Wie geht man raus?

Aus einem Jahr, wie geht man rein? Als ich im Februar 2013 diese Wohnung hier besichtigte und im März einzog, stiegen mit mir am U-Bahnhof Birkenstraße selten mehr als drei Menschen aus. Ich war überrascht, dass es wirklich noch Bahnhöfe ohne Rolltreppe und Fahrstuhl gab.

In den 80ern bin ich in Moabit südlich der Turmstraße aufgewachsen, und die Gegend um die Beusselstraße galt als unheimlich. Nördlich der Turmstraße war ich bloß, weil da die Markthalle steht, zum Einkaufen, und weil vor ihren Eingangstüren blaue Plastikelefanten stehen, auf denen man reiten kann. Außerdem ist St. Paulus, meine Gemeinde, in der Oldenburger Straße knapp nördlich der Turmstraße. Auch das Rathaus Tiergarten und die Verkehrsschule Moabit – alle knapp drüber. Ich habe eine Erinnerung, von der ich nicht weiß, ob sie stimmt, dass die Oberministranten nach dem Ministrieren, wenn es schon dunkel war, besonders die Kinder aus dem Beusselkiez fragten, wie sie nach Hause kamen, und sich darum kümmerten, dass sie zusammen liefen. In meiner Erinnerung war es dort – hier auch immer eher dunkel, wenig Straßenlaternen. Den U-Bahnhof Birkenstraße habe ich damals nie kennengelernt, weil ich in Moabit eher zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs war – warum zum U-Bahnhof Turmstraße laufen, von dort eine Station fahren, und von dort noch mal laufen? Die Wege zum und vom Bahnhof wären länger als der gesamte Weg.

Jetzt lebe ich wieder hier, seit 4 Jahren und 10 Monaten. Und die Gegend hat sich verändert wie nur etwas. Wie alles im Leben vermutlich. Das ist nicht überraschend. Bis 1989 stand hier noch die Mauer, und jetzt laufen Scharen von Menschen die Trampelpfade ins Kallasch und in die Kulturfabrik. Und im Kaffee Klatsch bei Elke wird immer noch geraucht.

Wie geht man aus einem Jahr, wenn man doch weiß, dass sich alles ändert? Die Zeit „zwischen den Jahren“ fiel aus dem Jahr heraus, als es noch den Mondkalender gab. Alle sind beschäftigt, und das gibt einem noch mal Zeit, zu gucken, was war. Was wird, weiß man nie, ich habe auf der letzten Seite von meinem Kalender letztes Jahr eine Mindmap mit Zielen gemacht, in mit Strichen verbundene Begriffe, mit bunten Linien umkringelt, je nach Bereich. Vielleicht die Hälfte davon habe ich erreicht, die andere Hälfte hat sich verschoben durch Dinge, die passiert sind, die ich ganz anders erwartet hätte. Das ist meine Erfahrung mit Plänen: Wenn ich zwei, drei Jahre später auf sie zurückschaue, ist das, was passiert ist, etwas, das ich mir zum Planungszeitraum nicht vorstellen konnte. Weil jedes Jahr aus ca. 365 einzelnen Tagen besteht, nicht aus einem einzelnen Sprung. Und sich von jedem einzelnen Tag aus neue Wege ergeben, auf denen wieder etwas anderes aufbaut, und so fort. Die Veränderungen sind exponentiell, nicht linear.

„Die Urweihnacht war ein ausgelassenes Fest“, zitiert Pamela Dörhofer in der Frankfurter Rundschau die Historikerin Renate Reuther. Bei dem man von Haus zu Haus zog, Bräuche wie sie jetzt Halloween zurückkommen oder am Dreikönigstag noch begangen werden, nicht alleine zu Hause saß. Dieser Artikel hat mich beschäftigt in der letzten Woche, ich habe weiter gelesen, alles über diese 12 Tage „zwischen den Jahren“, die Bräuche, die Traditionen, die Wünsche. Etwas über die Zukunft herausfinden zu können in der Zeit, die nicht in der kalendarischen Ordnung festgehalten wird.

