Berlinale Tagebuch Tag 1, Donnerstag, 15. 02. 2018

                Bild: Laila Hennesy in „Wieża. Jasny dzień.“ (Tower. A Bright Day.)

14h Das Schweigende Klassenzimmer, Berlinale Special, Regie Lars Kraume.

DDR, fünf Jahre vor dem Mauerbau. Eine Schulklasse schweigt in Gedenken an die Toten des Ungarnaufstands zwei Minuten lang. Der Fall geht bis ins Ministerium. Ihr Abitur steht in Frage.

Der schlechteste Film auf der Berlinale. Man hört und sieht, dass es Kulissen sind, und zwar die epochentypischen Kulissen, die man genau so schon immer im Fernsehen gesehen hat, wenn jemand sich ganz sicher sein wollte, dass man auch weiß, dass eine Sendung in den 50ern/in der DDR spielt. Die Dialoge sind schlecht, einige der Schauspieler*innen so gut, dass sie sie sprechen können, andere nicht – da klingen sie völlig hölzern. Die Handlung beruht auf einer wahren Begebenheit, die Figuren sind typenhaft anskizziert, ausgewählte, die dann mit besseren Schauspieler*innen besetzt sind (Jonas Dassler, Leonard Scheicher) wirken betont ambivalent. Sobald die eigentliche Handlung im Klassenzimmer beginnt, bietet der Film ansatzweise Neues. Interessant eine Szene, bei der durchscheint, dass es vielleicht eigentlich um Familie geht in diesem Film, weniger um den Klassenkampf. Macht eine liebevolle Familie pragmatisch, eine kalte ideologisch?

Anhand dieses Films habe ich gelernt, was „Berlinale Special“ ist (von anderen Journalist*innen, mit denen ich mich unterhalten habe): Filme, die es aus Qualitätsgründen („weil da irgendetwas schief gelaufen ist“) nicht in den Wettbewerb geschafft haben, aber für eine der Nebenreihen zu prominent besetzt sind.

Was da schief gelaufen ist: Kamera, Ausstattung, Dialog (Szenenfolge funktioniert gut!), Figuren. Der Schnitt war ziemlich gut. Auch das Schauspiel der Mehrheit.

 

16.30 Black 47, Wettbewerb (außer Konkurrenz), Regie Lance Daly.

Irland 1847. Die Kartoffelfäule und die Herrschaft der Briten über Irland verursachen eine grausame Hungersnot. Ein irischer Soldat, der für die Briten in Afghanistan gekämpft hat, kehrt zurück und übt Rache.

Dieser Film gewinnt durch den Vergleich mit seinem Vorgänger, „Das Schweigende Klassenzimmer“. Er beginnt mit einer Verhörszene, die aus dem Vorgängerfilm hätte sein können. Ebenso deutlich Kulissen. Das Pferdegetrappel klingt wie mit Sounddesign eingefügt. Weite Teile der irischen Landschaft erregen Diskussionen unter Journalist*innen. Waren das Fotos, vor denen das gefilmt ist? Gemälde? CGI? Immer kurz bevor das Pferd in das Foto hineinreitet, kommt ein Schnitt. Dieser Film zeigt, was man mit schlechten Kulissen für großartige Effekte herausholen kann. Der Kamera gelingen nicht nur grandiose Landschaftsaufnahmen, sondern auch Tiefe und Textur in den Innenaufnahmen. Sie hat eine Handschrift, sie spielt, sie erzählt etwas über die Zeit. Sie hält sich in den Gegenständen auf. Sie verweilt in der Lebenswelt der nur skizzenhaft angerissenen Iren.

Interessanteste Figurendynamik sind leider die drei Engländer, die sich auch die Suche nach dem abtrünnigen Soldaten machen. Hier ist Konflikt, hier ist Ambivalenz, hier ist Veränderung. Leider geht es um die nicht. Ist natürlich auch besser so, in einem Film, in dem es um das Unrecht an den Iren gehen soll, aber deren Figuren und Handlung sind so vorhersehbar, dass es laute Lacher im Publikum gibt von denen, die nicht früher rausgingen. „Ein Charakterdrama ist das nun nicht, das ist ein kapitalismuskritischer Actionthriller“, sagte der einzige Kollege, von dem ich etwas Positives über den Film gehört habe.

 

18.30 The Bookshop, Berlinale Special, Regie Isabel Coixet.

Eine Hafenstadt an der Ostküste Englands, 1959. Florence Green (Emily Mortimer) eröffnet einen Buchladen. In der Ortschaft gibt es andere Pläne für das leerstehende Haus. Ihr Projekt trifft auf Freunde und harte Gegner. Nicht ganz „Chocolat“ als Buchladen.

Noch ein Film, der im Vergleich zu „Das schweigende Klassenzimmer“ gewinnt. So funktionieren Kulisse und Kostüm: Nicht nur die exakten Kleidungsstücke aus dem jeweiligen Jahr nehmen, sondern auch abgelegte, schlecht sitzende. Geerbte Möbelstücke. Nicht alles passt. Nicht jeder hat Geschmack. Und sofort wirkt es nicht wie Fernsehfilm, sondern wie in die späten 50er zurückversetzt. Hier haben wir das England der zivilisierten Konversationen, der Teekannenwärmer und der grün angemalten Ladenschilder mit goldeneren Schrift.

Eine Entscheidung für eine Farbpalette (ähnelt der von An Education). Eine Haltung der Kamera. Sie wählt aus. Sie erzählt, sie bildet nicht nur ab. In diesem Film (im Vergleich zu seinem Vorvorgänger) ist mir klargeworden, dass ein Film nicht nur eine historische Verortung braucht, um von einer vergangenen Zeit zu erzählen, sondern auch eine Entscheidung treffen muss, was er aus dieser Zeit warum erzählen will. Und warum.

Edmund Brundish (Bill Nighy) ist jemand, der nicht mehr an die Menschen glaubt und nie sein Haus verlässt. Er ist der erste Kunde des Buchladens. Er bestellt per Brief. Dieser Teil des Films wirft ein interessantes Licht auf die heutige Amazon-Bestellgesellschaft und die gesellschaftskritischen Stimmen, die sagen, heute würde man sich nicht mehr in Person begegnen, weil sich alles per Email und Smartphone abspielt. Auch in anderen Zeiten gab es schriftliche Kommunikation und Menschen, die das Haus nicht verließen. Und wie heute muss diese Kommunikation nicht unpersönlich sein, sondern kann von großer Intensität sein.

Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Penelope Fitzgerald kommt der Film aber nicht wirklich von der Stelle. Das Voice-Over und der Schluss verraten die Literaturvorlage allzu deutlich, es geht um große Themen wie das Überleben der Guten gegenüber dem Vernichtswillen der Bösen, aber der Film inszeniert das nicht als dramatische Auseiandersetzung von Haltungen, sondern als Ablaufen einer Uhr. Die sehr schöne Kulisse und hervorragenden Schauspieler*innen (Patricia Clarkson als Violet Gamart) hätten mehr gekonnt.

Hier habe ich noch einmal mehr verstanden, was die Kategorie „Berlinale Special“ bedeutet.

 

20.30 Wieża. Jasny dzień. (Tower. A Bright Day.), Forum, Regie Jagoda Szelc.

Frühsommer, Jetztzeit. Ländliche Idylle in Polen, mehr Landhaus- und Gartenleben als Landwirtschaft. Nina soll Erstkommunion feiern, und die Familie ist eingeladen und verbringt ein paar Tage zusammen im Haus von Ninas Eltern, Mula und Michał. Im Haus wohnt pflegebedürftig Mulas Mutter. Mulas Schwestern Kaja, Anna und Annas Mann und Kinder erreichen das Anwesen mit dem Auto. Von der ersten Begegnung zwischen Nina und Kaja ist klar, dass etwas über dem Familienfrieden liegt – vor allem Mulas Reaktion offenbart, dass Nina die biologische Tochter von Kaja ist, obwohl das Kind von Mula aufgezogen wird.

