MEER

Als Kind klangen für mich „Meer“ und „mehr“ gleich. Das ist für mich immer haften geblieben. Meer ist mehr. Mehr von Wasser, mehr von Weite, mehr als Land.

Im Atlas sieht man die Kontinente, die wie ein Puzzle zusammenpassen zu scheinen, man lernt, wie sie sich bewegt haben, auseinander, zusammen, auf unterirdischen und in diesem Fall auch unterseeischen Lavaströmen.

Und um sie rum die blaue Fläche in verschiedenen Tiefen, verschieden dunkles Blau, das die Legende am Rande der Karte als verschiedene Metertiefen auflöst.

Größtenteils sind es Meere, die die Kontinente voneinander trennen. Oft stellen sie auch Landesgrenzen da. Hier Land, da Wasser, hier Staat, da Hoheitsgebiete, auf denen gefischt werden darf und Erdöl gebohrt werden kann, dahinter internationale Seegewässer. Auf denen fahren Schiffe, die eine Flagge brauchen, wieder zu einem Staat gehören, kleine extraterritoriale Staatsgebilde mit eigenem Seerecht.

In einer Zeit, in der Grenzen immer wichtiger werden, in der Landgrenzen besser ausgeleuchtet werden können durch moderne Technik, Kameras, Beleuchtung, Infrarotsuchgeräte, bildet das Meer eine merkwürdig hybride Grenze. Wasser verändert Sandstrukturen, Felsen, schabt an Mauern, bildet Rost, verändert seinen Höhenstand, treibt oder zieht sich zurück. Gischt, Luftfeuchtigkeit, Nebel, Gewitter erschweren die Sicht. Ungleiche Machtverhältnisse führen zu unterschiedlichem Druck auf Menschen in unterschiedlichen Ländern, und zu unterschiedlichen Lebensbedingungen und Möglichkeiten, das eigene Leben zu gestalten bis hin zu essentiellen Menschenrechten wie Unversehrtheit, Nahrung, Wasser.

Es sind zunehmend die Grenzen, die das lösen sollen. Not, Unsicherheit durch menschengemachte und umweltgemachte Bedingungen, die sich nicht ausweiten sollen, die woanders bleiben sollen. Es soll mehr Sicherheit geben, zu kontrollieren, wo das ist. Zu kontrollieren, wohin sich die Menschen bewegen, die davor fliehen. Die manche verantwortlich machen. Genauere Regelungen. Klarere Regelungen. Striktere Regelungen. Mehr Kontrollen.

Und seit Jahrzehnten (Jahrhunderten) Menschen, die sich bewegen. Über das Wasser und über Land.

Schon die documenta 2002 zeigte Bilder vom Meer, in die Namen und Ausweise von ertrunkenen Flüchtenden eincollagiert waren. Das war die documenta, in der parrallel die Elbflut stattfand und Bilder von Dämmen und auf dem Wasser treibenden Schlauchbooten über Bildschirme in der Karlsaue flimmerten.

Menschen ertrinken auf dem Weg nach Europa übers Meer. So wichtig erscheint ihnen der Weg, dass sie es in Kauf nehmen, zu sterben. Wie auch immer man das sieht, was auch immer man für Motive annimmt, das muss man begreifen. Was sie bewegt, ist schlimm genug, dass ein möglicher Ertrinkungstod eine Alternative darstellt.

Boote auf dem Meer, die einen Weg bedeuten, die Möglichkeit, einen anderen Ort zu erreichen. Und zugleich Boote, die von anderen Häfen aufbrechen, Freizeitboote, Dampfer, Yachten, über dasselbe Meer.

Die Möglichkeit, über das Meer ein anderes Leben zu erreichen, ging auch von Europa aus. Das Auswanderermuseum in Bremerhaven hat eine großartige Dauerausstellungen zu den Motiven, Wegen und Schiffen dieser Migrationsbewegung.

In einer sicheren Wohlstandsgesellschaft ist Wassersport der Sport der Reichen. Er steht für Freizeit („Am Sonntag will mein Süßer mit mir Segeln gehn.“), Freiheit, Ausspannen.

Die Möglichkeiten, die das Wasser bietet. Die Bewegung, die Wellen, wie es das Licht fängt. Beim Rudern an der Pfaueninsel Pause machen, den Alltag vergessen in der gleichmäßigen Bewegung, in den Farben der verbeiziehenden Bäume.