Was man draus macht, ist immer was die Zukunft ist, aber genauso das, was die Vergangenheit ausmacht. Wie man es sich zusammenfasst, wie man es deutet, welche Trampelpfade der Erinnerung man entlang geht, wenn man sie jemandem erzählt. Ich weiß mehr über das alte Moabit als über das neue Moabit der Trampelpfade vom U-Bahnhof zum Kallasch, zur Kulturfabrik und zum ZKU. Vielleicht finde ich es nächstes Jahr heraus. Wie das geht, mit dem Nebeneinanderher von westdeutscher Jugend und verwurzelten Berliner*innen weiterzuleben.

Ich habe schon ein paar Ziele für das nächste Jahr gesammelt. Auch die Berliner Verkehrsbetriebe und die Berliner Bäderbetriebe haben sich Ziele für das nächste Jahr gesucht. Ich hoffe fast noch mehr, dass sie ihre Ziele erreichen als ich. Endlich wieder ein saniertes Poststadion, Spreewaldbad und Paracelsusbad! Und vielleicht irgendwann die U5 bis zur Turmstraße verlängern. Dann wären wir Moabiter endlich auch an das Zentrum von Mitte angeschlossen, einem Bezirk, dem wir offiziell seit 2001 angehören.

Mehr verbinden, mehr sanieren, das sind doch Ziele. Schwimmbäder, in denen es weniger zieht, sauberer ist, Wege kürzer sind. Das gilt auch für ein Verkehrsnetz. Nicht unbedingt für ein Leben. Da sind ja oft die längeren Wege die interessanteren. Mit dem Ring die längere Strecke fahren als die, mit der man schneller zu Hause wäre. Zu Hause, am S-Bahnhof Beusselstraße. Da, wo der Blick auf die Gleisanlage des alten Güterbahnhof Moabit, mit dem unbewohnten Turm, in den ich einziehen möchte, fällt (siehe Foto). Da wo die freundliche Bäckerei ist, die so gut ist, dass ein Spandauer Ruderkollege von uns extra am S-Bahnhof Beusselstraße aussteigt, nur um sich da ein Rühreibrötchen zu kaufen. Und an dem der hervorragende Dönerladen an der Ecke ist, von dessen großzügigem Hinterraum aus man auf die Gleisanlagen schauen kann und auf die Sonne, wie sie auf- oder untergeht, je nachdem wann man da ist.

Tagesanfänge, Tagesenden sind ja auch solche Zeiten, an denen man vor- und zurückschaut, und nach innen und nach außen. Wie auch an Gleisen, und da wo sich Schneisen in der Stadt zeigen, wo etwas losgeht oder ankommt. Wie eben zwischen den Jahren, dem Umsteigebahnhof des Kalenderjahres.

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Spandau Nord

Das Schwimm-Blog Berlin hat über mein Berliner Lieblingsschwimmbad geschrieben!

In Berlin existiert die schönste, abwechslungsreichste Bäder Landschaft die es in Deutschland gibt. Durch die Tatsache der geteilten Stadt gibt es die unterschiedlichsten Bautypen. Kombibäder zum Beispiel im Westteil, sogenannte Volksschwimmhallen im Ostteil der Stadt. Identischer Bautyp bedeutet noch lange nicht identisches Innenleben. Durch Sanierungen, die mal lieblos unter dem Motto „hau raus die Kohle“,…

über Stadtbad Spandau Nord — www.schwimm-blog-berlin.de Blog Feed

Meer, Moabit und das Areal um den Lehrter Bahnhof

Als die Billigfluglinien aufkamen, flog man mit Ryan Air nach Frankfurt Hahn, nach London Stansted,  nach Paris Beauvais. Ebenso fuhr man Ende des vorletzten Jahrhunderts von Berlin mit Ziel Hannover eben nach Lehrte, eine kleinere Stadt im Umland. Ausgangspunkt war einer der Berliner Kopfbahnhöfe (wie auch der Schlesische, der Görlitzer), eben der Lehrter Bahnhof, am Rande von Moabit. Als er an die Stadtbahn (die S-Bahn, die Charlottenburg und den Schlesischen Bahnhof verband) angeschlossen wurde, bekam er den schönen Namen „Lehrter Stadtbahnhof“. So nennen ihn viele Berliner noch heute, auch wenn er im Zuge der Wiedervereinigung und des Hauptstadtumzugs zum Hauptbahnhof umbenannt und umgebaut wurde, den Berlin mit seinen vielen Zentren historisch nie so hatte (mal war die Friedrichstraße die Hauptanlaufstelle für Ankommende wie in Kästners „Emil und die Detektive“, mal waren es der Ostbahnhof und der Bahnhof Zoo, die meiste Zeit war der Name „Berlin Hauptbahnhof“ jedoch nicht vergeben).

