Die Social Media Oper – Tote Stadt (Korngold) an der Komischen Oper

Framing

Wo in einem Bild setzt man den Rahmen an? Wenn man auf seinem Smartphone ein Foto für ein Profilbild zuschneidet und den dünnen rechteckigen Rand über den Bildschirm bewegt, merkt man: Alles wird anders, wenn man den Rahmen verschiebt.

Wenn man eine Geschichte erzählt, setzt man einen Rahmen. Das wähle ich aus, und das lasse ich weg. Meistens richtet eine erzählende Kamera ihren Rahmen, ihr framing, daran aus, was erzählt wird. Wir haben uns daran gewöhnt und beachten es nicht weiter. Darum irritiert es, wenn die Figur oder das Objekt, das uns etwas erzählt oder die wir verfolgen, nicht zentral im Bild ist – und ihre Konzentration sogar häufig auf etwas außerhalb des Bildschirms richtet.

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Die Fernsehserie Mr. Robot findet in diesem Framing Bilder für eine Welt, in der wir uns gefühlt oft am Rand bewegen, uns auf etwas konzentrieren, worüber wir nicht im Bilde sind.

Die Tote Stadt in der Inszenierung von Robert Carson

So leuchtet Die Tote Stadt an der Komischen Oper ihre Figuren aus. Sie setzt einen Lichtkegel auf die Bühne, der oft leer bleibt, an ihrem Rand eine Figur. In einem Zimmer.  (In einem Altbau-Zimmer mit Stuck. Zurückhaltende Eleganz. Ein wenig zu groß, um darin zu leben.) Alle drei Akte der Oper von 1920 spielen in diesem Zimmer, das die Bühne um sich dreht, in sich verkehrt, aber die Figuren nie verlassen.

In Social Media bleibt man immer irgendwie am Rande des Geschehens. Eine Reaktion, ein Like, ein Kommentar, eine andere User*in, noch einer, man klickt sich weiter, es zieht immer weitere Kreise, der Lichtkegel weitet sich. Auch im Shitstorn geht es nicht wirklich um das eigene Ich.

Die Zeit zwischen den beiden Welt-Kriegen des letzten Jahrhunderts wird gerade viel in der Kunst untersucht – verklärt – verhandelt. Babylon Berlin spielt als fiktive Interpretation unserer Zeit mit den Erfahrungen der zurückgekehrten WWI-Soldaten genau wie Peaky Blinders (beide übrigens mit aktueller Musik um den Figuren in Montagen Gefühle und Fragen aus heutiger Zeit erleben zu lassen) – auch auf der Berlinale war die Retrospektive „Weimarer Kino – neu gesehen“ eines der Highlights, vor allem an Kameratechnik, Schnitt, aber auch an Intention, am Willen zu erzählen, einem Publikum etwas zu erzählen, nicht ein Kunstwerk zu machen, in dem sich der Regisseur selbst erforscht und dies (und dieses Nicht-Gemeint-Sein) seinem Publikum zumutet wie Mein Bruder ist Robert und ist ein Idiot (Regisseur). Auswählen, um zu erzählen.

Nein, die Tote Stadt erzählt nicht. Die Handlung ist vernachlässigbar. Die Tote Stadt spielt in dem Zustand, in dem einem nichts erzählt zu sein scheint, nichts einen Sinn zu ergeben scheint, so dass letztlich nichts anderes bleibt, als die Tote Stadt zu verlassen. Die Stadt, in der Paul einst Marie geliebt hat, die gestorben ist, in der er sich in Marietta verliebt hat, die Marie nicht ersetzen kann, ihr aber ähnlich sieht, und die auch nicht überlebt (spoiler).

Das Libretto basiert auf dem symbolistischen Roman Das tote Brügge (Bruges-la-morte –  Wer denkt da noch an „Brügge sehen und sterben?“), uraufgeführt wurde die Oper 1920, zwischen den Kriegen, kurz nach dem ersten Weltkrieg. Alles ist offen. Nichts ist da.

AKT 1

Eine verlorene Zeit, eine Zeit der Fragen? Diese Inszenierung der Toten Stadt lässt die drei Akte der Oper in einem einzigen Zimmer, dessen Möblierung bleibt, um sich selber drehen. Ein Bett, ein Schrank, ein Frisiertisch, Teppich, eine Vase, Nachtschränke, ein kleiner Tisch mit Sitzgelegenheit und Schuhe, die an der Vorderfront aufgebaut sind, sieben Paar, denn die Guckkastenbühne hat eine vierte Wand, die Wand zum Zuschauerraum, hinter der wir sitzen, und an dieser Wand sind die Schuhe aufgereiht.

Die Wand, an der jemand seine Schuhe aufreiht ist auch die vernachlässigte Wand, und in diesem Fall ist es die gläserne, durch die das Publikum hindurchschaut.

Eine Oper, drei Akte, ein Zimmer. Drei Wände des Zimmers sind die Bühnenwand. Eine Wand sind wir. Wir schauen auf die vierte, durchsichtige Wand wie auf einen Bildschirm.

Zwei Sänger. Sie mit flachen Schuhen. Er in Pullunder und Jackett. Grau vor beigebraunem Schlafzimmerinterieuer.  Sie (singt):

„Was das Leben ist, das weiß ich nicht.“

Sie rückt die Schuhe an der Wand zurecht. Pelzkragen, 30er chic, Hollywood. Beige und grau, rosa, türkis, die Farben erinnern an die ersten Jahre des Farbfilms, die Interaktion der Figuren, die Schatten an die Optik der Screwball Comedies.

Schwarzweißfotografien wandeln sich zu einem Video: Marie löst ihr Haar. Eine Erinnerung? Sie ist aus dem Bild. Das Video wirft wie im film noir Schatten über ondulierte Wellen.

Dann dreht sich das Zimmer, auf der Drehbühne einmal um sich selbst, Männer, im Carré, drehen sich mit, mit Hut und Mantel, schwarz – hell gelbes warmes dunkles Licht, Rauch der angestrahlt wird, sie nehmen die Möbel fort, auch den Teppich. Nur Dielen bleiben und die Tür.

Das Licht auf dem Rauch wird grau, hell, fast blau.

AKT 2

Ein schwarzer Sarg wird hindurchgetragen, eine Trauergemeinde mit schwarzen Schirmen, Glitzer auf den schwarzen Anzügen. Ein glitzerndes weißes Bett dreht sich wie ein langsamer Autoscooter auf der sich drehenden Bühne. Glitzernder Schrank, Spiegel, einzelne rosa Rosen.

Marietta kommt mit der Lampe herunter, mit dem Licht, das Haar gekreppt. Türkis glitzert mit Federboa. Paul tanzt alleine, buntes Glitzern.

Die gesamte Szenerie ist in Glitzer neu möbliert, die gleichen Gegenstände wie zuvor, nur von Glitzerstaub bedeckt, verdeckt, bestäubt.

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Und die Männer, die gerade noch den Sarg getragen haben, versammeln sich auf der Rückwand der Bühne als Publikum. Sie sitzen dort ebenso angeordnet und schauen zu wie wir im Publikumsraum der realen Oper. Uns gegenüber. Auf etwas, das sie unterhält.

Das Schlafzimmer ist weniger groß als im ersten Akt, man fühlt sich weniger verloren, es sieht mehr aus wie ein Zimmer von heute, es hat die Saal-Charakteristik verloren, es ist intimer.

Alles, was zuvor da war, steht da wie zuvor und glitzert, während Menschen zugucken, das ist wie Social Media. Man nimmt das vorhandene Leben, das schon da war, das auch da ist, wenn man kein Foto macht, und wählt das aus, was sich gut macht, setzt einen Rahmen darum, einen Filter (warmes Licht in der Oper), baut eine Geschichte dazu, gibt ihm Namen, ohne dass es sich wesentlich verändert (was da war, ist da), aber was hinzugekommen ist, ist ein Publikum. Und das alles, ohne das eine Zimmer zu verlassen, das ganze Drama, ein Kammerspiel. Eine Ein-Zimmer-Oper

Social Media bietet die Möglichkeit, vom eigenen Zimmer mit der ganzen Welt in Kontakt zu stehen. Die vier Wände, die einen umgeben, machen einen nicht mehr unsichtbar. Sie nehmen einen nicht mehr raus aus dem Kontext von „Sehen und gesehen Werden“, der soziale Events oft zu einer Möglichkeit und auch einem Mittel zum Zweck macht. Man ist da. Seht her.

Was früher privat war, ist heute Sendefläche geworden. Präsentations- und damit auch Arbeitsort. Und die technischen Möglichkeiten bieten Rahmungen an, die man wie Glitzer auf alles rauflegen kann, muss, wird, um nicht im Algorithmus unterzugehen oder auch, um nicht die ganz intimen Details, die Zweifel, die noch mit sich ungeklärten Schwächen nach außen zu bringen. Oder auch, weil die gesendeten Inhalte der anderen auch so glitzern und man ja mit den anderen in Kontakt sein möchte. Kontakt, der Nähe schafft, der Beziehungen herstellt, der Aufmerksamkeit schenkt und Wert – der einen wieder zum Glitzern bringt für einen Moment.

