Heimat Moabit 1

Heute, ein kalter Tag. Ein sommerlicher Tag mit 17 Grad im Juni und genug Gründen, EisEssen zu gehen. Und spazieren zu gehen. Durch das Stadtschloss an der Rostocker Straße hinten durch, am Spielplatz vorbei. Die Spielplätze auf der Waldstraße, an der Wiclefstraße, am Wullenwebersteg. Auch in den Zeiten, in denen ich woanders gelebt habe, hat es mich immer zutiefst beruhigt, meine Füße in den kühlen Sand eines Spielplatzes graben zu können, wenn ich im Sommer durch Moabit lief.

Egal was war.

Es ist ein besonderes Licht hier im Sommer. Am Nachmittag. Es ist die Farbe des Lichts, das zwischen den Zweigen der Büsche hindurchfällt, an den Ästen der Bäume vorbei. Es hat etwas mit dem Wasser zu tun, das Moabit umgibt. Nehme ich an, mit der Feuchtigkeit, mit der Temperatur, die leicht verschieden ist von anderen Orten, wie vielleicht die Wolkendecke oder auch nur die filternden Schichten ein anderes Licht auf die Stadt werfen. Besonders an den kühleren Tagen im Sommer.

Das ist Heimat für mich. Nach dem Abitur lebte ich für einige Zeit in Ecuador, und das war es, was ich am meisten vermisste: Das Nachmittagslicht. Das Licht, das schräg und leicht fällt, gegen fünf Uhr an einem Tag im Juni. Es gab noch etwas anderes, was mir fehlte: Auf der Straße essen zu können. Nachts durch die Stadt zu laufen. Ich hatte einen wieder kehrenden Traum: Ich lief nach Hause, vom Roseneck aus den Ku’damm entlang, es war dunkel, und ich aß auf dem Heimweg einen Döner.

Döner essen. Das ist ein Gericht, das alle zehn Finger benötigt, zumindest bei mir. Ich habe ihn in den Händen, oben Brot, unten Brot, dazwischen eine bewegliche Ansammlung von Essen. Ich habe meine Diplomarbeit über Brot geschrieben, vielleicht auch deswegen, und seine Anziehungskraft in vielen Kulturen, Essen zu sammeln: Hamburger, Sandwiches, Tortillas, Döner, Schawarma, Klappstullen mit allem, was der Berliner Kühlschrank so hat (Schnitzel, Käse, Wurst).

Ich weiß, dass der Berliner Döner kein original türkisches Gericht ist. Dafür ist er ein Berliner Gericht. Ich habe die Berliner Mischung aus frischen Gurken, Tomaten, Salat und Saucen immer vermisst. Ich weiß, dass die Münchner Mischung, beispielsweise, Unmengen an Fleisch und Weißkraut, manchmal Rotkraut, näher an einem vermeintlichen Original dran sein soll. Trotzdem habe ich immer weitergesucht. Oft kam die Türkische Pizza (Lamacun) näher an den Geschmack heran, den ich mit meinem Döner vermisste – in Mainz wurde das mein Go-to-Essen.

Die Saucen. Knoblauch Kräuter Scharf. Im Grunde ist meine persönliche Kombi Knoblauch-Scharf, aber manchmal denke ich, ein bißchen Kräuter schadet auch nicht. Vor allem meine Zeit in Westdeutschland hat dazu geführt (wo es die so nicht gab), dass ich die rosane Knoblauchsauce immer nehme, wenn es sie gibt und heiß und innig liebe.

In Moabit gibt es den wunderbaren Beusselgrill. Er blickt über die Gleise. Neben dem verlassenen Turm an der Beusselbrücke, in den ich irgendwann einziehen will, hat er eigentlich immer offen, wenn ich dort vorbeikomme, vom S-Bahnhof den Heimweg auf die Moabiter Insel einschlage. Auch wenn die Küche dort partiell schon zu hat, gibt es dort immer noch etwas zu essen, und den Blick aus den großen Fenstern im Raum nach hinten hinaus. Und Tee.

Dieser Beusselgrill ist genauso mein Zuhause wie die Markthalle, die Spielplätze, die großen Gemüseläden wie der BOLU, die zahllosen kleinen Imbisse, und die Leute, die ich auf der Straße treffe und mit denen ich zum Teil aufgewachsen bin. In Mainz habe ich mich am wohlsten in der Neustadt gefühlt, und in München bin ich den Weg vom Hauptbahnhof immer zu Fuß gegangen, durch die Schillerstraße.

Es ist nicht meine Heimat, die Seehofer wieder herstellen will, wenn es ein Deutschland sein soll, das völlig weiß ist, ist es nicht das Land, in dem ich aufgewachsen bin. Ich fühle mich unvertraut, wenn alles homogen ist. Das ist nicht mein Zuhause. Es fühlt sich nicht ruhig oder sicher an.

Als ich Ende 2017 für eine kleine Umfrage zum Jahresende noch ein paar Stimmen aufnehmen wollte, bin ich einmal um den U-Bahnhof Turmstraße gezogen. Neben Menschen, die direkt vom LaGeSo kamen, habe ich mit Leuten gesprochen, die gerade einen Ausbildungsplatz bekommen haben, und am Dönerstand am Westausgang des U-Bahnhofes nicht nur eine flammende Rede gegen die AFD gehört, sondern auch noch eine Hymne auf den dort verkauften Döner (hier am Ende des Audiofiles).

Und dann sind wir mit den Jungs noch zu einer Beste Energy Cipher gegangen („Beste“ ist das Kennwort der Moabiter – wegen „Moabit ist Beste„). Das ist Free Style Hip Hop, im Kreis, mit Leuten, die sich kennen, mögen und vertrauen und das Mikro rumgeben und übernehmen, so wie es gerade der Flow ergibt. Und die Menschen, die genauso unterschiedlich sind, wie sie aussehen, ob jetzt mit Lampenbeleuchtung, im Tageslicht oder in dem Licht, das das ganze Jahr über am Nachmittag neue Winkel findet, in denen es auf der Erde ankommt.

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Erzählungen

(1)

Als ich einige Zeit in Israel verbrachte, mussten wir der Studienleitung unterschreiben, dass wir nicht Bus fuhren und nicht in Cafés in die Jerusalemer Neustadt gingen. Es gab in der Abtei, in der ich wohnte, einen Bunker, der für den 1. Irakkrieg 1990/91 angelegt worden war, und in dem sich mittlerweile Regale voller Bücher befanden, die ehemalige Studienjährler dort liegen gelassen hatten, um Gepäckgewicht für den Rückflug zu sparen. Das Internet benutzte ich in dieser Zeit nur über den gemeinsamen Kopier- und Computerraum, weil mein mobiler Rechner, den ich immerhin schon hatte, kein Modem besaß. Ich las in dieser Zeit zwischen drei und sieben Bücher die Woche, schleppte immer ein paar hoch, und die ausgelesenen wieder runter, es fiel kaum auf, weil in den Lagerregalen so viele Bücher standen, viele doppelt.

Siegfried Lenz, Heinrich Böll, Maupassant, eins neben dem anderen, unterschiedliche Ausgaben, unterschiedlich abgegriffen, unterschiedlich lang.

Wie viele Erzählbände darunter waren, ist mir erst später aufgefallen. Auch in den folgenden Jahren, in denen ich, wieder in Deutschland zurück, kein Internet zu Hause, sondern nur in der Uni hatte, las ich Autor*innen „weiter“, also mehr Werke aus derselben Feder, wenn mir eins gefallen hatte. Vielleicht entspricht das dem Weiterklicken in neuen Tabs, wenn man sich beim Surfen in ein Thema vertieft. Ich weiß nicht mal, ob ich bei F. S. Fitzgerald mit den Romanen oder Erzählungen angefangen habe – hängengeblieben sind sie mir gleichermaßen.

Erst als ich im Herbst 2017 ein Seminar bei der Bayerischen Akademie des Schreibens mit dem Titel „Erzählungen – Groß im Kleinen“ besuchte, wurde mir klar, dass die Erzählung die kleine, vernachlässigte Schwester des Romans ist.

