Die Social Media Oper – Tote Stadt (Korngold) an der Komischen Oper

Framing

Wo in einem Bild setzt man den Rahmen an? Wenn man auf seinem Smartphone ein Foto für ein Profilbild zuschneidet und den dünnen rechteckigen Rand über den Bildschirm bewegt, merkt man: Alles wird anders, wenn man den Rahmen verschiebt.

Wenn man eine Geschichte erzählt, setzt man einen Rahmen. Das wähle ich aus, und das lasse ich weg. Meistens richtet eine erzählende Kamera ihren Rahmen, ihr framing, daran aus, was erzählt wird. Wir haben uns daran gewöhnt und beachten es nicht weiter. Darum irritiert es, wenn die Figur oder das Objekt, das uns etwas erzählt oder die wir verfolgen, nicht zentral im Bild ist – und ihre Konzentration sogar häufig auf etwas außerhalb des Bildschirms richtet.

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Die Fernsehserie Mr. Robot findet in diesem Framing Bilder für eine Welt, in der wir uns gefühlt oft am Rand bewegen, uns auf etwas konzentrieren, worüber wir nicht im Bilde sind.

Die Tote Stadt in der Inszenierung von Robert Carson

So leuchtet Die Tote Stadt an der Komischen Oper ihre Figuren aus. Sie setzt einen Lichtkegel auf die Bühne, der oft leer bleibt, an ihrem Rand eine Figur. In einem Zimmer.  (In einem Altbau-Zimmer mit Stuck. Zurückhaltende Eleganz. Ein wenig zu groß, um darin zu leben.) Alle drei Akte der Oper von 1920 spielen in diesem Zimmer, das die Bühne um sich dreht, in sich verkehrt, aber die Figuren nie verlassen.

In Social Media bleibt man immer irgendwie am Rande des Geschehens. Eine Reaktion, ein Like, ein Kommentar, eine andere User*in, noch einer, man klickt sich weiter, es zieht immer weitere Kreise, der Lichtkegel weitet sich. Auch im Shitstorn geht es nicht wirklich um das eigene Ich.

Die Zeit zwischen den beiden Welt-Kriegen des letzten Jahrhunderts wird gerade viel in der Kunst untersucht – verklärt – verhandelt. Babylon Berlin spielt als fiktive Interpretation unserer Zeit mit den Erfahrungen der zurückgekehrten WWI-Soldaten genau wie Peaky Blinders (beide übrigens mit aktueller Musik um den Figuren in Montagen Gefühle und Fragen aus heutiger Zeit erleben zu lassen) – auch auf der Berlinale war die Retrospektive „Weimarer Kino – neu gesehen“ eines der Highlights, vor allem an Kameratechnik, Schnitt, aber auch an Intention, am Willen zu erzählen, einem Publikum etwas zu erzählen, nicht ein Kunstwerk zu machen, in dem sich der Regisseur selbst erforscht und dies (und dieses Nicht-Gemeint-Sein) seinem Publikum zumutet wie Mein Bruder ist Robert und ist ein Idiot (Regisseur). Auswählen, um zu erzählen.

Nein, die Tote Stadt erzählt nicht. Die Handlung ist vernachlässigbar. Die Tote Stadt spielt in dem Zustand, in dem einem nichts erzählt zu sein scheint, nichts einen Sinn zu ergeben scheint, so dass letztlich nichts anderes bleibt, als die Tote Stadt zu verlassen. Die Stadt, in der Paul einst Marie geliebt hat, die gestorben ist, in der er sich in Marietta verliebt hat, die Marie nicht ersetzen kann, ihr aber ähnlich sieht, und die auch nicht überlebt (spoiler).

Das Libretto basiert auf dem symbolistischen Roman Das tote Brügge (Bruges-la-morte –  Wer denkt da noch an „Brügge sehen und sterben?“), uraufgeführt wurde die Oper 1920, zwischen den Kriegen, kurz nach dem ersten Weltkrieg. Alles ist offen. Nichts ist da.

