Wie man eine Ente in Berlin macht

Es ist der 25. Dezember, ein Montag, 13.20h. Weihnachten hat staatlich freie Feiertage, und es wird auch immer viel gegessen. Mit Tradition oder ohne. Und wenn, unter Einbeziehung sehr unterschiedlicher Traditionen. Eine sehr klassische ist: Heiligabend (der 24.) Kartoffelsalat und Würstchen oder Fisch, weil das eigentlich noch ein Fastentag ist. Und dann am 25., dem ersten Weihnachsfeiertag, der Braten. Oft ein großer Vogel.

Wie gesagt, es ist 13.20h, da muss es langsam losgehen. Für alle, die noch nicht genau wissen wie, hier ein Rezept: Hilfreich, schnell, kompetent:

Wie man eine Ente in Berlin macht (Audio-Link / ein kleines Spontaninterview beim Betriebseingang der Komischen Oper Berlin)

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Spandau Nord

Das Schwimm-Blog Berlin hat über mein Berliner Lieblingsschwimmbad geschrieben!

In Berlin existiert die schönste, abwechslungsreichste Bäder Landschaft die es in Deutschland gibt. Durch die Tatsache der geteilten Stadt gibt es die unterschiedlichsten Bautypen. Kombibäder zum Beispiel im Westteil, sogenannte Volksschwimmhallen im Ostteil der Stadt. Identischer Bautyp bedeutet noch lange nicht identisches Innenleben. Durch Sanierungen, die mal lieblos unter dem Motto „hau raus die Kohle“,…

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Meer, Moabit und das Areal um den Lehrter Bahnhof

Als die Billigfluglinien aufkamen, flog man mit Ryan Air nach Frankfurt Hahn, nach London Stansted,  nach Paris Beauvais. Ebenso fuhr man Ende des vorletzten Jahrhunderts von Berlin mit Ziel Hannover eben nach Lehrte, eine kleinere Stadt im Umland. Ausgangspunkt war einer der Berliner Kopfbahnhöfe (wie auch der Schlesische, der Görlitzer), eben der Lehrter Bahnhof, am Rande von Moabit. Als er an die Stadtbahn (die S-Bahn, die Charlottenburg und den Schlesischen Bahnhof verband) angeschlossen wurde, bekam er den schönen Namen „Lehrter Stadtbahnhof“. So nennen ihn viele Berliner noch heute, auch wenn er im Zuge der Wiedervereinigung und des Hauptstadtumzugs zum Hauptbahnhof umbenannt und umgebaut wurde, den Berlin mit seinen vielen Zentren historisch nie so hatte (mal war die Friedrichstraße die Hauptanlaufstelle für Ankommende wie in Kästners „Emil und die Detektive“, mal waren es der Ostbahnhof und der Bahnhof Zoo, die meiste Zeit war der Name „Berlin Hauptbahnhof“ jedoch nicht vergeben).

Die Fläche um den Lehrter Stadtbahnhof eignete sich für den Bau eines Hauptbahnhofes nicht nur wegen ihrer Nähe zum historischen Zentrum, zum Brandenburger Tor und zum Bundestag, sondern auch, weil sie wenig bebaut war. Dort verlief die Grenze der geteilten Stadt, der Todesstreifen, das Mauersperrgebiet. Außerdem aber war da die Brachfläche unweit des ehemaligen Zellengefängnis Moabit. Das wurde in den 1840er Jahren als „Musterstrafanstalt“ gebaut. Jeder Gefangene hatte dort seine eigene Zelle.

Unmittelbar schlossen sich Exerzierplatz und Kaserne an. Auf dem Gelände dieser Kaserne liegt heute das Stadtbad Tiergarten, zusammen mit dem Exerzierplatz ging das Gelände an die Post und wurde als „Poststadion“, ursprünglich für die Ertüchtigung der Postbeamten im Rahmen des Postsportvereins, eine zentrale Sportstätte der Moabiter. Der Name „Poststadion“ ging über auf das bis Anfang der Nuller Jahre dort gelegene Freibad und auch auf das Stadtbad Tiergarten, in dem ich, wie auch viele andere Moabiter, schwimmen gelernt habe. Wenn man heute über das Gelände streift, begegnet man dem alten Backsteinbau, von dem viele nicht mehr wissen, dass es mal ein Gefängnis war. Laut Mitarbeitern der Lettretage könnten die leerstehenden Zimmer für Kulturschaffende genützt werden.

