Berlinale Tagebuch Tag 2, Freitag 16. 02. 2018

Lana Cooper und Daniel Roth in Storkow Kalifornia

14.00 Storkow Kalifornia, Perspektive Deutsches Kino, Regie Kolja Malik

Einer der beiden Filme neben „Tower. In the Light“, die ich empfehle, wenn mich jemand fragt, was ich bisher Gutes gesehen habe. Ein Film, den ich jederzeit noch mal sehen würde, was ich auch versucht habe, aber ich kam nicht noch einmal rein, trotz Anstehens.

Handlung? Ich weiß nicht. Sunny (Daniel Roth) wächst in Storkow, Brandenburg auf. Er lebt mit seiner Mutter Nena (Franziska Ponitz) in einer Art WG, in der Drogen in fließendem Übergang genommen werden. Eines Tages gerät er in eine Verkehrskontrolle, und das Röllchenblasen mit Streifenpolizistin Liv (Lana Cooper) gerät zu einem knisternden Moment. Es erwacht die dicke fette Liebe, poetisch, alltagsnah, völlig von den Charakteren getragen. Und in der Ferne lockt oder droht Berlin, ein Ort, um Storkow zu verlassen.

Wunderschön gefilmt. Der Film sagt alles über diese bestimmte Zeit im Leben dieser Figuren aus genau diesem Ort und zugleich alles über das Leben in den Zwischenräumen, die nicht manifestiert oder sicher sind, die, auf die man keinen Stempel drücken kann, einfach nur durch seine Bilder und Kamerafahrten (Kamera Jieun Yi). Nur 29 Minuten, und für mich bis zum Schluss einer der stärksten visuellen Eindrücke dieser Berlinale. Dafür gehe ich ins Kino. Um das Leben anders sehen zu lernen.

Storkow Kalifornia | Trailer (2017) – YouTube

 

14.30 Rückenwind von Vorn, Perspektive Deutsches Kino, Regie Philipp Eichholtz

Charlie (Victoria Schulz) arbeitet als Quereinsteigerin im Grundschullehramt, ihr Freund Marco (Aleksandar Radenković) macht irgendwas mit Medien. Sie sehen aus wie Hipster, sie wohnen im südlichen Kreuzberg oder nördlichen Neukölln, ihre Wohnung sieht aus wie die von Hipstern real aussieht, wenn sie nicht für Instagram-Fotos ausgeleuchtet und aufgeräumt ist. Freiheit, das ist auf dem Karneval der Kulturen zu Dota die Kleingeldprinzessin tanzen und mit dem selbstausgebauten Wohnwagen durch den Balkan fahren und alles essen, was lecker ist. Marco möchte aber Kinder (nach fünf Jahren Beziehung). Charlie nicht.

Lösung: Nicht Selbstfindung oder so. Nein, da gibts ja schon nen anderen Mann, ihr Kollege Gerry (Daniel Zillmann), der geht auf den Karneval der Kulturen, hat schon so ein Wohnmobil und kocht gerne.

Vielleicht muss man Hipster mögen, um diesen Film gut zu finden? Vielleicht muss man zumindest seine Grundprämisse akzeptieren: Dass das Leben so orientierungslos ist und so wenig Nöte hat, dass sich diese Fragen tatstächlich stellen: Was jetzt? Kochen wär mal wieder schön.

Dabei hat Charlie als Figur genug andere Probleme. Ihre Oma (Angelika Waller), bei der sie aufgewachsen ist, ist schon ziemlich alt. Nichts davon spürt man in der Figur. Weder die Abwesenheit der Eltern noch die Perspektive auf ein Leben, das über mehr hinausgeht als die bundesrepublikanische Gegenwart. Krieg? DDR? Menschen mit Migrationshintergrund in Kreuzberg/Neukölln? Nein. Dieser Film ist der gegenwärtige deutsche Roman als audiovisuelles Medium. Von seinen Fragen, seinen Themen, seinen Figuren her, auch in seinen künstlerischen Mitteln wie der Kamera, die dem Film nichts Neues hinzufügen.

 

15.30 Djamilia, Forum, Regie Aminatou Echard

Dieses Jahr bin ich weniger in Forums-Filmen unterwegs als sonst. Für mich daher der formal mutigste Film der Berlinale. Basierend auf Tschingis Aitmatows Debüt-Novelle Djamilia aus dem Jahr 1958. In dieser berühmten Erzählung, die 1943 spielt, verlässt die eine junge Kirgisin ihren Heimatort, während ihr ungeliebter Mann aus einer arrangierten Ehe als Soldat im Krieg ist, und folgt ihrer Freiheit, ihrem Lebenswillen und ihrer Liebe zu Danijar. (Übrigens war die Novelle Aitmatows Abschlussarbeit am Maxim-Gorki-Literaturinstitut in Moskau – streng genommen also Institutsprosa, ohne diese in Schutz nehmen zu wollen.)

Regisseurin Echard lässt junge Kirgisinnen über Djamilias Geschichte und über ihr Leben sprechen. Sie filmt sie in Bewegung, legt ihre Stimme aber nicht auf die Bilder ihres Gespräches, sondern auf andere, in denen ihre Protagonistinnen schweigen oder anderes tun. Die Landschaft Kirgisiens, die möblierten Landschaften seiner Häuser und Wohnungen bekommen ein ruhiges, kräftiges Bild, in dem man die Luft, das Licht und die Farben förmlich spüren kann, die die Geschichten dieser Frauen mitleben.

Der Film gibt seinen Protagonistinnen allen Raum, aber auch alle Unvoreingenommenheit, und die Protagonistinnen bleiben in ihren Geschichten, Gesichtern, Lebensumständen und Geheimnissen eigene Subjekte, die nie ihre Faszination  verlieren. Trotzdem nicht ganz unanstrengend zu gucken.

 

17.30 L’Empire de la Perfection (In the Realm of Perfection), Forum, Julien Faraut

Ein Dokumentarfilm über Tennis in Schwarzweiß. Grandios geschnitten und komponiert, so dass er keine Minute langweilig wird. Muss man was von Tennis verstehen? Nein. Es geht um den Kampf mit sich selbst. Aus dem Kampf, nicht trotz des Kampfes und der in der Kindheit angelegten Komplikationen zu gewinnen. Energie für das Spiel daraus zu gewinnen, die Menge erst mal gegen sich aufzubringen. Mit einem System, das man schön in Szenen gegeneinander schneiden kann. Ein fast perfekter Dokumentarfilm, der nicht mehr braucht als bestehende Aufnahmen für seine Erzählung, einen Sprecher Mathieu Amalric und einen herausragenden Soundtrack, der vor Mozart nicht zurück schreckt. Eine Meditation über die umperfekten Ecken des Perfekten, die Energie die durch diese Spannung entsteht, und auch über das Filmemachen. Denn Tennis und Filme gehören zusammen, wenn man, wie der Film, Jean-Luc Godard folgt.

 

21.30 Eva, Wettbewerb, Regie Benoit Jacquot

Isabelle Huppert ist so wahnsinnig gut in allem, was sie macht, dass man manchmal das Gefühl hat, das Regisseure, die sie besetzen, sich nicht mehr weiter um den Film zu kümmern brauchen glauben, weil die Hauptrolle alles tragen wird.

Der junge Prostituierte Bertrand (Gaspard Ulliel) nimmt nach dem Tod eines Klienten dessen letztes Manuskript an sich, wird damit erfolgreich, kann ein zweites Stück aber nicht liefern. Für Inspiration bedient er sich der Bekanntschaft mit der High-End-Prostitierten Eva (Isabelle Huppert). Eine nicht mal wechselseitige Projektion.

