MEER

Als Kind klangen für mich „Meer“ und „mehr“ gleich. Das ist für mich immer haften geblieben. Meer ist mehr. Mehr von Wasser, mehr von Weite, mehr als Land.

Im Atlas sieht man die Kontinente, die wie ein Puzzle zusammenpassen zu scheinen, man lernt, wie sie sich bewegt haben, auseinander, zusammen, auf unterirdischen und in diesem Fall auch unterseeischen Lavaströmen.

Und um sie rum die blaue Fläche in verschiedenen Tiefen, verschieden dunkles Blau, das die Legende am Rande der Karte als verschiedene Metertiefen auflöst.

Größtenteils sind es Meere, die die Kontinente voneinander trennen. Oft stellen sie auch Landesgrenzen da. Hier Land, da Wasser, hier Staat, da Hoheitsgebiete, auf denen gefischt werden darf und Erdöl gebohrt werden kann, dahinter internationale Seegewässer. Auf denen fahren Schiffe, die eine Flagge brauchen, wieder zu einem Staat gehören, kleine extraterritoriale Staatsgebilde mit eigenem Seerecht.

In einer Zeit, in der Grenzen immer wichtiger werden, in der Landgrenzen besser ausgeleuchtet werden können durch moderne Technik, Kameras, Beleuchtung, Infrarotsuchgeräte, bildet das Meer eine merkwürdig hybride Grenze. Wasser verändert Sandstrukturen, Felsen, schabt an Mauern, bildet Rost, verändert seinen Höhenstand, treibt oder zieht sich zurück. Gischt, Luftfeuchtigkeit, Nebel, Gewitter erschweren die Sicht. Ungleiche Machtverhältnisse führen zu unterschiedlichem Druck auf Menschen in unterschiedlichen Ländern, und zu unterschiedlichen Lebensbedingungen und Möglichkeiten, das eigene Leben zu gestalten bis hin zu essentiellen Menschenrechten wie Unversehrtheit, Nahrung, Wasser.

Es sind zunehmend die Grenzen, die das lösen sollen. Not, Unsicherheit durch menschengemachte und umweltgemachte Bedingungen, die sich nicht ausweiten sollen, die woanders bleiben sollen. Es soll mehr Sicherheit geben, zu kontrollieren, wo das ist. Zu kontrollieren, wohin sich die Menschen bewegen, die davor fliehen. Die manche verantwortlich machen. Genauere Regelungen. Klarere Regelungen. Striktere Regelungen. Mehr Kontrollen.

Und seit Jahrzehnten (Jahrhunderten) Menschen, die sich bewegen. Über das Wasser und über Land.

Schon die documenta 2002 zeigte Bilder vom Meer, in die Namen und Ausweise von ertrunkenen Flüchtenden eincollagiert waren. Das war die documenta, in der parrallel die Elbflut stattfand und Bilder von Dämmen und auf dem Wasser treibenden Schlauchbooten über Bildschirme in der Karlsaue flimmerten.

Menschen ertrinken auf dem Weg nach Europa übers Meer. So wichtig erscheint ihnen der Weg, dass sie es in Kauf nehmen, zu sterben. Wie auch immer man das sieht, was auch immer man für Motive annimmt, das muss man begreifen. Was sie bewegt, ist schlimm genug, dass ein möglicher Ertrinkungstod eine Alternative darstellt.

Boote auf dem Meer, die einen Weg bedeuten, die Möglichkeit, einen anderen Ort zu erreichen. Und zugleich Boote, die von anderen Häfen aufbrechen, Freizeitboote, Dampfer, Yachten, über dasselbe Meer.

Die Möglichkeit, über das Meer ein anderes Leben zu erreichen, ging auch von Europa aus. Das Auswanderermuseum in Bremerhaven hat eine großartige Dauerausstellungen zu den Motiven, Wegen und Schiffen dieser Migrationsbewegung.

In einer sicheren Wohlstandsgesellschaft ist Wassersport der Sport der Reichen. Er steht für Freizeit („Am Sonntag will mein Süßer mit mir Segeln gehn.“), Freiheit, Ausspannen.

Die Möglichkeiten, die das Wasser bietet. Die Bewegung, die Wellen, wie es das Licht fängt. Beim Rudern an der Pfaueninsel Pause machen, den Alltag vergessen in der gleichmäßigen Bewegung, in den Farben der verbeiziehenden Bäume.