Das Wasser gleicht seine Oberfläche immer wieder aus. Am Horizont, am Meer erscheint es als Linie. Unter dem Himmel, von dem es im Schöpfungsbericht der Bibel durch Trennung geschaffen wird: „Und Gott machte die Wölbung und schied die Wasser, die unterhalb der Wölbung von den Wassern, die oberhalb der Wölbung waren.“ (Genesis Kapitel 1, Vers 7, Elberfelder Übersetzung). Im Hebräischen trennt Gott Mayim (מים )  von Schamayim ( שמים ), Wasser von Himmel, beide Wörter phonetisch in einem Mengendual, Wörter, die nicht im Singular bestehen können. Die Himmel. Und die Wasser. Die in der Optik, in der Malerei die Farbe des jeweils anderen wiedergeben.

Der Blick in die Ferne, die Weite, ist in Alfred Anders‘ „Sansibar oder der letzte Grund“ der Blick in die Freiheit und der Blick in die Sehnsucht. Die Möglichkeiten, die in der Bewegung und letzten Unkontrollierbarkeit des Wassers liegen stehen für die Freiheit, etwas anders zu machen und die Enge, wenn nur noch ein Ausweg bleibt: der, der keine Sicherheit bietet.

 

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Heimat Moabit 1

Heute, ein kalter Tag. Ein sommerlicher Tag mit 17 Grad im Juni und genug Gründen, EisEssen zu gehen. Und spazieren zu gehen. Durch das Stadtschloss an der Rostocker Straße hinten durch, am Spielplatz vorbei. Die Spielplätze auf der Waldstraße, an der Wiclefstraße, am Wullenwebersteg. Auch in den Zeiten, in denen ich woanders gelebt habe, hat es mich immer zutiefst beruhigt, meine Füße in den kühlen Sand eines Spielplatzes graben zu können, wenn ich im Sommer durch Moabit lief.

Egal was war.

Es ist ein besonderes Licht hier im Sommer. Am Nachmittag. Es ist die Farbe des Lichts, das zwischen den Zweigen der Büsche hindurchfällt, an den Ästen der Bäume vorbei. Es hat etwas mit dem Wasser zu tun, das Moabit umgibt. Nehme ich an, mit der Feuchtigkeit, mit der Temperatur, die leicht verschieden ist von anderen Orten, wie vielleicht die Wolkendecke oder auch nur die filternden Schichten ein anderes Licht auf die Stadt werfen. Besonders an den kühleren Tagen im Sommer.

Das ist Heimat für mich. Nach dem Abitur lebte ich für einige Zeit in Ecuador, und das war es, was ich am meisten vermisste: Das Nachmittagslicht. Das Licht, das schräg und leicht fällt, gegen fünf Uhr an einem Tag im Juni. Es gab noch etwas anderes, was mir fehlte: Auf der Straße essen zu können. Nachts durch die Stadt zu laufen. Ich hatte einen wieder kehrenden Traum: Ich lief nach Hause, vom Roseneck aus den Ku’damm entlang, es war dunkel, und ich aß auf dem Heimweg einen Döner.

Döner essen. Das ist ein Gericht, das alle zehn Finger benötigt, zumindest bei mir. Ich habe ihn in den Händen, oben Brot, unten Brot, dazwischen eine bewegliche Ansammlung von Essen. Ich habe meine Diplomarbeit über Brot geschrieben, vielleicht auch deswegen, und seine Anziehungskraft in vielen Kulturen, Essen zu sammeln: Hamburger, Sandwiches, Tortillas, Döner, Schawarma, Klappstullen mit allem, was der Berliner Kühlschrank so hat (Schnitzel, Käse, Wurst).

Ich weiß, dass der Berliner Döner kein original türkisches Gericht ist. Dafür ist er ein Berliner Gericht. Ich habe die Berliner Mischung aus frischen Gurken, Tomaten, Salat und Saucen immer vermisst. Ich weiß, dass die Münchner Mischung, beispielsweise, Unmengen an Fleisch und Weißkraut, manchmal Rotkraut, näher an einem vermeintlichen Original dran sein soll. Trotzdem habe ich immer weitergesucht. Oft kam die Türkische Pizza (Lamacun) näher an den Geschmack heran, den ich mit meinem Döner vermisste – in Mainz wurde das mein Go-to-Essen.

Die Saucen. Knoblauch Kräuter Scharf. Im Grunde ist meine persönliche Kombi Knoblauch-Scharf, aber manchmal denke ich, ein bißchen Kräuter schadet auch nicht. Vor allem meine Zeit in Westdeutschland hat dazu geführt (wo es die so nicht gab), dass ich die rosane Knoblauchsauce immer nehme, wenn es sie gibt und heiß und innig liebe.