Dieser Film ist gefilmt wie ein Film. Er experimentiert nicht. Keine anstrengende Wackelkamera, keine Kulisse bei der man ein Auge zudrücken muss. Reiche Leute, Reiche Wohnungen, Paris, ein Châtelet in den Bergen. Spielkasinos. High-End-Prostiuierte. Viel Geld und Erfolg. Der Film ist schön anzusehen, ästhetisch. Keine der gefürchteten Berlinale-Real-Tristess-Demonstrationen (dazu kommen wir morgen mit The Real Estate). Der Film verlangt dem Zuschauer nichts ab. Aber. Das ist zugleich sein Problem. Der Film will auch nichts vom Zuschauer. Was will der Film?

Wiederum (nach The Bookshop, Djamilia, und es werden in den nächsten Tagen einige folgen) eine Literaturverfilmung (von James Hadley Chase ). Und es geht auch um einen Schriftsteller (wie in Transit, Becoming Astrid, Dovlatov, The Happy Prince …) – Themen die die diesjährige Berlinale prägen. Aber im Grunde geht es nicht ums Schreiben, nicht ums Nichtschreibenkönnen des Schriftstellers der keiner ist, aber es ist schwer zu sagen, worum es stattdessen geht. Es ist das Aufbegehren des Erzählenwollens ohne sich mit der Welt auseinander zu setzen. Dazu besteht jedes Recht. Es muss nur gekonnt sein.

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Berlinale Tagebuch Tag 1, Donnerstag, 15. 02. 2018

                Bild: Laila Hennesy in „Wieża. Jasny dzień.“ (Tower. A Bright Day.)

14h Das Schweigende Klassenzimmer, Berlinale Special, Regie Lars Kraume.

DDR, fünf Jahre vor dem Mauerbau. Eine Schulklasse schweigt in Gedenken an die Toten des Ungarnaufstands zwei Minuten lang. Der Fall geht bis ins Ministerium. Ihr Abitur steht in Frage.

Der schlechteste Film auf der Berlinale. Man hört und sieht, dass es Kulissen sind, und zwar die epochentypischen Kulissen, die man genau so schon immer im Fernsehen gesehen hat, wenn jemand sich ganz sicher sein wollte, dass man auch weiß, dass eine Sendung in den 50ern/in der DDR spielt. Die Dialoge sind schlecht, einige der Schauspieler*innen so gut, dass sie sie sprechen können, andere nicht – da klingen sie völlig hölzern. Die Handlung beruht auf einer wahren Begebenheit, die Figuren sind typenhaft anskizziert, ausgewählte, die dann mit besseren Schauspieler*innen besetzt sind (Jonas Dassler, Leonard Scheicher) wirken betont ambivalent. Sobald die eigentliche Handlung im Klassenzimmer beginnt, bietet der Film ansatzweise Neues. Interessant eine Szene, bei der durchscheint, dass es vielleicht eigentlich um Familie geht in diesem Film, weniger um den Klassenkampf. Macht eine liebevolle Familie pragmatisch, eine kalte ideologisch?

Anhand dieses Films habe ich gelernt, was „Berlinale Special“ ist (von anderen Journalist*innen, mit denen ich mich unterhalten habe): Filme, die es aus Qualitätsgründen („weil da irgendetwas schief gelaufen ist“) nicht in den Wettbewerb geschafft haben, aber für eine der Nebenreihen zu prominent besetzt sind.

Was da schief gelaufen ist: Kamera, Ausstattung, Dialog (Szenenfolge funktioniert gut!), Figuren. Der Schnitt war ziemlich gut. Auch das Schauspiel der Mehrheit.

 

16.30 Black 47, Wettbewerb (außer Konkurrenz), Regie Lance Daly.

Irland 1847. Die Kartoffelfäule und die Herrschaft der Briten über Irland verursachen eine grausame Hungersnot. Ein irischer Soldat, der für die Briten in Afghanistan gekämpft hat, kehrt zurück und übt Rache.

Dieser Film gewinnt durch den Vergleich mit seinem Vorgänger, „Das Schweigende Klassenzimmer“. Er beginnt mit einer Verhörszene, die aus dem Vorgängerfilm hätte sein können. Ebenso deutlich Kulissen. Das Pferdegetrappel klingt wie mit Sounddesign eingefügt. Weite Teile der irischen Landschaft erregen Diskussionen unter Journalist*innen. Waren das Fotos, vor denen das gefilmt ist? Gemälde? CGI? Immer kurz bevor das Pferd in das Foto hineinreitet, kommt ein Schnitt. Dieser Film zeigt, was man mit schlechten Kulissen für großartige Effekte herausholen kann. Der Kamera gelingen nicht nur grandiose Landschaftsaufnahmen, sondern auch Tiefe und Textur in den Innenaufnahmen. Sie hat eine Handschrift, sie spielt, sie erzählt etwas über die Zeit. Sie hält sich in den Gegenständen auf. Sie verweilt in der Lebenswelt der nur skizzenhaft angerissenen Iren.

Interessanteste Figurendynamik sind leider die drei Engländer, die sich auch die Suche nach dem abtrünnigen Soldaten machen. Hier ist Konflikt, hier ist Ambivalenz, hier ist Veränderung. Leider geht es um die nicht. Ist natürlich auch besser so, in einem Film, in dem es um das Unrecht an den Iren gehen soll, aber deren Figuren und Handlung sind so vorhersehbar, dass es laute Lacher im Publikum gibt von denen, die nicht früher rausgingen. „Ein Charakterdrama ist das nun nicht, das ist ein kapitalismuskritischer Actionthriller“, sagte der einzige Kollege, von dem ich etwas Positives über den Film gehört habe.

 

18.30 The Bookshop, Berlinale Special, Regie Isabel Coixet.

Eine Hafenstadt an der Ostküste Englands, 1959. Florence Green (Emily Mortimer) eröffnet einen Buchladen. In der Ortschaft gibt es andere Pläne für das leerstehende Haus. Ihr Projekt trifft auf Freunde und harte Gegner. Nicht ganz „Chocolat“ als Buchladen.

Noch ein Film, der im Vergleich zu „Das schweigende Klassenzimmer“ gewinnt. So funktionieren Kulisse und Kostüm: Nicht nur die exakten Kleidungsstücke aus dem jeweiligen Jahr nehmen, sondern auch abgelegte, schlecht sitzende. Geerbte Möbelstücke. Nicht alles passt. Nicht jeder hat Geschmack. Und sofort wirkt es nicht wie Fernsehfilm, sondern wie in die späten 50er zurückversetzt. Hier haben wir das England der zivilisierten Konversationen, der Teekannenwärmer und der grün angemalten Ladenschilder mit goldeneren Schrift.

Eine Entscheidung für eine Farbpalette (ähnelt der von An Education). Eine Haltung der Kamera. Sie wählt aus. Sie erzählt, sie bildet nicht nur ab. In diesem Film (im Vergleich zu seinem Vorvorgänger) ist mir klargeworden, dass ein Film nicht nur eine historische Verortung braucht, um von einer vergangenen Zeit zu erzählen, sondern auch eine Entscheidung treffen muss, was er aus dieser Zeit warum erzählen will. Und warum.