Das Wasser gleicht seine Oberfläche immer wieder aus. Am Horizont, am Meer erscheint es als Linie. Unter dem Himmel, von dem es im Schöpfungsbericht der Bibel durch Trennung geschaffen wird: „Und Gott machte die Wölbung und schied die Wasser, die unterhalb der Wölbung von den Wassern, die oberhalb der Wölbung waren.“ (Genesis Kapitel 1, Vers 7, Elberfelder Übersetzung). Im Hebräischen trennt Gott Mayim (מים )  von Schamayim ( שמים ), Wasser von Himmel, beide Wörter phonetisch in einem Mengendual, Wörter, die nicht im Singular bestehen können. Die Himmel. Und die Wasser. Die in der Optik, in der Malerei die Farbe des jeweils anderen wiedergeben.

Der Blick in die Ferne, die Weite, ist in Alfred Anders‘ „Sansibar oder der letzte Grund“ der Blick in die Freiheit und der Blick in die Sehnsucht. Die Möglichkeiten, die in der Bewegung und letzten Unkontrollierbarkeit des Wassers liegen stehen für die Freiheit, etwas anders zu machen und die Enge, wenn nur noch ein Ausweg bleibt: der, der keine Sicherheit bietet.

 

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Erzählungen

(1)

Als ich einige Zeit in Israel verbrachte, mussten wir der Studienleitung unterschreiben, dass wir nicht Bus fuhren und nicht in Cafés in die Jerusalemer Neustadt gingen. Es gab in der Abtei, in der ich wohnte, einen Bunker, der für den 1. Irakkrieg 1990/91 angelegt worden war, und in dem sich mittlerweile Regale voller Bücher befanden, die ehemalige Studienjährler dort liegen gelassen hatten, um Gepäckgewicht für den Rückflug zu sparen. Das Internet benutzte ich in dieser Zeit nur über den gemeinsamen Kopier- und Computerraum, weil mein mobiler Rechner, den ich immerhin schon hatte, kein Modem besaß. Ich las in dieser Zeit zwischen drei und sieben Bücher die Woche, schleppte immer ein paar hoch, und die ausgelesenen wieder runter, es fiel kaum auf, weil in den Lagerregalen so viele Bücher standen, viele doppelt.

Siegfried Lenz, Heinrich Böll, Maupassant, eins neben dem anderen, unterschiedliche Ausgaben, unterschiedlich abgegriffen, unterschiedlich lang.

Wie viele Erzählbände darunter waren, ist mir erst später aufgefallen. Auch in den folgenden Jahren, in denen ich, wieder in Deutschland zurück, kein Internet zu Hause, sondern nur in der Uni hatte, las ich Autor*innen „weiter“, also mehr Werke aus derselben Feder, wenn mir eins gefallen hatte. Vielleicht entspricht das dem Weiterklicken in neuen Tabs, wenn man sich beim Surfen in ein Thema vertieft. Ich weiß nicht mal, ob ich bei F. S. Fitzgerald mit den Romanen oder Erzählungen angefangen habe – hängengeblieben sind sie mir gleichermaßen.

Erst als ich im Herbst 2017 ein Seminar bei der Bayerischen Akademie des Schreibens mit dem Titel „Erzählungen – Groß im Kleinen“ besuchte, wurde mir klar, dass die Erzählung die kleine, vernachlässigte Schwester des Romans ist.

Die Energie, die es bedeutet, sich in eine Geschichte neu hineinzufinden, muss man im Laufe eines Erzählbandes immer und immer wieder aufbringen, die Trauer, die einen befällt, wenn man sich von der Welt, in der man kurz zuhause war, verabschieden muss, annehmen.

In Zeiten, in denen man viel zu tun, aber dennoch halbwegs Zeit zum Lesen hat, bedeutet ein Roman kleine Möglichkeiten, in ein Vertrautes zurückzutauchen, das einen manchmal über einen Zeitraum begleitet und ein ereignisreiches Vierteljahr zusammenhält.

Warum also Erzählungen überhaupt noch lesen? Warum also, außer dass der geneigte Schwimmbadblogger John Cheevers „Der Schwimmer“ einfach nicht auslassen kann? Oder Heinrich Böll in allen seinen Romanen dramaturgisch irgendwo einknickt, was man ihm zwar gerne verzeiht, um das man in seinen Erzählungen aber herumkommt?

Billard um Halbzehn„, ein Roman, den ich sehr liebe, und dem ich diese dramaturgischen Mängel verzeihe, ist für mich der Böll, der die Nachkriegszeit in einen tragischen Kontext stellt. Vielleicht bricht er zurecht wie die im Roman zentrale Brücke immer wieder ein, weil die Gegenwart, die in einen Kontext von Vergangenheit, parallel existierenden Geschichten und Zukunft gestellt wird, zusammenbrechen muss unter der Bürde der Narrative die sich in ihr kreuzen und die sie auffangen soll.