AKT 1

Eine verlorene Zeit, eine Zeit der Fragen? Diese Inszenierung der Toten Stadt lässt die drei Akte der Oper in einem einzigen Zimmer, dessen Möblierung bleibt, um sich selber drehen. Ein Bett, ein Schrank, ein Frisiertisch, Teppich, eine Vase, Nachtschränke, ein kleiner Tisch mit Sitzgelegenheit und Schuhe, die an der Vorderfront aufgebaut sind, sieben Paar, denn die Guckkastenbühne hat eine vierte Wand, die Wand zum Zuschauerraum, hinter der wir sitzen, und an dieser Wand sind die Schuhe aufgereiht.

Die Wand, an der jemand seine Schuhe aufreiht ist auch die vernachlässigte Wand, und in diesem Fall ist es die gläserne, durch die das Publikum hindurchschaut.

Eine Oper, drei Akte, ein Zimmer. Drei Wände des Zimmers sind die Bühnenwand. Eine Wand sind wir. Wir schauen auf die vierte, durchsichtige Wand wie auf einen Bildschirm.

Zwei Sänger. Sie mit flachen Schuhen. Er in Pullunder und Jackett. Grau vor beigebraunem Schlafzimmerinterieuer.  Sie (singt):

„Was das Leben ist, das weiß ich nicht.“

Sie rückt die Schuhe an der Wand zurecht. Pelzkragen, 30er chic, Hollywood. Beige und grau, rosa, türkis, die Farben erinnern an die ersten Jahre des Farbfilms, die Interaktion der Figuren, die Schatten an die Optik der Screwball Comedies.

Schwarzweißfotografien wandeln sich zu einem Video: Marie löst ihr Haar. Eine Erinnerung? Sie ist aus dem Bild. Das Video wirft wie im film noir Schatten über ondulierte Wellen.

Dann dreht sich das Zimmer, auf der Drehbühne einmal um sich selbst, Männer, im Carré, drehen sich mit, mit Hut und Mantel, schwarz – hell gelbes warmes dunkles Licht, Rauch der angestrahlt wird, sie nehmen die Möbel fort, auch den Teppich. Nur Dielen bleiben und die Tür.

Das Licht auf dem Rauch wird grau, hell, fast blau.

AKT 2

Ein schwarzer Sarg wird hindurchgetragen, eine Trauergemeinde mit schwarzen Schirmen, Glitzer auf den schwarzen Anzügen. Ein glitzerndes weißes Bett dreht sich wie ein langsamer Autoscooter auf der sich drehenden Bühne. Glitzernder Schrank, Spiegel, einzelne rosa Rosen.

Marietta kommt mit der Lampe herunter, mit dem Licht, das Haar gekreppt. Türkis glitzert mit Federboa. Paul tanzt alleine, buntes Glitzern.

Die gesamte Szenerie ist in Glitzer neu möbliert, die gleichen Gegenstände wie zuvor, nur von Glitzerstaub bedeckt, verdeckt, bestäubt.

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Und die Männer, die gerade noch den Sarg getragen haben, versammeln sich auf der Rückwand der Bühne als Publikum. Sie sitzen dort ebenso angeordnet und schauen zu wie wir im Publikumsraum der realen Oper. Uns gegenüber. Auf etwas, das sie unterhält.

Das Schlafzimmer ist weniger groß als im ersten Akt, man fühlt sich weniger verloren, es sieht mehr aus wie ein Zimmer von heute, es hat die Saal-Charakteristik verloren, es ist intimer.