In Moabit gibt es den wunderbaren Beusselgrill. Er blickt über die Gleise. Neben dem verlassenen Turm an der Beusselbrücke, in den ich irgendwann einziehen will, hat er eigentlich immer offen, wenn ich dort vorbeikomme, vom S-Bahnhof den Heimweg auf die Moabiter Insel einschlage. Auch wenn die Küche dort partiell schon zu hat, gibt es dort immer noch etwas zu essen, und den Blick aus den großen Fenstern im Raum nach hinten hinaus. Und Tee.

Dieser Beusselgrill ist genauso mein Zuhause wie die Markthalle, die Spielplätze, die großen Gemüseläden wie der BOLU, die zahllosen kleinen Imbisse, und die Leute, die ich auf der Straße treffe und mit denen ich zum Teil aufgewachsen bin. In Mainz habe ich mich am wohlsten in der Neustadt gefühlt, und in München bin ich den Weg vom Hauptbahnhof immer zu Fuß gegangen, durch die Schillerstraße.

Es ist nicht meine Heimat, die Seehofer wieder herstellen will, wenn es ein Deutschland sein soll, das völlig weiß ist, ist es nicht das Land, in dem ich aufgewachsen bin. Ich fühle mich unvertraut, wenn alles homogen ist. Das ist nicht mein Zuhause. Es fühlt sich nicht ruhig oder sicher an.

Als ich Ende 2017 für eine kleine Umfrage zum Jahresende noch ein paar Stimmen aufnehmen wollte, bin ich einmal um den U-Bahnhof Turmstraße gezogen. Neben Menschen, die direkt vom LaGeSo kamen, habe ich mit Leuten gesprochen, die gerade einen Ausbildungsplatz bekommen haben, und am Dönerstand am Westausgang des U-Bahnhofes nicht nur eine flammende Rede gegen die AFD gehört, sondern auch noch eine Hymne auf den dort verkauften Döner (hier am Ende des Audiofiles).

Und dann sind wir mit den Jungs noch zu einer Beste Energy Cipher gegangen („Beste“ ist das Kennwort der Moabiter – wegen „Moabit ist Beste„). Das ist Free Style Hip Hop, im Kreis, mit Leuten, die sich kennen, mögen und vertrauen und das Mikro rumgeben und übernehmen, so wie es gerade der Flow ergibt. Und die Menschen, die genauso unterschiedlich sind, wie sie aussehen, ob jetzt mit Lampenbeleuchtung, im Tageslicht oder in dem Licht, das das ganze Jahr über am Nachmittag neue Winkel findet, in denen es auf der Erde ankommt.

Wie man eine Ente in Berlin macht

Es ist der 25. Dezember, ein Montag, 13.20h. Weihnachten hat staatlich freie Feiertage, und es wird auch immer viel gegessen. Mit Tradition oder ohne. Und wenn, unter Einbeziehung sehr unterschiedlicher Traditionen. Eine sehr klassische ist: Heiligabend (der 24.) Kartoffelsalat und Würstchen oder Fisch, weil das eigentlich noch ein Fastentag ist. Und dann am 25., dem ersten Weihnachsfeiertag, der Braten. Oft ein großer Vogel.

Wie gesagt, es ist 13.20h, da muss es langsam losgehen. Für alle, die noch nicht genau wissen wie, hier ein Rezept: Hilfreich, schnell, kompetent:

Wie man eine Ente in Berlin macht (Audio-Link / ein kleines Spontaninterview beim Betriebseingang der Komischen Oper Berlin)

Spandau Nord

Das Schwimm-Blog Berlin hat über mein Berliner Lieblingsschwimmbad geschrieben!

In Berlin existiert die schönste, abwechslungsreichste Bäder Landschaft die es in Deutschland gibt. Durch die Tatsache der geteilten Stadt gibt es die unterschiedlichsten Bautypen. Kombibäder zum Beispiel im Westteil, sogenannte Volksschwimmhallen im Ostteil der Stadt. Identischer Bautyp bedeutet noch lange nicht identisches Innenleben. Durch Sanierungen, die mal lieblos unter dem Motto „hau raus die Kohle“,…