Einen Roman zu schreiben bedeutet eigentlich, eine Geschichte in einer Welt zu verankern. Die Welt abzubilden. Zusammenhänge herzustellen. Ein Roman ist mehr als marketinginstrumentativer Einordnungsversuch auf dem Buchcover der sagt: Lies mich! Ich verspreche dir eine Geschichte, die mit der Zugfahrt, die du gerade antrittst, beginnt, und erst am Reiseziel, wenn überhaupt, endet, dir wird nicht langweilig sein.

Den ganzen Blick, den ein Roman auf seine erzählte Welt nimmt, nämlich auch auf die Vergangenheit der Figuren, auf Entwicklungen, Zusammenhänge der in ihm verhandelten Themen miteinander, muss man erst mal werfen. In ihm fächern sich nahe und ferne Teile der Geschichte auf, der Erzählton ordnet sie zueinander an.

Man nimmt beim Lesen einen weiten Blick.

Ich habe den Verdacht, dass die aktuelle Erzählweise in der ersten Person Präsens, die nah am Erzähler bleibt, diesen Blick bewusst einschränkt, weil ein naher Blick eine viel höhere Konfrontation mit dem Erlebten bedeutet. Was näher ist, erscheint größer, absoluter, gerade weil der Kontext fehlt.

Heinrich Bölls Kurzgeschichten nehmen den Blick auf das Nachkriegsdeutschland auf wie nachhaltige Blicke aus der Eisenbahn, begrenzt durch die Metallumrahmung des Zugfensters aus einem Abteil, das mit sich bringt, was der Reisende mit sich bringt und nicht mehr erzählt als was in dem kurzen Abschnitt, auf dem wir den oder die Protagonisten begleiten, passiert – aber die Lücken in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit dem auffüllt, was sonst noch zu sehen ist. Und zwar in jedem Moment des Lesens von einem anderen Ort aus. Das gilt für Romane zwar auch, wegen des kleineren Rahmens und den dadurch entstehenden Lücken für die Erzählung aber im Besonderen. Es ist gerade der Blick, der noch nicht einordnet und der weniger hintergründige und vordergründige Erzählstränge zu einem lebensechten Bild zusammenfügt, der es der Erzählung ermöglicht, sich mit dem Hintergrund des eigenen Lebens zu verbinden.

 

(2)

Dieses Wochenende hatte ich „Das glückliche Paar“ von Somerset Maugham mit an den See genommen, weil ich „Oben an der Villa“ vom selben Autor sehr mag. Mir war nicht klar, dass es sich um eine Sammlung von Erzählungen handelt. Nirgendwo auf Cover oder Rückseite fand sich ein Hinweis darauf. Anstelle einer Inhaltsangabe findet sich folgendes Zitat des Autors auf dem Buchrücken:

„Ich schäme mich nicht, ’nur ein Geschichtenerzähler‘ genannt zu werden. Im Gegenteil, ich bin stolz auf diese Beschreibung meiner Tätigkeit. (…) Ich wollte immer Geschichten mit einer fortlaufenden Handlung. Ich hatte auch nie Angst vor sogenannten Pointen. Ich habe es immer vorgezogen, meine Geschichten mit einem Gedankenstrich zu beenden.“

Es ist eine höchst vergnügliche Lektüre, schon weil sich Maugham an keine Regel des Erzählens hält, wie sie in heutigen Textwerkstätten für junge Autor*innen verteidigt werden. Beim Lesen sah ich förmlich die Werkstättenteilnehmer*innen und Mitarbeiter von Verlagen mit der Rückseite der flachen Hand gegen die Absätze schlagen (wie ich es oft erlebt habe): „Das kann weg!“

Die Eingangsgeschichte mit dem Titel „Schein und Wirklichkeit“ (in der Übersetzung von Helene Mayer) beginnt beispielsweise mit den einleitenden Worten:

„Ich möchte mich nicht für die Wahrheit dieser Geschichte verbürgen, aber ein Professor für Französische Literatur an einer englischen Universität hat sie mir erzählt, und er war, glaube ich, ein Mann von zu lauterer Gesinnung, als daß er sie mir erzählt hätte, wenn sie nicht wahr gewesen wäre. Er hatte die Methode, die Aufmerksamkeit seiner Studenten auf drei französische Schriftsteller zu lenken, die seiner Meinung nach alle Eigenschaften vereinigten, die als Haupttriebfeder des französischen Charakters gelten können.“

