicht aufeinander gesendet wird, gibt es Interferenzen. Eigentlich etwas Erstrebenswertes.

Dinge, die sich zu etwas Neuem vermischen, in Kontakt kommen.

Berlin ist eine große Stadt mit der dankenswerten Tradition, die andere zu lassen, wie sie ist, und den anderen, wie er ist. Du musst nicht sein wie ich, damit du in dieser Stadt existieren kannst. Read More