Die Energie, die es bedeutet, sich in eine Geschichte neu hineinzufinden, muss man im Laufe eines Erzählbandes immer und immer wieder aufbringen, die Trauer, die einen befällt, wenn man sich von der Welt, in der man kurz zuhause war, verabschieden muss, annehmen.

In Zeiten, in denen man viel zu tun, aber dennoch halbwegs Zeit zum Lesen hat, bedeutet ein Roman kleine Möglichkeiten, in ein Vertrautes zurückzutauchen, das einen manchmal über einen Zeitraum begleitet und ein ereignisreiches Vierteljahr zusammenhält.

Warum also Erzählungen überhaupt noch lesen? Warum also, außer dass der geneigte Schwimmbadblogger John Cheevers „Der Schwimmer“ einfach nicht auslassen kann? Oder Heinrich Böll in allen seinen Romanen dramaturgisch irgendwo einknickt, was man ihm zwar gerne verzeiht, um das man in seinen Erzählungen aber herumkommt?

Billard um Halbzehn„, ein Roman, den ich sehr liebe, und dem ich diese dramaturgischen Mängel verzeihe, ist für mich der Böll, der die Nachkriegszeit in einen tragischen Kontext stellt. Vielleicht bricht er zurecht wie die im Roman zentrale Brücke immer wieder ein, weil die Gegenwart, die in einen Kontext von Vergangenheit, parallel existierenden Geschichten und Zukunft gestellt wird, zusammenbrechen muss unter der Bürde der Narrative die sich in ihr kreuzen und die sie auffangen soll.

Einen Roman zu schreiben bedeutet eigentlich, eine Geschichte in einer Welt zu verankern. Die Welt abzubilden. Zusammenhänge herzustellen. Ein Roman ist mehr als marketinginstrumentativer Einordnungsversuch auf dem Buchcover der sagt: Lies mich! Ich verspreche dir eine Geschichte, die mit der Zugfahrt, die du gerade antrittst, beginnt, und erst am Reiseziel, wenn überhaupt, endet, dir wird nicht langweilig sein.

Den ganzen Blick, den ein Roman auf seine erzählte Welt nimmt, nämlich auch auf die Vergangenheit der Figuren, auf Entwicklungen, Zusammenhänge der in ihm verhandelten Themen miteinander, muss man erst mal werfen. In ihm fächern sich nahe und ferne Teile der Geschichte auf, der Erzählton ordnet sie zueinander an.

Man nimmt beim Lesen einen weiten Blick.

Ich habe den Verdacht, dass die aktuelle Erzählweise in der ersten Person Präsens, die nah am Erzähler bleibt, diesen Blick bewusst einschränkt, weil ein naher Blick eine viel höhere Konfrontation mit dem Erlebten bedeutet. Was näher ist, erscheint größer, absoluter, gerade weil der Kontext fehlt.

Heinrich Bölls Kurzgeschichten nehmen den Blick auf das Nachkriegsdeutschland auf wie nachhaltige Blicke aus der Eisenbahn, begrenzt durch die Metallumrahmung des Zugfensters aus einem Abteil, das mit sich bringt, was der Reisende mit sich bringt und nicht mehr erzählt als was in dem kurzen Abschnitt, auf dem wir den oder die Protagonisten begleiten, passiert – aber die Lücken in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit dem auffüllt, was sonst noch zu sehen ist. Und zwar in jedem Moment des Lesens von einem anderen Ort aus. Das gilt für Romane zwar auch, wegen des kleineren Rahmens und den dadurch entstehenden Lücken für die Erzählung aber im Besonderen. Es ist gerade der Blick, der noch nicht einordnet und der weniger hintergründige und vordergründige Erzählstränge zu einem lebensechten Bild zusammenfügt, der es der Erzählung ermöglicht, sich mit dem Hintergrund des eigenen Lebens zu verbinden.

 

(2)

Dieses Wochenende hatte ich „Das glückliche Paar“ von Somerset Maugham mit an den See genommen, weil ich „Oben an der Villa“ vom selben Autor sehr mag. Mir war nicht klar, dass es sich um eine Sammlung von Erzählungen handelt. Nirgendwo auf Cover oder Rückseite fand sich ein Hinweis darauf. Anstelle einer Inhaltsangabe findet sich folgendes Zitat des Autors auf dem Buchrücken:

„Ich schäme mich nicht, ’nur ein Geschichtenerzähler‘ genannt zu werden. Im Gegenteil, ich bin stolz auf diese Beschreibung meiner Tätigkeit. (…) Ich wollte immer Geschichten mit einer fortlaufenden Handlung. Ich hatte auch nie Angst vor sogenannten Pointen. Ich habe es immer vorgezogen, meine Geschichten mit einem Gedankenstrich zu beenden.“

Es ist eine höchst vergnügliche Lektüre, schon weil sich Maugham an keine Regel des Erzählens hält, wie sie in heutigen Textwerkstätten für junge Autor*innen verteidigt werden. Beim Lesen sah ich förmlich die Werkstättenteilnehmer*innen und Mitarbeiter von Verlagen mit der Rückseite der flachen Hand gegen die Absätze schlagen (wie ich es oft erlebt habe): „Das kann weg!“

Die Eingangsgeschichte mit dem Titel „Schein und Wirklichkeit“ (in der Übersetzung von Helene Mayer) beginnt beispielsweise mit den einleitenden Worten:

„Ich möchte mich nicht für die Wahrheit dieser Geschichte verbürgen, aber ein Professor für Französische Literatur an einer englischen Universität hat sie mir erzählt, und er war, glaube ich, ein Mann von zu lauterer Gesinnung, als daß er sie mir erzählt hätte, wenn sie nicht wahr gewesen wäre. Er hatte die Methode, die Aufmerksamkeit seiner Studenten auf drei französische Schriftsteller zu lenken, die seiner Meinung nach alle Eigenschaften vereinigten, die als Haupttriebfeder des französischen Charakters gelten können.“

Dieser Exkurs setzt sich über eine ganze Taschenbuchseite fort, bevor die eigentliche Erzählung beginnt, in der sich die im Verlauf der Eingangsanekdote beschriebenen Charaktere wiederfinden lassen – oder auch nicht. Die Geschichte erzählt im Übrigen die Beziehung eines Pariser Models zu einem Lokalpolitiker, die von unterschiedlichen Erwartungen und Einschätzungen der Beziehung (er bezahlt ihr ein Appartement und erwartet ihre Liebe, jedoch unter Beibehaltung des öffentlichen Anstands trotz Fortführung seiner Ehe) handelt. Diese widersprüchliche Vermengung von Bezahlung, erwarteter Authentizität des Gefühlslebens, Freundschaft und Loyalität unter gleichzeitig bestehenden Machtverhältnissen erschien mir einen klaren und erhellenden Blick auf derzeitige Arbeitsverhältnisse in Start-Ups und Arbeitsbedingungen, die ein hohes Maß an „Identifikation“ und „Eigenengagement“ einfordern.

Alle dieser Geschichten lassen sich höchst aktuell lesen. Mein persönliches Highlight ist „Das Gurren der Turteltaube“ (Übersetzung Claudia und Wolfgang Mertz), das den Einstieg eines jungen, vielversprechenden Autors in den Literaturbetrieb Wort für Wort so beschreibt, dass er aus dem Jahr 2018 stammen könnte.