Dieser Exkurs setzt sich über eine ganze Taschenbuchseite fort, bevor die eigentliche Erzählung beginnt, in der sich die im Verlauf der Eingangsanekdote beschriebenen Charaktere wiederfinden lassen – oder auch nicht. Die Geschichte erzählt im Übrigen die Beziehung eines Pariser Models zu einem Lokalpolitiker, die von unterschiedlichen Erwartungen und Einschätzungen der Beziehung (er bezahlt ihr ein Appartement und erwartet ihre Liebe, jedoch unter Beibehaltung des öffentlichen Anstands trotz Fortführung seiner Ehe) handelt. Diese widersprüchliche Vermengung von Bezahlung, erwarteter Authentizität des Gefühlslebens, Freundschaft und Loyalität unter gleichzeitig bestehenden Machtverhältnissen erschien mir einen klaren und erhellenden Blick auf derzeitige Arbeitsverhältnisse in Start-Ups und Arbeitsbedingungen, die ein hohes Maß an „Identifikation“ und „Eigenengagement“ einfordern.

Alle dieser Geschichten lassen sich höchst aktuell lesen. Mein persönliches Highlight ist „Das Gurren der Turteltaube“ (Übersetzung Claudia und Wolfgang Mertz), das den Einstieg eines jungen, vielversprechenden Autors in den Literaturbetrieb Wort für Wort so beschreibt, dass er aus dem Jahr 2018 stammen könnte.

„Ich schwankte lange Zeit, ob ich Peter Melrose mochte oder nicht. Er hatte einen Roman geschrieben und einiges Aufsehen damit erregt bei den kreuzlangweiligen, aber gleichwohl verdienstlichen Leuten, die ständig auf Talentsuche sind. (…) Ich las ein paar Rezensionen, sie widersprachen sich ungeniert. Einige Kritiker verstiegen sich zu der Behauptung, mit diesem ersten Roman habe sich der Autor seinen Platz in der vordersten Linie der englischen Erzähler erobert, andere verrissen das Werk. Ich las es nicht, denn Erfahrung lehrte mich, bei einem ’sensationellen‘ Buch ein Jahr zu warten. Es ist erstaunlich, wie viele Bücher man dann überhaupt nicht zu lesen braucht.“

Die Geschichte folgt dem Erzähler, wie er den Jungautoren mit einer Opernsängerin bekannt macht (die ebenfalls heute leben könnte), da ihm seine Recherchen für das nächste Buch allzu idealistisch erscheinen. Auch die Einschätzung des Ergebnisses dieser literarischen Bemühung könnte man heute in einem Seitengespräch auf einer Sommerparty des Literaturbetriebs aufgeschnappt haben:

„Im Lauf der Zeit erschien sein Buch, das wie viele zweite Romane junger Autoren nur ein mäßiger Erfolg war. Die Kritik hatte seinen ersten Versuch überbewertet und zeigte sich nun übermäßig streng. Natürlich macht es einen gewaltigen Unterschied, ob man einen Roman über sich und die von Kindesbeinen an vertraute Umwelt schreibt oder über der eigenen Phantasie entsprungene Figuren. Peters Buch war zu lang, seine hochbegabten Beschreibungen wucherten zu ungezügelt, der Humor war immer noch recht ordinär, aber die Epoche hatte er geschickt getroffen und die Liebesgeschichte besaß jenes Feuer echter Leidenschaft, das mich an seinem Erstling so beeindruckt hatte.“

Der Erzähler, ebenfalls ein Schriftsteller, erscheint hier in seinem Urteil zu mehr Differenzierung und Ambivalenz bereit (oft ist es ja ein Nebeneinander von Stärken und Schwächen, was ein Buch ausmacht) als die Kritik, nicht ohne es sich nehmen zu lassen, auf den letzten Seiten der Erzählung einen Eindruck der Opernsängerin, die das Vorbild des zweiten Romanes des Jungautors war, in eigenen Worten zu beschreiben, die vielleicht mehr Klarheit und erzählerische Kraft haben als die „hochbegabten Beschreibungen“ des Romans, weil er ihr ihre Ambivalenz lässt.