Schlafzimmer – Schutzraum (Peer)

Wo wir mal waren zum Vergessen – können wir nicht anders als vernetzen

und der Status ein Symbol

Früher war das hier ein Schutzraum – heute ist es ein Büro

Ich stell noch mal was rein / ich schick noch mal was raus.

Wir sind gar nicht hier. Wir sind überall

Auf welcher Seite von dem Gitter stehen wir in diesem Zoo?

Die Grenze ist längst eingerissen.

Zitate aus: Peer – Schutzraum (hier im Video zum Hören:)

 

Wollten wir nicht mehr als das hier? Mehr als ein schöneres Büro.

AKT 3

Und dann dreht sich das Zimmer für den dritten Akt noch mal, um 180 Grad. Dasselbe Zimmer, wir sehen es von der Rückwand des Bettes aus, und sitzen da, wo das Publikum des zweiten Aktes gesessen hat.

Marietta, Pauls neue Freundin, die aussieht wie Marie, wirft alle (Erinnerungs-)Bilder im Raum auf den Boden.

„Dich such ich, Bild, mit dir hab ich zu reden. Schön bist du, gleichst du mir noch? Sag, wo ist deine Macht?“

Als sie auch tot auf dem Boden liegt, singt Paul „Jetzt gleicht sie ihr ganz, Marie.“

 

Über der Inszenierung liegen die verschiedenen Lichtfarben, des Abends, des Zimmers, eines Sommerabends draußen auf einer Terrasse oder das Licht in der Nacht, wenn man nach dem Heimkommen noch redet.

Eine geliebte Frau, eine erträumte Frau, eine ersetzte Frau, festgesetzte, hochstilisierte Erinnerungen, mehr Schein als das, was war. Etwas, das so aussieht wie die reale Beziehung, aber so sehr so aussehen soll, dass es darin kein Weiterleben gibt, wie es in der realen Beziehung zwangsläufig gewesen wäre.

Es ist eine Ein-Zimmer-Oper über erstarrte Beziehung unter Publikumsbeobachtung geworden, eine Untersuchung über ein Mosaiksteinchen (ein Zimmer) in einer Toten Stadt.

Manchmal einzelne Töne des Glockenspiels in eine Stille die oft zu kurz ist um sie Stille zu nennen aber die kurz aufatmen lässt. Das ist vielleicht mein Fazit zu der Inszenierung: Sie hat zu wenig Stille.

 

Alle Infos auf der Seite der Komischen Oper.

Wieder am 18. und 28. November, 14. und 25. Dezember 2018, und am 28. Juni 2019. Karten 12-78 Euro.

Eine musikalischere Rezension hat der Konzertgänger verfasst.

Noch mehr auf die Entstehungszeit der Oper geht Andreas Oppermann ein.

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Berlinale Tagebuch Tag 6, Dienstag 20. 02. 2018: Der Serien-Tag

Charlie Karumi als Marcus und Anton Nikolaj Hjejle Øberg als Christian in Liberty

12.00 3 Tage in Quiberon, Wettbewerb, Regie Emily Atal

1981 machte Romy Schneider eine Kur in Quiberon, Bretagne. Dort gab sie dem STERN ein Interview. Wieder ein Film „nach einer wahren Begebenheit“. Nachgestellt entlang der berühmten Fotostrecke von Robert Lebeck. Wie diese in Schwarz-Weiß. Ein Film in Schwarz-Weiß, geht das heute noch? Ja. Oh, Boy. The Party. Und jeden der Filme, die ich aus der Retrospektive („Weimarer Kino – neu gesehen“) gesehen habe, fand ich aufregend an Schnitt, Kamera, Tondesign, jeder einzelne funktionierte in genau diesen Bildern.

In „3 Tage in Quiberon“ jedoch sind außerhalb des Hotels der Sand der Dünen, die Wellen des Meers, die Felsen am Ufer, der Weg alle in ähnlichem Grau, während beispielsweise die Landschaft Brandenburgs in „Ihre Majestät die Liebe“ (Berlinale Retrospektive, 1931)  in völlig verschiedenen Grautönen strahlt und schillert, dass man das Gefühl hat, sie wären so grün wieder Teich, so blau wie der Himmel, so schattig wie die Baumkronen, so matschig wie der Erdboden.

Zu dem Schwarz-Weiß in „3 Tage in Quiberon“ fällt nur auf: Keine Kontraste. Ebenso wenig Tiefe bekommen die Bilder, wenn man sie mit denen der Originalaufnahmen vergleicht. Etwas abzubilden heißt nicht, etwas nachzustellen, nicht die Oberfläche von etwas nachzuempfinden, sondern eine neue Oberfläche zu finden, das das dahinterliegende heute genauso frisch und unverbraucht wiedergibt wie es beim ersten Mal war.

Dass Marie Bäumer in der Rolle der Romy Schneider gut sein sollte, hatte ich im Vorfeld gehört – aber der Film zeigt Romy mehr in der Rolle als Muse, als schöner, unverständlicher und irrationaler Frau als als eigenes Subjekt. Er scheint das nachzumachen, worunter Romy Schneider zeitlebens gelitten hat, nämlich Projektionsfläche zu sein. Statt den Film aus ihrer Perspektive zu erzählen, erzählt er ihn aus der Rolle des Beobachters – ein folgerichtiges Ergebnis des Versuchs, Fotos nachzustellen.

15.30 Home Ground – Heimbane, Berlinale Series, Regie Arild Andresen

Seit 5 Jahren gibt es Berlinale Series, seit diesem Jahr haben sie eine eigene Spielstätte, den Zoopalast. Serien verbinden viele mit Fernsehen und erwarten hauptsächlich Unterhaltung. Auch wenn ihnen schon auffällt, dass sie kaum aufhören können und binge watchen, empfinden sie das eher als Teil eines guilty pleasure als sich zu fragen, wie das eigentlich gemacht ist. Dabei sind Serien, auch wenn sie im Fernsehen laufen, eine eigene Kunstform. Ein Film mit 90-120 Minuten benötigt eine andere Dramaturgie als 12 Folgen à 45 Minuten, die zum Weitergucken animieren, aber auch in sich funktionieren müssen. Für die Figurenentwicklung bedeutet es völlig andere Möglichkeiten: Statt die Entwicklung einer*s Held*in durch drei Akte zu verfolgen, in dem der Ist-Stand auf der Vorgeschichte basiert und die Veränderung zu einem neuen Ist-Stand erzählt wird, erlauben es Serienformate, Veränderungen und Entwicklungen in verschiedenen Stufen, mit ihren Widersprüchen, Rückfällen aber auch Regelmäßigkeiten zu erzählen. Es entsteht nicht die Geschichte einer Figur, sondern der*die Zuschauer*in kann Entwicklungen von Veränderungen mitverfolgen, im Falle der wöchentlich versetzen Ausstrahlung sogar im Laufe von Veränderungen im eigenen Leben.

Home Ground – Heimbane erzählt die Geschichte der fiktiven ersten Trainerin eines Fußballclubs der norwegischen ersten Liga (Ane Dahl Torp). Die erste Folge jeder Serie muss einiges leisten: Die Figuren einführen, den Konflikt der Serie plausibel machen, neugierig machen auf mehr. Diese erste Folge folgt dem männlichen Blick auf eine Frau: Von ihr wird erzählt, wie sie sich in einer Männerwelt bewegt, wie sie mit Vorurteilen und Beleidigungen umgeht (direkt, souverän, charmant – nicht, wie es ihr wirklich damit geht, und wie Frauen mit ihr umgehen), wie sie sich als Mutter verhält. In gewisser Weise ist es also die Klischee-Geschichte, wie man es sich als Mann (Serienschöpfer und Drehbuchautor: Johan Fasting, Regie Arild Andresen) so vorstellt, wenn eine Frau Sexismus erlebt. Die selbstverständlich blond, schlank und gutaussehend ist.

Die 2. Folge ist witzig und macht etwas richtig was die erst nicht macht. Sie setzen Haken. Sie setzen Dinge in Bewegung. Veränderung. Die Serie versucht nicht, ein Film zu sein. Nur einmal kurz, als sich die Kamera in dem Regen über dem Netz zwischen Torpfosten versenkt. Sie entwickelt die Figuren komplex und in unterschiedliche Richtungen weiter:

Was bedeutet es, mit ehrgeizigen Eltern aufzuwachsen, die einen schon als Kind trainieren? Was bedeutet es, erfolgreich in einem Metier zu sein, und darum wenig Kritik zu bekommen in einem Metier, das man gerade erst lernt und darin nicht wirklich besser zu werden? Wie schlägt man sich mit genug Pragmatismus aber auch genug Weitsicht für die wichtigen Themen in einem Fußballclub durch, der aus Tradition und loyalen Hierarchien besteht, aber mit anderen Clubs mithalten können muss? Ane Dahl Torp spielt vielschichtig und nimmt die ganze Welt ihrer Figur mit in ihr Spiel hinein, so dass es in jeder Szene nicht nur um den gerade verhandelten Konflikt geht. Einzig die Rolle des Bösewichts, die der einzige Schwarze Schauspieler spielt, bereitet mir noch Kopfschmerzen. Vielleicht entwickelt sie sich noch zum wirklich interessanten Gegenpart – in den ersten zwei Folgen ist sie aber erschreckend eindimensional gezeichnet.