„Ich schwankte lange Zeit, ob ich Peter Melrose mochte oder nicht. Er hatte einen Roman geschrieben und einiges Aufsehen damit erregt bei den kreuzlangweiligen, aber gleichwohl verdienstlichen Leuten, die ständig auf Talentsuche sind. (…) Ich las ein paar Rezensionen, sie widersprachen sich ungeniert. Einige Kritiker verstiegen sich zu der Behauptung, mit diesem ersten Roman habe sich der Autor seinen Platz in der vordersten Linie der englischen Erzähler erobert, andere verrissen das Werk. Ich las es nicht, denn Erfahrung lehrte mich, bei einem ’sensationellen‘ Buch ein Jahr zu warten. Es ist erstaunlich, wie viele Bücher man dann überhaupt nicht zu lesen braucht.“

Die Geschichte folgt dem Erzähler, wie er den Jungautoren mit einer Opernsängerin bekannt macht (die ebenfalls heute leben könnte), da ihm seine Recherchen für das nächste Buch allzu idealistisch erscheinen. Auch die Einschätzung des Ergebnisses dieser literarischen Bemühung könnte man heute in einem Seitengespräch auf einer Sommerparty des Literaturbetriebs aufgeschnappt haben:

„Im Lauf der Zeit erschien sein Buch, das wie viele zweite Romane junger Autoren nur ein mäßiger Erfolg war. Die Kritik hatte seinen ersten Versuch überbewertet und zeigte sich nun übermäßig streng. Natürlich macht es einen gewaltigen Unterschied, ob man einen Roman über sich und die von Kindesbeinen an vertraute Umwelt schreibt oder über der eigenen Phantasie entsprungene Figuren. Peters Buch war zu lang, seine hochbegabten Beschreibungen wucherten zu ungezügelt, der Humor war immer noch recht ordinär, aber die Epoche hatte er geschickt getroffen und die Liebesgeschichte besaß jenes Feuer echter Leidenschaft, das mich an seinem Erstling so beeindruckt hatte.“

Der Erzähler, ebenfalls ein Schriftsteller, erscheint hier in seinem Urteil zu mehr Differenzierung und Ambivalenz bereit (oft ist es ja ein Nebeneinander von Stärken und Schwächen, was ein Buch ausmacht) als die Kritik, nicht ohne es sich nehmen zu lassen, auf den letzten Seiten der Erzählung einen Eindruck der Opernsängerin, die das Vorbild des zweiten Romanes des Jungautors war, in eigenen Worten zu beschreiben, die vielleicht mehr Klarheit und erzählerische Kraft haben als die „hochbegabten Beschreibungen“ des Romans, weil er ihr ihre Ambivalenz lässt.

(W. Somerset Maugham: „Das Glückliche Paar“, Diogenes 1972)

 

(3)

Eigentlich wollte ich die Tage am See nutzen, um einen zusammenhängen Roman zu lesen und sie nicht auseinanderpflücken, indem ich eine Erzählung nach der anderen las, doch es fiel mir zunehmend schwerer, abzubrechen. Ein ganzes Wochenende ist vermutlich ein guter Zeitpunkt, um einen Roman anzufangen, doch die einzelnen Texte schienen mir so viel erzählen zu wollen, dass ich mir vorkam, als würde ich auf einer Party den Raum verlassen, in dem jemand gerade eine spannende Anekdote erzählt.  Je länger ich las, desto mehr erschien mir die Erzählung als eine gute Literaturform für die Gegenwart. Ein Gedanke, der nicht ganz neu ist und den Nikola Richter und ihr herausragender Verlag mikrotext auf ganzer Linie ausführen und belegen:

„Die Texte sollen in einem Rutsch oder auch mit Unterbrechungen in kurzer Zeit lesbar sein. Ich glaube zwar nicht, so wie Frank Schirrmacher, dass das Netz unser Gehirn zermatscht, aber ich merke schon, dass ich sehr viel gleichzeitig tue und mir mehr Auszeiten wünsche. Auszeiten als Kurzlektüre, die ich einfach mitnehmen kann, auf meinem Smartphone, auf meinem E-Reader oder Tablet, und überall lesen kann.“

Auch Christiane Frohmann verfolgt mit dem Frohmann Verlag ein ähnlich kluges Projekt, das Literatur für die Gegenwart aktualisiert. Was bedeuten die auseinander gerissenen Abschnitte unserer Wahrnehmung für das Zusammenhängen von Erzählungen? Wie antwortet Literatur auf die zunehmende Schriftlichkeit von Kommunikation über die messengerdienste auf dem Smartphone? Besprechungen über Bücher aus diesen Verlagen finden sich nicht nur, aber besonders mit diesem Blickwinkel auf Tania Folajis Blog „elektro versus print„. Es ist vielleicht nicht der Roman, der diese Zeit am besten erzählen kann.

Berlinale Tagebuch Tag 6, Dienstag 20. 02. 2018: Der Serien-Tag

Charlie Karumi als Marcus und Anton Nikolaj Hjejle Øberg als Christian in Liberty

12.00 3 Tage in Quiberon, Wettbewerb, Regie Emily Atal

1981 machte Romy Schneider eine Kur in Quiberon, Bretagne. Dort gab sie dem STERN ein Interview. Wieder ein Film „nach einer wahren Begebenheit“. Nachgestellt entlang der berühmten Fotostrecke von Robert Lebeck. Wie diese in Schwarz-Weiß. Ein Film in Schwarz-Weiß, geht das heute noch? Ja. Oh, Boy. The Party. Und jeden der Filme, die ich aus der Retrospektive („Weimarer Kino – neu gesehen“) gesehen habe, fand ich aufregend an Schnitt, Kamera, Tondesign, jeder einzelne funktionierte in genau diesen Bildern.

In „3 Tage in Quiberon“ jedoch sind außerhalb des Hotels der Sand der Dünen, die Wellen des Meers, die Felsen am Ufer, der Weg alle in ähnlichem Grau, während beispielsweise die Landschaft Brandenburgs in „Ihre Majestät die Liebe“ (Berlinale Retrospektive, 1931)  in völlig verschiedenen Grautönen strahlt und schillert, dass man das Gefühl hat, sie wären so grün wieder Teich, so blau wie der Himmel, so schattig wie die Baumkronen, so matschig wie der Erdboden.

Zu dem Schwarz-Weiß in „3 Tage in Quiberon“ fällt nur auf: Keine Kontraste. Ebenso wenig Tiefe bekommen die Bilder, wenn man sie mit denen der Originalaufnahmen vergleicht. Etwas abzubilden heißt nicht, etwas nachzustellen, nicht die Oberfläche von etwas nachzuempfinden, sondern eine neue Oberfläche zu finden, das das dahinterliegende heute genauso frisch und unverbraucht wiedergibt wie es beim ersten Mal war.

Dass Marie Bäumer in der Rolle der Romy Schneider gut sein sollte, hatte ich im Vorfeld gehört – aber der Film zeigt Romy mehr in der Rolle als Muse, als schöner, unverständlicher und irrationaler Frau als als eigenes Subjekt. Er scheint das nachzumachen, worunter Romy Schneider zeitlebens gelitten hat, nämlich Projektionsfläche zu sein. Statt den Film aus ihrer Perspektive zu erzählen, erzählt er ihn aus der Rolle des Beobachters – ein folgerichtiges Ergebnis des Versuchs, Fotos nachzustellen.

15.30 Home Ground – Heimbane, Berlinale Series, Regie Arild Andresen

Seit 5 Jahren gibt es Berlinale Series, seit diesem Jahr haben sie eine eigene Spielstätte, den Zoopalast. Serien verbinden viele mit Fernsehen und erwarten hauptsächlich Unterhaltung. Auch wenn ihnen schon auffällt, dass sie kaum aufhören können und binge watchen, empfinden sie das eher als Teil eines guilty pleasure als sich zu fragen, wie das eigentlich gemacht ist. Dabei sind Serien, auch wenn sie im Fernsehen laufen, eine eigene Kunstform. Ein Film mit 90-120 Minuten benötigt eine andere Dramaturgie als 12 Folgen à 45 Minuten, die zum Weitergucken animieren, aber auch in sich funktionieren müssen. Für die Figurenentwicklung bedeutet es völlig andere Möglichkeiten: Statt die Entwicklung einer*s Held*in durch drei Akte zu verfolgen, in dem der Ist-Stand auf der Vorgeschichte basiert und die Veränderung zu einem neuen Ist-Stand erzählt wird, erlauben es Serienformate, Veränderungen und Entwicklungen in verschiedenen Stufen, mit ihren Widersprüchen, Rückfällen aber auch Regelmäßigkeiten zu erzählen. Es entsteht nicht die Geschichte einer Figur, sondern der*die Zuschauer*in kann Entwicklungen von Veränderungen mitverfolgen, im Falle der wöchentlich versetzen Ausstrahlung sogar im Laufe von Veränderungen im eigenen Leben.