(W. Somerset Maugham: „Das Glückliche Paar“, Diogenes 1972)

 

(3)

Eigentlich wollte ich die Tage am See nutzen, um einen zusammenhängen Roman zu lesen und sie nicht auseinanderpflücken, indem ich eine Erzählung nach der anderen las, doch es fiel mir zunehmend schwerer, abzubrechen. Ein ganzes Wochenende ist vermutlich ein guter Zeitpunkt, um einen Roman anzufangen, doch die einzelnen Texte schienen mir so viel erzählen zu wollen, dass ich mir vorkam, als würde ich auf einer Party den Raum verlassen, in dem jemand gerade eine spannende Anekdote erzählt.  Je länger ich las, desto mehr erschien mir die Erzählung als eine gute Literaturform für die Gegenwart. Ein Gedanke, der nicht ganz neu ist und den Nikola Richter und ihr herausragender Verlag mikrotext auf ganzer Linie ausführen und belegen:

„Die Texte sollen in einem Rutsch oder auch mit Unterbrechungen in kurzer Zeit lesbar sein. Ich glaube zwar nicht, so wie Frank Schirrmacher, dass das Netz unser Gehirn zermatscht, aber ich merke schon, dass ich sehr viel gleichzeitig tue und mir mehr Auszeiten wünsche. Auszeiten als Kurzlektüre, die ich einfach mitnehmen kann, auf meinem Smartphone, auf meinem E-Reader oder Tablet, und überall lesen kann.“

Auch Christiane Frohmann verfolgt mit dem Frohmann Verlag ein ähnlich kluges Projekt, das Literatur für die Gegenwart aktualisiert. Was bedeuten die auseinander gerissenen Abschnitte unserer Wahrnehmung für das Zusammenhängen von Erzählungen? Wie antwortet Literatur auf die zunehmende Schriftlichkeit von Kommunikation über die messengerdienste auf dem Smartphone? Besprechungen über Bücher aus diesen Verlagen finden sich nicht nur, aber besonders mit diesem Blickwinkel auf Tania Folajis Blog elektro versus print. Es ist vielleicht nicht der Roman, der diese Zeit am besten erzählen kann.

Wie geht man raus?

Aus einem Jahr, wie geht man rein? Als ich im Februar 2013 diese Wohnung hier besichtigte und im März einzog, stiegen mit mir am U-Bahnhof Birkenstraße selten mehr als drei Menschen aus. Ich war überrascht, dass es wirklich noch Bahnhöfe ohne Rolltreppe und Fahrstuhl gab.

In den 80ern bin ich in Moabit südlich der Turmstraße aufgewachsen, und die Gegend um die Beusselstraße galt als unheimlich. Nördlich der Turmstraße war ich bloß, weil da die Markthalle steht, zum Einkaufen, und weil vor ihren Eingangstüren blaue Plastikelefanten stehen, auf denen man reiten kann. Außerdem ist St. Paulus, meine Gemeinde, in der Oldenburger Straße knapp nördlich der Turmstraße. Auch das Rathaus Tiergarten und die Verkehrsschule Moabit – alle knapp drüber. Ich habe eine Erinnerung, von der ich nicht weiß, ob sie stimmt, dass die Oberministranten nach dem Ministrieren, wenn es schon dunkel war, besonders die Kinder aus dem Beusselkiez fragten, wie sie nach Hause kamen, und sich darum kümmerten, dass sie zusammen liefen. In meiner Erinnerung war es dort – hier auch immer eher dunkel, wenig Straßenlaternen. Den U-Bahnhof Birkenstraße habe ich damals nie kennengelernt, weil ich in Moabit eher zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs war – warum zum U-Bahnhof Turmstraße laufen, von dort eine Station fahren, und von dort noch mal laufen? Die Wege zum und vom Bahnhof wären länger als der gesamte Weg.

Jetzt lebe ich wieder hier, seit 4 Jahren und 10 Monaten. Und die Gegend hat sich verändert wie nur etwas. Wie alles im Leben vermutlich. Das ist nicht überraschend. Bis 1989 stand hier noch die Mauer, und jetzt laufen Scharen von Menschen die Trampelpfade ins Kallasch und in die Kulturfabrik. Und im Kaffee Klatsch bei Elke wird immer noch geraucht.

Wie geht man aus einem Jahr, wenn man doch weiß, dass sich alles ändert? Die Zeit „zwischen den Jahren“ fiel aus dem Jahr heraus, als es noch den Mondkalender gab. Alle sind beschäftigt, und das gibt einem noch mal Zeit, zu gucken, was war. Was wird, weiß man nie, ich habe auf der letzten Seite von meinem Kalender letztes Jahr eine Mindmap mit Zielen gemacht, in mit Strichen verbundene Begriffe, mit bunten Linien umkringelt, je nach Bereich. Vielleicht die Hälfte davon habe ich erreicht, die andere Hälfte hat sich verschoben durch Dinge, die passiert sind, die ich ganz anders erwartet hätte. Das ist meine Erfahrung mit Plänen: Wenn ich zwei, drei Jahre später auf sie zurückschaue, ist das, was passiert ist, etwas, das ich mir zum Planungszeitraum nicht vorstellen konnte. Weil jedes Jahr aus ca. 365 einzelnen Tagen besteht, nicht aus einem einzelnen Sprung. Und sich von jedem einzelnen Tag aus neue Wege ergeben, auf denen wieder etwas anderes aufbaut, und so fort. Die Veränderungen sind exponentiell, nicht linear.