18.00 Liberty, Berlinale Series, Regie Mikael Marcimain

Wieder eine Literaturverfilmung. Nach dem Tod des dänischen Schriftstellers Jakob Ejersbo (1968-2008) wurden drei auf seiner Kindheit in Tansania basierende Romane als Trilogie posthum veröffentlicht: Eksil, Revolution und Liberty (<- Link: Rezension der Buchbloggerin). In Liberty wird die Geschichte des dänischen Jungen Christian erzählt, der im Jahr 1980 mit seinen Eltern, die in der Entwicklungshilfe arbeiten, nach Tansania zieht. Dort trifft er auf den gleichaltrigen Schwarzen Marcus und die Mitschülerin Samantha, aus deren Perspektive die anderen beiden Bücher der Trilogie erzählt werden. Auch die Verwicklungen der Eltern und deren Freunde, die in einer Gated Community leben, spielen eine wichtige Rolle.

In der Vorstellung saß ich zufällig neben der Mutter der Schauspielerin der Samantha, Tana Kyhle Kahr. Sie ist mit schwedischen Eltern in Kenia aufgewachsen und spricht daher als eine der wenigen Schauspieler*innen Kisuaheli. 

Diese Serie findet eine wilde, kluge, unverbrauchte Bildsprache, um das Hineingeworfenein des Neuankömmlings Christian zu zeigen. Es ist nicht das, was man sich denkt wie es wäre, sondern das, was da ist, mit dem man sich auseinander setzen muss. Je weniger Macht man hat, desto mehr. Christian ist als Kind seiner Eltern in einer Position, in der er vieles nicht selbst entscheiden kann. Marcus ist Kind ohne Eltern, das „netterweise“ für Kost und Logis in einer privilegierten Familie mitleben -und arbeiten darf in einer noch viel weniger starken Position.

Anders als viele andere Serien erzählt „Liberty“ nicht nur die Geschichte der weißen Figuren mithilfe der Schwarzen. Oft bekommen Schwarze Figuren den reaction shot: Wie sie die Situation sehen ist wichtig für die Szene, und oft wird gerade das Clashen der Kulturen aus ihrer (stummen) Perspektive erzählt. Trotzdem stehen nach der Premiere auf der Bühne bis auf Charlie Karumi nur weiße. Die Antworten auf die Fragen, die ich der Produktion dazu gestellt habe, waren abgründig rassistisch, ebenso die Antworten der Produktion nach der Vorstellung auf andere Fragen: Warum wurde nicht in Tansania gedreht, sondern in Südafrika? Warum sind die afrikanischen Dialekte und Sprachen, die in den Hintergrundszenen gesprochen werden alle aus unterschiedlichen Ländern, als wäre Afrika ein einziges Land mit einer einzigen Kultur, die alle austauschbar sind? Und warum wird die Entwicklungszusammenarbeit so gezeigt, wie sie seit zwanzig Jahren nicht mehr ist – ein weißer erklärt, die Schwarzen hören alle andächtig zu? Die letzte Frage erklärt sich zumindest aus der Romanvorlage. Es werden die Verhältnisse der 80er Jahre erzählt. Die Serie spielt mit unglaublich heutigen Bildern im Jahr 2018 – die Bilder, Schnitte und Kamerafahrten, die sie findet, machen ihre erzählerische Stärke aus. Vielleicht wird bei der Ausstrahlung ein Hinweis transportiert werden, dass es sich um eine ins Heute versetzte vergangene Geschichte handelt (wie etwas Transit, im Berlinale Wettbewerb). 

 

21.30 The Looming Tower, Berlinale Series, Regie Alex Gibney

Noch eine Literaturverfilmung UND eine nach realen Begebenheiten, und zwar nach einem Sachbuch von Lawrence Wright, das sich mit dem Vorfeld der Anschläge auf die New Yorker Zwillingstürme am 11. September 2001 beschäftigt.

Was mit viel Starpower (Jeff Daniels und in einer Nebenrolle Peter Sarsgaard ) angetöst kommt und von den Berlinale-Organisator*innen entsprechend beworben wird, entpuppt sich als altbackenes Erzählschema mit Standard-Kulissen.

Oder, wie Matt Zoller-Seitz (einer der klügsten TV-Kritiker) es formuliert: „Law & Order: Bin Laden Unit“. Die Kulissen wirken wie aus einem Standard-Pappmaché-Satz „beliebige arabische Kulisse“ zusammengewerkelt, für Afrika (der Anschlag auf die US-Botschaft in Nairobi) laufen tatsächlich Männer mit Lendenschurz und Speren über der Schulter beim Schafe hüten über die Steppe. Eine prominente Männerfigur führt sexuelle Beziehungen zu drei verschiedenen Frauen, die Klischee bleiben, ohne dass diese Eskapaden irgendwas zur Handlung beitragen würden. Die Figur des libanesischstämmigen FBI-Mitarbeiters Ali Soufan (Tahar Rahim) bekommt wenig mehr Charakterisierung als der allgemeine arabischstämmige Prototyp. Diese Erzählform ist so hanebüchen altmodisch, dass es nicht mal spannend wird. Dass man weiß, wie es ausgeht, und die Charaktere keine schlüssigen Motivation haben, hilft nicht.

 

Fazit: Serien auf der Berlinale

Das war für mich der Serien-Tag auf der Berlinale: Der erste Tag, an dem ich Serien statt Filme gesehen habe, und dann auch noch drei davon, am Stück. Es hat sich anders angefühlt als die Tage davor.

Serie ist etwas anderes als Film. Es sieht aus wie Fernsehen. Aber es setzt Haken: Hier gibt es mehr zu erzählen, wie ein nicht aufgelöster Akkord, man weiß, es kommt noch etwas, man will mehr wissen. Damit greift es etwas auf, was einem im Leben begegnet – oder zeigt eine Herangehensweise an das Leben, die man vielleicht vergessen hat: Hier kann man nachfragen. Da gibt es noch eine Geschichte. Das ist nicht alles, was mir begegnet. Serien erzählen, gehen in die Entwicklung, Verwicklung und erzeugen so Beteiligung.

Berlinale Series hat als Bild den Bären im Pool in orange (statt sonst in hellblau) – eingefärbt, heimelig?

Diese Erzählweise hat etwas Privates. Etwas Persönliches. Man sitzt anders im Kino als in einem Film, der auf Spannungsaufbau, Gefühle und Auflösung setzt, eines Publikums gemeinsam im Kinosaal. Man vergisst etwas vom Dasein. Vom Kino. Von der Berlinale. Ist es das Medium Fernsehen, das den Rahmen ausblenden lässt? Der Laptop, die Wohnzimmerkonsole, das Bett? Möchte sie etwas verschwinden lassen?

 

Berlinale Tagebuch Tag 5, Montag 19.02. 2018

14.45 7 Days in Entebbe, Wettbewerb, Regie José Padilha

Oje. Dieser Wettbewerb. Daniel Brühl und Rosamunde Pike als RAF-Terroristen, die 1976 gemeinsam mit der Volksfront zur Befreiung Palästinas eine Air-France-Maschine entführen und von Entebbe (Uganda) aus mit der israelischen Regierung verhandeln.

Rosamunde Pikes deutsche Aussprache wurde allgemein gelobt, aber mich haben ihre Betonungen bei jedem deutschen Satz, der länger als 8 Silben war, so aus dem Film geworfen, dass ich mich die ganze Zeit über gefragt habe, warum sie keine deutsche Schauspielerin genommen haben, wenn die Figur deutsch reden soll.

Der Film beginnt mit Einblendungen von historischen Rahmendaten. 1948. Der Film tut so, als böte er den historischen Kontext, die Erklärung, warum alles so ist wie es ist. Das hält er auf allen Ebenen durch. Die Diskussionen innerhalb des israelischen Kabinetts zwischen Schimon Peres und Yitzhak Rabin finden statt neben laufenden Tonbändern, um zu sagen: So war es. So ist es wirklich gewesen. Auch während der anschließenden Pressekonferenz war das die Antwort auf die Frage, wieso er sich für diese historisch umstritte Darstellung des Verhaltens von Yonathan Netanyahu (des Bruders des daraufhin in die Politik gegangenen Benjamin Netanyahu, der einen Militär-Einsatz während der Krise in Entebbe geleitet hat) entschieden hat: So war es. Für die Wahrheit muss man keine Erklärung liefern.

Die Frage ist, ob das als Film funktionieren kann.

19.00 Verlorene, Perspektive Deutsches Kino, Regie Felix Hassenfratz

Als ich mit Linda Söffker, der Kuratorin der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“, vor Festivalbeginn sprach, sagte sie, es würde viel Ähnliches eingereicht: Sie wären froh, wenn sie etwas Neues, Frisches, Anderes fänden, und das Ergebnis wäre die Reihe, wie sie zu sehen ist.

Ganz bestimmt ein Film, der für sich funktioniert und eine eigene Welt erschafft. Keine besonders neue Geschichte, sondern eine, die gern das Krasse zeigt, anstatt sich mit den Untiefen des Normalen zu beschäftigen. Schwäbisch mit Untertiteln, herausragende Darsteller. Das Innenleben einer Orgel und die oft gesehene Dynamik innerhalb einer Familie. „Der Architekt“ von Ina Weisse mit Sandra Hüller macht das besser.