Home Ground – Heimbane erzählt die Geschichte der fiktiven ersten Trainerin eines Fußballclubs der norwegischen ersten Liga (Ane Dahl Torp). Die erste Folge jeder Serie muss einiges leisten: Die Figuren einführen, den Konflikt der Serie plausibel machen, neugierig machen auf mehr. Diese erste Folge folgt dem männlichen Blick auf eine Frau: Von ihr wird erzählt, wie sie sich in einer Männerwelt bewegt, wie sie mit Vorurteilen und Beleidigungen umgeht (direkt, souverän, charmant – nicht, wie es ihr wirklich damit geht, und wie Frauen mit ihr umgehen), wie sie sich als Mutter verhält. In gewisser Weise ist es also die Klischee-Geschichte, wie man es sich als Mann (Serienschöpfer und Drehbuchautor: Johan Fasting, Regie Arild Andresen) so vorstellt, wenn eine Frau Sexismus erlebt. Die selbstverständlich blond, schlank und gutaussehend ist.

Die 2. Folge ist witzig und macht etwas richtig was die erst nicht macht. Sie setzen Haken. Sie setzen Dinge in Bewegung. Veränderung. Die Serie versucht nicht, ein Film zu sein. Nur einmal kurz, als sich die Kamera in dem Regen über dem Netz zwischen Torpfosten versenkt. Sie entwickelt die Figuren komplex und in unterschiedliche Richtungen weiter:

Was bedeutet es, mit ehrgeizigen Eltern aufzuwachsen, die einen schon als Kind trainieren? Was bedeutet es, erfolgreich in einem Metier zu sein, und darum wenig Kritik zu bekommen in einem Metier, das man gerade erst lernt und darin nicht wirklich besser zu werden? Wie schlägt man sich mit genug Pragmatismus aber auch genug Weitsicht für die wichtigen Themen in einem Fußballclub durch, der aus Tradition und loyalen Hierarchien besteht, aber mit anderen Clubs mithalten können muss? Ane Dahl Torp spielt vielschichtig und nimmt die ganze Welt ihrer Figur mit in ihr Spiel hinein, so dass es in jeder Szene nicht nur um den gerade verhandelten Konflikt geht. Einzig die Rolle des Bösewichts, die der einzige Schwarze Schauspieler spielt, bereitet mir noch Kopfschmerzen. Vielleicht entwickelt sie sich noch zum wirklich interessanten Gegenpart – in den ersten zwei Folgen ist sie aber erschreckend eindimensional gezeichnet.

18.00 Liberty, Berlinale Series, Regie Mikael Marcimain

Wieder eine Literaturverfilmung. Nach dem Tod des dänischen Schriftstellers Jakob Ejersbo (1968-2008) wurden drei auf seiner Kindheit in Tansania basierende Romane als Trilogie posthum veröffentlicht: Eksil, Revolution und Liberty (<- Link: Rezension der Buchbloggerin). In Liberty wird die Geschichte des dänischen Jungen Christian erzählt, der im Jahr 1980 mit seinen Eltern, die in der Entwicklungshilfe arbeiten, nach Tansania zieht. Dort trifft er auf den gleichaltrigen Schwarzen Marcus und die Mitschülerin Samantha, aus deren Perspektive die anderen beiden Bücher der Trilogie erzählt werden. Auch die Verwicklungen der Eltern und deren Freunde, die in einer Gated Community leben, spielen eine wichtige Rolle.

In der Vorstellung saß ich zufällig neben der Mutter der Schauspielerin der Samantha, Tana Kyhle Kahr. Sie ist mit schwedischen Eltern in Kenia aufgewachsen und spricht daher als eine der wenigen Schauspieler*innen Kisuaheli. 

Diese Serie findet eine wilde, kluge, unverbrauchte Bildsprache, um das Hineingeworfenein des Neuankömmlings Christian zu zeigen. Es ist nicht das, was man sich denkt wie es wäre, sondern das, was da ist, mit dem man sich auseinander setzen muss. Je weniger Macht man hat, desto mehr. Christian ist als Kind seiner Eltern in einer Position, in der er vieles nicht selbst entscheiden kann. Marcus ist Kind ohne Eltern, das „netterweise“ für Kost und Logis in einer privilegierten Familie mitleben -und arbeiten darf in einer noch viel weniger starken Position.

Anders als viele andere Serien erzählt „Liberty“ nicht nur die Geschichte der weißen Figuren mithilfe der Schwarzen. Oft bekommen Schwarze Figuren den reaction shot: Wie sie die Situation sehen ist wichtig für die Szene, und oft wird gerade das Clashen der Kulturen aus ihrer (stummen) Perspektive erzählt. Trotzdem stehen nach der Premiere auf der Bühne bis auf Charlie Karumi nur weiße. Die Antworten auf die Fragen, die ich der Produktion dazu gestellt habe, waren abgründig rassistisch, ebenso die Antworten der Produktion nach der Vorstellung auf andere Fragen: Warum wurde nicht in Tansania gedreht, sondern in Südafrika? Warum sind die afrikanischen Dialekte und Sprachen, die in den Hintergrundszenen gesprochen werden alle aus unterschiedlichen Ländern, als wäre Afrika ein einziges Land mit einer einzigen Kultur, die alle austauschbar sind? Und warum wird die Entwicklungszusammenarbeit so gezeigt, wie sie seit zwanzig Jahren nicht mehr ist – ein weißer erklärt, die Schwarzen hören alle andächtig zu? Die letzte Frage erklärt sich zumindest aus der Romanvorlage. Es werden die Verhältnisse der 80er Jahre erzählt. Die Serie spielt mit unglaublich heutigen Bildern im Jahr 2018 – die Bilder, Schnitte und Kamerafahrten, die sie findet, machen ihre erzählerische Stärke aus. Vielleicht wird bei der Ausstrahlung ein Hinweis transportiert werden, dass es sich um eine ins Heute versetzte vergangene Geschichte handelt (wie etwas Transit, im Berlinale Wettbewerb). 

 

21.30 The Looming Tower, Berlinale Series, Regie Alex Gibney

Noch eine Literaturverfilmung UND eine nach realen Begebenheiten, und zwar nach einem Sachbuch von Lawrence Wright, das sich mit dem Vorfeld der Anschläge auf die New Yorker Zwillingstürme am 11. September 2001 beschäftigt.

Was mit viel Starpower (Jeff Daniels und in einer Nebenrolle Peter Sarsgaard ) angetöst kommt und von den Berlinale-Organisator*innen entsprechend beworben wird, entpuppt sich als altbackenes Erzählschema mit Standard-Kulissen.

Oder, wie Matt Zoller-Seitz (einer der klügsten TV-Kritiker) es formuliert: „Law & Order: Bin Laden Unit“. Die Kulissen wirken wie aus einem Standard-Pappmaché-Satz „beliebige arabische Kulisse“ zusammengewerkelt, für Afrika (der Anschlag auf die US-Botschaft in Nairobi) laufen tatsächlich Männer mit Lendenschurz und Speren über der Schulter beim Schafe hüten über die Steppe. Eine prominente Männerfigur führt sexuelle Beziehungen zu drei verschiedenen Frauen, die Klischee bleiben, ohne dass diese Eskapaden irgendwas zur Handlung beitragen würden. Die Figur des libanesischstämmigen FBI-Mitarbeiters Ali Soufan (Tahar Rahim) bekommt wenig mehr Charakterisierung als der allgemeine arabischstämmige Prototyp. Diese Erzählform ist so hanebüchen altmodisch, dass es nicht mal spannend wird. Dass man weiß, wie es ausgeht, und die Charaktere keine schlüssigen Motivation haben, hilft nicht.

 

Fazit: Serien auf der Berlinale

Das war für mich der Serien-Tag auf der Berlinale: Der erste Tag, an dem ich Serien statt Filme gesehen habe, und dann auch noch drei davon, am Stück. Es hat sich anders angefühlt als die Tage davor.