Der Film beginnt bereits mit einer atemberaubenden Kamerafahrt ohne jeden erkennbaren Schatten über die Felder Polens, an der Straße entlang, bis er sich auf das Auto der Ankommenden einschwenkt. Die Kamera wählt nie die einfachen Bilder. Der Sound holt Dinge in den Vordergrund, die das Bild verschweigt, das Herzklopfen, das Scharren der Tiere auf dem Grund, das Hecheln des verschwundenen Hundes, rutschende Erde. Einmal versucht die Familie, den Geräuschen aus dem Haus auf den Grund zu gehen, aber außer einer eingeschlagenen Wand wird nichts sichtbar. Die Natur lärmt in diesem Film. Die Menschen atmen. Sie versuchen, miteinander zurecht zu kommen, sie begehen Rituale, die Aufnahmen von den Proben der Erstkommunionkinder sind freundlich und chaotisch, das Licht ist warm, die Familie um Kommunikation bemüht, es ist kein Sozialdrama, das Abgründe zeigt, indem es verwahrloste Küchen und starre Blicke bemüht. Die Einrichtung des Hauses ist freundlich, gemütlich, bewohnt, sorglos. Ein Flüchtling irrt durch den Wald, er stürzt ab, auch seine Geschichte erreicht die Oberfläche nicht, rumort aber im Inneren des Films.

Ein mutiger Film voller interessanter Kameraeinstellungen, der etwas erzählt, was nicht auf der Ebene der ausgesprochenen Dialoge spielt. Der alles, was Film kann, Bild, Ton, Perspektive, Schnitt anwendet um Fragen zu stellen, um Zusammenhänge herzustellen, der wehtut ohne grausam zu sein.

Mein bester Film auf der Berlinale bis jetzt.

 

 

 

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Ein Baum wächst in Brooklyn

Ich hatte einen Baum vor dem Fenster. Einen Lindenbaum. Nicht am Brunnen vor dem Tore, sondern vor einem fünfstöckigen Haus, eingefügt in das Pflaster einer Straße, vor dem Zimmer einer Jugendlichen. Das ist auch so eine Art Brunnen vor dem Tore, am Tor zur Welt, da wo es weitergeht, wo man hinausschauen kann, gedanklich das Zimmer und die eigene Welt verlassen, da steht ein Baum, der immer da ist, dass Blätter wechseln, der Saft und Leben hat, bleibt, mehr weiß, weniger weiß, man weiß es nicht. Ich habe irre viele Gedichte über diesen Baum geschrieben.

Im Roman „Ein Baum wächst in Brooklyn“ von Betty Smith aus dem Jahr 1943, das in diesem Herbst von Eike Schönfeld für den Inselverlag neu übersetzt wurde, wächst Francie Nolan mit einem solchen Baum vor dem Fenster auf. Er steht neben der Feuerleiter, auf der sie liest, und umfängt ihren Leseplatz mit seinen Ästen und Blättern, so dass sie ganz woanders zu sein scheint. Ihr Plan ist, die ganzen Bücher der Leihbibliothek auszulesen, und da sie jeden Tag ein Buch liest, scheint das nicht völlig im Unerreichbaren.

Unerreichbar ist vieles andere. Der Roman beginnt im Sommer 2012, unter eben diesem Baum und endet im Spätsommer 2018. Er spielt im Brooklyn der Eingewanderten, einem Umfeld in dem 1 Penny viel und 5 Pennys manchmal alles bedeuten können. Francie sammelt Lumpen, um sie gegen Pennys einzutauschen, sie spielt mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder Neeley, sie wären auf einer Polarexpedition, wenn sie nichts zu essen haben. Großmutter, Tanten und die Bewohner des Viertels, die aus Irland, Deutschland, Österreich eingewandert sind spielen eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Von ihnen hängt der Alltag ab. Der Großmutter, die nicht lesen kann, ist Bildung so wichtig, dass sie ihre Tochter, Francies Mutter darauf einschwört, ihren Kindern jeden Abend eine Seite aus der Bibel und eine Seite Shakespeare vorzulesen.

Francie manövriert den Alltag in seinen wirtschaftlichen Facetten (wo bekommt man das günstigste Brot, wie hält der Kaffee am längsten) mit Hilfe von Geschichten (wie der Polarexpedition). In der Schule bekommt sie für die Geschichten, die sie aufschreibt, Einsen. Bis sich ihre Welt verändert. Sie bemerkt, was hinter den Geschichten liegt.

Die Waage im Teeladen schimmerte nicht mehr so hell, und die Dosen waren angestoßen und schäbig. (…)

Alles veränderte sich. Francie geriet in Panik. Ihre Welt entglitt ihr, und was würde an deren Stelle treten? Aber was war denn überhaupt anders? Jeden Abend las sie wie immer eine Seite aus der Bibel und eine Seite Shakespeare. (…) Sie steckte Pennys in die Spardose. Der Trödelladen war noch da, die Geschäfte blieben alle gleich. Nichts veränderte sich. Was sich veränderte, war sie.                                (S. 276)

„Ein ganz schlimmer Fall von Großwerden“, attestiert ihr Vater, als sie ihn um Rat fragt.

  • „Was ist passiert, dass du jetzt so schreibst“, fragt Miss Gardner, die Englischlehrerin an der Grundschule. „Du warst eine meiner besten Schülerinnen. Du hast so hübsch geschrieben. Deine Aufsätze haben mir so gut gefallen. Aber diese hier …“ Frannie weiß nicht, was anders geworden ist. Sie hat sich dieselbe Mühe mit Rechtschreibung und Schönschrift gemacht.
  • „Ich meine, dein Thema. (…)  Armut, Hunger und Trunkenheit sind doch häßliche Themen. Wir alle wissen ja, dass es das gibt. Aber man schreibt doch nicht darüber.“
  • „Worüber schreibt man denn?“ – „Man versenkt sich in die Phantasie und findet dort Schönheit.“
  • „Was ist Schönheit?“ – „Schönheit ist Wahrheit, Wahrheit Schönheit.“
  • „Aber diese Geschichten sind die Wahrheit.“

Miss Gardner meint mit Wahrheit „Dinge wie die Sterne, die immer da sind, die Sonne, die immer aufgeht, die wahre Vornehmheit des Menschen“.

Während sie wie Platon das Gute, Wahre und Schöne als eins denkt, ist für Francie der Baum in ihrem Hof derjenige, der immer da ist. Der Baum mit Wurzeln in der Erde, der weiterwächst, wenn er abgehauen wird, wie die Menschen in ihrem Viertel.

Francies Noten bleiben schlecht. Ihr Leben bleibt in Berührung mit Armut, Hunger, aber auch mit Erwachsenwerden, mit dem Einsatz ihres Lesens. Ihre Bildung führt immer über Umwege. Aber daran hält sie fest:

Als sie ihre erste Liebe trifft, erzählt sie ihm „nur von den schönen Seiten – wie gut Papa ausgesehen habe – wie klug Mama sei – was für ein famoser Bruder Neeley sei und wie goldig ihre kleine Schwester. Sie erzählte ihm von der braunen Schale auf dem Tresen der Bücherei.“ Aber als er ihr erzählt, wie einsam er sein ganzes Leben über war, erzählt sie ihm dasselbe über sich. In diesem Moment beginnt etwas.

Betty Smith erzählt vom Leben in schwierigen Umständen nicht als eine Geschichte über schwierige Umstände, sondern als eine Geschichte vom respektvollen, liebevollen, wütenden Umgang mit dem, was da ist. Sie braucht die Blumenblüten und Schmetterlinge nicht, die Frannies Lehrerin von ihr lesen wollte. Sie nimmt sich des Lebens, der Menschen und dem Alltag Brooklyns an und damit der Einwanderungsgeschichte Amerikas in der Tradition von Willa Carters „My Antonia“. Eine Geschichte vom Ankommen, vom Sichorientieren, vom Nichtanderswissen, vom Lernen, vom Weitermachen.

Diese Zeit heute braucht es wie jede andere Zeit, das Hinsehen auf das was da ist, nicht das was sein sollte, was behauptet wird, was Menschen für ihre Argumentationen annehmen wollen. In Zeiten von Fake News und dem Storytelling der Unternehmen zeigt diese Neuübersetzung, wie aktuell es ist, mit dem zu leben, was da ist, und nicht dem, wie man die Welt eigentlich sehen sollte.