Edmund Brundish (Bill Nighy) ist jemand, der nicht mehr an die Menschen glaubt und nie sein Haus verlässt. Er ist der erste Kunde des Buchladens. Er bestellt per Brief. Dieser Teil des Films wirft ein interessantes Licht auf die heutige Amazon-Bestellgesellschaft und die gesellschaftskritischen Stimmen, die sagen, heute würde man sich nicht mehr in Person begegnen, weil sich alles per Email und Smartphone abspielt. Auch in anderen Zeiten gab es schriftliche Kommunikation und Menschen, die das Haus nicht verließen. Und wie heute muss diese Kommunikation nicht unpersönlich sein, sondern kann von großer Intensität sein.

Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Penelope Fitzgerald kommt der Film aber nicht wirklich von der Stelle. Das Voice-Over und der Schluss verraten die Literaturvorlage allzu deutlich, es geht um große Themen wie das Überleben der Guten gegenüber dem Vernichtswillen der Bösen, aber der Film inszeniert das nicht als dramatische Auseiandersetzung von Haltungen, sondern als Ablaufen einer Uhr. Die sehr schöne Kulisse und hervorragenden Schauspieler*innen (Patricia Clarkson als Violet Gamart) hätten mehr gekonnt.

Hier habe ich noch einmal mehr verstanden, was die Kategorie „Berlinale Special“ bedeutet.

 

20.30 Wieża. Jasny dzień. (Tower. A Bright Day.), Forum, Regie Jagoda Szelc.

Frühsommer, Jetztzeit. Ländliche Idylle in Polen, mehr Landhaus- und Gartenleben als Landwirtschaft. Nina soll Erstkommunion feiern, und die Familie ist eingeladen und verbringt ein paar Tage zusammen im Haus von Ninas Eltern, Mula und Michał. Im Haus wohnt pflegebedürftig Mulas Mutter. Mulas Schwestern Kaja, Anna und Annas Mann und Kinder erreichen das Anwesen mit dem Auto. Von der ersten Begegnung zwischen Nina und Kaja ist klar, dass etwas über dem Familienfrieden liegt – vor allem Mulas Reaktion offenbart, dass Nina die biologische Tochter von Kaja ist, obwohl das Kind von Mula aufgezogen wird.

Der Film beginnt bereits mit einer atemberaubenden Kamerafahrt ohne jeden erkennbaren Schatten über die Felder Polens, an der Straße entlang, bis er sich auf das Auto der Ankommenden einschwenkt. Die Kamera wählt nie die einfachen Bilder. Der Sound holt Dinge in den Vordergrund, die das Bild verschweigt, das Herzklopfen, das Scharren der Tiere auf dem Grund, das Hecheln des verschwundenen Hundes, rutschende Erde. Einmal versucht die Familie, den Geräuschen aus dem Haus auf den Grund zu gehen, aber außer einer eingeschlagenen Wand wird nichts sichtbar. Die Natur lärmt in diesem Film. Die Menschen atmen. Sie versuchen, miteinander zurecht zu kommen, sie begehen Rituale, die Aufnahmen von den Proben der Erstkommunionkinder sind freundlich und chaotisch, das Licht ist warm, die Familie um Kommunikation bemüht, es ist kein Sozialdrama, das Abgründe zeigt, indem es verwahrloste Küchen und starre Blicke bemüht. Die Einrichtung des Hauses ist freundlich, gemütlich, bewohnt, sorglos. Ein Flüchtling irrt durch den Wald, er stürzt ab, auch seine Geschichte erreicht die Oberfläche nicht, rumort aber im Inneren des Films.

Ein mutiger Film voller interessanter Kameraeinstellungen, der etwas erzählt, was nicht auf der Ebene der ausgesprochenen Dialoge spielt. Der alles, was Film kann, Bild, Ton, Perspektive, Schnitt anwendet um Fragen zu stellen, um Zusammenhänge herzustellen, der wehtut ohne grausam zu sein.

Mein bester Film auf der Berlinale bis jetzt.

 

 

 

Aus dem Nichts (Fatih Akin)

Pünktlich zum Abschlussbericht des Hessischen NSU-Untersuchungsausschusses kommt Fatih Akins NSU-Hinterbliebenen-Drama „Aus dem Nichts“ in die Kinos. Der Film war für die goldene Palme in Cannes nominiert, konnte aber nur einen Preis für seine Hauptdarstellerin Diane Kruger mitnehmen. Die dominiert den Film in fast jeder Szene. Warum ist aus der Geschichte der NSU-Morde ein Film über das Leiden einer Deutschen geworden? Aus demselben Grund, aus dem der hessische Verfassungsschutz von dem geplanten Mord an Halit Yozgat im April 2006 in Kassel gewusst hat, aber nichts dagegen unternommen hat?

Braucht es das Leiden einer Deutschen, um sich zu identifizieren? Fatih Akin hat Erfahrung in der Besetzung bunter Casts – die Wahl auf die blonde Darstellerin Diane Kruger ist wohl nicht zufällig gefallen. An ihr inszeniert er eine fiktive Tragödie im Schatten der NSU-Morde. Die Unausweichlichkeit der antiken griechischen Tragödie nimmt er mit bis in den Schauplatz des dritten Teils, für den in Griechenland gedreht wurde und in die Besetzung von Diane Kruger, die mit der Rolle der Helena in „Troja“ ihren Durchbruch hatte.

Die realen Fälle dienen als zeitgeschichtliches Tableau, auf dem Akin ein Drama inszeniert, für dessen Funktionieren er einige Bedingungen konstruieren muss – und so wirkt der Film zunächst auch: Konstruiert. Eine Reihe von Szenen, die alle etwas zu gewollt wirken, die Kamera wackelt, Dialoge wie im Fernseh-Abend-Krimi: „Fühlen Sie sich in der Lage, uns bei den Ermittlungen zu helfen?“ „Kann das nicht bis morgen warten?“ „Gibt es jemanden den Sie anrufen können?“

Der Film kommt zu sich in der Ruhe der Kamera, in den Einstellungen, die den Szenen Raum geben, mehr zu sein als die Umsetzung der für die Handlungen notwendigen Informationen. Er verwendet viel Zeit auf die Exposition, und wo er Bilder verwendet, wird er oft sehr explizit metaphorisch:

Im Übersetzungsbüro, das zum Tatort wird, dem Ort, an dem eine Resozialisation gelungen ist, Flugtickets gebucht werden, zwischen Sprachen gewechselt wird, spritzt Blut auf eine Weltkarte.

Es regnet, es regnet über die bodentiefen Fensterscheiben der eskapistisch inszenierten Wohnung im Grünen, es regnet über die zu Tryptichen angeordneten Fensterscheiben im Polizeipräsidium. Der Schatten von Regentropfen läuft über Diane Krugers Gesicht, das große Teile der Laufzeit des Films im Fokus steht.

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The Square – eine geometrische Kritik.

The Square (Schweden 2017) – eine geometrische Kritik.

Anke Dörsam

Eine Reiterstatue aus Bronze, mit grüner Patina bedeckt, blickt den Zuschauer aus der Leinwand an. Sie hat aber keine Chance, etwas zu sagen, sondern wird an einen Kran gehängt – von einem Monteur, der sich in seinem neonorangenen Overall mit Reflektorenstreifen von ihr absetzt, als gehöre er in eine andere Dimension. Der blassgraue schwedische Himmel hängt über dem Museumsvorplatz, während ein Cello den Gesangspart in Bachs „Ave Maria“ übernimmt, begleitet anstelle der Instrumente von einer menschlichen Stimme. Wer begleitet hier wen, was? Der Kran begleitet die Statue nach unten, wo sie auf dem Pflastersteinboden zerschellt und ihren Kopf verliert. Niemand fängt ihn auf oder packt ihn in Transportkisten, weitere Bauarbeiter in Neongelb, das vor dem fahlen, beigen Stein wie Grün wirkt, hauen den Vorplatz auf, fügen einen Metallrahmen ein und walzen das Pflaster zu einer glatten Fläche. Das titelgebende Quadrat im Boden bleibt leer liegen.