über Stadtbad Spandau Nord — www.schwimm-blog-berlin.de Blog Feed

Meer, Moabit und das Areal um den Lehrter Bahnhof

Als die Billigfluglinien aufkamen, flog man mit Ryan Air nach Frankfurt Hahn, nach London Stansted,  nach Paris Beauvais. Ebenso fuhr man Ende des vorletzten Jahrhunderts von Berlin mit Ziel Hannover eben nach Lehrte, eine kleinere Stadt im Umland. Ausgangspunkt war einer der Berliner Kopfbahnhöfe (wie auch der Schlesische, der Görlitzer), eben der Lehrter Bahnhof, am Rande von Moabit. Als er an die Stadtbahn (die S-Bahn, die Charlottenburg und den Schlesischen Bahnhof verband) angeschlossen wurde, bekam er den schönen Namen „Lehrter Stadtbahnhof“. So nennen ihn viele Berliner noch heute, auch wenn er im Zuge der Wiedervereinigung und des Hauptstadtumzugs zum Hauptbahnhof umbenannt und umgebaut wurde, den Berlin mit seinen vielen Zentren historisch nie so hatte (mal war die Friedrichstraße die Hauptanlaufstelle für Ankommende wie in Kästners „Emil und die Detektive“, mal waren es der Ostbahnhof und der Bahnhof Zoo, die meiste Zeit war der Name „Berlin Hauptbahnhof“ jedoch nicht vergeben).

Die Fläche um den Lehrter Stadtbahnhof eignete sich für den Bau eines Hauptbahnhofes nicht nur wegen ihrer Nähe zum historischen Zentrum, zum Brandenburger Tor und zum Bundestag, sondern auch, weil sie wenig bebaut war. Dort verlief die Grenze der geteilten Stadt, der Todesstreifen, das Mauersperrgebiet. Außerdem aber war da die Brachfläche unweit des ehemaligen Zellengefängnis Moabit. Das wurde in den 1840er Jahren als „Musterstrafanstalt“ gebaut. Jeder Gefangene hatte dort seine eigene Zelle.

Unmittelbar schlossen sich Exerzierplatz und Kaserne an. Auf dem Gelände dieser Kaserne liegt heute das Stadtbad Tiergarten, zusammen mit dem Exerzierplatz ging das Gelände an die Post und wurde als „Poststadion“, ursprünglich für die Ertüchtigung der Postbeamten im Rahmen des Postsportvereins, eine zentrale Sportstätte der Moabiter. Der Name „Poststadion“ ging über auf das bis Anfang der Nuller Jahre dort gelegene Freibad und auch auf das Stadtbad Tiergarten, in dem ich, wie auch viele andere Moabiter, schwimmen gelernt habe. Wenn man heute über das Gelände streift, begegnet man dem alten Backsteinbau, von dem viele nicht mehr wissen, dass es mal ein Gefängnis war. Laut Mitarbeitern der Lettretage könnten die leerstehenden Zimmer für Kulturschaffende genützt werden.

In diesem Gefängnis schrieb der im Dezember 1944 inhaftierte Widerstandskämpfer Albrecht Haushofer, der als die Niederlage bereits absehbar war, zusammen mit ausgewählten anderen Gefangenen auf dem Marsch durch die Invalidenstraße ermordet wurde, innerhalb dieser kurzen Monate 80 Sonette, die sich in seiner Manteltasche fanden. Eines dieser „Moabiter Sonette“ handelt vom Meer, es war mit ausschlaggebend für die Benennung dieses Blogs.

Haushofer Sonett Wind vom Meer

 

 

Aus dem Nichts (Fatih Akin)

Pünktlich zum Abschlussbericht des Hessischen NSU-Untersuchungsausschusses kommt Fatih Akins NSU-Hinterbliebenen-Drama „Aus dem Nichts“ in die Kinos. Der Film war für die goldene Palme in Cannes nominiert, konnte aber nur einen Preis für seine Hauptdarstellerin Diane Kruger mitnehmen. Die dominiert den Film in fast jeder Szene. Warum ist aus der Geschichte der NSU-Morde ein Film über das Leiden einer Deutschen geworden? Aus demselben Grund, aus dem der hessische Verfassungsschutz von dem geplanten Mord an Halit Yozgat im April 2006 in Kassel gewusst hat, aber nichts dagegen unternommen hat?

Braucht es das Leiden einer Deutschen, um sich zu identifizieren? Fatih Akin hat Erfahrung in der Besetzung bunter Casts – die Wahl auf die blonde Darstellerin Diane Kruger ist wohl nicht zufällig gefallen. An ihr inszeniert er eine fiktive Tragödie im Schatten der NSU-Morde. Die Unausweichlichkeit der antiken griechischen Tragödie nimmt er mit bis in den Schauplatz des dritten Teils, für den in Griechenland gedreht wurde und in die Besetzung von Diane Kruger, die mit der Rolle der Helena in „Troja“ ihren Durchbruch hatte.