Meer, Moabit und das Areal um den Lehrter Bahnhof

Als die Billigfluglinien aufkamen, flog man mit Ryan Air nach Frankfurt Hahn, nach London Stansted,  nach Paris Beauvais. Ebenso fuhr man Ende des vorletzten Jahrhunderts von Berlin mit Ziel Hannover eben nach Lehrte, eine kleinere Stadt im Umland. Ausgangspunkt war einer der Berliner Kopfbahnhöfe (wie auch der Schlesische, der Görlitzer), eben der Lehrter Bahnhof, am Rande von Moabit. Als er an die Stadtbahn (die S-Bahn, die Charlottenburg und den Schlesischen Bahnhof verband) angeschlossen wurde, bekam er den schönen Namen „Lehrter Stadtbahnhof“. So nennen ihn viele Berliner noch heute, auch wenn er im Zuge der Wiedervereinigung und des Hauptstadtumzugs zum Hauptbahnhof umbenannt und umgebaut wurde, den Berlin mit seinen vielen Zentren historisch nie so hatte (mal war die Friedrichstraße die Hauptanlaufstelle für Ankommende wie in Kästners „Emil und die Detektive“, mal waren es der Ostbahnhof und der Bahnhof Zoo, die meiste Zeit war der Name „Berlin Hauptbahnhof“ jedoch nicht vergeben).

Die Fläche um den Lehrter Stadtbahnhof eignete sich für den Bau eines Hauptbahnhofes nicht nur wegen ihrer Nähe zum historischen Zentrum, zum Brandenburger Tor und zum Bundestag, sondern auch, weil sie wenig bebaut war. Dort verlief die Grenze der geteilten Stadt, der Todesstreifen, das Mauersperrgebiet. Außerdem aber war da die Brachfläche unweit des ehemaligen Zellengefängnis Moabit. Das wurde in den 1840er Jahren als „Musterstrafanstalt“ gebaut. Jeder Gefangene hatte dort seine eigene Zelle.

Unmittelbar schlossen sich Exerzierplatz und Kaserne an. Auf dem Gelände dieser Kaserne liegt heute das Stadtbad Tiergarten, zusammen mit dem Exerzierplatz ging das Gelände an die Post und wurde als „Poststadion“, ursprünglich für die Ertüchtigung der Postbeamten im Rahmen des Postsportvereins, eine zentrale Sportstätte der Moabiter. Der Name „Poststadion“ ging über auf das bis Anfang der Nuller Jahre dort gelegene Freibad und auch auf das Stadtbad Tiergarten, in dem ich, wie auch viele andere Moabiter, schwimmen gelernt habe. Wenn man heute über das Gelände streift, begegnet man dem alten Backsteinbau, von dem viele nicht mehr wissen, dass es mal ein Gefängnis war. Laut Mitarbeitern der Lettretage könnten die leerstehenden Zimmer für Kulturschaffende genützt werden.

In diesem Gefängnis schrieb der im Dezember 1944 inhaftierte Widerstandskämpfer Albrecht Haushofer, der als die Niederlage bereits absehbar war, zusammen mit ausgewählten anderen Gefangenen auf dem Marsch durch die Invalidenstraße ermordet wurde, innerhalb dieser kurzen Monate 80 Sonette, die sich in seiner Manteltasche fanden. Eines dieser „Moabiter Sonette“ handelt vom Meer, es war mit ausschlaggebend für die Benennung dieses Blogs.

Haushofer Sonett Wind vom Meer

 

 

Elena Ferrante: Die Geschichte der getrennten Wege, Erzählen neben gewohnten Erzähltropen

Das neue Buch kommt erst im Februar. Gut, dass ich im November so viel reise. Wiesbaden, München, Paris.

Es ist viel darüber geschrieben worden.

Das erste Mal mit dieser Art zu Erzählen in Berührung gekommen bin ich, als ich im Mai 2016, am Plötzensee, es war sehr heiß, Sharon Dodua Otoos „die dinge die ich denke, während ich höflich lächle …“ las. Zehn Kapitel, die alle mitten im Satz anfangen und aufhören, deren Sätze nicht in anderen Kapiteln zu Ende geschrieben werden. Es beginnt, wenn man chronologisch liest, in Kapitel 10 und endet in Kapitel 1, aber was heißt das schon. Wo diese Geschichte anfängt und wo sie aufhört, ergibt sich beim Lesen, im eigenen Kopf. Und der möchte immer wieder mitmachen. Er kennt alle Geschichten von Frauen und Müttern und Geburt, von Liebe und Eifersucht, von Fremdheit und Rassismus und einige von Geflüchteten, eine Figur taucht auf und der Kopf ordnet sie in ein Erzählmuster ein. Und die Novelle (so nennt sie der Verlag), nimmt den Erzählstrang und wickelt ihn nach einem anderen Muster auf.

Wie das, was Paul Auster in „City auf Glass“ macht“, das eigene Leseverhalten zum eigentlichen Schwerpunkt der Handlung zu machen, die Gewohnheit, aber auch das Bedürfnis, Zusammenhänge, Ordnung, Sinn und  Kausalität in das Labyrinth des Textes zu bringen (während die Romanfiguren Blue, Black und Brown durch das Labyrinth der Straßen New Yorks laufen und eine andere Figur versucht, herauszufinden, was das bedeutet).

Beim Lesen von Sharon Otoos Novelle hing meine Erwartung, die den Text aufschlüsselte, im Anschnallgurt am Inneren der Autotür, wenn das Auto eine scharfe Kurve macht. Das Verhalten der Erzählerin ihrem Mann, ihren Kindern gegenüber, der Geflüchteten im Wohnheim, erzeugte in mir eine Spannung, von der ich die ganze Zeit annahm, dass sie sich auflösen würde, dass sie der Weg ist, dem der Spannungsbogen der Erzählung folgt, das noch nicht Erzählte, das zum Weiterlesen animiert. Erst im Laufe des Lesens merkte ich, dass die Erzählung nicht die Klötze aus dem Weg räumen wollte, die sie hinstellte, sondern dass es um sie ging. Und wie sehr das, was ich erwartet habe, mit mir zusammenhing. Und meinen Erwartungen an (weibliche) Figuren. Ich wollte sie verstehen. Ich wollte wissen, was hinter den Taten steckt, während der Text davon erzählt, was passiert, das nicht moralisch akzeptabel ist, aber passiert. Ein zu großer Teil des Lebens, um nicht davon zu erzählen, um ihn nicht hinzustellen, in Klötzen, zu beschreiben, um sie herumzugehen, dahinter, davor, Literatur zu verwenden, um zu untersuchen, was das eigentlich ist, das Leben.

Elena Ferrante erzählt in ganzen Kapiteln. Sie beginnt jeden der vier Teile, die zusammen einen sehr langen Roman bilden, mit einem Kapitel eins. Sie schlägt sich in Vor- und Rückblicken der 66-Jährigen Schriftstellerin Elena Greco durch den Dickicht der gesellschaftlichen Veränderungen Italiens von den 40ern bis in die Gegenwart, ohne den Erzählstrang, an dem sie die Lesenden führt aus der Hand zu geben. Alles, was erzählt wird, ist eingeordnet in eine starke Erzählstimme, die so vehement erzählen will, dass man ihr folgt. Erzählanlass ist das Verschwinden der Freundin Elenas, die sie Lila nennt. Elena Ferrante ärgert die Lesenden nicht mit offenen Satzenden. Sie erzählt, was zu erzählen ist, Kindheit, Schulzeit, Lieben, Entlieben, Tode, das Erstarken der Mafia, soziale Ungerechtigkeit. Sie erzählt diese Geschichten als Geschichten von Wollen und Können, von Möglichkeiten und Zwängen. Armut, die Vorgaben der Familie, der eigenen Begabungen, der Machtverhältnisse in der Gesellschaft sind der eigentliche Stoff der Geschichte, vor dem sich die Handlungen der einzelnen Figuren nur entfalten und in dem sie manchmal untergehen.

Das Muster und die Ordnung, in dem diese Erzählstränge angeordnet sind, ist jedoch die Frage, was Freundschaft bedeutet in den unterschiedlichen Erwartungen, die an Frauen gestellt werden.

Grundsätzlich werden in der Literaturgeschichte ja nicht viele Geschichten von Frauen erzählt, die befreundet sind. Frauen sind meistens Mütter, Geliebte, Ehefrauen oder Angebetete von männlichen Figuren. Die klassische Ammenfigur ist dazu da, den inneren Monolog der Frau zu zeigen und zeigt keine Freundschaft. Dann gibt es das Erzähltrope der „Besten Freundin“: Hanni und Nanni, Dolly und Susanne. Sie tun alles füreinander, sie gehen durch dick und dünn. Hinter diesem Ideal verbirgt sich ein weites Feld von Realität, das noch nicht erzählt wurde. Enge Verbundenheit mit gleichzeitiger Fremdheit, füreinander Einstehen und Verrat nicht in einzelnen erklärten Abweichungen, sondern als komplexes Gebilde, das als Ganzes die Freundschaft abbildet.