Christian (Claes Bang) ist der Direktor dieses renommierten und progressiven „Museum X“. Eine Reihe von Pech, Vorurteilen und klassischem Führungsverhalten führen ihn in die Katastrophe: Ein Performance-Künstler (Terry Notaro) schmeißt den Starkünstler (Dominic West) aus einem Museumsempfang. Ein Medienskandal führt zu einer Kündigung. Es gibt Tote. Wenigstens metaphorisch. Ein Meta-Film.

Ein Film vom Scheitern (Regie und Buch: Ruben Östlund), und das fängt schon beim Quadrat an. Seine eingeebnete Fläche auf dem Museumsvorplatz wird nie den direkten Blick in das Gesicht des Zuschauers werfen wie die Plastik, die es ersetzt hat, und der Film selbst ist durchsetzt von verhinderten Quadraten: Rechtecken und Rauten. Die Rückseite eines Laptopbildschirms, überhaupt: Bildschirme, Smartphones, Projektionsleinwände. Aber auch Kacheln, Spiegel, Fenster, Treppen mit ihren abgegrenzten Flächen. Zum Quadrat schafft es kaum eine von ihnen, wie auch das titelgebende Kunstwerks es nur in den Dialog des Films schafft, der viel von dem tragen muss, was die Bilder nicht halten.

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Kulturelle Aneignung, Opferkonkurrenz und die weiße Perspektive

Gedanken zu dem Gespräch „Respekt! Grenzen kultureller Aneignung“ mit Eva Geulen, Matthias Dell und Ekkehard Knörer (Merkur-Gespräch 9). (Audioaufzeichnung)

Der coole Hund Underdog, Coolness des Nichtprivilegierten und die eigene Leistung

Kenneth Goldsmith hat das Uncreatice Writing erfunden. Er denkt über Urheberschaft nach, indem er bestehende Texte verwendet. Einmal hat er eine ganze Ausgabe der New York Times abgeschrieben.

Als er im März 2015 zu einer Konferenz der Brown Universität eingeladen war, las er dort als Gedicht mit dem Titel „The Body of Michael Brown“ den Autopsiebericht des unbewaffneten afroamerikanischen 18jährigen Michael Brown, der bei einer Polizeikontrolle in Ferguson erschossen wurde.

Mit dramatischem Gestus endet er mit den Worten (die im Bericht an anderer Stelle stehen), die Genitalia des Toten seien unbemerkenswert.

Er macht den Körper eines toten afroamerikanischen 18jährigen zu einem Kunstwerk, mit dem er provozieren und eine „powerful reading“ erzeugen will. “How could it not have been, given the material?”

Wenn das Verwenden von fremdem Textmaterial ein legitimer Vorgang in der postmodernen Kunst ist, was unterscheidet sie dann von Appropriierung?

Appropriierung kostet nichts. Goldsmith liest als weißer, vielfach ausgezeichneter Dichter an einem privilegierten Ort. Er spricht über den Körper, auf den Schwarze Menschen in der Realität jahrhundertelang nicht nur in den USA reduziert wurden. Er nutzt die Tatsachen der Ungerechtigkeit und des Leidens und Sterbens anderer, um einen kraftvollen Effekt hervorzurufen, ohne jemals in Gefahr zu sein, dasselbe zu erleben.

Er stellt sich damit in die Nähe des ebenso jahrhundertelangen Kampfs Schwarzer Menschen um Selbstbestimmung, ohne sich an ihm zu beteiligen. Das scheint attraktiv. Man wird Teil der coolen Schwarzen Bewegung, die auch ein Thema in Jordan Peeles herausragendem Film „Get Out“ ist: Die Coolness des Untergrunds, die Coolness des Unterdrückten, nicht Teil von Privilegien zu sein.

In Deutschland kam diese (vermeintliche) Coolness des Underdogs (aus privilegierter Sicht) bei Kesslers Arztsohndebatte zum Vorschein. Es ist cool, authentisch zu sein, es ist cool, einer von den anderen zu sein, die es nicht nur wegen ihrer eigenen Privilegien geschafft haben. Nicht nur der Nutznießer der eigenen Privilegien und quasi nach oben gerutscht zu sein, sondern es sich selbstständig erarbeitet zu haben, gegen alle Widrigkeiten, ein Held, nicht nur ein Parasit. Das haftet dem Mythos, der um Obama rezipiert wurde an, und dem Selbsthass der aus Debatten wie der Arztsohndebatte spricht:

Das Andere ist das Interessante. Das Migrantische. Kriegserfahrungen. Oder Armut. Da hat jemand noch was vom Leben erlebt.

Natürlich ohne etwas von den eigenen Privilegien aufzugeben. Das geht Hand in Hand mit dem so Tun als wäre man arm, was der Blogger IckwerdeeinBerliner („how to Blend in with the Germans“)  beschreibt:

The moral dilemma Germans are in, is that they consider people who have money to be boring squares. In their never-ending quest to be special while not diverging from their peers too much, Germans have perfected the act of appearing eternally broke while they’re actually buying loft-apartments in Berlin-Mitte behind their friend’s backs.

As you might already have found out, Germans love being in win-win situations like this one: On the outside, they can maintain the “urban bohemian” appearance, while secretly preparing the “boring” and “square” lifestyle they like to ridicule.

Aus eigener Leistung

Es geht auch um den Leistungsgedanken. Das, was man hat und ist, aus eigener Leistung erreicht zu haben. Man ist nicht mehr, wie in vergangenen Zeiten, stolz darauf, nicht arbeiten zu müssen, weil andere (Vorfahren oder Angestellte) es für einen getan haben. Das hat mit einer Priotisierung von Individualität zu tun, und die Klassenfrage wird hintangestellt, auch weil sie Machtfragen stellt: Ob das alles so bleiben darf.

Was man sich selbst erarbeitet hat, darf einem nicht weggenommen werden.

In denselben Kontext gehört die Beliebtheit des Berichtes des französischen Soziologen Didier Eribon über seine Rückkehr nach Reims (wo er in einer Familie der Arbeiterklasse aufwuchs). Die ZEIT fragt: „Sind wir nicht alle aus Reims?“ – Mythen, die sich der Erfolgreiche zurecht legt, ungleich der Scham der Aufsteiger, die ihre nichtakademische Herkunft oft verbergen (wie es Eribon ebenfalls getan hat).

 

Macht-Frage

Der beste Umgang mit Klassen und Machtstrukturen, um sie nicht zu ändern, ist es, sie zu leugnen, wie es die Ostermeier-Inszenierung tut, an die der ZEIT-Titel seine Frage stellt. Wer wird Kunst über die Klassenfrage machen dürfen? Wer wird damit Geld verdienen?

Wer wählt aus, wer handelt, wer trifft die Entscheidungen?

Wer guckt, wer wird angeguckt, über wen wird erzählt?

Von wem? Wer hat eine Stimme?

Die Debatte um Schwarze Schminke auf weißen Gesichtern an Deutschen Theatern, um den Anderen darzustellen, stellt die Frage: Was ist normal?