Serie ist etwas anderes als Film. Es sieht aus wie Fernsehen. Aber es setzt Haken: Hier gibt es mehr zu erzählen, wie ein nicht aufgelöster Akkord, man weiß, es kommt noch etwas, man will mehr wissen. Damit greift es etwas auf, was einem im Leben begegnet – oder zeigt eine Herangehensweise an das Leben, die man vielleicht vergessen hat: Hier kann man nachfragen. Da gibt es noch eine Geschichte. Das ist nicht alles, was mir begegnet. Serien erzählen, gehen in die Entwicklung, Verwicklung und erzeugen so Beteiligung.

Berlinale Series hat als Bild den Bären im Pool in orange (statt sonst in hellblau) – eingefärbt, heimelig?

Diese Erzählweise hat etwas Privates. Etwas Persönliches. Man sitzt anders im Kino als in einem Film, der auf Spannungsaufbau, Gefühle und Auflösung setzt, eines Publikums gemeinsam im Kinosaal. Man vergisst etwas vom Dasein. Vom Kino. Von der Berlinale. Ist es das Medium Fernsehen, das den Rahmen ausblenden lässt? Der Laptop, die Wohnzimmerkonsole, das Bett? Möchte sie etwas verschwinden lassen?

 

Berlinale Tagebuch Tag 5, Montag 19.02. 2018

14.45 7 Days in Entebbe, Wettbewerb, Regie José Padilha

Oje. Dieser Wettbewerb. Daniel Brühl und Rosamunde Pike als RAF-Terroristen, die 1976 gemeinsam mit der Volksfront zur Befreiung Palästinas eine Air-France-Maschine entführen und von Entebbe (Uganda) aus mit der israelischen Regierung verhandeln.

Rosamunde Pikes deutsche Aussprache wurde allgemein gelobt, aber mich haben ihre Betonungen bei jedem deutschen Satz, der länger als 8 Silben war, so aus dem Film geworfen, dass ich mich die ganze Zeit über gefragt habe, warum sie keine deutsche Schauspielerin genommen haben, wenn die Figur deutsch reden soll.

Der Film beginnt mit Einblendungen von historischen Rahmendaten. 1948. Der Film tut so, als böte er den historischen Kontext, die Erklärung, warum alles so ist wie es ist. Das hält er auf allen Ebenen durch. Die Diskussionen innerhalb des israelischen Kabinetts zwischen Schimon Peres und Yitzhak Rabin finden statt neben laufenden Tonbändern, um zu sagen: So war es. So ist es wirklich gewesen. Auch während der anschließenden Pressekonferenz war das die Antwort auf die Frage, wieso er sich für diese historisch umstritte Darstellung des Verhaltens von Yonathan Netanyahu (des Bruders des daraufhin in die Politik gegangenen Benjamin Netanyahu, der einen Militär-Einsatz während der Krise in Entebbe geleitet hat) entschieden hat: So war es. Für die Wahrheit muss man keine Erklärung liefern.

Die Frage ist, ob das als Film funktionieren kann.

19.00 Verlorene, Perspektive Deutsches Kino, Regie Felix Hassenfratz

Als ich mit Linda Söffker, der Kuratorin der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“, vor Festivalbeginn sprach, sagte sie, es würde viel Ähnliches eingereicht: Sie wären froh, wenn sie etwas Neues, Frisches, Anderes fänden, und das Ergebnis wäre die Reihe, wie sie zu sehen ist.

Ganz bestimmt ein Film, der für sich funktioniert und eine eigene Welt erschafft. Keine besonders neue Geschichte, sondern eine, die gern das Krasse zeigt, anstatt sich mit den Untiefen des Normalen zu beschäftigen. Schwäbisch mit Untertiteln, herausragende Darsteller. Das Innenleben einer Orgel und die oft gesehene Dynamik innerhalb einer Familie. „Der Architekt“ von Ina Weisse mit Sandra Hüller macht das besser.

Berlinale Tagebuch Tag 4, Sonntag 18. 02. 2018

Sara Casu, Alba Rohrwacher und Valeria Golino in „La Figlia Mia“

12.00 La Figlia Mia, Wettbewerb, Regie Laura Bispuri

Noch mal, nach „Wieża. Jasny dzień. / Tower. A Bright Day.“, die Frage: Was ist stärker, die Natur oder die Sozialisation, die Bindung an die leibliche oder an die soziale Mutter – eine Frage, die mir beide Filme zu einseitig beantworten, und die Figlia Mia auch noch nicht weniger blond (die biologische Mutter, die mit allen schläft) und braunhaarig (die soziale Mutter, die warmherzig und fürsorglich ist) besetzt, aber ein großartig gespielter (Alba Rohrwacher hätte den Silbernen Bären für diese Rolle bekommen können), voller neuer Perspektiven gedrehter, mit kräftigen, frischen Bildern aufgenommener Film, der ein Seh-Erlerbnis ist. Einer der besseren Filme des Wettbewerbs. Das, was er will, macht er gut.

15.30 The Real Estate, Wettbewerb, Regie Axel Petersén

Nach diesem Film hörte ich das erste Mal „Koslicks Rache“ als Kommentar unter den Kritiker*innen. Die Wackelkamera, dass speziell geblendete Licht lässt mich am Anfang Zweifeln, ob es ein Dokumentarfilm ist. Es zeigt aber nur so unbeschönigt wie möglich das Leben einer Immobilienbesitzerin (Léonore Ekstrand): Friseur, Anwaltsbüro, Fitnessstudio, Hausbegehungen, Seniorenzentrum. Was wollte dieser Film? Hypothesen, die ich gehört habe: „Reiche Leute haben auch Probleme“. „Schön, dass endlich mal einer einen Film über Gentrifizierung macht, der nicht links ist“. Aber warum in diesen Bildern? Ab Minute 60 habe ich ihn schlichtweg nicht mehr verstanden: Was ist diese Hütte? Was macht sie da? Wer ist dieser Mann? Warum geht sie nicht zur Polizei? Eine Sexszene unter nicht ganz jungen Schauspielern ist immerhin bemerkenswert und spannend gefilmt, wenn ich mir auch nicht ganz schlüssig bin, ob die Macher ihre Figur im Anschluss daran nicht verraten haben.

18.30 Becoming Astrid, Berlinale Special, Regie Pernille Fischer Christensen

Berlinale Special bedeutet, der Film war nicht gut genug für den Wettbewerb, aber zu gut für eine der anderen Reihen – eine sehr merkwürdige Definition, wenn man sich anguckt, dass die Highlights des Festivals meistens im Forum oder der Perspektive laufen. Warum dieser Film? Für viele eines der Highlights des Festivals. Der einzige Film, bei dem ich geweint habe. Ein Film, nach dem ich nach Hause gefahren bin, obwohl ich noch Programm gehabt hätte, einfach nur, um im Bus zu sitzen, aus dem Fenster zu sehen und mir dieses Berlin anzuschauen, das mir immer wieder die Frage stellt, wie viel sich Heimat eigentlich verändern kann.

Es ist ein historischer Film, er spielt um die Jahrhundertwende 1900. Er versucht, das Leben der jungen Astrid Lindgren nachzuzeichnen, basierend auf ihren eigenen Niederschriften über die Zeit. Zum Teil fiktionalisiert er auch. Die junge Schauspielerin Alba August spielt Astrid zu  jeder Zeit ihres Lebens anders, es ist tatsächlich ein Film über die Veränderungen des Lebens geworden. Tatsachen, die nicht langweilig werden, nur weil sie passiert sind (häufig das Problem von historischen Filmen, siehe „3 Tage in Quiberon“, weil an ihnen erzählt wird, was sie mit einem Menschen machen, und wie unterschiedlich Charaktere reagieren. Je mehr sich ereignet in diesem Film, in dem wenig Außergewöhnliches passiert, desto plastischer treten seine Welt, seine Figuren hervor. Es ist nicht die Geschichte einer berühmten Frau, es ist die Geschichte dieser einen Protagonistin, die so nachvollziehbar und konkret erzählt wird, dass sie einmalig erscheint und zugleich jedem Zuschauer während des Sehens passiert. Es ist ein Film über Fragen und Entscheidungen, über Mut und Leben, der zwar wunderbar ausgestattet ist als Film, der eine Zeit wiedergibt, sich aber nie wie ein Kostümfilm anfühlt.