Ich habe mich viel mit Büchern abgemüht, aber ich habe sie nur hingenommen, habe nie wirklich Gebrauch von ihnen gemacht, habe sie nie gegen sich selbst gekehrt. Aber so muss man denken. So muss man gegendenken. Lila (…) hat das im Blut.  (…)

Meine Lektüren in dieser Zeit bezogen auf die eine oder andere Art letztlich immer Lila mit ein. Ich war auf ein weibliches Denkmodell gestoßen, das, von den zu berücksichtigenden Unterschieden abgesehen, das gleiche Gefühl der Bewunderung und der Unterlegenheit in mir auslöste, das ich ihr gegenüber empfand.“

Elena Ferrante: Die Geschichte der getrennten Wege. Neapolitanische Saga Band 3, Suhrkamp 2017, S. 358. Aus dem Italienischen von Karin Krieger.

Lila und Elena waren die beiden besten ihrer Grundschulklasse in einem armen Viertel von Neapel. Beide bekamen die Förderung ihrer Lehrerin, nur eine konnte wegen der familiären Verhältnisse auf die Oberschule gehen. Elena erzählt die Geschichte dieser Beziehung, und sie erzählt sich als die weniger Begabte. Die wesentlichen Eigenschaften beider Mädchen, später Frauen sieht sie immer in Relation zueinander. So spielt auch die Gesellschaft oft zwei Frauen gegeneinander aus: Die Kluge und die Schöne. Die Wilde und die Angepasste. Die femme fatale und die Mutter. Wenn es nur zwei Frauen gibt, können sie nicht einfach so sein wie sie sind, hier wild, da ruhig, unterschiedlich nicht auf einer binären Skala, sondern vieldimensional.

Nur die angepasstere der beiden, Elena, schafft den Weg aus Neapel heraus. Beider Wege führen über Männer, mit weniger großen Clashs oder Katastrophen, und die Frage bleibt, wie viel Eigenständigkeit (und, um den Titel des ersten Bandes zu zitieren, Genialität) es braucht, um  erfolgreich zu sein, und wie sehr diese Eigenständigkeit verborgen bleiben muss, um den Weg nicht zu verhindern.

Es wird damit auch die doppelte Anforderung an Frauen geschildert: Mutig zu sein und Neues zu schaffen, neue Wege zu begehen, neue Gedanken zu formulieren, denn warum sollte man nicht sonst immer eher den Mann einstellen, dem Mann zuhören, den Mann lesen, der das tut. Aber freundlich und versorgend zu sein, das Wohl aller im Blick zu haben, der Kinder, der Gruppe, und nicht zusätzlich und unnötig Schwierigkeiten schaffen in einer Welt, die ohnehin schon kompliziert ist.

Diese beiden Anforderungen an Frauen werden in der Freundschaft von Lila und Elena miteinander verzwirnt, verzweigt, und sie spielen auch eine Rolle im Umgang  der beiden miteinander, in dem, was für sie Verrat bedeutet. Eine Gesellschaft, die Frauen gegeneinander ausspielt, belohnt auch die Übernahme einer der beiden Rollen. Letztlich ist es nicht nur eine Frage der Moral, sondern in einer Gesellschaft, die auf Machtverhältnissen beruht, auf sozialen Ungleichheiten, auch eine Frage des Überlebens im eigentlichen Sinn: zwei Menschen mit einer schwierigen Ausgangsposition versuchen ein Leben zu führen, in dem sie leben können.

Kulturelle Aneignung, Opferkonkurrenz und die weiße Perspektive

Gedanken zu dem Gespräch „Respekt! Grenzen kultureller Aneignung“ mit Eva Geulen, Matthias Dell und Ekkehard Knörer (Merkur-Gespräch 9). (Audioaufzeichnung)

Der coole Hund Underdog, Coolness des Nichtprivilegierten und die eigene Leistung

Kenneth Goldsmith hat das Uncreatice Writing erfunden. Er denkt über Urheberschaft nach, indem er bestehende Texte verwendet. Einmal hat er eine ganze Ausgabe der New York Times abgeschrieben.

Als er im März 2015 zu einer Konferenz der Brown Universität eingeladen war, las er dort als Gedicht mit dem Titel „The Body of Michael Brown“ den Autopsiebericht des unbewaffneten afroamerikanischen 18jährigen Michael Brown, der bei einer Polizeikontrolle in Ferguson erschossen wurde.

Mit dramatischem Gestus endet er mit den Worten (die im Bericht an anderer Stelle stehen), die Genitalia des Toten seien unbemerkenswert.

Er macht den Körper eines toten afroamerikanischen 18jährigen zu einem Kunstwerk, mit dem er provozieren und eine „powerful reading“ erzeugen will. “How could it not have been, given the material?”

Wenn das Verwenden von fremdem Textmaterial ein legitimer Vorgang in der postmodernen Kunst ist, was unterscheidet sie dann von Appropriierung?

Appropriierung kostet nichts. Goldsmith liest als weißer, vielfach ausgezeichneter Dichter an einem privilegierten Ort. Er spricht über den Körper, auf den Schwarze Menschen in der Realität jahrhundertelang nicht nur in den USA reduziert wurden. Er nutzt die Tatsachen der Ungerechtigkeit und des Leidens und Sterbens anderer, um einen kraftvollen Effekt hervorzurufen, ohne jemals in Gefahr zu sein, dasselbe zu erleben.

Er stellt sich damit in die Nähe des ebenso jahrhundertelangen Kampfs Schwarzer Menschen um Selbstbestimmung, ohne sich an ihm zu beteiligen. Das scheint attraktiv. Man wird Teil der coolen Schwarzen Bewegung, die auch ein Thema in Jordan Peeles herausragendem Film „Get Out“ ist: Die Coolness des Untergrunds, die Coolness des Unterdrückten, nicht Teil von Privilegien zu sein.

In Deutschland kam diese (vermeintliche) Coolness des Underdogs (aus privilegierter Sicht) bei Kesslers Arztsohndebatte zum Vorschein. Es ist cool, authentisch zu sein, es ist cool, einer von den anderen zu sein, die es nicht nur wegen ihrer eigenen Privilegien geschafft haben. Nicht nur der Nutznießer der eigenen Privilegien und quasi nach oben gerutscht zu sein, sondern es sich selbstständig erarbeitet zu haben, gegen alle Widrigkeiten, ein Held, nicht nur ein Parasit. Das haftet dem Mythos, der um Obama rezipiert wurde an, und dem Selbsthass der aus Debatten wie der Arztsohndebatte spricht:

Das Andere ist das Interessante. Das Migrantische. Kriegserfahrungen. Oder Armut. Da hat jemand noch was vom Leben erlebt.

Natürlich ohne etwas von den eigenen Privilegien aufzugeben. Das geht Hand in Hand mit dem so Tun als wäre man arm, was der Blogger IckwerdeeinBerliner („how to Blend in with the Germans“)  beschreibt:

The moral dilemma Germans are in, is that they consider people who have money to be boring squares. In their never-ending quest to be special while not diverging from their peers too much, Germans have perfected the act of appearing eternally broke while they’re actually buying loft-apartments in Berlin-Mitte behind their friend’s backs.

As you might already have found out, Germans love being in win-win situations like this one: On the outside, they can maintain the “urban bohemian” appearance, while secretly preparing the “boring” and “square” lifestyle they like to ridicule.

Aus eigener Leistung

Es geht auch um den Leistungsgedanken. Das, was man hat und ist, aus eigener Leistung erreicht zu haben. Man ist nicht mehr, wie in vergangenen Zeiten, stolz darauf, nicht arbeiten zu müssen, weil andere (Vorfahren oder Angestellte) es für einen getan haben. Das hat mit einer Priotisierung von Individualität zu tun, und die Klassenfrage wird hintangestellt, auch weil sie Machtfragen stellt: Ob das alles so bleiben darf.

Was man sich selbst erarbeitet hat, darf einem nicht weggenommen werden.

In denselben Kontext gehört die Beliebtheit des Berichtes des französischen Soziologen Didier Eribon über seine Rückkehr nach Reims (wo er in einer Familie der Arbeiterklasse aufwuchs). Die ZEIT fragt: „Sind wir nicht alle aus Reims?“ – Mythen, die sich der Erfolgreiche zurecht legt, ungleich der Scham der Aufsteiger, die ihre nichtakademische Herkunft oft verbergen (wie es Eribon ebenfalls getan hat).