Der „normale“ als nicht-farbig gelesene Mensch muss erst verändert werden, um einen Fremden darzustellen. Weiß ist genauso eine Hautfarbe wie andere Farben auch. Es ist nicht der Normalfall des Menschen. Als Markus Lanz im Dezember 2012 für die Wetten-Dass-Saalwette Augsburger Kinder aufforderte, als Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer zu erscheinen, „schwarz geschminkt“ ignorierte er die Tatsache, dass es Augsburger Kinder gibt, die nicht erst geschminkt werden müssen, um als Jim Knopf zu kommen.

Es gibt nicht den „unmarkierten Menschen“ und die anderen, auf die sich migrantische, rassistische Geschichte bezieht. Rassismus ist auch eine weiße Geschichte. Lynching ist eine weiße Geschichte. Weiße haben andere Menschen aufgehängt.

In der Eingangsszene der poppig-süffigen, erzählerisch interessanten Netflix-Serie „Dear White People“ wird Samantha White (gespielt von Logan Browning) in einem Vorlesungssaal zur Geschichte der Sklaverei, in dem ansonsten nur weiße Studierende sitzen, gefragt: Möchten Sie etwas dazu sagen?

Dabei ist die Geschichte der Sklaverei ebenso die Geschichte vieler weißer im Raum, die davon profitiert haben.

Die Welt hat vorher so funktioniert, WEIL Privilegien nicht in Frage gestellt wurden.

Sie wird anders funktionieren, wenn wir es tun. Es geht um Macht und Gerechtigkeit, darum, wer für welche Handlungen welche Reaktion bekommt und wer für welchen Erfolg was tun muss.

Unhinterfragte Privilegien

Es sind keine Symmetrien, wenn Menschen mit mehr Privilegien und Möglichkeiten sich Erfahrungen und Kultur von Menschen mit weniger Privilegien aneignen. Sie erzählen deren Geschichten, ohne sie zu Wort kommen zu lassen. „Ich bin hier mitgemeint, aber ich habe keine Stimme“

Es ist ein Fortschritt, Privilegien und Gewaltzusammenhänge zu reflektieren und nicht fortzusetzen oder zu verteidigen.

Es war bei der Merkur-Veranstaltung keine nichtweiße Person auf dem Podium (oder im Raum). Dazu extra eine nichtweiße Person einzuladen hätte bedeutet, sie auf ihre Außenseiterposition zu reduzieren, sagten die Veranstaltenden, als das angefragt wurde – eine Frage, die sich nicht erst in der Podienbesetzung einer Veranstaltung stellen sollte! Damit verbunden wurde die Frage, ob Nichtweiße, wenn sie zu solchen Panels eingeladen werden, auf ihre Hautfarbe reduziert werden und ob sie immer nur zu Rassismus reden dürfen, oder auch zu etwas anderem? Ob sie durch ihre Hautfarbe thematisch markiert seien? Das ist die andere Seite der Münze der fiktiven Situation der Studentin Samantha White. Rassismus ist auch eine weiße Geschichte. Das heißt nicht, dass nur weiße Stimmen dazu sprechen sollten.

Es geht auch um Geld, Macht und Reputation. Wer sitzt wo auf einem Podium? Wem hört man zu? Wer kann nachher auf seine Seite schreiben „Organisation eines Panels zu Appropriierung“? Dieses Privileg trifft auf drei weiße zu. Sie dürfen sich jetzt etwas im Glanz der Auseinandersetzung mit dem Thema sonnen. Links zu sein, offen, egalitär …

 

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It‘s not your story to tell – show – earn money and reputation with

 

Martyrerkonkurrenz

Es geht bei dem Vortrag des Gedichts „The Body of Michael Brown“ nicht um einen neutralen Text, sondern es geht um die Aneignung von Leid.

Die Identifikation mit dem Opfer ist attraktiv. Opfer tragen keine Verantwortung. Das kennen die Deutschen schon. Die Faszination mit der Identifikation mit dem Judentum von Deutschen nach 1945 steht in keinem Vergleich mit der Identifikation mit den Motiven der Täter.

Der episodische Spielfilm „Oh Boy“ (2012), erzählt die Geschichte des jungen Deutschen Niko (Tom Schilling), der sich nicht entschuldigt, der seine Privilegien nicht verheimlicht. Einen Tag lang begleitet die Zuschauer*in ihn auf der Suche nach einer Tasse Kaffee, nachdem er den ersten Kaffee des Tages abgelehnt hat.

Berlin-Film, Generationenporträt, Debüt: Viele Label bieten sich für Jan Ole Gersters erste Kinoarbeit an, aber keines passt. Sein Tonfall ist so fein und präzise, dass er nichts von einem polternden Erstling oder gewichtigen Generationenpanorama hat. (…)

Dabei ist „Oh Boy“ zeit- und ortsspezifischer, als er zunächst erscheint, lässt sich aber nur nicht von der Gegenwartsaufgeregtheit, die Berlin bestimmt, beeindrucken. Hipster, Touristen oder Bionade-Mütter sucht man vergebens. Stattdessen wendet der Film seinen Blick auf die Geschichte der Stadt und legt nach und nach frei, wie die Fixierung auf die Jetztzeit die Geschichte verdrängt und ständiges Abgelenktsein auch nur ein Weggucken ist. (Hannah Pilarczyk im Spiegel)

Nikos Freund Matze nimmt ihn mit an das Set eines deutschen Nazi-Films. Es wird die Geschichte eines SS-Offiziers erzählt, der in den Kriegswirren (wenn das nicht schon ein Euphemismus ist) seine Jugendliebe Hannah wiedertrifft, die aufgrund ihrer jüdischen Herkunft verfolgt ist und ein Kind mit ihm hat, von dem er nichts wusste. Dieser Film-im-Film nimmt uns mit in eine sehr deutsche Reaktion im Umgang mit dem Holocaust: Er erzählt die Geschichte als eine Geschichte des Leids von Deutschen. Nicht Hannahs Geschichte wird erzählt, sondern das heldenhafte Leben des Offiziers Philipp Rauch.

Gegen Ende des Films kippt ein Deutscher, der die Zeit tatsächlich erlebt hat, neben Niko vom Barhocker. Friedrich (Michael Gwisdek) wird von Schuldgefühlen verfolgt, seitdem er als Kind in Reaktion auf die während der Reichsprogromnacht überall versplitterten Glasscherben geweint hat, weil er dachte, er könnte nie wieder in der Straße vor seinem Haus Fahrrad fahren. Er war ein Kind, aber ihm ist bewusst, was in dieser Nacht außerdem noch geschehen ist. Und dann kippt er vom Stuhl.

So ambivalent, so unromantisch, so existenziell kann Schuld für Nichtopfer sein. Es gibt noch genug weiße deutsche Perspektiven auf den Umgang mit ungleichen Machtstrukturen zu betrachten, dass der Versuch der Näherung an Aneignung als etwas, was andere machen, nur ein Anfang sein kann.

 

Michael Gwisdek als Friedrich zeigt auf die Straße. Es ist hier geschehen. Es hat was mit uns zu tun.

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Get Out, Jordan Peele, USA 2017

Nachts. Chris steht noch mal auf, um eine zu rauchen. Die Landschaft vor dem Haus entfaltet sich im Mondlicht, der Rasen schimmert bläulich. Er tritt auf die Zufahrt. Jemand rennt, rennt auf ihn zu, Walter, der Schwarze Gärtner, der wie angewurzelt den Weg gesäumt hat, als Chris mit dem Auto ankam, er rennt auf ihn zu wie bei den 100 Metern Sprint auf der WM, bis – (spoiler).