Berlinale Tagebuch Tag 4, Sonntag 18. 02. 2018

Sara Casu, Alba Rohrwacher und Valeria Golino in „La Figlia Mia“

12.00 La Figlia Mia, Wettbewerb, Regie Laura Bispuri

Noch mal, nach „Wieża. Jasny dzień. / Tower. A Bright Day.“, die Frage: Was ist stärker, die Natur oder die Sozialisation, die Bindung an die leibliche oder an die soziale Mutter – eine Frage, die mir beide Filme zu einseitig beantworten, und die Figlia Mia auch noch nicht weniger blond (die biologische Mutter, die mit allen schläft) und braunhaarig (die soziale Mutter, die warmherzig und fürsorglich ist) besetzt, aber ein großartig gespielter (Alba Rohrwacher hätte den Silbernen Bären für diese Rolle bekommen können), voller neuer Perspektiven gedrehter, mit kräftigen, frischen Bildern aufgenommener Film, der ein Seh-Erlerbnis ist. Einer der besseren Filme des Wettbewerbs. Das, was er will, macht er gut.

15.30 The Real Estate, Wettbewerb, Regie Axel Petersén

Nach diesem Film hörte ich das erste Mal „Koslicks Rache“ als Kommentar unter den Kritiker*innen. Die Wackelkamera, dass speziell geblendete Licht lässt mich am Anfang Zweifeln, ob es ein Dokumentarfilm ist. Es zeigt aber nur so unbeschönigt wie möglich das Leben einer Immobilienbesitzerin (Léonore Ekstrand): Friseur, Anwaltsbüro, Fitnessstudio, Hausbegehungen, Seniorenzentrum. Was wollte dieser Film? Hypothesen, die ich gehört habe: „Reiche Leute haben auch Probleme“. „Schön, dass endlich mal einer einen Film über Gentrifizierung macht, der nicht links ist“. Aber warum in diesen Bildern? Ab Minute 60 habe ich ihn schlichtweg nicht mehr verstanden: Was ist diese Hütte? Was macht sie da? Wer ist dieser Mann? Warum geht sie nicht zur Polizei? Eine Sexszene unter nicht ganz jungen Schauspielern ist immerhin bemerkenswert und spannend gefilmt, wenn ich mir auch nicht ganz schlüssig bin, ob die Macher ihre Figur im Anschluss daran nicht verraten haben.

18.30 Becoming Astrid, Berlinale Special, Regie Pernille Fischer Christensen

Berlinale Special bedeutet, der Film war nicht gut genug für den Wettbewerb, aber zu gut für eine der anderen Reihen – eine sehr merkwürdige Definition, wenn man sich anguckt, dass die Highlights des Festivals meistens im Forum oder der Perspektive laufen. Warum dieser Film? Für viele eines der Highlights des Festivals. Der einzige Film, bei dem ich geweint habe. Ein Film, nach dem ich nach Hause gefahren bin, obwohl ich noch Programm gehabt hätte, einfach nur, um im Bus zu sitzen, aus dem Fenster zu sehen und mir dieses Berlin anzuschauen, das mir immer wieder die Frage stellt, wie viel sich Heimat eigentlich verändern kann.

Es ist ein historischer Film, er spielt um die Jahrhundertwende 1900. Er versucht, das Leben der jungen Astrid Lindgren nachzuzeichnen, basierend auf ihren eigenen Niederschriften über die Zeit. Zum Teil fiktionalisiert er auch. Die junge Schauspielerin Alba August spielt Astrid zu  jeder Zeit ihres Lebens anders, es ist tatsächlich ein Film über die Veränderungen des Lebens geworden. Tatsachen, die nicht langweilig werden, nur weil sie passiert sind (häufig das Problem von historischen Filmen, siehe „3 Tage in Quiberon“, weil an ihnen erzählt wird, was sie mit einem Menschen machen, und wie unterschiedlich Charaktere reagieren. Je mehr sich ereignet in diesem Film, in dem wenig Außergewöhnliches passiert, desto plastischer treten seine Welt, seine Figuren hervor. Es ist nicht die Geschichte einer berühmten Frau, es ist die Geschichte dieser einen Protagonistin, die so nachvollziehbar und konkret erzählt wird, dass sie einmalig erscheint und zugleich jedem Zuschauer während des Sehens passiert. Es ist ein Film über Fragen und Entscheidungen, über Mut und Leben, der zwar wunderbar ausgestattet ist als Film, der eine Zeit wiedergibt, sich aber nie wie ein Kostümfilm anfühlt.

 

Berlinale Tagebuch Tag 2, Freitag 16. 02. 2018

Lana Cooper und Daniel Roth in Storkow Kalifornia

14.00 Storkow Kalifornia, Perspektive Deutsches Kino, Regie Kolja Malik

Einer der beiden Filme neben „Tower. In the Light“, die ich empfehle, wenn mich jemand fragt, was ich bisher Gutes gesehen habe. Ein Film, den ich jederzeit noch mal sehen würde, was ich auch versucht habe, aber ich kam nicht noch einmal rein, trotz Anstehens.

Handlung? Ich weiß nicht. Sunny (Daniel Roth) wächst in Storkow, Brandenburg auf. Er lebt mit seiner Mutter Nena (Franziska Ponitz) in einer Art WG, in der Drogen in fließendem Übergang genommen werden. Eines Tages gerät er in eine Verkehrskontrolle, und das Röllchenblasen mit Streifenpolizistin Liv (Lana Cooper) gerät zu einem knisternden Moment. Es erwacht die dicke fette Liebe, poetisch, alltagsnah, völlig von den Charakteren getragen. Und in der Ferne lockt oder droht Berlin, ein Ort, um Storkow zu verlassen.

Wunderschön gefilmt. Der Film sagt alles über diese bestimmte Zeit im Leben dieser Figuren aus genau diesem Ort und zugleich alles über das Leben in den Zwischenräumen, die nicht manifestiert oder sicher sind, die, auf die man keinen Stempel drücken kann, einfach nur durch seine Bilder und Kamerafahrten (Kamera Jieun Yi). Nur 29 Minuten, und für mich bis zum Schluss einer der stärksten visuellen Eindrücke dieser Berlinale. Dafür gehe ich ins Kino. Um das Leben anders sehen zu lernen.

Storkow Kalifornia | Trailer (2017) – YouTube

 

14.30 Rückenwind von Vorn, Perspektive Deutsches Kino, Regie Philipp Eichholtz

Charlie (Victoria Schulz) arbeitet als Quereinsteigerin im Grundschullehramt, ihr Freund Marco (Aleksandar Radenković) macht irgendwas mit Medien. Sie sehen aus wie Hipster, sie wohnen im südlichen Kreuzberg oder nördlichen Neukölln, ihre Wohnung sieht aus wie die von Hipstern real aussieht, wenn sie nicht für Instagram-Fotos ausgeleuchtet und aufgeräumt ist. Freiheit, das ist auf dem Karneval der Kulturen zu Dota die Kleingeldprinzessin tanzen und mit dem selbstausgebauten Wohnwagen durch den Balkan fahren und alles essen, was lecker ist. Marco möchte aber Kinder (nach fünf Jahren Beziehung). Charlie nicht.

Lösung: Nicht Selbstfindung oder so. Nein, da gibts ja schon nen anderen Mann, ihr Kollege Gerry (Daniel Zillmann), der geht auf den Karneval der Kulturen, hat schon so ein Wohnmobil und kocht gerne.

Vielleicht muss man Hipster mögen, um diesen Film gut zu finden? Vielleicht muss man zumindest seine Grundprämisse akzeptieren: Dass das Leben so orientierungslos ist und so wenig Nöte hat, dass sich diese Fragen tatstächlich stellen: Was jetzt? Kochen wär mal wieder schön.

Dabei hat Charlie als Figur genug andere Probleme. Ihre Oma (Angelika Waller), bei der sie aufgewachsen ist, ist schon ziemlich alt. Nichts davon spürt man in der Figur. Weder die Abwesenheit der Eltern noch die Perspektive auf ein Leben, das über mehr hinausgeht als die bundesrepublikanische Gegenwart. Krieg? DDR? Menschen mit Migrationshintergrund in Kreuzberg/Neukölln? Nein. Dieser Film ist der gegenwärtige deutsche Roman als audiovisuelles Medium. Von seinen Fragen, seinen Themen, seinen Figuren her, auch in seinen künstlerischen Mitteln wie der Kamera, die dem Film nichts Neues hinzufügen.

 

15.30 Djamilia, Forum, Regie Aminatou Echard

Dieses Jahr bin ich weniger in Forums-Filmen unterwegs als sonst. Für mich daher der formal mutigste Film der Berlinale. Basierend auf Tschingis Aitmatows Debüt-Novelle Djamilia aus dem Jahr 1958. In dieser berühmten Erzählung, die 1943 spielt, verlässt die eine junge Kirgisin ihren Heimatort, während ihr ungeliebter Mann aus einer arrangierten Ehe als Soldat im Krieg ist, und folgt ihrer Freiheit, ihrem Lebenswillen und ihrer Liebe zu Danijar. (Übrigens war die Novelle Aitmatows Abschlussarbeit am Maxim-Gorki-Literaturinstitut in Moskau – streng genommen also Institutsprosa, ohne diese in Schutz nehmen zu wollen.)