 

Macht-Frage

Der beste Umgang mit Klassen und Machtstrukturen, um sie nicht zu ändern, ist es, sie zu leugnen, wie es die Ostermeier-Inszenierung tut, an die der ZEIT-Titel seine Frage stellt. Wer wird Kunst über die Klassenfrage machen dürfen? Wer wird damit Geld verdienen?

Wer wählt aus, wer handelt, wer trifft die Entscheidungen?

Wer guckt, wer wird angeguckt, über wen wird erzählt?

Von wem? Wer hat eine Stimme?

Die Debatte um Schwarze Schminke auf weißen Gesichtern an Deutschen Theatern, um den Anderen darzustellen, stellt die Frage: Was ist normal?

Der „normale“ als nicht-farbig gelesene Mensch muss erst verändert werden, um einen Fremden darzustellen. Weiß ist genauso eine Hautfarbe wie andere Farben auch. Es ist nicht der Normalfall des Menschen. Als Markus Lanz im Dezember 2012 für die Wetten-Dass-Saalwette Augsburger Kinder aufforderte, als Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer zu erscheinen, „schwarz geschminkt“ ignorierte er die Tatsache, dass es Augsburger Kinder gibt, die nicht erst geschminkt werden müssen, um als Jim Knopf zu kommen.

Es gibt nicht den „unmarkierten Menschen“ und die anderen, auf die sich migrantische, rassistische Geschichte bezieht. Rassismus ist auch eine weiße Geschichte. Lynching ist eine weiße Geschichte. Weiße haben andere Menschen aufgehängt.

In der Eingangsszene der poppig-süffigen, erzählerisch interessanten Netflix-Serie „Dear White People“ wird Samantha White (gespielt von Logan Browning) in einem Vorlesungssaal zur Geschichte der Sklaverei, in dem ansonsten nur weiße Studierende sitzen, gefragt: Möchten Sie etwas dazu sagen?

Dabei ist die Geschichte der Sklaverei ebenso die Geschichte vieler weißer im Raum, die davon profitiert haben.

Die Welt hat vorher so funktioniert, WEIL Privilegien nicht in Frage gestellt wurden.

Sie wird anders funktionieren, wenn wir es tun. Es geht um Macht und Gerechtigkeit, darum, wer für welche Handlungen welche Reaktion bekommt und wer für welchen Erfolg was tun muss.

Unhinterfragte Privilegien

Es sind keine Symmetrien, wenn Menschen mit mehr Privilegien und Möglichkeiten sich Erfahrungen und Kultur von Menschen mit weniger Privilegien aneignen. Sie erzählen deren Geschichten, ohne sie zu Wort kommen zu lassen. „Ich bin hier mitgemeint, aber ich habe keine Stimme“

Es ist ein Fortschritt, Privilegien und Gewaltzusammenhänge zu reflektieren und nicht fortzusetzen oder zu verteidigen.

Es war bei der Merkur-Veranstaltung keine nichtweiße Person auf dem Podium (oder im Raum). Dazu extra eine nichtweiße Person einzuladen hätte bedeutet, sie auf ihre Außenseiterposition zu reduzieren, sagten die Veranstaltenden, als das angefragt wurde – eine Frage, die sich nicht erst in der Podienbesetzung einer Veranstaltung stellen sollte! Damit verbunden wurde die Frage, ob Nichtweiße, wenn sie zu solchen Panels eingeladen werden, auf ihre Hautfarbe reduziert werden und ob sie immer nur zu Rassismus reden dürfen, oder auch zu etwas anderem? Ob sie durch ihre Hautfarbe thematisch markiert seien? Das ist die andere Seite der Münze der fiktiven Situation der Studentin Samantha White. Rassismus ist auch eine weiße Geschichte. Das heißt nicht, dass nur weiße Stimmen dazu sprechen sollten.

Es geht auch um Geld, Macht und Reputation. Wer sitzt wo auf einem Podium? Wem hört man zu? Wer kann nachher auf seine Seite schreiben „Organisation eines Panels zu Appropriierung“? Dieses Privileg trifft auf drei weiße zu. Sie dürfen sich jetzt etwas im Glanz der Auseinandersetzung mit dem Thema sonnen. Links zu sein, offen, egalitär …

 

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It‘s not your story to tell – show – earn money and reputation with

 

Martyrerkonkurrenz

Es geht bei dem Vortrag des Gedichts „The Body of Michael Brown“ nicht um einen neutralen Text, sondern es geht um die Aneignung von Leid.

Die Identifikation mit dem Opfer ist attraktiv. Opfer tragen keine Verantwortung. Das kennen die Deutschen schon. Die Faszination mit der Identifikation mit dem Judentum von Deutschen nach 1945 steht in keinem Vergleich mit der Identifikation mit den Motiven der Täter.

Der episodische Spielfilm „Oh Boy“ (2012), erzählt die Geschichte des jungen Deutschen Niko (Tom Schilling), der sich nicht entschuldigt, der seine Privilegien nicht verheimlicht. Einen Tag lang begleitet die Zuschauer*in ihn auf der Suche nach einer Tasse Kaffee, nachdem er den ersten Kaffee des Tages abgelehnt hat.

Berlin-Film, Generationenporträt, Debüt: Viele Label bieten sich für Jan Ole Gersters erste Kinoarbeit an, aber keines passt. Sein Tonfall ist so fein und präzise, dass er nichts von einem polternden Erstling oder gewichtigen Generationenpanorama hat. (…)

Dabei ist „Oh Boy“ zeit- und ortsspezifischer, als er zunächst erscheint, lässt sich aber nur nicht von der Gegenwartsaufgeregtheit, die Berlin bestimmt, beeindrucken. Hipster, Touristen oder Bionade-Mütter sucht man vergebens. Stattdessen wendet der Film seinen Blick auf die Geschichte der Stadt und legt nach und nach frei, wie die Fixierung auf die Jetztzeit die Geschichte verdrängt und ständiges Abgelenktsein auch nur ein Weggucken ist. (Hannah Pilarczyk im Spiegel)

Nikos Freund Matze nimmt ihn mit an das Set eines deutschen Nazi-Films. Es wird die Geschichte eines SS-Offiziers erzählt, der in den Kriegswirren (wenn das nicht schon ein Euphemismus ist) seine Jugendliebe Hannah wiedertrifft, die aufgrund ihrer jüdischen Herkunft verfolgt ist und ein Kind mit ihm hat, von dem er nichts wusste. Dieser Film-im-Film nimmt uns mit in eine sehr deutsche Reaktion im Umgang mit dem Holocaust: Er erzählt die Geschichte als eine Geschichte des Leids von Deutschen. Nicht Hannahs Geschichte wird erzählt, sondern das heldenhafte Leben des Offiziers Philipp Rauch.

Gegen Ende des Films kippt ein Deutscher, der die Zeit tatsächlich erlebt hat, neben Niko vom Barhocker. Friedrich (Michael Gwisdek) wird von Schuldgefühlen verfolgt, seitdem er als Kind in Reaktion auf die während der Reichsprogromnacht überall versplitterten Glasscherben geweint hat, weil er dachte, er könnte nie wieder in der Straße vor seinem Haus Fahrrad fahren. Er war ein Kind, aber ihm ist bewusst, was in dieser Nacht außerdem noch geschehen ist. Und dann kippt er vom Stuhl.

So ambivalent, so unromantisch, so existenziell kann Schuld für Nichtopfer sein. Es gibt noch genug weiße deutsche Perspektiven auf den Umgang mit ungleichen Machtstrukturen zu betrachten, dass der Versuch der Näherung an Aneignung als etwas, was andere machen, nur ein Anfang sein kann.

 

Michael Gwisdek als Friedrich zeigt auf die Straße. Es ist hier geschehen. Es hat was mit uns zu tun.

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Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen

Das habe ich schon im Erdkundeunterricht gelernt. Oder zumindest gehört. Man wird ja manchmal klug, wenn man sich langweilt, und ein Atlas ist ein guter Ansatzpunkt zum Abdriften, wenn man in der Schule nicht mehr zuhört, sondern gedanklich versucht, die Erdteile wie Puzzelstücke wieder zusammen zu setzen, die mal auf den flüssigen Teilen der Erde auseinandergeschwommen waren aber fraglos zusammengehören. Pflanzenteile die man an der Westküste Afrikas und der Ostküste Südamerikas finden kann, weist mein Atlas aus, Spuren von Tierarten, die auf den Höhenlinien entlangzogen.