Die realen Fälle dienen als zeitgeschichtliches Tableau, auf dem Akin ein Drama inszeniert, für dessen Funktionieren er einige Bedingungen konstruieren muss – und so wirkt der Film zunächst auch: Konstruiert. Eine Reihe von Szenen, die alle etwas zu gewollt wirken, die Kamera wackelt, Dialoge wie im Fernseh-Abend-Krimi: „Fühlen Sie sich in der Lage, uns bei den Ermittlungen zu helfen?“ „Kann das nicht bis morgen warten?“ „Gibt es jemanden den Sie anrufen können?“

Der Film kommt zu sich in der Ruhe der Kamera, in den Einstellungen, die den Szenen Raum geben, mehr zu sein als die Umsetzung der für die Handlungen notwendigen Informationen. Er verwendet viel Zeit auf die Exposition, und wo er Bilder verwendet, wird er oft sehr explizit metaphorisch:

Im Übersetzungsbüro, das zum Tatort wird, dem Ort, an dem eine Resozialisation gelungen ist, Flugtickets gebucht werden, zwischen Sprachen gewechselt wird, spritzt Blut auf eine Weltkarte.

Es regnet, es regnet über die bodentiefen Fensterscheiben der eskapistisch inszenierten Wohnung im Grünen, es regnet über die zu Tryptichen angeordneten Fensterscheiben im Polizeipräsidium. Der Schatten von Regentropfen läuft über Diane Krugers Gesicht, das große Teile der Laufzeit des Films im Fokus steht.

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Wasserblogs

Ich wollte einen Schwimmbadroman schreiben. Was man beim Schwimmengehen in der Großstadt, noch dazu einer mit einer so kreativen Verwaltung wie Berlin, alles bedenken muss, was einem unterkommt, was ich erlebt habe. Selbstverständlich alles autobiographisch. Sozusagen ein Enthüllungsroman in Badekleidung. Und vom Schwimmen selbst, vom Wasser. Von der Bewegung, vom „Gleiten, Ziehen“ (Blauer Abend in Berlin, Oskar Loerke), der veränderten Erfahrung nach dem Auftauchen.

Nun habe ich festgestellt, dass Chlorhuhn (Petra) diesen Text bereits geschrieben hat.

Ich lasse mich durchs Wasser gleiten. Ein Armzug, die Arme dann eng an den Körper gelegt. Dann spüre ich erneut, wie das Wasser an mir vorbeiströmt. Wie ich hindurch gleite. Auf dem Edelstahlboden des Beckens sehe ich meinen Schatten. Zum Spaß mache ich einen Delfinkick. Einfach, um meine Kraft zu spüren. Alles verschwimmt in diesem Moment. Ich bin ganz bei mir und freue mich auf die jetzt noch knapp 3.000 Meter, die vor mir liegen. An manchen Tagen flößen sie mir ein bisschen Respekt ein, an manchen nicht. Ganz egal, wie gut oder schlecht das Folgende läuft – die ersten paar Meter unter Wasser, dieses Gleiten und Spüren der Strömung – das ist für mich immer das Schönste am Schwimmen!“

(Chlorhuhn am 26. 12. 2014)

Gestolpert bin ich über ihren Blog über den von Kraulquappe („Eintauchen in eine chlorreiche Gegenwart, einer verschwommenen Zukunft entgegen“), der ich bereits seit einiger Zeit folge. Die Schwimmblogger*innen begehen gerade das (offensichtlich offizielle) Ende der Freibadsaison.

(Berlin hat, wie üblich, in jedem Bad eine unterschiedliche Regelung, die meistens im Bad aushängt, dann aber auch noch mal spontan geändert wird, also typisch Berliner Schwimmbadzustände, in diesem Fall aber in seiner Kreativität flexibel,so dass hier weiterhin Bäder offen haben! Das Strandbad Plötzensee hat übrigens ebenfalls noch offen, steht nicht auf der Website, kann sein, dass auch andere noch offen haben, ausprobieren! #derberlinersonderweg)

Dass über Wasser zu schreiben genug Stoff für ein ganzes Schriftstellerwerk ist, weist John von Düffel seit 1998 nach. Auch er beschäftigt sich mit dem Schwimmen in einer minutiösen Detailperspektive. Dieser Fokus auf einzelne Dinge ist tatsächlich eine Perspektive, die beim Schwimmen entsteht. Die Zeit, die es braucht, Bahnen zu schwimmen, geben einen Rahmen vor. Das Einatmen, Eintauchen, Durchziehen wiederholen sich. In diesem Zeitraum ist Platz dafür, Gedanken nachzuhängen, an einer Erinnerung hängen zu bleiben, aber auch eine Bewegung ein paar Bahnen ganz bewusst zu beobachten. Das Wasser zu spüren bedeutet, eine Grenze für den eigenen Körper zu spüren, da hört er auf. Wenn ich nichts anderes spüre, weiß ich: Das hier ist mein Körper, da ist das Wasser. Es gibt Ruhe, Zeit und Fokus. Rhythmus und Bewegung. Das spiegelt sich auch in der Erzählweise der Wasserblogger und Ehren-Wasserblogger-in-Printversion wie John von Düffel wieder.