 

Die Story

Chris Washington (Daniel Kaluuya), wie der Name schon sagt All American Boy, außerdem Schwarz, und Rose Armitage (Allison Williams), All American Girl, weiß wie aus der Tommy-Hilfiger-Werbung, sind seit vier (glaubt er) oder fünf (findet sie) Monaten ein Paar. Sie fahren übers Wochenende zu ihren Eltern, auch weiß, zum Kennenlernen aufs Land. Ein Horrormovie. Es gibt auch eine Party.

Und, wie finden wir das?
Es lief doch alles so prima. Die Vereinigten Staaten von Amerika wurden eine Wirtschaftsmacht mit billigen Arbeitskräften, kluger Planwirtschaft (Baumwolle in vernünftig großen Plantagen) und dem allgemeinen Recht auf das Streben nach Glück. Ein bisschen unheimlich war es schon, dass die Schwarzen Bediensteten mit ihrem Gesichtsausdruck immer was anderes zu sagen schienen als das, was sie dann tatsächlich äußerten („Yes, Ma‘am), aber diese Ur-Angst des Weißen konnte man prima im Genre des Horrorfilms verarbeiten. Zum Beispiel “Der verbotene Schlüssel“ mit Kate Hudson (2005): Eine junge weiße Pflegerin wird auf einem abgelegenen Gut eingesetzt, auf dem die Schwarzen Dienstboten einen Kult aus Afrika weiterpflegen (machen die ja bekanntlich so), der ihnen Seelenwanderung erlaubt. Die unheimlichen Schwarzen tun nur so, als wären sie brave Diener. Eigentlich wollen sie die Körper der unschuldigen, gutmeinenden Weißen.
Rassismus wird mit fundierter Tradition und viel Erfahrung praktiziert. Sklaverei, schlecht bezahlte Hausangestellte, der Profisport (Chris wird im Film gefragt „Warum bist du kein Sportler? Mit deinem Genmaterial und deinem Körperbau wärst du ein verdammtes Tier“).

In ihnen lebt ja noch das wilde Afrika. Gleichzeitig sind sie aber auch ziemlich cool, eigentlich wollen wir alle in ihre Haut schlüpfen. „People want to be stronger, cooler, like black people.“ „I want your eye. I want those things that you see.“ Die Liebe des weißen Mannes, der Obama auch noch ein drittes Mal gewählt hatte, ist noch gefährlicher als seine Verachtung, auch wenn diese Form des Rassismus auch schon nicht ganz ohne ist (siehe Geschichtsbücher oder wahlweise Nachrichten).

 

Chris braucht auch einen Schlüssel, nicht um in die geheimen Kammern des Hoodoo-Kults vorzustoßen, sondern um den Motor des Fluchtautos anzuwerfen.

Get Out“ ist wörtlich gemeint. Ein gut gemeinter Ratschlag.
Gruseligster Dialog

Noo noo noo noo no no no no. The Armitages are so good to us, they treat us like family.“

Georgina (Schwarze Hausangestellte) völlig aus dem Kontext, als sie sich entschuldigen will (soll?), dass sie das Ladekabel aus Chris‘ Mobiltelefon entfernt und nicht wieder angesteckt hat.

 

Reaktionen aus dem Publikum

Ab und zu erschrecktes Aufquieken und die lautstarke Luftdekompression, wenn zu lange angehaltener Atem entweicht. Leichte Lacher, die dem Quieken folgen.
Äh, und der Bechdel-Test?

Ja. Roses Mutter Misty rät der Schwarzen Hausangestellten Georgina, sich doch vielleicht hinzulegen, nachdem sie fast ein Glas mit Eistee zum Überlaufen gebracht hat.

 

Fazit

Dieser Film versteht sich auf den Gruselfaktor Realität, die nicht aufhört wenn man den Kinosaal verlässt, und versetzt den brisanten Cocktail mit hochprozentiger Schauspielerleistung und Soundeffekten nach allen Regeln der Kunst.

 

Diese Rezension (mit leichten Änderungen) wurde zuerst veröffentlicht bei ZurQuelle.

Wilde Maus, Österreich 2017

2 Musikkritiker*innen laufen 5 Minuten lang durch die Redaktion, kein Schnitt. Die Kamera filmt den walk-and-talk in bester Sorkin-Tradition von vorne. 5 Minuten lang unterbricht niemand diesen Dialog über Musikrezeption, von der 5. Symphonie von Bruckner über die White Stripes zu Jack White. Das hat sich seit Tarantino keiner mehr getraut. Und damit fängt der Film erst an.

 

Die Story

Dr. Georg Händel (Josef Hader – Regie: Josef Hader – Buch: Josef Hader), Misanthrop und Musikkritiker der fiktiven Wiener Gazette „Express“, wird gefeuert (unsanft, aber schmierig). Er plant die Rache an seinem Chef (Jörg Hartmann). Seine Frau Johanna (Pia Hierzegger) will mit ihm ein Kind. Mit einem Kompagnon (Georg Friedrich) übernimmt er ein Fahrgeschäft (Wilde Maus) im Wiener Prater (der Prater spielt die eigentliche Hauptrolle).

 

Und, wie finden wir das?

Geil. Bildaufnahmen, Dialoge, Weltschmerz. Endlich habe ich Österreich verstanden. Und den Jahrmarkt als solches. Bisher war mir schleierhaft, was toll daran sein soll, jetzt plane ich meinen ersten Full-Ride-Vergnügungsparkaufenthalt. Also, es geht im Leben darum, den unglaublich geilen Himmel anzugucken, wie nach einer durchgemachten Nacht auf einer Dorf-Kirmes, vorzugsweise auf dem Dach eines Achterbahnriesenrades im Prater, über den Dächern von Wien. Mega. Himmel. Sitzen Figuren im Auto und gucken nicht in den Himmel, regnet es meistens.

Den Soundtrack (wir befinden uns im Leben eines ehemaligen Mitstreiters des arrivierten Feuilleton) kann man als Zwischenüberschriften des unaufhaltsamen Abstiegs eines Kritikers lesen: Händels „La Folia“ (Die Dummheit) bei Regen, er brüllt in ein Auto. Der Rache-Klassiker (Auto-Lack mit dem Schlüssel zerkratzen) zu Bethovens Eroica (die heldenhafte Sinfonie) – noch mehr Regen. Mit dem neuerstandenen Klappmesser samt patriotischem Hirschhorngriff ein Cabrio-Cover aufschlitzen zu Händels Messias. Mehr Regen, versteht sich. Der hat ein tolles Sounddesign. Dr. Georg Händel geht in den Prater, haut auf den Lukas und fährt Fahrgeschäft. Im Hintergrund läuft Tod und Mädchen, Schubert (https://zqzaubert.de/kultur/egon-schiele).

Eine Figurenkonstellation wie in Schnitzlers Reigen. Einen Maskenball gibt es auch. Die Prateraufnahmen lassen Orson Welles‘ „Der dritte Mann“, in modernem Bonbonbunt wiederaufleben. Wien as Wien can. Keiner hört Wanda.