Über Grenzen, Schwammiges, das Verschieben erzählt der Roman, er fasst niemals Fuß auf dem sich verschiebenden Grund, auf dem wir uns bewegen. Was heißt da bodenständig, wenn sich die Platten auf der Lava so bewegen, dass sich Kontinente bilden?

Ein Anti-Krimi. Während sich der Krimi auf ein Ziel fokussiert, die Auswahl der Welt einschränkt, steckt dieser Roman seine Grenzen schon im Titel (nicht) ab: „Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen.“ Es geht um Alles und Nichts, um Energie und um Müdigkeit, über die die namenlose Erzählerin promoviert, während Nelly, deren Verschwinden die Romanhandlung auslöst, sich mit Plattentektonik und schmelzenden Erdmassen beschäftigt und mit flirrender Energie die Karriereleiter der Juniorprofessur samt Eigentumswohnung erklommen hat. Eine Juniorprofessur für Seismologie, den winzigkleinen Bewegungen der Erdplatten nachspüren, und das macht auch dieser Text. Überhaupt beschreibt sich der ganze Text selbst:

„Sie (Nelly) entwarf Skizzen für Ausstellungsstücke, bunte, dreidimensionale Modelle, Veranschaulichungen der Plattentektonik, der Theorie vom Auseinanderbrechen und -driften der Kontinente. Es konnte einem auf den Nerv gehen, ihre ständige Unruhe, aber wenn sie fehlte, breitete sich Traurigkeit aus, eine Ruhe und eine Leere, wie sie vor ihrem Besuch nicht geherrscht hatte oder vielleicht doch geherrscht hatte, aber es war nicht mehr möglich, sich das vorzustellen, sich daran zu erinnern.“

Sinn und Bedeutung driften auseinander, wenn das Material darunter zum Schmelzen kommt. Wenn man lange genug darüber nachdenkt, woraus die Erde besteht (Mineralien, Elemente, Moleküle) und wie sie entstanden ist (Urknall, Fliehkraft, Unterdruck?) kann man darauf kommen, dass das alles völlig zufällig ist, unzusammenhängende Teile zusammenhängen, ohne Bedeutung – so ist dieser Roman gebaut.

Eine Erinnerung. Am Waldrand, ein Wochenendgebiet, Freizeit im Wald, Arbeit in der Stadt, Freizeit und Arbeit prallen aufeinander, Informationen münden nicht in Verstehen, weder für die Erzählerin auf der Suche nach Nelly noch für Nelly in ihrer Arbeit noch für die Leser*in dieses Romans. Übergänge, Grenzen, etwas hört auf, etwas fängt an, jemand verschwindet. Miriam Zeh liest diesen Roman als Abgesang auf das universitäre System, das nur noch Wissen, kein Verstehen vermittelt.

Was mit dem Erzählen passiert, wenn niemand mehr wirklich etwas wissen will, ist eine hochrelevante Untersuchung in den Zeiten von Fake-News. Es greift das auf, was passiert, wenn es zugleich um Alles und um Nichts geht. Nicht mehr viel, zu dem man sich in Bezug setzen kann, nichts was zum Handeln reichen würde.

„Verloren oder bewusst verworfen, ich konnte es nicht sagen, jedenfalls schien es ihr vor allem ums Erzählen zu gehen, ohne Punkt und Komma, weniger, um etwas aufzudecken, als einfach zu erzählen, weil sie Lust hatte, damit es nicht still war.“

Prosanova 2017 // Wir übernehmen nicht (Epilog)

Festival für junge Literatur, 8.-11. Juni 2017,  Hildesheimer Nordstadt

„Kennen wir uns?“

Prosanova 2017. Vier Hallen, 800 Teilnehmer, gemischt gutes Wetter. Das eigentliche Festival beginnt ja oft erst am zweiten Tag aus dem Rückblick, und von dort macht dann der erste Tag Sinn.

Material, Prozess, Protokolle, das ist das Thema, das sich die Organisator*innen, die Redaktion der Literaturzeitschrift Bella Triste ausgedacht haben – ein Themenfeld so weit, dass das Festivalgelände (vier große Hallen in der Nähe des Bahnhofs und die dazwischenliegenden Grünflächen, siehe Foto) mehrfach reinpassen würde.

Das Festival kickte für mich ein mit dem Frühstück am Freitag, bestehend aus Kaffee, Tee und dem Inhalt eines Obstkorbs. Das wir im Nachhinein „das Chorfrühstück“ nannten. Der Chor ist die Schnittstelle von Musik, Theater und Literaur und durchzieht alle Zeitalter des Theaters nach Hans-Thies Lehmann, habe ich beim Frühstücken im Rahmen eines Referats gelernt, das in seinen letzten Zügen kurzerhand kollektiv vorbereitet wurde.

Wer spricht hier eigentlich?

Das hat viel zu tun mit einem angenommenen Wir und damit, wen man kennt, und was man für allgemein verständlich hält und glaubt, gar nicht mehr sagen zu müssen.

Das Wir ist immer eine Ansammlung von konkreten Einzelpersonen, oft aber schwammig und tröstlich. „Wann wird etwas zu einem Wir? Was soll ein Wir verheimlichen“, fragte Felix Ensslin an das Wir aus Angela Merkels „Wir schaffen das“. Das Wir macht genauso oft etwas sichtbar wie es etwas verschweigt das dann als Unwohlsein bleibt. Über das Wir muss keine Aussage mehr gemacht werden. Alle Fragen scheinen entschieden wenn die eine Frage beantwortet ist „Wer ist eigentlich wir?“.

Dabei ist das „Wir“ eigentlich noch interessanter als das „Ihr“, weil es darin noch viel unausgegorener brodelt. Das „Ihr“ soll nur abgrenzen und nur sagen: „Ihr seid so. Wir, wir sind nämlich ganz anders.“ In diesem „Ihr“ kann man alles ablagern. Vom Wir kann man nicht so ohne Weiteres behaupten, dass das nichts mit einem zu tun hat, von dem ist man ja ein Teil. Da wird es erst spannend mit dem was da alles reinpassen muss.

Wir übernehmen nicht

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Bei der Release-Veranstaltung der Zeitschrift die Epilog zu ihrer Ausgabe über die Generation Golf trat ein Chor (This is Hardchor, Foto) auf, der Poplieder singt, die „Ich“ singen. Zwischen all den Texten, die eine Generation einfangen wollten, konnte man einer Stimme zuhören, die gemeinsam etwas ausdrückte, die die unterschiedlichen Emotionen einebnete in einen beruhigenden Klangteppich, den immer schon jemand anderer gefühlt hatte.

Der Chor hat etwas tröstliches, wenn alle mitsingen “ I don‘t wanna feel“ und zugleich damit auf der Tanzfläche mit geschlossenen Augen völlig allein sind.

Was verschwindet in diesem Chor?

Tim Holland, Anne Munka: Futur Drei

Am Samstag Mittag befinden wir uns in der Klanginstallation Futur Drei (audiolink) von Tim Holland und Anne Munka (Samstag Mittag) in einem Live-Hörspiel als wären wir alle multipliziert, multivokal, polyvokal Teil eines Kollektivs dem dieselben Sätze durch den Kopf gehen.

  • „Ich bin keiner von uns“„stirbt allein“
  • „Die alten Beziehungen waren barock / eine Überforderung / jetzt führen wir für jedes Gefühl eine eigene Beziehung.“
  • „Wir greifen nach uns“
  • „Die Scham die uns beim Schwimmen trägt“
  • „Wir suchen nicht mehr, wir finden uns auf Börsen“

Taxilesungen (Tim Holland, Shida Bazyar)

Während der Taxilesung („die exklusivste Lesung der ganzen Welt“) am Sonntag Mittag liest Tim Holland (audiolink) denselben Text noch ein mal vom Vordersitz in die aus drei Personen bestehende Audienz. Als wir den Bus überholen, der an einer Haltestelle wartet und den Fahrplan einhält, sind wir bei der Stelle „es gibt Leute die nicht mitmachen wollen bei dem Kollektiv“. Viele bezeichnen die Taxilesung als das beste Format des Festivals, ein Format, an dem nur drei Personen (neben Fahrer und Autor*in) teilnehmen.