In diesem Gefängnis schrieb der im Dezember 1944 inhaftierte Widerstandskämpfer Albrecht Haushofer, der als die Niederlage bereits absehbar war, zusammen mit ausgewählten anderen Gefangenen auf dem Marsch durch die Invalidenstraße ermordet wurde, innerhalb dieser kurzen Monate 80 Sonette, die sich in seiner Manteltasche fanden. Eines dieser „Moabiter Sonette“ handelt vom Meer, es war mit ausschlaggebend für die Benennung dieses Blogs.

Haushofer Sonett Wind vom Meer

 

 

Totenzug der Ameisen – Zoroastre an der Komischen Oper Berlin

War schon mal jemand von Euch in Tempelhof? Ich nehme an, die meisten. Einer der jüngeren Tatorte spielte mit dem Aufeinanderprallen der Hochhaussiedlungen am Rande des Tempelhofer Felds („Rollbergkiez“, verschrien) und der weltoffenen Bourgeousie im anliegenden Altbauquartier.

Als ich neulich eine Woche Hund und Wohnung in der Siedlung um den Kaiserkorso hütete, lernte ich ein ganz anderes Tempelhof kennen. Unerwartet kleine Häuser, blumenverrankte Gartenspaliere, alle Straßennamen heißen nach hohen Militärs, friedlicher als in Wiesbaden, solange sich nicht die Hunde ins Gehege kommen, die der einzige Grund sind, dass jemand in dieser Gegend spazieren geht.

In der Inszenierung des Barock-Dramas Zoroastre an der Komischen Oper (Musik Jean-Philippe Rameau, Bühnenbild Rainer Sellmaier) stehen ganz lapidar zwei Einfamilienhäuser (eigentlich: Einpersonenhäuser) auf der Bühne, dazwischen ein Rasenstück.

Dort wohnen die Antagonisten Zoroastre (Thomas Walker) und Abramane (Thomas Dolie) Gartenzaun an Spalier. Der Originaltext (Louis Buch Cahusac) erzählt von zwei Zauberern. Diese Inszenierung (Regie Tobias Kratzer, Dramaturgie Johanna Wall) erzählt von unterschiedlichen Nachbarn.

Die einen trinken Bier aus Pfandflaschen, die anderen Bier aus Dosen. Giebeldach versus Flachdach, bodentiefe Fenster versus immer runtergelassene Jalousien, Kindlelexikon und Klassikgenuss aus kabellosen Kopfhörern neben Ballercomputerspielen am Desktoprechner. Sie konkurrieren um dieselbe Frau (Amelite, Katherine Watson). Unerwiderte Liebe zu einem Nachbarn, den man jeden Tag durchs Schlafzimmerfenster sieht, das kennen wir schon von Taylor Swift, mit denselben Distinktionsmerkmalen, nur genderrevers: „she wears short skirts / I wear T-shirts“ (das Video startet mit demselben Blick auf zwei Häuser). Identität entsteht am problemlosesten, wenn man sich von jemandem abgrenzt, und wenn Konkurrenz dazu kommt, wie auf dem engumkämpften Berliner Wohnungsmarkt oder der sprichwörtlichen Liebe zum girl next door. Noch viel mehr fiebert man mit mit Erinice (Nadja Mchantaf), die wiederum in Zoroastre verliebt ist und sich dafür mit Abrame verbündet – ein Plot wie die Teeniestory im oben genannten Tatort.

Kennst Du das Land, wo die Zitronen blühen? Nein? Zoroastre auch nicht. Aber er hat sich die Zitronenbäume in den Wintergarten gestellt, sie haben unter dem engen Glasdach kaum Platz zum wachsen. Er macht Yoga, nicht in einer Klasse, sondern allein mit seinem Privatlehrer Oromases (Jonathan McCullo). Zu seiner Hochzeit kommen praktisch keine Gäste, also braucht er auch nur eine einstöckige Hochzeitstorte. Kein Wunder, dass der Chor ins Off verbannt ist. Die Gesellschaft hat keinen Raum in diesem Konflikt – für Zoroastre und Abramane jedenfalls nicht.