„Die Urweihnacht war ein ausgelassenes Fest“, zitiert Pamela Dörhofer in der Frankfurter Rundschau die Historikerin Renate Reuther. Bei dem man von Haus zu Haus zog, Bräuche wie sie jetzt Halloween zurückkommen oder am Dreikönigstag noch begangen werden, nicht alleine zu Hause saß. Dieser Artikel hat mich beschäftigt in der letzten Woche, ich habe weiter gelesen, alles über diese 12 Tage „zwischen den Jahren“, die Bräuche, die Traditionen, die Wünsche. Etwas über die Zukunft herausfinden zu können in der Zeit, die nicht in der kalendarischen Ordnung festgehalten wird.

Was man draus macht, ist immer was die Zukunft ist, aber genauso das, was die Vergangenheit ausmacht. Wie man es sich zusammenfasst, wie man es deutet, welche Trampelpfade der Erinnerung man entlang geht, wenn man sie jemandem erzählt. Ich weiß mehr über das alte Moabit als über das neue Moabit der Trampelpfade vom U-Bahnhof zum Kallasch, zur Kulturfabrik und zum ZKU. Vielleicht finde ich es nächstes Jahr heraus. Wie das geht, mit dem Nebeneinanderher von westdeutscher Jugend und verwurzelten Berliner*innen weiterzuleben.

Ich habe schon ein paar Ziele für das nächste Jahr gesammelt. Auch die Berliner Verkehrsbetriebe und die Berliner Bäderbetriebe haben sich Ziele für das nächste Jahr gesucht. Ich hoffe fast noch mehr, dass sie ihre Ziele erreichen als ich. Endlich wieder ein saniertes Poststadion, Spreewaldbad und Paracelsusbad! Und vielleicht irgendwann die U5 bis zur Turmstraße verlängern. Dann wären wir Moabiter endlich auch an das Zentrum von Mitte angeschlossen, einem Bezirk, dem wir offiziell seit 2001 angehören.

Mehr verbinden, mehr sanieren, das sind doch Ziele. Schwimmbäder, in denen es weniger zieht, sauberer ist, Wege kürzer sind. Das gilt auch für ein Verkehrsnetz. Nicht unbedingt für ein Leben. Da sind ja oft die längeren Wege die interessanteren. Mit dem Ring die längere Strecke fahren als die, mit der man schneller zu Hause wäre. Zu Hause, am S-Bahnhof Beusselstraße. Da, wo der Blick auf die Gleisanlage des alten Güterbahnhof Moabit, mit dem unbewohnten Turm, in den ich einziehen möchte, fällt (siehe Foto). Da wo die freundliche Bäckerei ist, die so gut ist, dass ein Spandauer Ruderkollege von uns extra am S-Bahnhof Beusselstraße aussteigt, nur um sich da ein Rühreibrötchen zu kaufen. Und an dem der hervorragende Dönerladen an der Ecke ist, von dessen großzügigem Hinterraum aus man auf die Gleisanlagen schauen kann und auf die Sonne, wie sie auf- oder untergeht, je nachdem wann man da ist.

Tagesanfänge, Tagesenden sind ja auch solche Zeiten, an denen man vor- und zurückschaut, und nach innen und nach außen. Wie auch an Gleisen, und da wo sich Schneisen in der Stadt zeigen, wo etwas losgeht oder ankommt. Wie eben zwischen den Jahren, dem Umsteigebahnhof des Kalenderjahres.

Spandau Nord

Das Schwimm-Blog Berlin hat über mein Berliner Lieblingsschwimmbad geschrieben!

In Berlin existiert die schönste, abwechslungsreichste Bäder Landschaft die es in Deutschland gibt. Durch die Tatsache der geteilten Stadt gibt es die unterschiedlichsten Bautypen. Kombibäder zum Beispiel im Westteil, sogenannte Volksschwimmhallen im Ostteil der Stadt. Identischer Bautyp bedeutet noch lange nicht identisches Innenleben. Durch Sanierungen, die mal lieblos unter dem Motto „hau raus die Kohle“,…