Im Taxi kommt man selten am Erzählen von Kurzformen des eigenen Lebens vorbei, anders als im Bus gibt der enge Raum einen Rahmen vor, in dem man fast immer etwas über die Kinder des Fahrers erfährt.

Auch beim Lesen ist man meistens allein und hat die intime Erfahrung einer Stimme, die einem etwas erzählt. Bei einer anderen dieser Taxilesungen verschwindet für mich das einzige Mal auf diesem Festival der Kontext der Umgebung und ich befinde mich völlig in einem Text. Shida Bazyar liest den Text „Die du dir baust“ den ich noch einige weitere Male hören und lesen will und bei dem mir nichts der Dinge auffällt, die mir bei Tim Hollands Lesung aufgefallen sind, keine Straßenschilder mit Ausrufezeichen, Hinweisschilder, Straßennamen, die einen dreidimensionalen Paratext zum Live-Audio bildeten, weil ich völlig im Text untergetaucht bin, in der Beziehung zwischen dem Du und dem Ich im Vordergrund, die den Hintergrund des nichtbenannten aber lauten Kollektivs überdeckte und das Ich überhaupt erst in dieses Kollektiv gebracht hatte.

Das greift die große Frage der Schreibschulen auf, ob die Stimmen, die in diesen Räumen wie dem Blauen Salon auf der Domäne Marienburg, in dem das Institut für Kreatives Schreiben der Uni Hildesheim seine Seminare hält, entstanden sind, wiedererkennbar sind. Ob es so viele braucht, die mit einer Stimme sprechen.
Wem hört man eigentlich zu?

Ständig bilden sich Schlangen, obwohl es selten wirklich voll ist. Am Sonntag stellen sich Menschen schon in einer Schlange an, obwohl es bei der Insellesung auf dem Parkplatz ganz sicher keinen Einlassstopp geben wird, einfach aus Gewohnheit. Die Schlange, in der sich alle mehr oder weniger ordentlich einreihen. Ist das nicht Teil der Sehnsucht des Individuums, sich aufzulösen, Teil einer Gemeinschaft zu sein (Tocotronic – „Ich möchte mich auf Euch verlassen können)?

An wen richtet sich das Erzählen, wem erzählen wir etwas?

Uns?

Julia Rüegger: Holzhacken, Freitag

Am Freitagnachmittag wird bei der Veranstalung „Skriptor“ gemeinsam ein Text von Autor*innen und Lektor*innen bearbeitet (audiolink), der „Holzhacken“ heißt.

Aus dem Kinder-Wir löst sich während des Textes eine der beiden Schwestern. Das ist die Handlung. Es hört auf, ein Wir zu sein, als eine der beiden immer besser wird beim Holzhacken und die andere es nicht lernt. Etwas spalten, um es dann zu verfeuern. Ein Feuer damit zu nähren. Dabei ist es schon sehr, sehr warm, auch wenn während der Diskussion der Regen auf das Wellblechdach des räumlich begrenzten Anbaus prasselt. Und während das Ich des Textes das Holzhacken nicht hinbekommt, hört das Wir auf, und das Ich weiß, dass das Holzhacken irgendwann einmal lebensrettend sein wird.

„Dieses Gefühl von ‚wir sind nicht gleich‘ ist schon ziemlich früh da“, sagt Anke Stelling in der Diskussion des Textes. Am Vormittag desselben Tages sagte sie in der Veranstaltung „Einen Augenblick organisieren“ zu ihrer Dramaturgin Daniela Plügge immer wieder „da sind wir verschieden“.

Was heißt das über ein Wir, wenn da nicht mehr geredet werden muss, wenn „da sind wir verschieden“ schon der Akkord ist auf dem das Lied endet, kein Septakkord, nichts unaufgelöst, einfach das Ende.

Da sind wir verschieden, Prosanova –  da würde ich gerne noch weiter drüber sprechen.

Wasserblogs

Ich wollte einen Schwimmbadroman schreiben. Was man beim Schwimmengehen in der Großstadt, noch dazu einer mit einer so kreativen Verwaltung wie Berlin, alles bedenken muss, was einem unterkommt, was ich erlebt habe. Selbstverständlich alles autobiographisch. Sozusagen ein Enthüllungsroman in Badekleidung. Und vom Schwimmen selbst, vom Wasser. Von der Bewegung, vom „Gleiten, Ziehen“ (Blauer Abend in Berlin, Oskar Loerke), der veränderten Erfahrung nach dem Auftauchen.

Nun habe ich festgestellt, dass Chlorhuhn (Petra) diesen Text bereits geschrieben hat.

Ich lasse mich durchs Wasser gleiten. Ein Armzug, die Arme dann eng an den Körper gelegt. Dann spüre ich erneut, wie das Wasser an mir vorbeiströmt. Wie ich hindurch gleite. Auf dem Edelstahlboden des Beckens sehe ich meinen Schatten. Zum Spaß mache ich einen Delfinkick. Einfach, um meine Kraft zu spüren. Alles verschwimmt in diesem Moment. Ich bin ganz bei mir und freue mich auf die jetzt noch knapp 3.000 Meter, die vor mir liegen. An manchen Tagen flößen sie mir ein bisschen Respekt ein, an manchen nicht. Ganz egal, wie gut oder schlecht das Folgende läuft – die ersten paar Meter unter Wasser, dieses Gleiten und Spüren der Strömung – das ist für mich immer das Schönste am Schwimmen!“

(Chlorhuhn am 26. 12. 2014)

Gestolpert bin ich über ihren Blog über den von Kraulquappe („Eintauchen in eine chlorreiche Gegenwart, einer verschwommenen Zukunft entgegen“), der ich bereits seit einiger Zeit folge. Die Schwimmblogger*innen begehen gerade das (offensichtlich offizielle) Ende der Freibadsaison.

(Berlin hat, wie üblich, in jedem Bad eine unterschiedliche Regelung, die meistens im Bad aushängt, dann aber auch noch mal spontan geändert wird, also typisch Berliner Schwimmbadzustände, in diesem Fall aber in seiner Kreativität flexibel,so dass hier weiterhin Bäder offen haben! Das Strandbad Plötzensee hat übrigens ebenfalls noch offen, steht nicht auf der Website, kann sein, dass auch andere noch offen haben, ausprobieren! #derberlinersonderweg)

Dass über Wasser zu schreiben genug Stoff für ein ganzes Schriftstellerwerk ist, weist John von Düffel seit 1998 nach. Auch er beschäftigt sich mit dem Schwimmen in einer minutiösen Detailperspektive. Dieser Fokus auf einzelne Dinge ist tatsächlich eine Perspektive, die beim Schwimmen entsteht. Die Zeit, die es braucht, Bahnen zu schwimmen, geben einen Rahmen vor. Das Einatmen, Eintauchen, Durchziehen wiederholen sich. In diesem Zeitraum ist Platz dafür, Gedanken nachzuhängen, an einer Erinnerung hängen zu bleiben, aber auch eine Bewegung ein paar Bahnen ganz bewusst zu beobachten. Das Wasser zu spüren bedeutet, eine Grenze für den eigenen Körper zu spüren, da hört er auf. Wenn ich nichts anderes spüre, weiß ich: Das hier ist mein Körper, da ist das Wasser. Es gibt Ruhe, Zeit und Fokus. Rhythmus und Bewegung. Das spiegelt sich auch in der Erzählweise der Wasserblogger und Ehren-Wasserblogger-in-Printversion wie John von Düffel wieder.

Der Hessische Rundfunk hat über diesen Zusammenhang einen 14-minütigen, aber sehr informierten Tonbeitrag (klicken:hören) gemacht.

Die Freibadsaison mag bald vorbei sein, aber die Seen handhaben diesen einheitlichen Saisonzyklus, so wie ich das überblicke, flexibel. Und es gibt ja noch das Hallenbad. Aber das ist eine (nicht völlig) andere Geschichte.

Die Katrin wird Soldat

von Adrienne Thomas las ich zuerst mit 15, nehme ich an, und es prägte sich mir mit einer Intensität ein, so dass ich immer wieder daran dachte, obwohl niemand über dieses Buch sprach. Es war eines der Bücher, die mir dankenswerterweise von der Bibliothekarin der Stadtbücherei Spandau ans Herz gelegt wurden.