Alles, was zuvor da war, steht da wie zuvor und glitzert, während Menschen zugucken, das ist wie Social Media. Man nimmt das vorhandene Leben, das schon da war, das auch da ist, wenn man kein Foto macht, und wählt das aus, was sich gut macht, setzt einen Rahmen darum, einen Filter (warmes Licht in der Oper), baut eine Geschichte dazu, gibt ihm Namen, ohne dass es sich wesentlich verändert (was da war, ist da), aber was hinzugekommen ist, ist ein Publikum. Und das alles, ohne das eine Zimmer zu verlassen, das ganze Drama, ein Kammerspiel. Eine Ein-Zimmer-Oper

Social Media bietet die Möglichkeit, vom eigenen Zimmer mit der ganzen Welt in Kontakt zu stehen. Die vier Wände, die einen umgeben, machen einen nicht mehr unsichtbar. Sie nehmen einen nicht mehr raus aus dem Kontext von „Sehen und gesehen Werden“, der soziale Events oft zu einer Möglichkeit und auch einem Mittel zum Zweck macht. Man ist da. Seht her.

Was früher privat war, ist heute Sendefläche geworden. Präsentations- und damit auch Arbeitsort. Und die technischen Möglichkeiten bieten Rahmungen an, die man wie Glitzer auf alles rauflegen kann, muss, wird, um nicht im Algorithmus unterzugehen oder auch, um nicht die ganz intimen Details, die Zweifel, die noch mit sich ungeklärten Schwächen nach außen zu bringen. Oder auch, weil die gesendeten Inhalte der anderen auch so glitzern und man ja mit den anderen in Kontakt sein möchte. Kontakt, der Nähe schafft, der Beziehungen herstellt, der Aufmerksamkeit schenkt und Wert – der einen wieder zum Glitzern bringt für einen Moment.

Schlafzimmer – Schutzraum (Peer)

Wo wir mal waren zum Vergessen – können wir nicht anders als vernetzen

und der Status ein Symbol

Früher war das hier ein Schutzraum – heute ist es ein Büro

Ich stell noch mal was rein / ich schick noch mal was raus.

Wir sind gar nicht hier. Wir sind überall

Auf welcher Seite von dem Gitter stehen wir in diesem Zoo?

Die Grenze ist längst eingerissen.

Zitate aus: Peer – Schutzraum (hier im Video zum Hören:)

 

Wollten wir nicht mehr als das hier? Mehr als ein schöneres Büro.

AKT 3

Und dann dreht sich das Zimmer für den dritten Akt noch mal, um 180 Grad. Dasselbe Zimmer, wir sehen es von der Rückwand des Bettes aus, und sitzen da, wo das Publikum des zweiten Aktes gesessen hat.

Marietta, Pauls neue Freundin, die aussieht wie Marie, wirft alle (Erinnerungs-)Bilder im Raum auf den Boden.

„Dich such ich, Bild, mit dir hab ich zu reden. Schön bist du, gleichst du mir noch? Sag, wo ist deine Macht?“

Als sie auch tot auf dem Boden liegt, singt Paul „Jetzt gleicht sie ihr ganz, Marie.“

 

Über der Inszenierung liegen die verschiedenen Lichtfarben, des Abends, des Zimmers, eines Sommerabends draußen auf einer Terrasse oder das Licht in der Nacht, wenn man nach dem Heimkommen noch redet.

Eine geliebte Frau, eine erträumte Frau, eine ersetzte Frau, festgesetzte, hochstilisierte Erinnerungen, mehr Schein als das, was war. Etwas, das so aussieht wie die reale Beziehung, aber so sehr so aussehen soll, dass es darin kein Weiterleben gibt, wie es in der realen Beziehung zwangsläufig gewesen wäre.

Es ist eine Ein-Zimmer-Oper über erstarrte Beziehung unter Publikumsbeobachtung geworden, eine Untersuchung über ein Mosaiksteinchen (ein Zimmer) in einer Toten Stadt.

Manchmal einzelne Töne des Glockenspiels in eine Stille die oft zu kurz ist um sie Stille zu nennen aber die kurz aufatmen lässt. Das ist vielleicht mein Fazit zu der Inszenierung: Sie hat zu wenig Stille.