Regisseurin Echard lässt junge Kirgisinnen über Djamilias Geschichte und über ihr Leben sprechen. Sie filmt sie in Bewegung, legt ihre Stimme aber nicht auf die Bilder ihres Gespräches, sondern auf andere, in denen ihre Protagonistinnen schweigen oder anderes tun. Die Landschaft Kirgisiens, die möblierten Landschaften seiner Häuser und Wohnungen bekommen ein ruhiges, kräftiges Bild, in dem man die Luft, das Licht und die Farben förmlich spüren kann, die die Geschichten dieser Frauen mitleben.

Der Film gibt seinen Protagonistinnen allen Raum, aber auch alle Unvoreingenommenheit, und die Protagonistinnen bleiben in ihren Geschichten, Gesichtern, Lebensumständen und Geheimnissen eigene Subjekte, die nie ihre Faszination  verlieren. Trotzdem nicht ganz unanstrengend zu gucken.

 

17.30 L’Empire de la Perfection (In the Realm of Perfection), Forum, Julien Faraut

Ein Dokumentarfilm über Tennis in Schwarzweiß. Grandios geschnitten und komponiert, so dass er keine Minute langweilig wird. Muss man was von Tennis verstehen? Nein. Es geht um den Kampf mit sich selbst. Aus dem Kampf, nicht trotz des Kampfes und der in der Kindheit angelegten Komplikationen zu gewinnen. Energie für das Spiel daraus zu gewinnen, die Menge erst mal gegen sich aufzubringen. Mit einem System, das man schön in Szenen gegeneinander schneiden kann. Ein fast perfekter Dokumentarfilm, der nicht mehr braucht als bestehende Aufnahmen für seine Erzählung, einen Sprecher Mathieu Amalric und einen herausragenden Soundtrack, der vor Mozart nicht zurück schreckt. Eine Meditation über die umperfekten Ecken des Perfekten, die Energie die durch diese Spannung entsteht, und auch über das Filmemachen. Denn Tennis und Filme gehören zusammen, wenn man, wie der Film, Jean-Luc Godard folgt.

 

21.30 Eva, Wettbewerb, Regie Benoit Jacquot

Isabelle Huppert ist so wahnsinnig gut in allem, was sie macht, dass man manchmal das Gefühl hat, das Regisseure, die sie besetzen, sich nicht mehr weiter um den Film zu kümmern brauchen glauben, weil die Hauptrolle alles tragen wird.

Der junge Prostituierte Bertrand (Gaspard Ulliel) nimmt nach dem Tod eines Klienten dessen letztes Manuskript an sich, wird damit erfolgreich, kann ein zweites Stück aber nicht liefern. Für Inspiration bedient er sich der Bekanntschaft mit der High-End-Prostitierten Eva (Isabelle Huppert). Eine nicht mal wechselseitige Projektion.

Dieser Film ist gefilmt wie ein Film. Er experimentiert nicht. Keine anstrengende Wackelkamera, keine Kulisse bei der man ein Auge zudrücken muss. Reiche Leute, Reiche Wohnungen, Paris, ein Châtelet in den Bergen. Spielkasinos. High-End-Prostiuierte. Viel Geld und Erfolg. Der Film ist schön anzusehen, ästhetisch. Keine der gefürchteten Berlinale-Real-Tristess-Demonstrationen (dazu kommen wir morgen mit The Real Estate). Der Film verlangt dem Zuschauer nichts ab. Aber. Das ist zugleich sein Problem. Der Film will auch nichts vom Zuschauer. Was will der Film?

Wiederum (nach The Bookshop, Djamilia, und es werden in den nächsten Tagen einige folgen) eine Literaturverfilmung (von James Hadley Chase ). Und es geht auch um einen Schriftsteller (wie in Transit, Becoming Astrid, Dovlatov, The Happy Prince …) – Themen die die diesjährige Berlinale prägen. Aber im Grunde geht es nicht ums Schreiben, nicht ums Nichtschreibenkönnen des Schriftstellers der keiner ist, aber es ist schwer zu sagen, worum es stattdessen geht. Es ist das Aufbegehren des Erzählenwollens ohne sich mit der Welt auseinander zu setzen. Dazu besteht jedes Recht. Es muss nur gekonnt sein.

Berlinale Tagebuch Tag 1, Donnerstag, 15. 02. 2018

                Bild: Laila Hennesy in „Wieża. Jasny dzień.“ (Tower. A Bright Day.)

14h Das Schweigende Klassenzimmer, Berlinale Special, Regie Lars Kraume.

DDR, fünf Jahre vor dem Mauerbau. Eine Schulklasse schweigt in Gedenken an die Toten des Ungarnaufstands zwei Minuten lang. Der Fall geht bis ins Ministerium. Ihr Abitur steht in Frage.

Der schlechteste Film auf der Berlinale. Man hört und sieht, dass es Kulissen sind, und zwar die epochentypischen Kulissen, die man genau so schon immer im Fernsehen gesehen hat, wenn jemand sich ganz sicher sein wollte, dass man auch weiß, dass eine Sendung in den 50ern/in der DDR spielt. Die Dialoge sind schlecht, einige der Schauspieler*innen so gut, dass sie sie sprechen können, andere nicht – da klingen sie völlig hölzern. Die Handlung beruht auf einer wahren Begebenheit, die Figuren sind typenhaft anskizziert, ausgewählte, die dann mit besseren Schauspieler*innen besetzt sind (Jonas Dassler, Leonard Scheicher) wirken betont ambivalent. Sobald die eigentliche Handlung im Klassenzimmer beginnt, bietet der Film ansatzweise Neues. Interessant eine Szene, bei der durchscheint, dass es vielleicht eigentlich um Familie geht in diesem Film, weniger um den Klassenkampf. Macht eine liebevolle Familie pragmatisch, eine kalte ideologisch?

Anhand dieses Films habe ich gelernt, was „Berlinale Special“ ist (von anderen Journalist*innen, mit denen ich mich unterhalten habe): Filme, die es aus Qualitätsgründen („weil da irgendetwas schief gelaufen ist“) nicht in den Wettbewerb geschafft haben, aber für eine der Nebenreihen zu prominent besetzt sind.

Was da schief gelaufen ist: Kamera, Ausstattung, Dialog (Szenenfolge funktioniert gut!), Figuren. Der Schnitt war ziemlich gut. Auch das Schauspiel der Mehrheit.

 

16.30 Black 47, Wettbewerb (außer Konkurrenz), Regie Lance Daly.

Irland 1847. Die Kartoffelfäule und die Herrschaft der Briten über Irland verursachen eine grausame Hungersnot. Ein irischer Soldat, der für die Briten in Afghanistan gekämpft hat, kehrt zurück und übt Rache.

Dieser Film gewinnt durch den Vergleich mit seinem Vorgänger, „Das Schweigende Klassenzimmer“. Er beginnt mit einer Verhörszene, die aus dem Vorgängerfilm hätte sein können. Ebenso deutlich Kulissen. Das Pferdegetrappel klingt wie mit Sounddesign eingefügt. Weite Teile der irischen Landschaft erregen Diskussionen unter Journalist*innen. Waren das Fotos, vor denen das gefilmt ist? Gemälde? CGI? Immer kurz bevor das Pferd in das Foto hineinreitet, kommt ein Schnitt. Dieser Film zeigt, was man mit schlechten Kulissen für großartige Effekte herausholen kann. Der Kamera gelingen nicht nur grandiose Landschaftsaufnahmen, sondern auch Tiefe und Textur in den Innenaufnahmen. Sie hat eine Handschrift, sie spielt, sie erzählt etwas über die Zeit. Sie hält sich in den Gegenständen auf. Sie verweilt in der Lebenswelt der nur skizzenhaft angerissenen Iren.

Interessanteste Figurendynamik sind leider die drei Engländer, die sich auch die Suche nach dem abtrünnigen Soldaten machen. Hier ist Konflikt, hier ist Ambivalenz, hier ist Veränderung. Leider geht es um die nicht. Ist natürlich auch besser so, in einem Film, in dem es um das Unrecht an den Iren gehen soll, aber deren Figuren und Handlung sind so vorhersehbar, dass es laute Lacher im Publikum gibt von denen, die nicht früher rausgingen. „Ein Charakterdrama ist das nun nicht, das ist ein kapitalismuskritischer Actionthriller“, sagte der einzige Kollege, von dem ich etwas Positives über den Film gehört habe.

 

18.30 The Bookshop, Berlinale Special, Regie Isabel Coixet.

Eine Hafenstadt an der Ostküste Englands, 1959. Florence Green (Emily Mortimer) eröffnet einen Buchladen. In der Ortschaft gibt es andere Pläne für das leerstehende Haus. Ihr Projekt trifft auf Freunde und harte Gegner. Nicht ganz „Chocolat“ als Buchladen.

Noch ein Film, der im Vergleich zu „Das schweigende Klassenzimmer“ gewinnt. So funktionieren Kulisse und Kostüm: Nicht nur die exakten Kleidungsstücke aus dem jeweiligen Jahr nehmen, sondern auch abgelegte, schlecht sitzende. Geerbte Möbelstücke. Nicht alles passt. Nicht jeder hat Geschmack. Und sofort wirkt es nicht wie Fernsehfilm, sondern wie in die späten 50er zurückversetzt. Hier haben wir das England der zivilisierten Konversationen, der Teekannenwärmer und der grün angemalten Ladenschilder mit goldeneren Schrift.