über Stadtbad Spandau Nord — www.schwimm-blog-berlin.de Blog Feed

Meer, Moabit und das Areal um den Lehrter Bahnhof

Als die Billigfluglinien aufkamen, flog man mit Ryan Air nach Frankfurt Hahn, nach London Stansted,  nach Paris Beauvais. Ebenso fuhr man Ende des vorletzten Jahrhunderts von Berlin mit Ziel Hannover eben nach Lehrte, eine kleinere Stadt im Umland. Ausgangspunkt war einer der Berliner Kopfbahnhöfe (wie auch der Schlesische, der Görlitzer), eben der Lehrter Bahnhof, am Rande von Moabit. Als er an die Stadtbahn (die S-Bahn, die Charlottenburg und den Schlesischen Bahnhof verband) angeschlossen wurde, bekam er den schönen Namen „Lehrter Stadtbahnhof“. So nennen ihn viele Berliner noch heute, auch wenn er im Zuge der Wiedervereinigung und des Hauptstadtumzugs zum Hauptbahnhof umbenannt und umgebaut wurde, den Berlin mit seinen vielen Zentren historisch nie so hatte (mal war die Friedrichstraße die Hauptanlaufstelle für Ankommende wie in Kästners „Emil und die Detektive“, mal waren es der Ostbahnhof und der Bahnhof Zoo, die meiste Zeit war der Name „Berlin Hauptbahnhof“ jedoch nicht vergeben).

Die Fläche um den Lehrter Stadtbahnhof eignete sich für den Bau eines Hauptbahnhofes nicht nur wegen ihrer Nähe zum historischen Zentrum, zum Brandenburger Tor und zum Bundestag, sondern auch, weil sie wenig bebaut war. Dort verlief die Grenze der geteilten Stadt, der Todesstreifen, das Mauersperrgebiet. Außerdem aber war da die Brachfläche unweit des ehemaligen Zellengefängnis Moabit. Das wurde in den 1840er Jahren als „Musterstrafanstalt“ gebaut. Jeder Gefangene hatte dort seine eigene Zelle.

Unmittelbar schlossen sich Exerzierplatz und Kaserne an. Auf dem Gelände dieser Kaserne liegt heute das Stadtbad Tiergarten, zusammen mit dem Exerzierplatz ging das Gelände an die Post und wurde als „Poststadion“, ursprünglich für die Ertüchtigung der Postbeamten im Rahmen des Postsportvereins, eine zentrale Sportstätte der Moabiter. Der Name „Poststadion“ ging über auf das bis Anfang der Nuller Jahre dort gelegene Freibad und auch auf das Stadtbad Tiergarten, in dem ich, wie auch viele andere Moabiter, schwimmen gelernt habe. Wenn man heute über das Gelände streift, begegnet man dem alten Backsteinbau, von dem viele nicht mehr wissen, dass es mal ein Gefängnis war. Laut Mitarbeitern der Lettretage könnten die leerstehenden Zimmer für Kulturschaffende genützt werden.

In diesem Gefängnis schrieb der im Dezember 1944 inhaftierte Widerstandskämpfer Albrecht Haushofer, der als die Niederlage bereits absehbar war, zusammen mit ausgewählten anderen Gefangenen auf dem Marsch durch die Invalidenstraße ermordet wurde, innerhalb dieser kurzen Monate 80 Sonette, die sich in seiner Manteltasche fanden. Eines dieser „Moabiter Sonette“ handelt vom Meer, es war mit ausschlaggebend für die Benennung dieses Blogs.

Haushofer Sonett Wind vom Meer

 

 

Wasserblogs

Ich wollte einen Schwimmbadroman schreiben. Was man beim Schwimmengehen in der Großstadt, noch dazu einer mit einer so kreativen Verwaltung wie Berlin, alles bedenken muss, was einem unterkommt, was ich erlebt habe. Selbstverständlich alles autobiographisch. Sozusagen ein Enthüllungsroman in Badekleidung. Und vom Schwimmen selbst, vom Wasser. Von der Bewegung, vom „Gleiten, Ziehen“ (Blauer Abend in Berlin, Oskar Loerke), der veränderten Erfahrung nach dem Auftauchen.

Nun habe ich festgestellt, dass Chlorhuhn (Petra) diesen Text bereits geschrieben hat.