 

Schlechtester Dialog

Laß mich ausreden.“ „Wer bist du, dass du mein Leben zerstörst?“

– ein bisschen eine romantisch Komödie ist es doch. Zu Stravinskys Feuervogel betritt ein neuer Szenen-Klassiker den Kanon der romantischen Komödie: Beziehungsgespräch im stehenden Auto löst Rückstau in die Innenstadt aus.
Reaktionen aus dem Publikum

Nachdem das Ursprungsland des Filmes eingeblendet wird (Österreich!), multiples „Oh ja“ im Publikum. Deutliche „Wow“s bei einer Szene, bei der ein Mann im Schnee sitzt (Die logische Weiterentwicklung im nächsten Aggregatzustand nach dem Filmplakat von „Hader spielt Hader“ auf dem Hader mit dem Kopf halb im Wasser ist). Lacher. Gruseln. Mehr Lacher, gehen in Johlen über, zwei Mal Applaus, einmal vor dem Abspann, noch lauter nach dem Abspann (frag mich nicht, wieso, vermutlich, weil der mit einem klassischen Konzert unterlegt war, danach klatscht man ja, und mit Dr. Georg Händel sind wir jetzt irgendwie alle zu klassischen-Musik-Fans geworden.)
Äh, und der Bechdel-Test?

Nein. Gibt keine Szenen in der zwei Frauen miteinander reden.

 

Fazit

Könnte zum Kultfilmklassiker werden oder ein Revival für Klassische Musik auslösen oder den Geheimtipp-Status von Wien beenden oder den Jahresumsatz der Jahrmarktindustrie verdoppeln → reingehen .

 

Diese Rezension (leicht gekürzt) wurde zuerst veröffentlicht bei ZurQuelle.

La La Land, USA 2016

Cabrios tummeln sich im zäh breiig fließenden Berufsverkehr über einer Brücke bei 28 Grad im Schatten. Gut gelaunte, kluge, geerdete Menschen aller Hautfarben und Körperformen steigen aus und singen „it’s another day of sun“. Klangvoll, aber nicht zuckersüß. Der Verkehr steht. Im Laderaum eines Lastwagens spielt eine Jazzcombo. Die Brücke tanzt. Quer über die Autos, in komplizierten Dance-Moves – yeah. Ein Musical.

Die Story

Mia und Sebastian verfolgen ihren Traum als Künstler*innen in Los Angeles. Sie geht zu Vorsprechen als Nebendarstellerin in Fernsehserien, er spielt Jazzpiano und hat gerade seinen eigenen Club geschlossen. Sie mögen einander nicht so, aber dann lernen sie voneinander, ihre Kunst weniger eng zu sehen, und trotzdem an die eigenen Träume zu glauben. Wie es sich für ein Musical gehört, wird gesungen, und zwar immer, wenn es ans Eingemachte geht. Es wird alles zitiert, was die Hollywood-Musical-Geschichte so her gibt: Ginger Roberts & Fred Astaire, Adam-Sandler-Movies, Woody Allen.

Und, wie finden wir das?

Von den unromantischen Konfrontationen bis zur Vorstellungsgespräch-Montage für Nebenrollen läuft dieser Film anders ab als gedacht. Mia (Emma Stone, für diesen Film zurecht Oscar-Favoritin als beste Hauptdarstellerin) ist nicht sanft, sondern witzig, seltsam und gibt den Ton vor. Sebastian (Ryan Gosling, spielt Jazzpiano mit einem Tastenanschlag aus dem Handgelenk, als hätte er nicht erst für diesen Film Klavier spielen gelernt) glaubt Leuten nicht, dass sie meinen, was sie sagen, und übergeht sie lieber. Hier treffen nicht wie sonst oft Optimismus und Realismus aufeinander, sondern Realistin und pessimistischer Romantiker („That’s L. A. . They worship everything, and they value nothing“.)

Sein Oldtimer stört mit charakteristischem Hupen in einem lauten Fis mehrfach die Szenerie.

Der Hauptcast ist ziemlich weiß, was sich anbietet wenn man weiße Figuren stummen Schwarzen Nebenrollen den Jazz erklären lassen will, aber John Legend als Bandleader meistert seine erste Schauspielrolle mit Bravour. Die Band heißt The messengers und transportiert Jazz ins Aktuelle (völlig zum Missfallen des Jazzpuristen Sebastian, versteht sich).

Durchchoreographiert bis zum Einschenken des Chardonnays in Gläserkolonnen (Choreographie Mandy Moore, So You Think You Can Dance) ist La La Land (der Titel spielt auf Los Angeles und zugleich auf die scheinbare Albernheit von Musicals an) zwar eine romantische Komödie im Stil der 30er Jahre (Regie Damien Chazelle, Whiplash), spielt aber trotzdem im 21. Jahrhundert: Mobiltelefone klingeln in G-Dur in das romantische E-Dur-Duett. So, wie sich die technicoloren, pastelligen Farben (beige, englischgrün, blau, gelb, rotbraun, pink und rosa) letztlich beißen, läutet die Kakophonie der Moderne in die artifiziellen Melodien des alten Hollywood. Wenig Hintergrundmusik. Profundes Grau mit rosa Lichtschatten.

Sie singen, wenn es darum geht, nicht das zu machen, was pragmatisch, vernünftig, messbar, nützlich ist. Um diesen Teil im Leben. Sie nehmen das Genre ernst. Stone und Gosling spielen es ernst, ernst, ernst, ernst. Es ist ja auch ernst. Im Leben nach etwas zu suchen, was einen trägt. Und die Liebe. Und dass man es einfach nicht weiß.

 

Schlechtester Dialog

Zählt in einem Musical auch die schlechteste Setlist?

Sebastian muss in einem Restaurant Weihnachtslieder ohne den geringsten groove oder jive spielen: I Wish You A Merry Christmas und als nächstes Jingle Bells. Klingt furchtbar, wird aber zum Glück auch schnell unterbrochen.

Schlechte Dialoge hat der Film nicht, was erstaunlich ist, wenn man so als Quelle-Rezensentin mit gezücktem Tintenrollschreiber den ganzen Film darauf wartet und keiner kommt, sondern man jedes mal denkt: Wow, guter Dialog. (Ausnahme: „I am a Phoenix, rising from the ashes“, ruft Sebastian seiner Schwester nach, nachdem sie ihm gesagt hat, dass es nach der Schließung seines Clubs wirklich nicht so mit ihm weiter geht. Aber weil das überhaupt nicht stimmt, und dem Film klar ist, dass das in der Situation ein richtig blöder Satz ist, zählt das nicht.)

Reaktionen aus dem Publikum

Nach zwei Minuten kommt Begeisterung auf, einzelne „Whoo!“-Rufe, rhythmische Bewegungen. Enttäuschtes Buhen, als der Filmtitel eingeblendet wird.

Lachen, als Mia bei einer Audition plötzlich anfängt zu singen, dabei ist das voll die ernste Szene! Am Ende erleichtertes Aufstöhnen, zeitgleich Applaudieren. Während sich der Saal sehr langsam leerte, sangen mindestens drei Personen in unterschiedlichen Reihen den Themesong.

Äh, und der Bechdel-Test?

Plenty. Obwohl, keine andere Frau außer Mia hat einen Namen. Mist. Aber eine Vierer-Mädels-WG unterhält sich viel (in Dialog und Song) über den L. A. – Casting-Wahnsinn, berufliche Ziele, das Schreiben von Stücken – aber andererseits: Namen kommen in diesem Film generell nicht häufig vor. Den Namen des männlichen Protagonisten habe ich erst in der letzten halben Stunde aus dem Namen seines Clubs („Seb’s“, mit einer Achtel-Note als Apostroph) abgeleitet. Und überhaupt, es wird relativ wenig geredet, wenn man stattdessen auch singen könnte. Also: Bechdel-Test mit einem zugedrückten Auge bestanden.