Eine Entscheidung für eine Farbpalette (ähnelt der von An Education). Eine Haltung der Kamera. Sie wählt aus. Sie erzählt, sie bildet nicht nur ab. In diesem Film (im Vergleich zu seinem Vorvorgänger) ist mir klargeworden, dass ein Film nicht nur eine historische Verortung braucht, um von einer vergangenen Zeit zu erzählen, sondern auch eine Entscheidung treffen muss, was er aus dieser Zeit warum erzählen will. Und warum.

Edmund Brundish (Bill Nighy) ist jemand, der nicht mehr an die Menschen glaubt und nie sein Haus verlässt. Er ist der erste Kunde des Buchladens. Er bestellt per Brief. Dieser Teil des Films wirft ein interessantes Licht auf die heutige Amazon-Bestellgesellschaft und die gesellschaftskritischen Stimmen, die sagen, heute würde man sich nicht mehr in Person begegnen, weil sich alles per Email und Smartphone abspielt. Auch in anderen Zeiten gab es schriftliche Kommunikation und Menschen, die das Haus nicht verließen. Und wie heute muss diese Kommunikation nicht unpersönlich sein, sondern kann von großer Intensität sein.

Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Penelope Fitzgerald kommt der Film aber nicht wirklich von der Stelle. Das Voice-Over und der Schluss verraten die Literaturvorlage allzu deutlich, es geht um große Themen wie das Überleben der Guten gegenüber dem Vernichtswillen der Bösen, aber der Film inszeniert das nicht als dramatische Auseiandersetzung von Haltungen, sondern als Ablaufen einer Uhr. Die sehr schöne Kulisse und hervorragenden Schauspieler*innen (Patricia Clarkson als Violet Gamart) hätten mehr gekonnt.

Hier habe ich noch einmal mehr verstanden, was die Kategorie „Berlinale Special“ bedeutet.

 

20.30 Wieża. Jasny dzień. (Tower. A Bright Day.), Forum, Regie Jagoda Szelc.

Frühsommer, Jetztzeit. Ländliche Idylle in Polen, mehr Landhaus- und Gartenleben als Landwirtschaft. Nina soll Erstkommunion feiern, und die Familie ist eingeladen und verbringt ein paar Tage zusammen im Haus von Ninas Eltern, Mula und Michał. Im Haus wohnt pflegebedürftig Mulas Mutter. Mulas Schwestern Kaja, Anna und Annas Mann und Kinder erreichen das Anwesen mit dem Auto. Von der ersten Begegnung zwischen Nina und Kaja ist klar, dass etwas über dem Familienfrieden liegt – vor allem Mulas Reaktion offenbart, dass Nina die biologische Tochter von Kaja ist, obwohl das Kind von Mula aufgezogen wird.

Der Film beginnt bereits mit einer atemberaubenden Kamerafahrt ohne jeden erkennbaren Schatten über die Felder Polens, an der Straße entlang, bis er sich auf das Auto der Ankommenden einschwenkt. Die Kamera wählt nie die einfachen Bilder. Der Sound holt Dinge in den Vordergrund, die das Bild verschweigt, das Herzklopfen, das Scharren der Tiere auf dem Grund, das Hecheln des verschwundenen Hundes, rutschende Erde. Einmal versucht die Familie, den Geräuschen aus dem Haus auf den Grund zu gehen, aber außer einer eingeschlagenen Wand wird nichts sichtbar. Die Natur lärmt in diesem Film. Die Menschen atmen. Sie versuchen, miteinander zurecht zu kommen, sie begehen Rituale, die Aufnahmen von den Proben der Erstkommunionkinder sind freundlich und chaotisch, das Licht ist warm, die Familie um Kommunikation bemüht, es ist kein Sozialdrama, das Abgründe zeigt, indem es verwahrloste Küchen und starre Blicke bemüht. Die Einrichtung des Hauses ist freundlich, gemütlich, bewohnt, sorglos. Ein Flüchtling irrt durch den Wald, er stürzt ab, auch seine Geschichte erreicht die Oberfläche nicht, rumort aber im Inneren des Films.

Ein mutiger Film voller interessanter Kameraeinstellungen, der etwas erzählt, was nicht auf der Ebene der ausgesprochenen Dialoge spielt. Der alles, was Film kann, Bild, Ton, Perspektive, Schnitt anwendet um Fragen zu stellen, um Zusammenhänge herzustellen, der wehtut ohne grausam zu sein.

Mein bester Film auf der Berlinale bis jetzt.

 

 

 

Aus dem Nichts (Fatih Akin)

Pünktlich zum Abschlussbericht des Hessischen NSU-Untersuchungsausschusses kommt Fatih Akins NSU-Hinterbliebenen-Drama „Aus dem Nichts“ in die Kinos. Der Film war für die goldene Palme in Cannes nominiert, konnte aber nur einen Preis für seine Hauptdarstellerin Diane Kruger mitnehmen. Die dominiert den Film in fast jeder Szene. Warum ist aus der Geschichte der NSU-Morde ein Film über das Leiden einer Deutschen geworden? Aus demselben Grund, aus dem der hessische Verfassungsschutz von dem geplanten Mord an Halit Yozgat im April 2006 in Kassel gewusst hat, aber nichts dagegen unternommen hat?

Braucht es das Leiden einer Deutschen, um sich zu identifizieren? Fatih Akin hat Erfahrung in der Besetzung bunter Casts – die Wahl auf die blonde Darstellerin Diane Kruger ist wohl nicht zufällig gefallen. An ihr inszeniert er eine fiktive Tragödie im Schatten der NSU-Morde. Die Unausweichlichkeit der antiken griechischen Tragödie nimmt er mit bis in den Schauplatz des dritten Teils, für den in Griechenland gedreht wurde und in die Besetzung von Diane Kruger, die mit der Rolle der Helena in „Troja“ ihren Durchbruch hatte.

Die realen Fälle dienen als zeitgeschichtliches Tableau, auf dem Akin ein Drama inszeniert, für dessen Funktionieren er einige Bedingungen konstruieren muss – und so wirkt der Film zunächst auch: Konstruiert. Eine Reihe von Szenen, die alle etwas zu gewollt wirken, die Kamera wackelt, Dialoge wie im Fernseh-Abend-Krimi: „Fühlen Sie sich in der Lage, uns bei den Ermittlungen zu helfen?“ „Kann das nicht bis morgen warten?“ „Gibt es jemanden den Sie anrufen können?“

Der Film kommt zu sich in der Ruhe der Kamera, in den Einstellungen, die den Szenen Raum geben, mehr zu sein als die Umsetzung der für die Handlungen notwendigen Informationen. Er verwendet viel Zeit auf die Exposition, und wo er Bilder verwendet, wird er oft sehr explizit metaphorisch:

Im Übersetzungsbüro, das zum Tatort wird, dem Ort, an dem eine Resozialisation gelungen ist, Flugtickets gebucht werden, zwischen Sprachen gewechselt wird, spritzt Blut auf eine Weltkarte.

Es regnet, es regnet über die bodentiefen Fensterscheiben der eskapistisch inszenierten Wohnung im Grünen, es regnet über die zu Tryptichen angeordneten Fensterscheiben im Polizeipräsidium. Der Schatten von Regentropfen läuft über Diane Krugers Gesicht, das große Teile der Laufzeit des Films im Fokus steht.

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The Square – eine geometrische Kritik.

The Square (Schweden 2017) – eine geometrische Kritik.

Anke Dörsam

Eine Reiterstatue aus Bronze, mit grüner Patina bedeckt, blickt den Zuschauer aus der Leinwand an. Sie hat aber keine Chance, etwas zu sagen, sondern wird an einen Kran gehängt – von einem Monteur, der sich in seinem neonorangenen Overall mit Reflektorenstreifen von ihr absetzt, als gehöre er in eine andere Dimension. Der blassgraue schwedische Himmel hängt über dem Museumsvorplatz, während ein Cello den Gesangspart in Bachs „Ave Maria“ übernimmt, begleitet anstelle der Instrumente von einer menschlichen Stimme. Wer begleitet hier wen, was? Der Kran begleitet die Statue nach unten, wo sie auf dem Pflastersteinboden zerschellt und ihren Kopf verliert. Niemand fängt ihn auf oder packt ihn in Transportkisten, weitere Bauarbeiter in Neongelb, das vor dem fahlen, beigen Stein wie Grün wirkt, hauen den Vorplatz auf, fügen einen Metallrahmen ein und walzen das Pflaster zu einer glatten Fläche. Das titelgebende Quadrat im Boden bleibt leer liegen.

Christian (Claes Bang) ist der Direktor dieses renommierten und progressiven „Museum X“. Eine Reihe von Pech, Vorurteilen und klassischem Führungsverhalten führen ihn in die Katastrophe: Ein Performance-Künstler (Terry Notaro) schmeißt den Starkünstler (Dominic West) aus einem Museumsempfang. Ein Medienskandal führt zu einer Kündigung. Es gibt Tote. Wenigstens metaphorisch. Ein Meta-Film.

