Snowden (USA 2016)

Ein Mann verkleidet sich, zieht die Schiebermütze tief ins Gesicht. Eine Fotografin hängt ihm zur weiteren Verkleidung ihre geliebte Kamera über die Schultern. Mit nerdigem Rucksack und gesenktem Kopf verlässt Edward Snowden das Hotel, das schon vor Journalisten wimmelt. Ein Mugshot ist geboren.

Was war geschehen?

4. Juni 2013. Zwei Journalist*innen (Melissa Leo als Laura Poitras und Zachary Quinto als Glenn Greenwald) treffen einen unscheinbaren Mann (Joseph Gordon-Levitt mit Brille) an einem Flughafen in Honkong. Erkennungszeichen ist ein Zauberwürfel (Rubikon). In Oldschool-Spionage-Manier wechseln sie codierte Dialoge als Erkennungszeichen. Ein Hotelraum voller Spiegel und undurchsichtiger Behänge vor den geschlossenen Fenstern (Achtung, Metapher!) wird zum Schauplatz eines Interviews, das in Rückblenden die Stationen rekapituliert, die zu dem Moment geführt haben, der das Verhältnis der USA zu ihren Freunden und das Leben des Nerds Ed Snowden für immer verändern wird.

Regisseur Oliver Stones (Wallstreet) Heldenepos endet nach 134 Minuten in einer Predigt, untermalt von Musik aus dem Vorspann eines Computerspieles: Wir werden die Welt mit neuen Augen sehen. „Ich stehe hier, ich kann nicht anders“, sagt der Martin Luther des 21. Jahrhunderts, ein Botschafter zwischen unsichtbaren Mächten (Daten! Der geheime Beobachter hinter deiner Laptopkamera!) und den Menschen auf der Erde.

Ein mit seinem Wissen einsamer Mann, ein Ausnahmetalent, den Programmiertest mit angesetzten Dauer von fünf Stunden löst er in 38 Minuten.

Anfangs hat er sich beim Militärdienst noch beide Beine gebrochen, das Gewicht, dass er sich auf die Schultern geladen hatte (Achtung, Metapher), war zu schwer für eine Person. Also sucht er sich einen anderen Weg, seinem Weg zu dienen. Er hat zwar keinen Schulabschluss, aber den Verstand eines Genies. Deutlich wird das vor allem an seiner Liebe zum magischen Zauberwürfel. Natürlich sehen wir auch Code über Computerbildschirme laufen. Die Amerikaner lieben ihre Helden. Mich interessieren eher Menschen. Die Kamera Anthony Dod Mantle (Slumdog Millionaire, Von Triers Antichrist) macht mit ihren klugen Kompositionen von Gebäudeteilen, Fenstern und Spiegeln einiges wett. Die religiösen Konnotationen um Macht, die alles weiß, über Leben und Tod entscheidet und im Verborgenen bleibt wirft interessante Fragen auf, wo der Film aus der Verengung auf seinen Protagonisten ausbricht.

Schlechtester Dialog

„That, Mr. Snowden, is the state of the world. Secrecy is security, and security is victory.“

(Nicolas Cage als CIA-Official Hank Forrester zu Menté Ed während eines Videotelefonats, das ihn in Überlebensgröße an eine Wand projizert. Es folgt ein Zoom. Herzhafte Lacher aus dem Publikum.)

Reaktionen aus dem Publikum

Das erste Mal, dass ich die Sneak in dem herrschaftlichen Saal mit roter Plüschsamtbestuhlung und Balkonsitzplätzen erleben darf (das Passage-Kino hat wohl mit einem Herbsteinbruchkinoboom gerechnet oder wollte dem Anspruch des Films gerechnet werden) sitze ich in einem aufmerksamen Publikum, das mit einer kurzen Lachpause (siehe letzter Punkt) bis zum Ende um fünf vor halb zwei. Das ist Einsatz.

Äh, und der Bechdel-Test? Nein. Es gibt überhaupt nur zwei weibliche Sprechrollen. In den Rückblenden der love interest (Shailene Woodley, Divergent, das Schicksal ist ein mieser Verräter – warum sie sich zu einer Rolle als „Freundin von“ herabgelassen hat, bleibt unklar – neben Nicolas Cage ist sie der größte Star in dieser Besetzung), in der Rahmenhandlung eine Journalistin, die Fotos macht. Dieser Film geht so weit, dass selbst die Dialoge der Frauen mit Männern sich nur um einen Mann drehen. Übrigens gibt es im Film auch so gut wie keine nichtweißen Menschen. Selbstverständlich reden sie auch nicht miteinander. Einer der drei (natürlich Männer) ist immerhin kein Bediensteter/Bodentruppensoldat. Edwards Spitzname „Snowwhite“ trifft also auch auf den ganzen Film zu.

Fazit: Ein messianisches Erlebnis über die Macht von Technik und die Technik der Macht, mit eindrucksvollen Bildern, durchschnittlicher Schauspielleistung, epischen Musikteppichen und Überlänge.

Diese Rezension (mit leichten Änderungen) wurde zuerst veröffentlicht bei ZurQuelle.

Meer Moabit

Moabit ist eine Insel. Das heißt, dass ich es vollständig umschwimmen könnte. Das heißt auch, dass es mit ein paar Posten auf Brücken schnell absperrbar ist, wie es wegen der Gebrüder Sass gemacht wurde. Von vielen Stellen ist das Wasser nicht weit. Weg. Die Mücken auch nicht, wenn es warm ist. Besonders ist aber der Himmel an den Stellen, die da sind, wo das Wasser ist, im Norden noch verstärkt von den vielen Gleisen des alten Morbider Güterbahnhofes, die neben dem Westhafen liegen (um von dort früher besser Waren umladen zu können. Silos stehen auch da).
Der Himmel verfärbt sich meistens schlierend, wie wenn Farben in Wasser gegossen werden, um es dann mit einem Papier aufzunehmen. Das haben wir im Kindergarten am Holsteiner Ufer gemacht, genauer gesagt, im Hort. Dafür musste ich als Kind eine Brücke überqueren, und dann noch unter einer anderen Brücke durch, die wir die „Huh“-Brücke nannten, weil wir dort immer mit über dem Mund flatternden Händen durchliefen und dabei „Huh(uhuhuhuhuh)“ riefen.
Ich bin am Ufer aufgewachsen und gucke gerne in die Spree. In meiner Jugend saß ich oft am Ufer, eigentlich mit einem Buch, zog an den Weiden (die wippen) und schaute in das fließende Wasser.
Meine liebsten Beschäftigungen heute (neben Lesen, Nachdenken, Kochen, Reden und ins Theater oder Kino gehen): Schwimmen und Rudern. Sich im Wasser bewegen und dadurch mit dem Wasser bewegen, nicht fließen, aber selbst treiben. Ohne den Grund zu berühren. Vielmehr berührt das Wasser mich.