Ich lasse mich durchs Wasser gleiten. Ein Armzug, die Arme dann eng an den Körper gelegt. Dann spüre ich erneut, wie das Wasser an mir vorbeiströmt. Wie ich hindurch gleite. Auf dem Edelstahlboden des Beckens sehe ich meinen Schatten. Zum Spaß mache ich einen Delfinkick. Einfach, um meine Kraft zu spüren. Alles verschwimmt in diesem Moment. Ich bin ganz bei mir und freue mich auf die jetzt noch knapp 3.000 Meter, die vor mir liegen. An manchen Tagen flößen sie mir ein bisschen Respekt ein, an manchen nicht. Ganz egal, wie gut oder schlecht das Folgende läuft – die ersten paar Meter unter Wasser, dieses Gleiten und Spüren der Strömung – das ist für mich immer das Schönste am Schwimmen!“

(Chlorhuhn am 26. 12. 2014)

Gestolpert bin ich über ihren Blog über den von Kraulquappe („Eintauchen in eine chlorreiche Gegenwart, einer verschwommenen Zukunft entgegen“), der ich bereits seit einiger Zeit folge. Die Schwimmblogger*innen begehen gerade das (offensichtlich offizielle) Ende der Freibadsaison.

(Berlin hat, wie üblich, in jedem Bad eine unterschiedliche Regelung, die meistens im Bad aushängt, dann aber auch noch mal spontan geändert wird, also typisch Berliner Schwimmbadzustände, in diesem Fall aber in seiner Kreativität flexibel,so dass hier weiterhin Bäder offen haben! Das Strandbad Plötzensee hat übrigens ebenfalls noch offen, steht nicht auf der Website, kann sein, dass auch andere noch offen haben, ausprobieren! #derberlinersonderweg)

Dass über Wasser zu schreiben genug Stoff für ein ganzes Schriftstellerwerk ist, weist John von Düffel seit 1998 nach. Auch er beschäftigt sich mit dem Schwimmen in einer minutiösen Detailperspektive. Dieser Fokus auf einzelne Dinge ist tatsächlich eine Perspektive, die beim Schwimmen entsteht. Die Zeit, die es braucht, Bahnen zu schwimmen, geben einen Rahmen vor. Das Einatmen, Eintauchen, Durchziehen wiederholen sich. In diesem Zeitraum ist Platz dafür, Gedanken nachzuhängen, an einer Erinnerung hängen zu bleiben, aber auch eine Bewegung ein paar Bahnen ganz bewusst zu beobachten. Das Wasser zu spüren bedeutet, eine Grenze für den eigenen Körper zu spüren, da hört er auf. Wenn ich nichts anderes spüre, weiß ich: Das hier ist mein Körper, da ist das Wasser. Es gibt Ruhe, Zeit und Fokus. Rhythmus und Bewegung. Das spiegelt sich auch in der Erzählweise der Wasserblogger und Ehren-Wasserblogger-in-Printversion wie John von Düffel wieder.

Der Hessische Rundfunk hat über diesen Zusammenhang einen 14-minütigen, aber sehr informierten Tonbeitrag (klicken:hören) gemacht.

Die Freibadsaison mag bald vorbei sein, aber die Seen handhaben diesen einheitlichen Saisonzyklus, so wie ich das überblicke, flexibel. Und es gibt ja noch das Hallenbad. Aber das ist eine (nicht völlig) andere Geschichte.

Meer Moabit

Moabit ist eine Insel. Das heißt, dass ich es vollständig umschwimmen könnte. Das heißt auch, dass es mit ein paar Posten auf Brücken schnell absperrbar ist, wie es wegen der Gebrüder Sass gemacht wurde. Von vielen Stellen ist das Wasser nicht weit. Weg. Die Mücken auch nicht, wenn es warm ist. Besonders ist aber der Himmel an den Stellen, die da sind, wo das Wasser ist, im Norden noch verstärkt von den vielen Gleisen des alten Morbider Güterbahnhofes, die neben dem Westhafen liegen (um von dort früher besser Waren umladen zu können. Silos stehen auch da).
Der Himmel verfärbt sich meistens schlierend, wie wenn Farben in Wasser gegossen werden, um es dann mit einem Papier aufzunehmen. Das haben wir im Kindergarten am Holsteiner Ufer gemacht, genauer gesagt, im Hort. Dafür musste ich als Kind eine Brücke überqueren, und dann noch unter einer anderen Brücke durch, die wir die „Huh“-Brücke nannten, weil wir dort immer mit über dem Mund flatternden Händen durchliefen und dabei „Huh(uhuhuhuhuh)“ riefen.
Ich bin am Ufer aufgewachsen und gucke gerne in die Spree. In meiner Jugend saß ich oft am Ufer, eigentlich mit einem Buch, zog an den Weiden (die wippen) und schaute in das fließende Wasser.
Meine liebsten Beschäftigungen heute (neben Lesen, Nachdenken, Kochen, Reden und ins Theater oder Kino gehen): Schwimmen und Rudern. Sich im Wasser bewegen und dadurch mit dem Wasser bewegen, nicht fließen, aber selbst treiben. Ohne den Grund zu berühren. Vielmehr berührt das Wasser mich.