Adrienne Thomas wurde unter dem Namen Hertha Strauch 1897 in Lothringen geboren und wuchs dort in einem gutbürgerlichen Haus zweisprachig auf. In Metz, wo sie zur Schule ging, lebten Deutsche und Franzosen miteinander.

Als Jüdin und, noch dringlicher, Pazifistin, wurden ihre Bücher verboten, sie emigrierte 1933 in die Schweiz, über Frankreich, Österreich, Tschechien, Portugal und andere Europäische Länder (diese Erfahrungen flossen in andere Romane wie „Reisen Sie ab, Mademoiselle“ ein) schließlich 1940 in die USA. Read More

Westdeutschland

David Wagner: Vier Äpfel und Meine Nachtblaue Hose

Als ich klein war, war Westdeutschland ziemlich weit weg, man musste zum Autobahnkreuz Dreilinden fahren, dort sechs Stunden warten, danach vier Stunden Autobahn fahren, und dann war man da. Zumindest war das mein Eindruck. Da die Mauer erst fiel, als ich neun war, waren 10 Stunden proportional zu meinem Gesamtleben eine lange Zeit. Aber es gab Bücher, allen voran Jo Postum, Peter Härtling und Dagmar Kekulé, da kam man schneller hin, mein Hauptversorgungspunkt war die Bibliothek in Altstadt Spandau, weil die Bibliothekarin dort so nett war, und weil sie viel mehr Bücher hatten als die Hansa-Bibliothek.

Daher hatte ich eine Vorstellung von Westdeutschland, es gab dort Jugendzentren und Baggerseen, Landstraßen mit schwarzweißen Pfeilern an beiden Seiten, mit links zwei Punkten und rechts einem senkrechten Streifen in der schwarzen Bandierung, weiß, und vor und nach Einfahrten rot – letzteres ist wieder eigenes Erleben, das sich mir auf nächtlichen Fahrten eingeprägt hat.

Später, im Studium, lernte ich einige dieser Einfamilienhäuser in kleineren Städten kennen, während ich Kommilitonen zu Hause besuchte. Grillen im Garten, ausgelegte Trittsteine, befestigte Tischdecken, an denen kleine schöne Plastikfrüchte hängen.

Ich fand das alles sehr interessant, so in das Leben der anderen Menschen einzutauchen, in Dinge, die ihren Alltag geprägt hatten, ohne dass sie darüber nachdachten.

Dies ist ein sehr langer Vorspann, um darüber zu reden, dass ich gerade David Wagner lese. Ein sympathischer Mensch. Eine sehr schöne Sprache. Getragen von einem langsamen Klang. Tieffliegende Erinnerungen an ein Westdeutschland, das ich von diesen Kommilitonenbesuchen kenne, Gegenstände auf dem gedeckten Tisch, Marmeladenzubereitung, Lebensmittelaufbewahrung spielen eine wichtige Rolle. Eine nachtblaue Hose hat die frühere Zugehfrau des Erzählers ihm über den Stuhl gehängt.

Neulich war ich bei einem Diaryslam. Dort lesen Leute aus ihren Tagebüchern vor, meist aus der Zeit, als sie 10 – 18 waren. Es kam mir wie eine sehr informative Veranstaltung vor, in der ich wirklich viel über die Jugend an anderen Orten lernte. Von Menschen, denen damals etwas wichtig war, damals ihr Leben wichtig war.

David Wagner erinnert sich. Die emotionale Intensität der Texte, entfaltet sich in der kurzen Distanz bei der Beschreibung der Gegenstände. Es gibt keine Fragen, keine Themen, nur Alltagserinnerungen, in denen Emotionen mitgeliefert werden. Das ist alles. Was ist das? Erzählt er das, in einer Welt, in der nichts mehr wichtig ist, weil für alles gesorgt ist? Ist nur noch wichtig, was mal wichtig war, als man noch nicht den Überblick hatte, als noch alles relevant war?

Es ist für mich nicht relevant. Als jemand, der nicht so aufgewachsen ist, sagt mir der Text nichts. Ich denke nur, ich müsste da gelebt haben, wo die Eier in Paletten von acht mal sechs geliefert wurden, um zu dem Wir zu gehören, das dieser Text voraussetzt. Es ist, als müssten meine eigenen Erinnerungen das ausgleichen, was der Autor mir nicht erzählt. Mir fehlt das Wasser, um dieses Instantpulver aufzugießen, es bleibt trocken.

Ja, da ist eine Liebe in Vier Äpfel. Die Erinnerungen an eine Frau mit dem bezeichnenden Namen L. begleiten den Erzähler durch einen Supermarkt. Ich mochte die Erzählstruktur sehr, ich mag die Fußnoten zu Äpfeln, Eiern und Speisenkellern.

Sie sind nett, die Fußnoten dahingegen im Knackstedt von Michael-André Werner, die ich auch sehr liebe, kommentieren jedoch klug, witzig, geben dem Text eine andere Farbe, Tiefe, sind Abstufungen und Schattierungen die irritieren und mir etwas über die Fragen erzählen, die die Welt stellt. Die in Vier Äpfel erinnerte Beziehung zu der Frau ist zu austauschbar, und die Erinnerungen an Marken sagen mir nichts.

Das einzige Kapitel das in mir die Idee geweckt hat, es könnte noch um etwas gehen, die sich leider nicht konkretisiert hat:

„51

Wer oder was bestimmt mich? Ich glaube, ich bin eine Biene, die durch den Supermarktgarten fliegt, die Verpackungen sind meine Blüten, Form und Farben, Schrift und Geruch verführen mich. Geruch? Aber ich rieche doch gar nichts, ist ja alles verpackt. Ich bin dressiert darauf, auf Formen, Farben und Schriften zu reagieren, bin vielleicht kein perfekter, alles in allem jedoch ein zuverlässiger Konsument, denn ich kaufe die Marken, die ich kenne und schätze und schon immer kaufe, und bin ich mit ihnen glücklicher als mit den Produkten ohne Namen, meine Marken sind noch bei mir, L. ist es nicht.“

Ich hatte Fragen als Jugendliche, ich habe Dinge erlebt, die mir wichtig waren, und dieser Prozess endete mit dem Ende der Jugend nicht. Wenn ich in Texten diese Fragen und Erfahrungen wiederfinde, oder wenn sie Fragen und Themen in mir ansprechen, kann ich den ganzen Weg einer Figur mitgehen.

Die bloße Erinnerung an Gegenstände reicht für mich dafür nicht aus.

„So ist es gewesen“, schreibt Gustav Seibt auf dem Klappentext. Formiert sich da ein deutsches Wir, das vergisst, dass es andere Menschen in Deutschland gibt? Das seine Identität aus der langweiligen, aber beruhigenden Privatvergangenheit des eigenen Reihenhausaufwachsens schöpft?

Der allgemeingültige Ton ist verwirrend und beunruhigend: die Unzufriedenheit mit der Belanglosigkeit des Lebens, die im Eigenen Bedeutung sucht statt den Blick nach Außen zu richten. Die deutsche Teilung, Einkunftsunterschiede, de facto Armut, Herkunftsunterschiede, Scheitern an Grenzen, die es in der Gesellschaft gibt, gehen in dieser Faszination mit der Belanglosigkeit der eigenen Jugend unter, die sich in der nachtblauen Hose eine Stimmung entwickelt wie ein schwüler Tag am Rhein.

„Eine Reise an den Rhein und in die Kindheit einer Generation“ schreibt der Klappentext – die Kindheit der Bundesrepublik fand am Rhein statt, dort wuchs sie politisch auf, soweit könnte man noch gehen, vermutlich würde man bei Böll (z. B. in Billard um halbzehn) Unterstützung für diese These finden, aber es ist nicht die Kindheit einer Generation. Wenn es die Kindheit einer Generation wäre, dann hätten wir in Deutschland wirklich nichts anderes zu beschreiben und politisch nichts anderes zu tun als traurig zu sein dass uns der eigene Überfluss keine besseren Schreibthemen beschert. Das lullt aber alles ein, es lädt dazu ein, wegzugucken. Der Mangel an Themen ist nicht das einzige Problem, das es in Deutschland gibt. Die Menschen, die in Reihenhäusern in Westdeutschland aufgewachsen sind, sind nicht die einzigen, die es in Deutschland gibt. Ein Problem gibt es wenn sie nicht nur den Ton angeben, wie es zu sein scheint, sondern außerdem nichts von den anderen wissen.