Der Hessische Rundfunk hat über diesen Zusammenhang einen 14-minütigen, aber sehr informierten Tonbeitrag (klicken:hören) gemacht.

Die Freibadsaison mag bald vorbei sein, aber die Seen handhaben diesen einheitlichen Saisonzyklus, so wie ich das überblicke, flexibel. Und es gibt ja noch das Hallenbad. Aber das ist eine (nicht völlig) andere Geschichte.

Auf See, Notizen zur Gartenlesung

Es hakt etwas mit den Transporten in der megavernetzten superglobalisierten Welt, alles ist noch nicht ganz nah. Der Verlag Frohmann stellte sein neues (E-/)Buch vor, das elektronisch bereits veröffentlich ist, nur das Paket mit der Printausgabe hängt noch in der Post. Der nächste Transport kommt aber bestimmt. Große Teile des Textes wurden gestern bereits gelesen, wenn ich das richtig verstanden habe, und darum schreibe ich über die Hörversion. Jetzt ist gestern noch frisch, die Gedanken und die Stimmung vor, während und nach dem Gewitter und unter den Flugzeugen, die wegen des Wetters die Route über das Frohmannsche Haus genommen haben.

Seefahren, auf dem Wasser unterwegs sein, über Land fahren, woanders hinkommen, Flugzeuge sind heute oft das Mittel der Wahl. Einfach einmal drüber. Darunter ist alles gleich überwindbar, keine Steigungen oder Wegbeschwerden auf staubiger oder schlammiger Straße. 1977 wurde das Flugzeug „Landshut“ entführt und überflog mehrere Länder, landete zum Nachtanken zwischen und flog schließlich mit einer kaputten Maschine Mogadischu an, weil andere Flughäfen gesperrt waren. Damit nahm ein kompliziertes Netz an Kommunikation der Staaten Somalia und Deutschland seinen Ausgang, in diplomatischen Absprachen und Kontobewegungen, auch die Reiseverbindung war teil davon, tatsächlich wurde ein Direktflug Frankfurt-Mogadischu eingerichtet. Michaela Maria Müller hat in den Archiven des Auswärtigen Amtes mit ihrer Recherche Facetten der Konstellation gefunden, die über das Allgemeinwissen „Landshutentführung“ hinaus gehen.

Deutsch-Somalische Verquickungen hin und zurück: 2012 fand in Hamburg der Piratenprozess statt. Mit einem Piraten an Bord darf man eigentlich keinen Hafen anlaufen (merken für alle Fälle), darum wurden die Piraten, die „auf hoher See festgenommen“ wurden, an der somalischen Küste wieder frei gelassen, bis sich Deutschland bereit erklärte, in Hamburg, wo das internationale Seegericht sitzt, den ersten Piratenprozess seit mehr als 400 Jahren zu veranstalten.

Urteil: Nichts nachweisbar, nichts nachprüfbar, denn man kommt dazu nicht genug ins Land. Es ist schwer, nach Somalia reinzukommen, nicht nur wegen der Grenzen, sondern weil es eine geschlossene Gesellschaft ist.

Diese Recherche bildet den 1. Teil von „Auf See“ . Und zwar den Hintergrund, wie in einem Bild, in dem die Maler*in erst die Landschaft anlegt. Er ist erzählt wie die Geschichtsschreibung von Cicero, mit den handelnden Politikern als Helden. „würde sie dem stattgegeben haben …“ hätte sich das und das ereignet (ich warte auf das Buch, um das nachzulesen, was ich nicht mitschreiben konnte), entlang der Entscheidungen von Menschen.

Geschichte wird ja oft weitergegeben durch Geschichten, als mich eine in der DDR aufgewachsene Freundin fragte, was denn die Landshutentführung war, sagte ich, „Hm, also damals wurde ein Flugzeug aus Frankfurt entführt, und es war …“

Es mag ein seltener begangener literarischer Weg sein, Fakten und Fiktion zusammen zu stellen, aber es ist letztlich dieselbe Geschichte in der diese fiktiven Menschen und wir leben. Diese Fiktion anonymisiert die Geschichte von zwei Menschen, sie werden dadurch nicht aktenkundig, weil die Quellen nicht festgehalten werden müssen.