 

Alle Infos auf der Seite der Komischen Oper.

Wieder am 18. und 28. November, 14. und 25. Dezember 2018, und am 28. Juni 2019. Karten 12-78 Euro.

Eine musikalischere Rezension hat der Konzertgänger verfasst.

Noch mehr auf die Entstehungszeit der Oper geht Andreas Oppermann ein.

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Wiederaufnahme ab 4. Oktober 2018: Stella Goldschlag / Neuköllner Oper

                                                                                                                                                         eine unmusikalische Opernrezension

Die Neuköllner Oper inszeniert das Leben der jüdischen Greiferin Stella Goldschlag, die 1922 in Berlin geboren wurde (Libretto Peter Lund, Komposition Wolfgang Böhmer). Sie spielte eine Rolle in vielen Biographien von während der NS-Zeit untergetauchten Juden, sogenannten U-Booten. Das Wagnis, ein reales, umstrittenes Leben zu dramatisieren und zu vertonen, zwischen Dokumentation (Fakten müssen untergebracht werden) und Reduktion (wie kann man einem Menschen gerecht werden, dessen Erleben ein paar Stunden lang zur Identifikation einlädt?) gelingt in einer Meditation über Blickrichtungen und Urteilen.

Das Publikum sitzt sich im Bühnenbild von Sarah Katharina Karl in zwei Blöcken gegenüber, in der Mitte ein Kubus aus Metallrahmen mit Glas dazwischen, wie ein Gewächshaus. Je nach Licht spiegeln diese Flächen, und man sieht sich als Publikum selbst, und dahinter den gegenüberliegenden Block, zwischen an Gefängnisgitter erinnernden Metallstangen.

Eine Sängerin, fünf Sänger, Frederike Haas spielt die Stella mit blonden Perücken, durchgängig, während die fünf Männer wechselnde Rollen übernehmen: ihren Vater, ihren guten Freund Gregor, Adolf Eichmann, Gestapo, SS, ihre drei Ehemänner.

Die Männer tragen Anzüge und sehen gleich aus, nur ihre Schuhe unterscheiden sich: Polierte Anzugschuhe, Turnschuhe, Armeestiefel … in ihrer Gleichheit werden sie zu einer Mehrheit, in der die einzelne Frau verschwindet.

Die meiste Zeit verbringt Stella innerhalb des Glaskubus‘, klettert in ihm per Leiter zu ihrem Vater aufs Dach, liegt auf dem Boden, probiert Kleider an, lehnt sich an die Wände oder versucht sie zu durchbrechen.

Stella bleibt in ihrem Kasten eingeschlossen, die Männer umkreisen den Korpus der wie ein Käfig erscheint, wenn die Glasflächen durchsichtig sind, lachen, diskutieren, bleiben souverän, letztlich frei und diskutieren über sie, Stella.

Das Publikum schaut zusammen mit den Männern auf sie, und gleichzeitig in der Spiegelung auf sich selbst zurück. Damit gibt das Bühnenbild ein erlebbares Abbild der Debatte um die Schuld der jüdischen Mittäter während der Verbrechen der NS-Zeit. Es wird geurteilt über Menschen, die wenig Möglichkeiten hatten, aus einer Position, die frei und sicher ist. Im Blick auf die Betroffenen herrscht der Spiegel der eigenen Position vor, so wie sich das Publikum im Bühnenbild spiegeln kann: Es beschäftigt sich letztlich mit sich selbst. War ich vielleicht weniger schuldig, wenn ich diese Person betrachte?

Es geht um das Publikum, um Handlungsspielräume und Urteilen – Urteilen über jemanden mit wenig Handlungsspielräumen, gespiegelt und identifiziert in Männern, die in viel einfacheren Positionen sind, mit Bewegungsräumen, Teil einer Gruppe, die scheinbar ganz genau wissen, wie das alles zu sehen sei.