Die Fläche um den Lehrter Stadtbahnhof eignete sich für den Bau eines Hauptbahnhofes nicht nur wegen ihrer Nähe zum historischen Zentrum, zum Brandenburger Tor und zum Bundestag, sondern auch, weil sie wenig bebaut war. Dort verlief die Grenze der geteilten Stadt, der Todesstreifen, das Mauersperrgebiet. Außerdem aber war da die Brachfläche unweit des ehemaligen Zellengefängnis Moabit. Das wurde in den 1840er Jahren als „Musterstrafanstalt“ gebaut. Jeder Gefangene hatte dort seine eigene Zelle.

Unmittelbar schlossen sich Exerzierplatz und Kaserne an. Auf dem Gelände dieser Kaserne liegt heute das Stadtbad Tiergarten, zusammen mit dem Exerzierplatz ging das Gelände an die Post und wurde als „Poststadion“, ursprünglich für die Ertüchtigung der Postbeamten im Rahmen des Postsportvereins, eine zentrale Sportstätte der Moabiter. Der Name „Poststadion“ ging über auf das bis Anfang der Nuller Jahre dort gelegene Freibad und auch auf das Stadtbad Tiergarten, in dem ich, wie auch viele andere Moabiter, schwimmen gelernt habe. Wenn man heute über das Gelände streift, begegnet man dem alten Backsteinbau, von dem viele nicht mehr wissen, dass es mal ein Gefängnis war. Laut Mitarbeitern der Lettretage könnten die leerstehenden Zimmer für Kulturschaffende genützt werden.

In diesem Gefängnis schrieb der im Dezember 1944 inhaftierte Widerstandskämpfer Albrecht Haushofer, der als die Niederlage bereits absehbar war, zusammen mit ausgewählten anderen Gefangenen auf dem Marsch durch die Invalidenstraße ermordet wurde, innerhalb dieser kurzen Monate 80 Sonette, die sich in seiner Manteltasche fanden. Eines dieser „Moabiter Sonette“ handelt vom Meer, es war mit ausschlaggebend für die Benennung dieses Blogs.

Haushofer Sonett Wind vom Meer

 

 

Wasserblogs

Ich wollte einen Schwimmbadroman schreiben. Was man beim Schwimmengehen in der Großstadt, noch dazu einer mit einer so kreativen Verwaltung wie Berlin, alles bedenken muss, was einem unterkommt, was ich erlebt habe. Selbstverständlich alles autobiographisch. Sozusagen ein Enthüllungsroman in Badekleidung. Und vom Schwimmen selbst, vom Wasser. Von der Bewegung, vom „Gleiten, Ziehen“ (Blauer Abend in Berlin, Oskar Loerke), der veränderten Erfahrung nach dem Auftauchen.

Nun habe ich festgestellt, dass Chlorhuhn (Petra) diesen Text bereits geschrieben hat.

Ich lasse mich durchs Wasser gleiten. Ein Armzug, die Arme dann eng an den Körper gelegt. Dann spüre ich erneut, wie das Wasser an mir vorbeiströmt. Wie ich hindurch gleite. Auf dem Edelstahlboden des Beckens sehe ich meinen Schatten. Zum Spaß mache ich einen Delfinkick. Einfach, um meine Kraft zu spüren. Alles verschwimmt in diesem Moment. Ich bin ganz bei mir und freue mich auf die jetzt noch knapp 3.000 Meter, die vor mir liegen. An manchen Tagen flößen sie mir ein bisschen Respekt ein, an manchen nicht. Ganz egal, wie gut oder schlecht das Folgende läuft – die ersten paar Meter unter Wasser, dieses Gleiten und Spüren der Strömung – das ist für mich immer das Schönste am Schwimmen!“

(Chlorhuhn am 26. 12. 2014)

Gestolpert bin ich über ihren Blog über den von Kraulquappe („Eintauchen in eine chlorreiche Gegenwart, einer verschwommenen Zukunft entgegen“), der ich bereits seit einiger Zeit folge. Die Schwimmblogger*innen begehen gerade das (offensichtlich offizielle) Ende der Freibadsaison.