Ein Film vom Scheitern (Regie und Buch: Ruben Östlund), und das fängt schon beim Quadrat an. Seine eingeebnete Fläche auf dem Museumsvorplatz wird nie den direkten Blick in das Gesicht des Zuschauers werfen wie die Plastik, die es ersetzt hat, und der Film selbst ist durchsetzt von verhinderten Quadraten: Rechtecken und Rauten. Die Rückseite eines Laptopbildschirms, überhaupt: Bildschirme, Smartphones, Projektionsleinwände. Aber auch Kacheln, Spiegel, Fenster, Treppen mit ihren abgegrenzten Flächen. Zum Quadrat schafft es kaum eine von ihnen, wie auch das titelgebende Kunstwerks es nur in den Dialog des Films schafft, der viel von dem tragen muss, was die Bilder nicht halten.

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Kulturelle Aneignung, Opferkonkurrenz und die weiße Perspektive

Gedanken zu dem Gespräch „Respekt! Grenzen kultureller Aneignung“ mit Eva Geulen, Matthias Dell und Ekkehard Knörer (Merkur-Gespräch 9). (Audioaufzeichnung)

Der coole Hund Underdog, Coolness des Nichtprivilegierten und die eigene Leistung

Kenneth Goldsmith hat das Uncreatice Writing erfunden. Er denkt über Urheberschaft nach, indem er bestehende Texte verwendet. Einmal hat er eine ganze Ausgabe der New York Times abgeschrieben.

Als er im März 2015 zu einer Konferenz der Brown Universität eingeladen war, las er dort als Gedicht mit dem Titel „The Body of Michael Brown“ den Autopsiebericht des unbewaffneten afroamerikanischen 18jährigen Michael Brown, der bei einer Polizeikontrolle in Ferguson erschossen wurde.

Mit dramatischem Gestus endet er mit den Worten (die im Bericht an anderer Stelle stehen), die Genitalia des Toten seien unbemerkenswert.

Er macht den Körper eines toten afroamerikanischen 18jährigen zu einem Kunstwerk, mit dem er provozieren und eine „powerful reading“ erzeugen will. “How could it not have been, given the material?”

Wenn das Verwenden von fremdem Textmaterial ein legitimer Vorgang in der postmodernen Kunst ist, was unterscheidet sie dann von Appropriierung?

Appropriierung kostet nichts. Goldsmith liest als weißer, vielfach ausgezeichneter Dichter an einem privilegierten Ort. Er spricht über den Körper, auf den Schwarze Menschen in der Realität jahrhundertelang nicht nur in den USA reduziert wurden. Er nutzt die Tatsachen der Ungerechtigkeit und des Leidens und Sterbens anderer, um einen kraftvollen Effekt hervorzurufen, ohne jemals in Gefahr zu sein, dasselbe zu erleben.

Er stellt sich damit in die Nähe des ebenso jahrhundertelangen Kampfs Schwarzer Menschen um Selbstbestimmung, ohne sich an ihm zu beteiligen. Das scheint attraktiv. Man wird Teil der coolen Schwarzen Bewegung, die auch ein Thema in Jordan Peeles herausragendem Film „Get Out“ ist: Die Coolness des Untergrunds, die Coolness des Unterdrückten, nicht Teil von Privilegien zu sein.

In Deutschland kam diese (vermeintliche) Coolness des Underdogs (aus privilegierter Sicht) bei Kesslers Arztsohndebatte zum Vorschein. Es ist cool, authentisch zu sein, es ist cool, einer von den anderen zu sein, die es nicht nur wegen ihrer eigenen Privilegien geschafft haben. Nicht nur der Nutznießer der eigenen Privilegien und quasi nach oben gerutscht zu sein, sondern es sich selbstständig erarbeitet zu haben, gegen alle Widrigkeiten, ein Held, nicht nur ein Parasit. Das haftet dem Mythos, der um Obama rezipiert wurde an, und dem Selbsthass der aus Debatten wie der Arztsohndebatte spricht:

Das Andere ist das Interessante. Das Migrantische. Kriegserfahrungen. Oder Armut. Da hat jemand noch was vom Leben erlebt.

Natürlich ohne etwas von den eigenen Privilegien aufzugeben. Das geht Hand in Hand mit dem so Tun als wäre man arm, was der Blogger IckwerdeeinBerliner („how to Blend in with the Germans“)  beschreibt:

The moral dilemma Germans are in, is that they consider people who have money to be boring squares. In their never-ending quest to be special while not diverging from their peers too much, Germans have perfected the act of appearing eternally broke while they’re actually buying loft-apartments in Berlin-Mitte behind their friend’s backs.

As you might already have found out, Germans love being in win-win situations like this one: On the outside, they can maintain the “urban bohemian” appearance, while secretly preparing the “boring” and “square” lifestyle they like to ridicule.

Aus eigener Leistung

Es geht auch um den Leistungsgedanken. Das, was man hat und ist, aus eigener Leistung erreicht zu haben. Man ist nicht mehr, wie in vergangenen Zeiten, stolz darauf, nicht arbeiten zu müssen, weil andere (Vorfahren oder Angestellte) es für einen getan haben. Das hat mit einer Priotisierung von Individualität zu tun, und die Klassenfrage wird hintangestellt, auch weil sie Machtfragen stellt: Ob das alles so bleiben darf.

Was man sich selbst erarbeitet hat, darf einem nicht weggenommen werden.

In denselben Kontext gehört die Beliebtheit des Berichtes des französischen Soziologen Didier Eribon über seine Rückkehr nach Reims (wo er in einer Familie der Arbeiterklasse aufwuchs). Die ZEIT fragt: „Sind wir nicht alle aus Reims?“ – Mythen, die sich der Erfolgreiche zurecht legt, ungleich der Scham der Aufsteiger, die ihre nichtakademische Herkunft oft verbergen (wie es Eribon ebenfalls getan hat).

 

Macht-Frage

Der beste Umgang mit Klassen und Machtstrukturen, um sie nicht zu ändern, ist es, sie zu leugnen, wie es die Ostermeier-Inszenierung tut, an die der ZEIT-Titel seine Frage stellt. Wer wird Kunst über die Klassenfrage machen dürfen? Wer wird damit Geld verdienen?

Wer wählt aus, wer handelt, wer trifft die Entscheidungen?

Wer guckt, wer wird angeguckt, über wen wird erzählt?

Von wem? Wer hat eine Stimme?

Die Debatte um Schwarze Schminke auf weißen Gesichtern an Deutschen Theatern, um den Anderen darzustellen, stellt die Frage: Was ist normal?

Der „normale“ als nicht-farbig gelesene Mensch muss erst verändert werden, um einen Fremden darzustellen. Weiß ist genauso eine Hautfarbe wie andere Farben auch. Es ist nicht der Normalfall des Menschen. Als Markus Lanz im Dezember 2012 für die Wetten-Dass-Saalwette Augsburger Kinder aufforderte, als Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer zu erscheinen, „schwarz geschminkt“ ignorierte er die Tatsache, dass es Augsburger Kinder gibt, die nicht erst geschminkt werden müssen, um als Jim Knopf zu kommen.

Es gibt nicht den „unmarkierten Menschen“ und die anderen, auf die sich migrantische, rassistische Geschichte bezieht. Rassismus ist auch eine weiße Geschichte. Lynching ist eine weiße Geschichte. Weiße haben andere Menschen aufgehängt.

In der Eingangsszene der poppig-süffigen, erzählerisch interessanten Netflix-Serie „Dear White People“ wird Samantha White (gespielt von Logan Browning) in einem Vorlesungssaal zur Geschichte der Sklaverei, in dem ansonsten nur weiße Studierende sitzen, gefragt: Möchten Sie etwas dazu sagen?

Dabei ist die Geschichte der Sklaverei ebenso die Geschichte vieler weißer im Raum, die davon profitiert haben.

Die Welt hat vorher so funktioniert, WEIL Privilegien nicht in Frage gestellt wurden.

Sie wird anders funktionieren, wenn wir es tun. Es geht um Macht und Gerechtigkeit, darum, wer für welche Handlungen welche Reaktion bekommt und wer für welchen Erfolg was tun muss.

Unhinterfragte Privilegien

Es sind keine Symmetrien, wenn Menschen mit mehr Privilegien und Möglichkeiten sich Erfahrungen und Kultur von Menschen mit weniger Privilegien aneignen. Sie erzählen deren Geschichten, ohne sie zu Wort kommen zu lassen. „Ich bin hier mitgemeint, aber ich habe keine Stimme“

Es ist ein Fortschritt, Privilegien und Gewaltzusammenhänge zu reflektieren und nicht fortzusetzen oder zu verteidigen.

Es war bei der Merkur-Veranstaltung keine nichtweiße Person auf dem Podium (oder im Raum). Dazu extra eine nichtweiße Person einzuladen hätte bedeutet, sie auf ihre Außenseiterposition zu reduzieren, sagten die Veranstaltenden, als das angefragt wurde – eine Frage, die sich nicht erst in der Podienbesetzung einer Veranstaltung stellen sollte! Damit verbunden wurde die Frage, ob Nichtweiße, wenn sie zu solchen Panels eingeladen werden, auf ihre Hautfarbe reduziert werden und ob sie immer nur zu Rassismus reden dürfen, oder auch zu etwas anderem? Ob sie durch ihre Hautfarbe thematisch markiert seien? Das ist die andere Seite der Münze der fiktiven Situation der Studentin Samantha White. Rassismus ist auch eine weiße Geschichte. Das heißt nicht, dass nur weiße Stimmen dazu sprechen sollten.