 

Berlinale Tagebuch Tag 2, Freitag 16. 02. 2018

Lana Cooper und Daniel Roth in Storkow Kalifornia

14.00 Storkow Kalifornia, Perspektive Deutsches Kino, Regie Kolja Malik

Einer der beiden Filme neben „Tower. In the Light“, die ich empfehle, wenn mich jemand fragt, was ich bisher Gutes gesehen habe. Ein Film, den ich jederzeit noch mal sehen würde, was ich auch versucht habe, aber ich kam nicht noch einmal rein, trotz Anstehens.

Handlung? Ich weiß nicht. Sunny (Daniel Roth) wächst in Storkow, Brandenburg auf. Er lebt mit seiner Mutter Nena (Franziska Ponitz) in einer Art WG, in der Drogen in fließendem Übergang genommen werden. Eines Tages gerät er in eine Verkehrskontrolle, und das Röllchenblasen mit Streifenpolizistin Liv (Lana Cooper) gerät zu einem knisternden Moment. Es erwacht die dicke fette Liebe, poetisch, alltagsnah, völlig von den Charakteren getragen. Und in der Ferne lockt oder droht Berlin, ein Ort, um Storkow zu verlassen.

Wunderschön gefilmt. Der Film sagt alles über diese bestimmte Zeit im Leben dieser Figuren aus genau diesem Ort und zugleich alles über das Leben in den Zwischenräumen, die nicht manifestiert oder sicher sind, die, auf die man keinen Stempel drücken kann, einfach nur durch seine Bilder und Kamerafahrten (Kamera Jieun Yi). Nur 29 Minuten, und für mich bis zum Schluss einer der stärksten visuellen Eindrücke dieser Berlinale. Dafür gehe ich ins Kino. Um das Leben anders sehen zu lernen.

Storkow Kalifornia | Trailer (2017) – YouTube

 

14.30 Rückenwind von Vorn, Perspektive Deutsches Kino, Regie Philipp Eichholtz

Charlie (Victoria Schulz) arbeitet als Quereinsteigerin im Grundschullehramt, ihr Freund Marco (Aleksandar Radenković) macht irgendwas mit Medien. Sie sehen aus wie Hipster, sie wohnen im südlichen Kreuzberg oder nördlichen Neukölln, ihre Wohnung sieht aus wie die von Hipstern real aussieht, wenn sie nicht für Instagram-Fotos ausgeleuchtet und aufgeräumt ist. Freiheit, das ist auf dem Karneval der Kulturen zu Dota die Kleingeldprinzessin tanzen und mit dem selbstausgebauten Wohnwagen durch den Balkan fahren und alles essen, was lecker ist. Marco möchte aber Kinder (nach fünf Jahren Beziehung). Charlie nicht.

Lösung: Nicht Selbstfindung oder so. Nein, da gibts ja schon nen anderen Mann, ihr Kollege Gerry (Daniel Zillmann), der geht auf den Karneval der Kulturen, hat schon so ein Wohnmobil und kocht gerne.

Vielleicht muss man Hipster mögen, um diesen Film gut zu finden? Vielleicht muss man zumindest seine Grundprämisse akzeptieren: Dass das Leben so orientierungslos ist und so wenig Nöte hat, dass sich diese Fragen tatstächlich stellen: Was jetzt? Kochen wär mal wieder schön.

Dabei hat Charlie als Figur genug andere Probleme. Ihre Oma (Angelika Waller), bei der sie aufgewachsen ist, ist schon ziemlich alt. Nichts davon spürt man in der Figur. Weder die Abwesenheit der Eltern noch die Perspektive auf ein Leben, das über mehr hinausgeht als die bundesrepublikanische Gegenwart. Krieg? DDR? Menschen mit Migrationshintergrund in Kreuzberg/Neukölln? Nein. Dieser Film ist der gegenwärtige deutsche Roman als audiovisuelles Medium. Von seinen Fragen, seinen Themen, seinen Figuren her, auch in seinen künstlerischen Mitteln wie der Kamera, die dem Film nichts Neues hinzufügen.

 

15.30 Djamilia, Forum, Regie Aminatou Echard

Dieses Jahr bin ich weniger in Forums-Filmen unterwegs als sonst. Für mich daher der formal mutigste Film der Berlinale. Basierend auf Tschingis Aitmatows Debüt-Novelle Djamilia aus dem Jahr 1958. In dieser berühmten Erzählung, die 1943 spielt, verlässt die eine junge Kirgisin ihren Heimatort, während ihr ungeliebter Mann aus einer arrangierten Ehe als Soldat im Krieg ist, und folgt ihrer Freiheit, ihrem Lebenswillen und ihrer Liebe zu Danijar. (Übrigens war die Novelle Aitmatows Abschlussarbeit am Maxim-Gorki-Literaturinstitut in Moskau – streng genommen also Institutsprosa, ohne diese in Schutz nehmen zu wollen.)

Regisseurin Echard lässt junge Kirgisinnen über Djamilias Geschichte und über ihr Leben sprechen. Sie filmt sie in Bewegung, legt ihre Stimme aber nicht auf die Bilder ihres Gespräches, sondern auf andere, in denen ihre Protagonistinnen schweigen oder anderes tun. Die Landschaft Kirgisiens, die möblierten Landschaften seiner Häuser und Wohnungen bekommen ein ruhiges, kräftiges Bild, in dem man die Luft, das Licht und die Farben förmlich spüren kann, die die Geschichten dieser Frauen mitleben.

Der Film gibt seinen Protagonistinnen allen Raum, aber auch alle Unvoreingenommenheit, und die Protagonistinnen bleiben in ihren Geschichten, Gesichtern, Lebensumständen und Geheimnissen eigene Subjekte, die nie ihre Faszination  verlieren. Trotzdem nicht ganz unanstrengend zu gucken.

 

17.30 L’Empire de la Perfection (In the Realm of Perfection), Forum, Julien Faraut

Ein Dokumentarfilm über Tennis in Schwarzweiß. Grandios geschnitten und komponiert, so dass er keine Minute langweilig wird. Muss man was von Tennis verstehen? Nein. Es geht um den Kampf mit sich selbst. Aus dem Kampf, nicht trotz des Kampfes und der in der Kindheit angelegten Komplikationen zu gewinnen. Energie für das Spiel daraus zu gewinnen, die Menge erst mal gegen sich aufzubringen. Mit einem System, das man schön in Szenen gegeneinander schneiden kann. Ein fast perfekter Dokumentarfilm, der nicht mehr braucht als bestehende Aufnahmen für seine Erzählung, einen Sprecher Mathieu Amalric und einen herausragenden Soundtrack, der vor Mozart nicht zurück schreckt. Eine Meditation über die umperfekten Ecken des Perfekten, die Energie die durch diese Spannung entsteht, und auch über das Filmemachen. Denn Tennis und Filme gehören zusammen, wenn man, wie der Film, Jean-Luc Godard folgt.

 

21.30 Eva, Wettbewerb, Regie Benoit Jacquot

Isabelle Huppert ist so wahnsinnig gut in allem, was sie macht, dass man manchmal das Gefühl hat, das Regisseure, die sie besetzen, sich nicht mehr weiter um den Film zu kümmern brauchen glauben, weil die Hauptrolle alles tragen wird.

Der junge Prostituierte Bertrand (Gaspard Ulliel) nimmt nach dem Tod eines Klienten dessen letztes Manuskript an sich, wird damit erfolgreich, kann ein zweites Stück aber nicht liefern. Für Inspiration bedient er sich der Bekanntschaft mit der High-End-Prostitierten Eva (Isabelle Huppert). Eine nicht mal wechselseitige Projektion.