Das ist eine der wichtigsten Fragen nach dem Holocaust: Ihn nicht als klaren, monolithischen Block zu sehen, der abgehakt werden kann. Etwas über ihn auszusagen bedeutet immer auch, sich damit auseinanderzusetzen, wo die Verhaltensweisen, die ihn möglich gemacht haben, heute existieren. Und das hat viel mit Gruppen, Individuen und dem Urteilen über Menschen zu tun.

Mit neun Nominierungen führt diese Inszenierung verdient die heute veröffentlichte Auswahl der Jury für den Deutschen Musicalpreis an und wird hoffentlich bald am 31. August 2017 wieder in den Spielplan aufgenommen.

Sie erhielt beim Deutschen Musicalpreis sechs 1. Preise: Bestes Musical, bestes Buch, beste Komposition, beste Liedtexte und beste Regie.

Eine weitere Rezension hat Nicole Haarhoff in ihrem lesenswerten Blog „Berliner Ansichtssachen“ geschrieben: https://berlineransichtssachen.com/2018/10/29/stella-neukoellner-oper/

Hier alle Aufführungstermine

Westdeutschland

David Wagner: Vier Äpfel und Meine Nachtblaue Hose

Als ich klein war, war Westdeutschland ziemlich weit weg, man musste zum Autobahnkreuz Dreilinden fahren, dort sechs Stunden warten, danach vier Stunden Autobahn fahren, und dann war man da. Zumindest war das mein Eindruck. Da die Mauer erst fiel, als ich neun war, waren 10 Stunden proportional zu meinem Gesamtleben eine lange Zeit. Aber es gab Bücher, allen voran Jo Pestum, Peter Härtling und Dagmar Kekulé, da kam man schneller hin, mein Hauptversorgungspunkt war die Bibliothek in Altstadt Spandau, weil die Bibliothekarin dort so nett war, und weil sie viel mehr Bücher hatten als die Hansa-Bibliothek.

Daher hatte ich eine Vorstellung von Westdeutschland, es gab dort Jugendzentren und Baggerseen, Landstraßen mit schwarzweißen Pfeilern an beiden Seiten, mit links zwei Punkten und rechts einem senkrechten Streifen in der schwarzen Bandierung, weiß, und vor und nach Einfahrten rot – letzteres ist wieder eigenes Erleben, das sich mir auf nächtlichen Fahrten eingeprägt hat.

Später, im Studium, lernte ich einige dieser Einfamilienhäuser in kleineren Städten kennen, während ich Kommilitonen zu Hause besuchte. Grillen im Garten, ausgelegte Trittsteine, befestigte Tischdecken, an denen kleine schöne Plastikfrüchte hängen.

Ich fand das alles sehr interessant, so in das Leben der anderen Menschen einzutauchen, in Dinge, die ihren Alltag geprägt hatten, ohne dass sie darüber nachdachten.

Dies ist ein sehr langer Vorspann, um darüber zu reden, dass ich gerade David Wagner lese. Ein sympathischer Mensch. Eine sehr schöne Sprache. Getragen von einem langsamen Klang. Tieffliegende Erinnerungen an ein Westdeutschland, das ich von diesen Kommilitonenbesuchen kenne, Gegenstände auf dem gedeckten Tisch, Marmeladenzubereitung, Lebensmittelaufbewahrung spielen eine wichtige Rolle. Eine nachtblaue Hose hat die frühere Zugehfrau des Erzählers ihm über den Stuhl gehängt.

Neulich war ich bei einem Diaryslam. Dort lesen Leute aus ihren Tagebüchern vor, meist aus der Zeit, als sie 10 – 18 waren. Es kam mir wie eine sehr informative Veranstaltung vor, in der ich wirklich viel über die Jugend an anderen Orten lernte. Von Menschen, denen damals etwas wichtig war, damals ihr Leben wichtig war.