 

Fazit

Nie hätte ich von einem Musical erwartet, dass es so nah an dem dran ist, worüber ich oft vor dem Einschlafen nachdenke: Was ist das eigentlich für ein Leben, in dem das, was wichtig ist, nicht unbedingt das ist, was vernünftig erscheint?

 

Diese Rezension (leicht gekürzt) wurde zuerst veröffentlicht bei ZurQuelle.

 

Snowden (USA 2016)

Ein Mann verkleidet sich, zieht die Schiebermütze tief ins Gesicht. Eine Fotografin hängt ihm zur weiteren Verkleidung ihre geliebte Kamera über die Schultern. Mit nerdigem Rucksack und gesenktem Kopf verlässt Edward Snowden das Hotel, das schon vor Journalisten wimmelt. Ein Mugshot ist geboren.

Was war geschehen?

4. Juni 2013. Zwei Journalist*innen (Melissa Leo als Laura Poitras und Zachary Quinto als Glenn Greenwald) treffen einen unscheinbaren Mann (Joseph Gordon-Levitt mit Brille) an einem Flughafen in Honkong. Erkennungszeichen ist ein Zauberwürfel (Rubikon). In Oldschool-Spionage-Manier wechseln sie codierte Dialoge als Erkennungszeichen. Ein Hotelraum voller Spiegel und undurchsichtiger Behänge vor den geschlossenen Fenstern (Achtung, Metapher!) wird zum Schauplatz eines Interviews, das in Rückblenden die Stationen rekapituliert, die zu dem Moment geführt haben, der das Verhältnis der USA zu ihren Freunden und das Leben des Nerds Ed Snowden für immer verändern wird.

Regisseur Oliver Stones (Wallstreet) Heldenepos endet nach 134 Minuten in einer Predigt, untermalt von Musik aus dem Vorspann eines Computerspieles: Wir werden die Welt mit neuen Augen sehen. „Ich stehe hier, ich kann nicht anders“, sagt der Martin Luther des 21. Jahrhunderts, ein Botschafter zwischen unsichtbaren Mächten (Daten! Der geheime Beobachter hinter deiner Laptopkamera!) und den Menschen auf der Erde.

Ein mit seinem Wissen einsamer Mann, ein Ausnahmetalent, den Programmiertest mit angesetzten Dauer von fünf Stunden löst er in 38 Minuten.

Anfangs hat er sich beim Militärdienst noch beide Beine gebrochen, das Gewicht, dass er sich auf die Schultern geladen hatte (Achtung, Metapher), war zu schwer für eine Person. Also sucht er sich einen anderen Weg, seinem Weg zu dienen. Er hat zwar keinen Schulabschluss, aber den Verstand eines Genies. Deutlich wird das vor allem an seiner Liebe zum magischen Zauberwürfel. Natürlich sehen wir auch Code über Computerbildschirme laufen. Die Amerikaner lieben ihre Helden. Mich interessieren eher Menschen. Die Kamera Anthony Dod Mantle (Slumdog Millionaire, Von Triers Antichrist) macht mit ihren klugen Kompositionen von Gebäudeteilen, Fenstern und Spiegeln einiges wett. Die religiösen Konnotationen um Macht, die alles weiß, über Leben und Tod entscheidet und im Verborgenen bleibt wirft interessante Fragen auf, wo der Film aus der Verengung auf seinen Protagonisten ausbricht.

Schlechtester Dialog

„That, Mr. Snowden, is the state of the world. Secrecy is security, and security is victory.“

(Nicolas Cage als CIA-Official Hank Forrester zu Menté Ed während eines Videotelefonats, das ihn in Überlebensgröße an eine Wand projizert. Es folgt ein Zoom. Herzhafte Lacher aus dem Publikum.)

Reaktionen aus dem Publikum

Das erste Mal, dass ich die Sneak in dem herrschaftlichen Saal mit roter Plüschsamtbestuhlung und Balkonsitzplätzen erleben darf (das Passage-Kino hat wohl mit einem Herbsteinbruchkinoboom gerechnet oder wollte dem Anspruch des Films gerechnet werden) sitze ich in einem aufmerksamen Publikum, das mit einer kurzen Lachpause (siehe letzter Punkt) bis zum Ende um fünf vor halb zwei. Das ist Einsatz.

Äh, und der Bechdel-Test? Nein. Es gibt überhaupt nur zwei weibliche Sprechrollen. In den Rückblenden der love interest (Shailene Woodley, Divergent, das Schicksal ist ein mieser Verräter – warum sie sich zu einer Rolle als „Freundin von“ herabgelassen hat, bleibt unklar – neben Nicolas Cage ist sie der größte Star in dieser Besetzung), in der Rahmenhandlung eine Journalistin, die Fotos macht. Dieser Film geht so weit, dass selbst die Dialoge der Frauen mit Männern sich nur um einen Mann drehen. Übrigens gibt es im Film auch so gut wie keine nichtweißen Menschen. Selbstverständlich reden sie auch nicht miteinander. Einer der drei (natürlich Männer) ist immerhin kein Bediensteter/Bodentruppensoldat. Edwards Spitzname „Snowwhite“ trifft also auch auf den ganzen Film zu.

Fazit: Ein messianisches Erlebnis über die Macht von Technik und die Technik der Macht, mit eindrucksvollen Bildern, durchschnittlicher Schauspielleistung, epischen Musikteppichen und Überlänge.

Diese Rezension (mit leichten Änderungen) wurde zuerst veröffentlicht bei ZurQuelle.

Meer Moabit

Moabit ist eine Insel. Das heißt, dass ich es vollständig umschwimmen könnte. Das heißt auch, dass es mit ein paar Posten auf Brücken schnell absperrbar ist, wie es wegen der Gebrüder Sass gemacht wurde. Von vielen Stellen ist das Wasser nicht weit. Weg. Die Mücken auch nicht, wenn es warm ist. Besonders ist aber der Himmel an den Stellen, die da sind, wo das Wasser ist, im Norden noch verstärkt von den vielen Gleisen des alten Morbider Güterbahnhofes, die neben dem Westhafen liegen (um von dort früher besser Waren umladen zu können. Silos stehen auch da).
Der Himmel verfärbt sich meistens schlierend, wie wenn Farben in Wasser gegossen werden, um es dann mit einem Papier aufzunehmen. Das haben wir im Kindergarten am Holsteiner Ufer gemacht, genauer gesagt, im Hort. Dafür musste ich als Kind eine Brücke überqueren, und dann noch unter einer anderen Brücke durch, die wir die „Huh“-Brücke nannten, weil wir dort immer mit über dem Mund flatternden Händen durchliefen und dabei „Huh(uhuhuhuhuh)“ riefen.
Ich bin am Ufer aufgewachsen und gucke gerne in die Spree. In meiner Jugend saß ich oft am Ufer, eigentlich mit einem Buch, zog an den Weiden (die wippen) und schaute in das fließende Wasser.
Meine liebsten Beschäftigungen heute (neben Lesen, Nachdenken, Kochen, Reden und ins Theater oder Kino gehen): Schwimmen und Rudern. Sich im Wasser bewegen und dadurch mit dem Wasser bewegen, nicht fließen, aber selbst treiben. Ohne den Grund zu berühren. Vielmehr berührt das Wasser mich.