Dieser Film ist gefilmt wie ein Film. Er experimentiert nicht. Keine anstrengende Wackelkamera, keine Kulisse bei der man ein Auge zudrücken muss. Reiche Leute, Reiche Wohnungen, Paris, ein Châtelet in den Bergen. Spielkasinos. High-End-Prostiuierte. Viel Geld und Erfolg. Der Film ist schön anzusehen, ästhetisch. Keine der gefürchteten Berlinale-Real-Tristess-Demonstrationen (dazu kommen wir morgen mit The Real Estate). Der Film verlangt dem Zuschauer nichts ab. Aber. Das ist zugleich sein Problem. Der Film will auch nichts vom Zuschauer. Was will der Film?

Wiederum (nach The Bookshop, Djamilia, und es werden in den nächsten Tagen einige folgen) eine Literaturverfilmung (von James Hadley Chase ). Und es geht auch um einen Schriftsteller (wie in Transit, Becoming Astrid, Dovlatov, The Happy Prince …) – Themen die die diesjährige Berlinale prägen. Aber im Grunde geht es nicht ums Schreiben, nicht ums Nichtschreibenkönnen des Schriftstellers der keiner ist, aber es ist schwer zu sagen, worum es stattdessen geht. Es ist das Aufbegehren des Erzählenwollens ohne sich mit der Welt auseinander zu setzen. Dazu besteht jedes Recht. Es muss nur gekonnt sein.

Ein Baum wächst in Brooklyn

Ich hatte einen Baum vor dem Fenster. Einen Lindenbaum. Nicht am Brunnen vor dem Tore, sondern vor einem fünfstöckigen Haus, eingefügt in das Pflaster einer Straße, vor dem Zimmer einer Jugendlichen. Das ist auch so eine Art Brunnen vor dem Tore, am Tor zur Welt, da wo es weitergeht, wo man hinausschauen kann, gedanklich das Zimmer und die eigene Welt verlassen, da steht ein Baum, der immer da ist, dass Blätter wechseln, der Saft und Leben hat, bleibt, mehr weiß, weniger weiß, man weiß es nicht. Ich habe irre viele Gedichte über diesen Baum geschrieben.

Im Roman „Ein Baum wächst in Brooklyn“ von Betty Smith aus dem Jahr 1943, das in diesem Herbst von Eike Schönfeld für den Inselverlag neu übersetzt wurde, wächst Francie Nolan mit einem solchen Baum vor dem Fenster auf. Er steht neben der Feuerleiter, auf der sie liest, und umfängt ihren Leseplatz mit seinen Ästen und Blättern, so dass sie ganz woanders zu sein scheint. Ihr Plan ist, die ganzen Bücher der Leihbibliothek auszulesen, und da sie jeden Tag ein Buch liest, scheint das nicht völlig im Unerreichbaren.

Unerreichbar ist vieles andere. Der Roman beginnt im Sommer 2012, unter eben diesem Baum und endet im Spätsommer 2018. Er spielt im Brooklyn der Eingewanderten, einem Umfeld in dem 1 Penny viel und 5 Pennys manchmal alles bedeuten können. Francie sammelt Lumpen, um sie gegen Pennys einzutauschen, sie spielt mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder Neeley, sie wären auf einer Polarexpedition, wenn sie nichts zu essen haben. Großmutter, Tanten und die Bewohner des Viertels, die aus Irland, Deutschland, Österreich eingewandert sind spielen eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Von ihnen hängt der Alltag ab. Der Großmutter, die nicht lesen kann, ist Bildung so wichtig, dass sie ihre Tochter, Francies Mutter darauf einschwört, ihren Kindern jeden Abend eine Seite aus der Bibel und eine Seite Shakespeare vorzulesen.

Francie manövriert den Alltag in seinen wirtschaftlichen Facetten (wo bekommt man das günstigste Brot, wie hält der Kaffee am längsten) mit Hilfe von Geschichten (wie der Polarexpedition). In der Schule bekommt sie für die Geschichten, die sie aufschreibt, Einsen. Bis sich ihre Welt verändert. Sie bemerkt, was hinter den Geschichten liegt.

Die Waage im Teeladen schimmerte nicht mehr so hell, und die Dosen waren angestoßen und schäbig. (…)

Alles veränderte sich. Francie geriet in Panik. Ihre Welt entglitt ihr, und was würde an deren Stelle treten? Aber was war denn überhaupt anders? Jeden Abend las sie wie immer eine Seite aus der Bibel und eine Seite Shakespeare. (…) Sie steckte Pennys in die Spardose. Der Trödelladen war noch da, die Geschäfte blieben alle gleich. Nichts veränderte sich. Was sich veränderte, war sie.                                (S. 276)

„Ein ganz schlimmer Fall von Großwerden“, attestiert ihr Vater, als sie ihn um Rat fragt.

  • „Was ist passiert, dass du jetzt so schreibst“, fragt Miss Gardner, die Englischlehrerin an der Grundschule. „Du warst eine meiner besten Schülerinnen. Du hast so hübsch geschrieben. Deine Aufsätze haben mir so gut gefallen. Aber diese hier …“ Frannie weiß nicht, was anders geworden ist. Sie hat sich dieselbe Mühe mit Rechtschreibung und Schönschrift gemacht.
  • „Ich meine, dein Thema. (…)  Armut, Hunger und Trunkenheit sind doch häßliche Themen. Wir alle wissen ja, dass es das gibt. Aber man schreibt doch nicht darüber.“
  • „Worüber schreibt man denn?“ – „Man versenkt sich in die Phantasie und findet dort Schönheit.“
  • „Was ist Schönheit?“ – „Schönheit ist Wahrheit, Wahrheit Schönheit.“
  • „Aber diese Geschichten sind die Wahrheit.“

Miss Gardner meint mit Wahrheit „Dinge wie die Sterne, die immer da sind, die Sonne, die immer aufgeht, die wahre Vornehmheit des Menschen“.

Während sie wie Platon das Gute, Wahre und Schöne als eins denkt, ist für Francie der Baum in ihrem Hof derjenige, der immer da ist. Der Baum mit Wurzeln in der Erde, der weiterwächst, wenn er abgehauen wird, wie die Menschen in ihrem Viertel.

Francies Noten bleiben schlecht. Ihr Leben bleibt in Berührung mit Armut, Hunger, aber auch mit Erwachsenwerden, mit dem Einsatz ihres Lesens. Ihre Bildung führt immer über Umwege. Aber daran hält sie fest:

Als sie ihre erste Liebe trifft, erzählt sie ihm „nur von den schönen Seiten – wie gut Papa ausgesehen habe – wie klug Mama sei – was für ein famoser Bruder Neeley sei und wie goldig ihre kleine Schwester. Sie erzählte ihm von der braunen Schale auf dem Tresen der Bücherei.“ Aber als er ihr erzählt, wie einsam er sein ganzes Leben über war, erzählt sie ihm dasselbe über sich. In diesem Moment beginnt etwas.

Betty Smith erzählt vom Leben in schwierigen Umständen nicht als eine Geschichte über schwierige Umstände, sondern als eine Geschichte vom respektvollen, liebevollen, wütenden Umgang mit dem, was da ist. Sie braucht die Blumenblüten und Schmetterlinge nicht, die Frannies Lehrerin von ihr lesen wollte. Sie nimmt sich des Lebens, der Menschen und dem Alltag Brooklyns an und damit der Einwanderungsgeschichte Amerikas in der Tradition von Willa Carters „My Antonia“. Eine Geschichte vom Ankommen, vom Sichorientieren, vom Nichtanderswissen, vom Lernen, vom Weitermachen.

Diese Zeit heute braucht es wie jede andere Zeit, das Hinsehen auf das was da ist, nicht das was sein sollte, was behauptet wird, was Menschen für ihre Argumentationen annehmen wollen. In Zeiten von Fake News und dem Storytelling der Unternehmen zeigt diese Neuübersetzung, wie aktuell es ist, mit dem zu leben, was da ist, und nicht dem, wie man die Welt eigentlich sehen sollte.

Wie war dein 2017?