Es geht auch um Geld, Macht und Reputation. Wer sitzt wo auf einem Podium? Wem hört man zu? Wer kann nachher auf seine Seite schreiben „Organisation eines Panels zu Appropriierung“? Dieses Privileg trifft auf drei weiße zu. Sie dürfen sich jetzt etwas im Glanz der Auseinandersetzung mit dem Thema sonnen. Links zu sein, offen, egalitär …

 

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It‘s not your story to tell – show – earn money and reputation with

 

Martyrerkonkurrenz

Es geht bei dem Vortrag des Gedichts „The Body of Michael Brown“ nicht um einen neutralen Text, sondern es geht um die Aneignung von Leid.

Die Identifikation mit dem Opfer ist attraktiv. Opfer tragen keine Verantwortung. Das kennen die Deutschen schon. Die Faszination mit der Identifikation mit dem Judentum von Deutschen nach 1945 steht in keinem Vergleich mit der Identifikation mit den Motiven der Täter.

Der episodische Spielfilm „Oh Boy“ (2012), erzählt die Geschichte des jungen Deutschen Niko (Tom Schilling), der sich nicht entschuldigt, der seine Privilegien nicht verheimlicht. Einen Tag lang begleitet die Zuschauer*in ihn auf der Suche nach einer Tasse Kaffee, nachdem er den ersten Kaffee des Tages abgelehnt hat.

Berlin-Film, Generationenporträt, Debüt: Viele Label bieten sich für Jan Ole Gersters erste Kinoarbeit an, aber keines passt. Sein Tonfall ist so fein und präzise, dass er nichts von einem polternden Erstling oder gewichtigen Generationenpanorama hat. (…)

Dabei ist „Oh Boy“ zeit- und ortsspezifischer, als er zunächst erscheint, lässt sich aber nur nicht von der Gegenwartsaufgeregtheit, die Berlin bestimmt, beeindrucken. Hipster, Touristen oder Bionade-Mütter sucht man vergebens. Stattdessen wendet der Film seinen Blick auf die Geschichte der Stadt und legt nach und nach frei, wie die Fixierung auf die Jetztzeit die Geschichte verdrängt und ständiges Abgelenktsein auch nur ein Weggucken ist. (Hannah Pilarczyk im Spiegel)

Nikos Freund Matze nimmt ihn mit an das Set eines deutschen Nazi-Films. Es wird die Geschichte eines SS-Offiziers erzählt, der in den Kriegswirren (wenn das nicht schon ein Euphemismus ist) seine Jugendliebe Hannah wiedertrifft, die aufgrund ihrer jüdischen Herkunft verfolgt ist und ein Kind mit ihm hat, von dem er nichts wusste. Dieser Film-im-Film nimmt uns mit in eine sehr deutsche Reaktion im Umgang mit dem Holocaust: Er erzählt die Geschichte als eine Geschichte des Leids von Deutschen. Nicht Hannahs Geschichte wird erzählt, sondern das heldenhafte Leben des Offiziers Philipp Rauch.

Gegen Ende des Films kippt ein Deutscher, der die Zeit tatsächlich erlebt hat, neben Niko vom Barhocker. Friedrich (Michael Gwisdek) wird von Schuldgefühlen verfolgt, seitdem er als Kind in Reaktion auf die während der Reichsprogromnacht überall versplitterten Glasscherben geweint hat, weil er dachte, er könnte nie wieder in der Straße vor seinem Haus Fahrrad fahren. Er war ein Kind, aber ihm ist bewusst, was in dieser Nacht außerdem noch geschehen ist. Und dann kippt er vom Stuhl.

So ambivalent, so unromantisch, so existenziell kann Schuld für Nichtopfer sein. Es gibt noch genug weiße deutsche Perspektiven auf den Umgang mit ungleichen Machtstrukturen zu betrachten, dass der Versuch der Näherung an Aneignung als etwas, was andere machen, nur ein Anfang sein kann.

 

Michael Gwisdek als Friedrich zeigt auf die Straße. Es ist hier geschehen. Es hat was mit uns zu tun.

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The Party, Sally Potter, GB 2017

Ein Mann lässt eine Pistole aus seinem edlen Leder-Holster im Manufactum-Design, das mit feingegerbten Trägern über Kreuz auf dem Rücken befestigt ist, in der Mülltonne eines Einfamilienhauses verschwinden. Dann überlegt er es sich noch einmal anders. Eine Schwangere tritt in denselben engen Hinterhof, um frische Luft zu schnappen.
Let the games begin.

 

Die Story

Janet (Kristin Scott Thomas, yeah) feiert ihre Ernennung zur Gesundheitsministerin von Großbritannien im engsten Freundeskreis. Ihr Ehemann, dessen beste Freundin Martha (Cherry Jones!) samt schwangerer Partnerin Jinny (Emily Mortimer), deren beste Freundin April samt Noch-Ehemann Gottfried (Bruno! Ganz!) sind anwesend – eigentlich sollte auch noch ihre Assistentin und mögliche Konkurrentin Marianne und deren Mann (Cillian freakin‘ Murphy) kommen – der kommt aber alleine.
Es entwickelt sich ein Kammerspiel aus sieben Personen im typischen englischen Reihenhaus mit Hinterhof, in Schwarzweiß, also „Arsen mit Spitzenhäubchen“ im Jahr 2017 – die Screwball-Komödie zum Brexit in hinreißenden 71 Minuten Kürze Länge.

 

Und, wie finden wir das?

Irre schön inszeniert, irre gut geschnitten, großartige Schauspielleistung, und doch wirken die pointiert hingeschmissenen Dialoge etwas ermüdend; sie bleiben stakkatoartig auf einem Level. Einzig die Musik steigert sich. Von Irish Folk über Jazz, Hip Hop, Requiem und Flamenco wiederholt sich kein Musikgenre, das über die umfangreiche Plattensammlung von Janets Ehemann eingespielt wird. Je weiter die Farce voranschreitet, desto mehr clasht der Soundtrack mit dem, was passiert. Vier Mal allein fällt der Satz „It‘s over“, um zu markieren, dass mal wieder eine Paarkonstellation eine Trennung für eine gute Idee hält – wie explizit das hier als Parabel über den Brexit gedacht ist, bleibt offen. Es macht jedenfalls großen Spaß, mitzudenken, wenn sich der Ire und der Brite um Marianne (die Nationalfigur der Franzosen) streiten und der Deutsche als Katalysator des Konflikts philosophische Sinnsprüche klopft. Der Film, der im Wettbewerb der Berlinale lief, ist für seinen absoluten Mut zu bewundern: Ein schwarzweiß gefilmtes Kammerspiel als Screwball-Komödie. Völlig gegen den Zeitgeist.

Als Sneakgänger*in weiß man, wie viele Filme sich im letzten Jahr eher jenseits der zwei Stundendauer eingependelt haben (dann verpasst man nämlich die letzte S-Bahn). Wenn ein Film aufhört, wenn’s am Schönsten ist, hat das eine erstaunliche Auswirkung auf seine Struktur. Er bekommt eine energiereiche Dringlichkeit. Die einzelnen Szenen entfalten sich im Rückblick anders.

 

Schlechtester Dialog

Alles, was April sagt. Wahlweise auch alles, was Gottfried sagt. Der Szenenschnitt wechselt immer haarscharf in dem Moment, indem die Lächerlichkeit des Dialogs am besten betont wird. Besonders schön ist auch, wenn Bruno Ganz als Gottfried seinen Hitler-Tonfall rausholt.

 

Reaktionen aus dem Publikum

Es soll ja Sommer sein, und an einem der tatsächlich warmen Tage, an denen man nicht einmal einen mitgebrachten Pulli für den Heimweg braucht, ist die Sneak überraschend voll. Die Schlange geht bis kurz vor den Lernladen als der Film eigentlich schon beginnen sollte.
Die erste Begeisterung, als die Darstellernamen eingeblendet werden, eine Schauspielerin, die allein einen Film tragen könnte nach der anderen. Dann. Geht. Es. Weiter. Irgendwann steigt mit jedem Musikeinsatz das Lachen neu ein, besonders herzlich beim Requiem. Am Ende sind alle so verblüfft, dass der Film nach 71 Minuten zu Ende ist (ist ja ne Sneak, ist man nicht drauf vorbereitet), dass alle noch bis zum Ende des Abspanns sitzen bleiben, um zu gucken, ob es später vielleicht doch noch weitergeht.

 

Äh, und der Bechdel-Test?

Ja, bereits in den ersten 30 Sekunden. Innerhalb der ersten zwei Minuten sprechen sich sogar zwei Frauen mit Namen an. Und es geht nicht nur um Männer und auch nicht nur um Kochen, Waschen und Kinder versorgen, sondern um die Wünsche, Ziele und Erfolge der Frauen und der Britischen Bevölkerung. Und um Ideale. Und um Rache. Naja, und um Liebe irgendwie auch.

 

Fazit

Ein Film, der alles anders macht als der heutige Zeitgeist, aber alles richtig. Wenn man schon nicht wegen der Stars reingeht, ist „The Party“ schon aus Neugierde auf eine andere Erzählweise zu empfehlen.

 

Diese Rezension wurde zuerst veröffentlicht bei ZurQuelle.