David Wagner erinnert sich. Die emotionale Intensität der Texte, entfaltet sich in der kurzen Distanz bei der Beschreibung der Gegenstände. Es gibt keine Fragen, keine Themen, nur Alltagserinnerungen, in denen Emotionen mitgeliefert werden. Das ist alles. Was ist das? Erzählt er das, in einer Welt, in der nichts mehr wichtig ist, weil für alles gesorgt ist? Ist nur noch wichtig, was mal wichtig war, als man noch nicht den Überblick hatte, als noch alles relevant war?

Es ist für mich nicht relevant. Als jemand, der nicht so aufgewachsen ist, sagt mir der Text nichts. Ich denke nur, ich müsste da gelebt haben, wo die Eier in Paletten von acht mal sechs geliefert wurden, um zu dem Wir zu gehören, das dieser Text voraussetzt. Es ist, als müssten meine eigenen Erinnerungen das ausgleichen, was der Autor mir nicht erzählt. Mir fehlt das Wasser, um dieses Instantpulver aufzugießen, es bleibt trocken.

Ja, da ist eine Liebe in Vier Äpfel. Die Erinnerungen an eine Frau mit dem bezeichnenden Namen L. begleiten den Erzähler durch einen Supermarkt. Ich mochte die Erzählstruktur sehr, ich mag die Fußnoten zu Äpfeln, Eiern und Speisenkellern.

Sie sind nett, die Fußnoten dahingegen im Knackstedt von Michael-André Werner, die ich auch sehr liebe, kommentieren jedoch klug, witzig, geben dem Text eine andere Farbe, Tiefe, sind Abstufungen und Schattierungen die irritieren und mir etwas über die Fragen erzählen, die die Welt stellt. Die in Vier Äpfel erinnerte Beziehung zu der Frau ist zu austauschbar, und die Erinnerungen an Marken sagen mir nichts.

Das einzige Kapitel das in mir die Idee geweckt hat, es könnte noch um etwas gehen, die sich leider nicht konkretisiert hat:

„51

Wer oder was bestimmt mich? Ich glaube, ich bin eine Biene, die durch den Supermarktgarten fliegt, die Verpackungen sind meine Blüten, Form und Farben, Schrift und Geruch verführen mich. Geruch? Aber ich rieche doch gar nichts, ist ja alles verpackt. Ich bin dressiert darauf, auf Formen, Farben und Schriften zu reagieren, bin vielleicht kein perfekter, alles in allem jedoch ein zuverlässiger Konsument, denn ich kaufe die Marken, die ich kenne und schätze und schon immer kaufe, und bin ich mit ihnen glücklicher als mit den Produkten ohne Namen, meine Marken sind noch bei mir, L. ist es nicht.“

Ich hatte Fragen als Jugendliche, ich habe Dinge erlebt, die mir wichtig waren, und dieser Prozess endete mit dem Ende der Jugend nicht. Wenn ich in Texten diese Fragen und Erfahrungen wiederfinde, oder wenn sie Fragen und Themen in mir ansprechen, kann ich den ganzen Weg einer Figur mitgehen.

Die bloße Erinnerung an Gegenstände reicht für mich dafür nicht aus.

„So ist es gewesen“, schreibt Gustav Seibt auf dem Klappentext. Formiert sich da ein deutsches Wir, das vergisst, dass es andere Menschen in Deutschland gibt? Das seine Identität aus der langweiligen, aber beruhigenden Privatvergangenheit des eigenen Reihenhausaufwachsens schöpft?

Der allgemeingültige Ton ist verwirrend und beunruhigend: die Unzufriedenheit mit der Belanglosigkeit des Lebens, die im Eigenen Bedeutung sucht statt den Blick nach Außen zu richten. Die deutsche Teilung, Einkunftsunterschiede, de facto Armut, Herkunftsunterschiede, Scheitern an Grenzen, die es in der Gesellschaft gibt, gehen in dieser Faszination mit der Belanglosigkeit der eigenen Jugend unter, die sich in der nachtblauen Hose eine Stimmung entwickelt wie ein schwüler Tag am Rhein.