(Berlin hat, wie üblich, in jedem Bad eine unterschiedliche Regelung, die meistens im Bad aushängt, dann aber auch noch mal spontan geändert wird, also typisch Berliner Schwimmbadzustände, in diesem Fall aber in seiner Kreativität flexibel,so dass hier weiterhin Bäder offen haben! Das Strandbad Plötzensee hat übrigens ebenfalls noch offen, steht nicht auf der Website, kann sein, dass auch andere noch offen haben, ausprobieren! #derberlinersonderweg)

Dass über Wasser zu schreiben genug Stoff für ein ganzes Schriftstellerwerk ist, weist John von Düffel seit 1998 nach. Auch er beschäftigt sich mit dem Schwimmen in einer minutiösen Detailperspektive. Dieser Fokus auf einzelne Dinge ist tatsächlich eine Perspektive, die beim Schwimmen entsteht. Die Zeit, die es braucht, Bahnen zu schwimmen, geben einen Rahmen vor. Das Einatmen, Eintauchen, Durchziehen wiederholen sich. In diesem Zeitraum ist Platz dafür, Gedanken nachzuhängen, an einer Erinnerung hängen zu bleiben, aber auch eine Bewegung ein paar Bahnen ganz bewusst zu beobachten. Das Wasser zu spüren bedeutet, eine Grenze für den eigenen Körper zu spüren, da hört er auf. Wenn ich nichts anderes spüre, weiß ich: Das hier ist mein Körper, da ist das Wasser. Es gibt Ruhe, Zeit und Fokus. Rhythmus und Bewegung. Das spiegelt sich auch in der Erzählweise der Wasserblogger und Ehren-Wasserblogger-in-Printversion wie John von Düffel wieder.

Der Hessische Rundfunk hat über diesen Zusammenhang einen 14-minütigen, aber sehr informierten Tonbeitrag (klicken:hören) gemacht.

Die Freibadsaison mag bald vorbei sein, aber die Seen handhaben diesen einheitlichen Saisonzyklus, so wie ich das überblicke, flexibel. Und es gibt ja noch das Hallenbad. Aber das ist eine (nicht völlig) andere Geschichte.

Meer Moabit

Moabit ist eine Insel. Das heißt, dass ich es vollständig umschwimmen könnte. Das heißt auch, dass es mit ein paar Posten auf Brücken schnell absperrbar ist, wie es wegen der Gebrüder Sass gemacht wurde. Von vielen Stellen ist das Wasser nicht weit. Weg. Die Mücken auch nicht, wenn es warm ist. Besonders ist aber der Himmel an den Stellen, die da sind, wo das Wasser ist, im Norden noch verstärkt von den vielen Gleisen des alten Morbider Güterbahnhofes, die neben dem Westhafen liegen (um von dort früher besser Waren umladen zu können. Silos stehen auch da).
Der Himmel verfärbt sich meistens schlierend, wie wenn Farben in Wasser gegossen werden, um es dann mit einem Papier aufzunehmen. Das haben wir im Kindergarten am Holsteiner Ufer gemacht, genauer gesagt, im Hort. Dafür musste ich als Kind eine Brücke überqueren, und dann noch unter einer anderen Brücke durch, die wir die „Huh“-Brücke nannten, weil wir dort immer mit über dem Mund flatternden Händen durchliefen und dabei „Huh(uhuhuhuhuh)“ riefen.
Ich bin am Ufer aufgewachsen und gucke gerne in die Spree. In meiner Jugend saß ich oft am Ufer, eigentlich mit einem Buch, zog an den Weiden (die wippen) und schaute in das fließende Wasser.
Meine liebsten Beschäftigungen heute (neben Lesen, Nachdenken, Kochen, Reden und ins Theater oder Kino gehen): Schwimmen und Rudern. Sich im Wasser bewegen und dadurch mit dem Wasser bewegen, nicht fließen, aber selbst treiben. Ohne den Grund zu berühren. Vielmehr berührt das Wasser mich.