„Die Kinder hatten die Stadtgebiete unter sich aufgeteilt“ wie die Erwachsenen es mit der Welt erfolgreich versuchen, abgesehen der Wassergebiete vor der Küste Somalias, dort herrschen keine Gesetze, was die Fischerei der einheimischen Fischer erschwert, weil das Recht des Stärkeren herrscht, das Recht des größeren Bootes und der größeren Fangnetze.

Samir wird Pirat, weil er keine großen Berufs-Alternativen hat. In „Holzkohle und Zucker ist die kenianische Armee verstrickt“. Er ist ungelernt und bekommt ein viertel von seinem Kollegen, der Fischer ist, um an der Küste im Ruderboot Fracht zu transportieren.

Es geht um Transportwege, was Menschen verbindet, um die Menschen hinter den Zahlen der Statistik und ihre Geschichten, um das Aufeinandertreffen, von einem Hin und einem Her in einer Welt mit verstrickten Hintergründen über die uns Sachbücher informieren, in der Menschen leben.

Ich schreibe mehr, wenn das Buch endlich da ist, auf dem Postweg, hoffentlich übermorgen.

 

Nachtrudern

Bin völlig unvorbereitet und -eingenommen um acht Uhr abends im Verein angekommen, nach einer Hinfahrt zwischen schwarz-gelb-gekleideten Fussballfreund*innen mit Bockwurst auf dem Handteller.

Ich dachte, wir fahren einfach ein bißchen am Abend. Es war ja noch hell, heller als es im Winter mittags je wird. Als ich die Verteilung der Kühlboxen und Lebensmitteltaschen auf die zwei Boote beobachtete, wurde mir jedoch klar, dass es sich um eine Wanderfahrt handelte, obendrein noch um eine sogenannte Zielfahrt, eine Untereigenheit der Ruderer*innen, ihre Fahrten zu kategorisieren und in Sommer-, Winter- und Jahreswettbewerben zu feiern: Es macht nichts, wenn man nicht daran teilnimmt, aber wenn man eh schon mal rudert, gibt es immer wieder mal Versammlungen mit Medaillenverleihungen, z. B. wenn man vom 1. April bis 31. 10. (der Ruderer-Sommer, hat nichts mit Temperaturen zu tun, auch wenn es vorher oder nachher warm ist) mindestens 4 Zielfahrten und mindestens 800 km (in meiner Altersklasse) gerudert ist. Eine Zielfahrt braucht mindestens 20 km (und das Erreichen eines anderen Zielbereiches als des Heimatzielbereichs (in unserem Fall Zielbereich 2, Erklärungen im unter „Sommer“ verlinkten PDF 🙂 ), also sind wir 20 km gerudert. 10km hin, zu Welle Poseidon am Wannsee (Zielbereich 3), haben da Pause gemacht, der Mond wanderte von hinter einem Baum beständig nach rechts, während wir auf der Terrasse saßen, aßen, tranken, die Lichter auf dem Wannsee sahen, die Fußballfans beim Elfmeterschießen stöhnen und grölen hörten, und um 23.14 der Mond völlig rund wurde (wurde mir gesagt). Read More

Bücher haben

Gerade habe ich ein paar Blogeinträge darüber gelesen, Bücher auszusortieren. Und einige Kommentare dazu.

Bücher haben ist für mich ein Glück, eine Art vorelektronisches Internet, in dem alles steht und ich dem ich alles nachschauen kann, so weit ich komme. Es ist nicht so groß wie das Internet, und es steht nicht alles drin, was im Internet steht, aber man kann ja mal loslaufen in die Richtung, und lesen was am Weg liegt, und ausgelesen habe ich die Bücher bis jetzt noch nicht. Viele Lexikonartikel, unterschiedlich alt, vom Brockhaus meines Opas, die ältesten Bände von 1922, bis zur Veröffentlichung der Heinrich-Böll-Stiftung aus dem letzten Jahr, verweisen auf Pfade, deren Ende ich noch nicht erreicht habe.

Ich sortiere Bücher in den Regalen nach Belletristik, Kinderbüchern, Sachbüchern und Lexika, Belletristik und Kinderbücher alphabetisch nach Autor*innen (die Anthologien in einem Extra-Brett), die Sachbücher und Lexika nach Themengebieten, damit ich schnell alles finde, wenn ich etwas suche, wenn ich mit jemanden rede, und mir einfällt, dazu habe ich …

Darum gebe ich nur Bücher weg, die mir nichts gesagt haben. Andere möchte ich noch mal lesen oder etwas nachschlagen, und vor allem: verleihen, und zwar gezielt verleihen. Ich finde den Gedanken, Bücher zu verschenken sehr sympathisch, damit das Buch nicht in der Zeit, die es im Regal steht, bloß vor sich hinschweigt. Aber woher weiß ich, ob es dann nicht in einem anderen Regal steht?