Der Chor sagt stimmlich zu den Emotionen auf der Bühne: „Du bist nicht allein. Wir kennen das auch.“ Aber man sieht sie nicht. Viel mehr als die kleine Welt um das Rasenstück in ihrem Vorderhof bespielen die Protagonist*innen nicht.

Eine Leinwand beamt die Tänzer*innen des Balletts in Ameisenkostümen in Sichweite des Publikums, wenn die Sänger*innen in die Nähe des Rasenquadratmeters im Bühnenvordergrund kommen. Die Asche, die von Céphies (Katarzyna Wlodarcyk) Zigarette fällt, segelt als Bombenregen über die Ameisengruppe ins Gras, während der Text singt „welch grauenvolle Nacht“.

„Zittre vor meinem Hass und meiner Macht und dem was dir bevorsteht“ heischt Erinice, die ähnlich wie Azucena in Trovatore auch stimmlich zum energetischen Zentrum des Abends wird, ihre Konkurrentin an. Liebeskummer, Eifersucht, privates Drama dieser Inszenierung werden dem dramatischen Text des Originals, in dem Zauberer den Kampf um Gut und Böse ausfechten, nicht gerecht, solange man nicht ihre Auswirkungen auf ihre Umwelt einbezieht. Was das Ballett der Ameisen erlebt, spiegelt die Dramatik des Librettos wieder.

Auch der soziale Distinktionskampf um das Tempelhofer Feld, darum, was es heißt, in Berlin zu leben, der Rückzug auf die privaten Merkmale der richtigen Brille und des freiheitlichen Schrebergartens, hinterlässt einen Nebenkriegsschauplatz Restwelt. Möglicherweise ist es Absicht, dass der im Kontrast komponierten Musik (alles um Zoroastre wunderschön, alles um Abrame und Erinice dräuend) stimmlich vom Sänger des Zoroastre eine knorpelige bis knochige Interpretation entgegengesetzt wird. Musikalisch ist die Textur trotzdem wunderschön, und das Orchester der Komischen Oper, das zeitgleich Ariberts Reimans Medea aufführt, leistet Haptisches und Zärtliches mit der barocken Musik. Die Streicher spielen in dieser besonderen Interpretation mit Barockbögen auf modernen Instrumenten, als Analogie darauf, dass diese Inszenierung die Themen der modernen Welt mit dieser barocken Musik zum Klingen bringt. Währenddessen legt Erinice ihre Stilettos ab und interagiert zunehmend barfuß im zerstörten Vorgarten, und die Ameisen begraben ihre Toten.

Wieder am 24., 28. Juni, 6., 8. und 14. Juli.

»Am Ende stellt sich doch die Frage, ob der ›Gute‹ wirklich der moralisch Höherstehende ist«  (Interview mit Dirigent Christian Curnyn, Regisseur Tobias Kratzer, Ausstatter Rainer Sellmaier und Videodesigner Manuel Braun)

Kai aus der U-Bahn oder das Tüte-Graffito

Es ist ja nun nicht so, als ob sich nichts tut in Moabit. Der U-Bahnhof Birkenstraße hat seinen einen Ausgang geschlossen und dafür seinen anderen Ausgang wieder geöffnet, so wie wenn man von seinem Standbein auf das Spielbein wechselt. Als ich klein war, war die Gegend nördlich der Turmstraße eine unheimliche Gegend, schlecht beleuchtet, wo man darauf achtete, dass die Kinder zu zweit, nicht allein nach der Ministrantenstunde nach Hause gingen. (Die Gemeinde liegt in der Nähe der Turmstraße, ich wohnte im Süden.)