Ein paar mal bin ich jetzt schon für CouchFM (Montag bis Freitag von 17-18h auf Radio Alex, 91,0) mit einem Mikrofon durch die Gegend gelaufen und habe kleine 1-Minute-Umfragen gemacht. Zu ganz unterschiedlichen Themen. Jetzt, am Ende des Jahres, ging es um das Jahr 2017. Und das ist die bisher politischste Umfrage geworden. Ich habe größtenteils in Moabit rumgefragt. Da ist ja auch das Lageso. Zwei Leute, die ich angesprochen habe, kamen direkt von da. Sie haben sehr nachdenklich geantwortet. Es war ein anstrengendes Jahr, das hoffentlich eine gute Grundlage wird für das nächste Jahr. Ich habe ihnen „the best of luck“ für ihre Pläne und ihre Zukunft gewünscht, und frage mich seitdem, wie das wohl auf sie gewirkt haben muss, nach der Behörde, beim Warten auf die U-Bahn, eine Frage nach ihrem Jahr 2017. Ansonsten hat Moabit genauso bunt geantwortet, wie es ist. Der Döner dort ist nunmal besonders gut.

Wie war dein 2017 (<- Audiolink, ca. 1:30 Minuten)

Und die Leute am Dönerstand haben uns dann gleich noch mitgenommen zu einem Cypher, der das letzte Mal stattfand, weil der Mietvertrag aufgelöst wurde. Was ein Cypher ist, wusste ich vorher auch nicht, aber dazu und besonders über diesen Abend werde ich noch mal einen eigenen Beitrag machen #besteenergycypher #moabitistbeste

Wie geht man raus?

Aus einem Jahr, wie geht man rein? Als ich im Februar 2013 diese Wohnung hier besichtigte und im März einzog, stiegen mit mir am U-Bahnhof Birkenstraße selten mehr als drei Menschen aus. Ich war überrascht, dass es wirklich noch Bahnhöfe ohne Rolltreppe und Fahrstuhl gab.

In den 80ern bin ich in Moabit südlich der Turmstraße aufgewachsen, und die Gegend um die Beusselstraße galt als unheimlich. Nördlich der Turmstraße war ich bloß, weil da die Markthalle steht, zum Einkaufen, und weil vor ihren Eingangstüren blaue Plastikelefanten stehen, auf denen man reiten kann. Außerdem ist St. Paulus, meine Gemeinde, in der Oldenburger Straße knapp nördlich der Turmstraße. Auch das Rathaus Tiergarten und die Verkehrsschule Moabit – alle knapp drüber. Ich habe eine Erinnerung, von der ich nicht weiß, ob sie stimmt, dass die Oberministranten nach dem Ministrieren, wenn es schon dunkel war, besonders die Kinder aus dem Beusselkiez fragten, wie sie nach Hause kamen, und sich darum kümmerten, dass sie zusammen liefen. In meiner Erinnerung war es dort – hier auch immer eher dunkel, wenig Straßenlaternen. Den U-Bahnhof Birkenstraße habe ich damals nie kennengelernt, weil ich in Moabit eher zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs war – warum zum U-Bahnhof Turmstraße laufen, von dort eine Station fahren, und von dort noch mal laufen? Die Wege zum und vom Bahnhof wären länger als der gesamte Weg.

Jetzt lebe ich wieder hier, seit 4 Jahren und 10 Monaten. Und die Gegend hat sich verändert wie nur etwas. Wie alles im Leben vermutlich. Das ist nicht überraschend. Bis 1989 stand hier noch die Mauer, und jetzt laufen Scharen von Menschen die Trampelpfade ins Kallasch und in die Kulturfabrik. Und im Kaffee Klatsch bei Elke wird immer noch geraucht.

Wie geht man aus einem Jahr, wenn man doch weiß, dass sich alles ändert? Die Zeit „zwischen den Jahren“ fiel aus dem Jahr heraus, als es noch den Mondkalender gab. Alle sind beschäftigt, und das gibt einem noch mal Zeit, zu gucken, was war. Was wird, weiß man nie, ich habe auf der letzten Seite von meinem Kalender letztes Jahr eine Mindmap mit Zielen gemacht, in mit Strichen verbundene Begriffe, mit bunten Linien umkringelt, je nach Bereich. Vielleicht die Hälfte davon habe ich erreicht, die andere Hälfte hat sich verschoben durch Dinge, die passiert sind, die ich ganz anders erwartet hätte. Das ist meine Erfahrung mit Plänen: Wenn ich zwei, drei Jahre später auf sie zurückschaue, ist das, was passiert ist, etwas, das ich mir zum Planungszeitraum nicht vorstellen konnte. Weil jedes Jahr aus ca. 365 einzelnen Tagen besteht, nicht aus einem einzelnen Sprung. Und sich von jedem einzelnen Tag aus neue Wege ergeben, auf denen wieder etwas anderes aufbaut, und so fort. Die Veränderungen sind exponentiell, nicht linear.

„Die Urweihnacht war ein ausgelassenes Fest“, zitiert Pamela Dörhofer in der Frankfurter Rundschau die Historikerin Renate Reuther. Bei dem man von Haus zu Haus zog, Bräuche wie sie jetzt Halloween zurückkommen oder am Dreikönigstag noch begangen werden, nicht alleine zu Hause saß. Dieser Artikel hat mich beschäftigt in der letzten Woche, ich habe weiter gelesen, alles über diese 12 Tage „zwischen den Jahren“, die Bräuche, die Traditionen, die Wünsche. Etwas über die Zukunft herausfinden zu können in der Zeit, die nicht in der kalendarischen Ordnung festgehalten wird.

Was man draus macht, ist immer was die Zukunft ist, aber genauso das, was die Vergangenheit ausmacht. Wie man es sich zusammenfasst, wie man es deutet, welche Trampelpfade der Erinnerung man entlang geht, wenn man sie jemandem erzählt. Ich weiß mehr über das alte Moabit als über das neue Moabit der Trampelpfade vom U-Bahnhof zum Kallasch, zur Kulturfabrik und zum ZKU. Vielleicht finde ich es nächstes Jahr heraus. Wie das geht, mit dem Nebeneinanderher von westdeutscher Jugend und verwurzelten Berliner*innen weiterzuleben.

Ich habe schon ein paar Ziele für das nächste Jahr gesammelt. Auch die Berliner Verkehrsbetriebe und die Berliner Bäderbetriebe haben sich Ziele für das nächste Jahr gesucht. Ich hoffe fast noch mehr, dass sie ihre Ziele erreichen als ich. Endlich wieder ein saniertes Poststadion, Spreewaldbad und Paracelsusbad! Und vielleicht irgendwann die U5 bis zur Turmstraße verlängern. Dann wären wir Moabiter endlich auch an das Zentrum von Mitte angeschlossen, einem Bezirk, dem wir offiziell seit 2001 angehören.

Mehr verbinden, mehr sanieren, das sind doch Ziele. Schwimmbäder, in denen es weniger zieht, sauberer ist, Wege kürzer sind. Das gilt auch für ein Verkehrsnetz. Nicht unbedingt für ein Leben. Da sind ja oft die längeren Wege die interessanteren. Mit dem Ring die längere Strecke fahren als die, mit der man schneller zu Hause wäre. Zu Hause, am S-Bahnhof Beusselstraße. Da, wo der Blick auf die Gleisanlage des alten Güterbahnhof Moabit, mit dem unbewohnten Turm, in den ich einziehen möchte, fällt (siehe Foto). Da wo die freundliche Bäckerei ist, die so gut ist, dass ein Spandauer Ruderkollege von uns extra am S-Bahnhof Beusselstraße aussteigt, nur um sich da ein Rühreibrötchen zu kaufen. Und an dem der hervorragende Dönerladen an der Ecke ist, von dessen großzügigem Hinterraum aus man auf die Gleisanlagen schauen kann und auf die Sonne, wie sie auf- oder untergeht, je nachdem wann man da ist.

Tagesanfänge, Tagesenden sind ja auch solche Zeiten, an denen man vor- und zurückschaut, und nach innen und nach außen. Wie auch an Gleisen, und da wo sich Schneisen in der Stadt zeigen, wo etwas losgeht oder ankommt. Wie eben zwischen den Jahren, dem Umsteigebahnhof des Kalenderjahres.