Ich verleihe gerne Bücher, wenn ich mich Menschen rede, die ein Thema beschäftigt, oder die gerne mal wieder lesen würde. Als Einsteigerbuch für Leute, die behaupten, Lese mache ihnen einfach keinen Spaß mehr, verleihe ich fast immer das Wetter vor 15 Jahren, das funktioniert ebenso fast immer als Wiedereinstiegsdroge oder als Hoffnung für Leute: Vielleicht lese ich doch ganz gerne.

Ich habe mal ein altes Telefontischchen gekauft, weil ich die Farbe des Holzes schön fand. Da, wo die Telefonbücher hingehören, befand sich lange mein Stapel ungelesener Bücher. Oder angefangener und wieder weggelegter Bücher. Manche Bücher lagen dort sehr lange, und ich habe sie trotzdem gelesen. Manchmal passen sie einfach nicht in das Leben, das man gerade führt. Lady Chatterley habe ich drei mal angefangen, bis mich die Realität der 10er Jahre in der englischen Pampa mit der Beschreibung einer Jugend in der deutschen Reformpädagogik (!) eingesogen hat. Ungelesene Bücher sind Bücher im Zustand des Noch-Nicht-Gelesenseins, für Zeiten im Leben, die man noch nicht gelebt hat.

Das Buch Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat wanderte 2007 als Smalltalkhilfe für Akademiker*innen durch die Presse. Es geht aber um den permanenten Zustand des Nichtgelesenseins aller Bücher die man gelesen oder nicht gelesen hat.

Wer schon einmal ein Buch zweimal gelesen und beide Male unterschiedliche Dinge darin gefunden/erlebt/entdeckt hat, kann sich die unzähligen Male vorstellen, in dem sie/er* dieses Buch noch nicht gelesen hat.

Einzelne Bücher habe ich mehr als zwanzig mal gelesen, manchmal von hinten (ich will nur den Schluss noch mal lesen, doch den letzten Teil, vielleicht noch ab dem zweiten Kapitel, und dann am Schluss, den Anfang noch mal und manchmal bis zum Ende durch). In anderen habe ich nur einzelne Stellen nachgeguckt, auch zitiert bzw. in Briefen abgeschrieben.

Als ich Todorovs Eroberung Amerikas, von dem ich dachte, ich hätte seinen Inhalt fast vergessen, für meine Magisterarbeit noch einmal las, stellte ich fest, dass ich die gleichen Gedanken und Passagen, die ich bemerkenswert fand, schon einmal angestrichen hatte (was ich ebenfalls vergessen hatte), und was mich in Zeiten der Plagiatsaffäre des Barons von Guttenberg sehr erschreckte, ich hatte große Gedankenkomplexe in meinen „allgemeinen gesunden Menschenverstand“ übernommen und für meine eigenen gehalten. Sie hatten mich so überzeugt, ich hatte sie gedanklich nachvollzogen, und mich an den Input weniger erinnert, weil der Gedankengang in meinem Kopf eine stärkere Erinnerung war, weil in ihm, auch emotional, nehme ich an, wenn ich die Erinnerungswissenschaft richtig verstanden habe, mehr erlebt habe.

Was mir jetzt wiederum nicht einfällt, ist, wie genau das Zitat geht, und vom wem es ist, und ob es es überhaupt wirklich gibt, dass Wissen immer ein Tropfen im Meer des Unwissens ist. An allen Enden des Tropfens, an jedem Punkt seiner Oberfläche, berührt er etwas, was ich nicht weiß. Was vielleicht niemand weiß. Ich glaube, das Zitat bezieht sich auf eine Weltkarte aus der Renaissance, und das Unwissen sind tatsächlich die Meere, und das entdeckte Land wird als gewusst eingezeichnet.

So sind jedenfalls Bücher für mich. Sie sind Bojen auf dem Meer dessen, was ich noch nicht weiß. Verleihen ist eine gute Möglichkeit, mehr darüber zu erfahren, wie man sie noch lesen kann. Drüber Reden hilft, mehr darüber zu entdecken, was man da eigentlich gelesen hat, weil im Erzählen plastischer wird, was vorher nur kurz angedacht war.

Wenn eine/jemand* beim Lesen auf den Gedanken kommt, mir ihre/seine* Lebenssituation zu beschreiben, und mich nach einem Buchtipp zu fragen, dann wäre das für mich die allergrößte Freude.