Als ich 2013 zur Wohnungsbesichtigung fuhr, wunderte ich mich über den anachronistischen Bahnhof, keine Rolltreppen, kein Backshop, keine Bushaltestelle, sehr kurze Treppenfluchten, die kaum Distanz zwischen Gehweg und Bahnsteig legen. In meinem ersten Jahr stiegen mit mir drei Leute oder auch mal niemand anderer aus der Bahn aus, dann wurden es 10, 20, inzwischen sind es fast 50.

Die U 9 wurde (für Menschen, die U-Bahnen lieben, ist Wikipedia eine Freude. Das sind Menschen mit Hingabe, die diese Artikel angelegt haben) in den 60ern erbaut und verfolgt ein Konzept mit ihren kleingekachelten farbverschiedenen Bahnhofsgestaltungen, die in Blau- und Grüntönen einen ineinander übergehenden Farbverlauf bilden, wenn man sie aneinanderreihen würde, also ohne dass die Bahn zwischendurch Tunnel fahren müsste.

Darum gab es Protest bei der Renovierung. Eigentlich wollte ich aber über die Tüte-Graffitis schreiben, die sofort auftauchten, nachdem der eine U-Bahneingang fertig war. Sozusagen als Einweihung.

Ich habe hier eins für Euch festgehalten als Beitragsbild – die im Bahnhof wurden schnell wieder entfernt (vermutlich gibt es schon wieder neue, ich muss mal schnell genug sein, eins festzuhalten).

Die hängen überall an Moabiter sprühfähigen Flächen, und ich habe keine Ahnung, was sie bedeuten. Sie erinnern mich an das „tut“ und „tat“ aus Kai aus der Kiste.

Kai gewinnt den Wettbewerb um eine Marketingkampagne der Marke „tut“ damit, dass er überall seine Freunde, anderer Berliner Kinder einspannt, und sie biss zum Entscheidungszeitpunkt viel mehr Zeichen in der Berliner Plakatlandschaft hinterlassen haben als sein Mitbewerber.

Kai2

Möglicherweise handelt es sich aber um etwas ganz anders als ein Wolf-Durian-Zitat mit Umlaut-Erweiterung, die ich immer sehr begrüße.

In eine Tüte kann man etwas hineintun. Man braucht sie praktisch immer. Zum Schwimmengehen, um das nasse Badezeug nach dem Schwimmen einzupacken. Damit Das Brot nicht trocken wird. Beim Einkaufen. Um sich nach einem Sommerregen auf die Wiese setzen zu können. Oder während des Regens über den Kopf zu halten. Eine Tüte schlägt die meisten Viele-Verwendungsmöglichkeiten-für-ein-Ding-Gegenstände um Längen. Und man kann sie falten, knüllen und rollen und so klein machen wie man gerade Platz hat.

Damit sind sie ein bisschen wie das verzauberte Zelt aus den späten Bänden von Harry Potter, das nach dem Aufbauen viel größer wird als andere Zeltvorrichtungen die so in eine Handtasche passen.

Das Knüllprinzip ist auch für andere Gegenstände beim Packen für Zelturlaube vorteilhaft anwendbar.

Das Tüte-Graffito besticht auch durch eine gewisse Eckigkeit und Gleichmäßigkeit (die Farbe ist nicht immer so verlaufen wie bei dem hier fotografierten Exemplar) und erinnert an Sütterlinschrift.

Ich bin dankbar für Hinweise um wen oder was es sich bei diesem Graffito handelt, bis dahin weiß ich seine Metaphorik unbekannterweise zu schätzen.

Publicradio

Radio hat auch Wellen. Man muss sie nur irgendwo einfangen. Und hören. Man sieht sie nicht, es gibt unzählige Frequenzen über die Töne, Worte, Inhalte in der Luft sind.

Frequenzen sind geregelt, wenn zu dicht aufeinander gesendet wird, gibt es Interferenzen. Eigentlich etwas Erstrebenswertes.

Dinge, die sich zu etwas Neuem vermischen, in Kontakt kommen.

Berlin ist eine große Stadt mit der dankenswerten Tradition, die andere zu lassen, wie sie ist, und den anderen, wie er ist. Du musst nicht sein wie ich, damit du in dieser Stadt existieren kannst. Read More