„Eine Reise an den Rhein und in die Kindheit einer Generation“ schreibt der Klappentext – die Kindheit der Bundesrepublik fand am Rhein statt, dort wuchs sie politisch auf, soweit könnte man noch gehen, vermutlich würde man bei Böll (z. B. in Billard um halbzehn) Unterstützung für diese These finden, aber es ist nicht die Kindheit einer Generation. Wenn es die Kindheit einer Generation wäre, dann hätten wir in Deutschland wirklich nichts anderes zu beschreiben und politisch nichts anderes zu tun als traurig zu sein dass uns der eigene Überfluss keine besseren Schreibthemen beschert. Das lullt aber alles ein, es lädt dazu ein, wegzugucken. Der Mangel an Themen ist nicht das einzige Problem, das es in Deutschland gibt. Die Menschen, die in Reihenhäusern in Westdeutschland aufgewachsen sind, sind nicht die einzigen, die es in Deutschland gibt. Ein Problem gibt es wenn sie nicht nur den Ton angeben, wie es zu sein scheint, sondern außerdem nichts von den anderen wissen.

Heimat Moabit 1

Heute, ein kalter Tag. Ein sommerlicher Tag mit 17 Grad im Juni und genug Gründen, EisEssen zu gehen. Und spazieren zu gehen. Durch das Stadtschloss an der Rostocker Straße hinten durch, am Spielplatz vorbei. Die Spielplätze auf der Waldstraße, an der Wiclefstraße, am Wullenwebersteg. Auch in den Zeiten, in denen ich woanders gelebt habe, hat es mich immer zutiefst beruhigt, meine Füße in den kühlen Sand eines Spielplatzes graben zu können, wenn ich im Sommer durch Moabit lief.

Egal was war.

Es ist ein besonderes Licht hier im Sommer. Am Nachmittag. Es ist die Farbe des Lichts, das zwischen den Zweigen der Büsche hindurchfällt, an den Ästen der Bäume vorbei. Es hat etwas mit dem Wasser zu tun, das Moabit umgibt. Nehme ich an, mit der Feuchtigkeit, mit der Temperatur, die leicht verschieden ist von anderen Orten, wie vielleicht die Wolkendecke oder auch nur die filternden Schichten ein anderes Licht auf die Stadt werfen. Besonders an den kühleren Tagen im Sommer.

Das ist Heimat für mich. Nach dem Abitur lebte ich für einige Zeit in Ecuador, und das war es, was ich am meisten vermisste: Das Nachmittagslicht. Das Licht, das schräg und leicht fällt, gegen fünf Uhr an einem Tag im Juni. Es gab noch etwas anderes, was mir fehlte: Auf der Straße essen zu können. Nachts durch die Stadt zu laufen. Ich hatte einen wieder kehrenden Traum: Ich lief nach Hause, vom Roseneck aus den Ku’damm entlang, es war dunkel, und ich aß auf dem Heimweg einen Döner.

Döner essen. Das ist ein Gericht, das alle zehn Finger benötigt, zumindest bei mir. Ich habe ihn in den Händen, oben Brot, unten Brot, dazwischen eine bewegliche Ansammlung von Essen. Ich habe meine Diplomarbeit über Brot geschrieben, vielleicht auch deswegen, und seine Anziehungskraft in vielen Kulturen, Essen zu sammeln: Hamburger, Sandwiches, Tortillas, Döner, Schawarma, Klappstullen mit allem, was der Berliner Kühlschrank so hat (Schnitzel, Käse, Wurst).

Ich weiß, dass der Berliner Döner kein original türkisches Gericht ist. Dafür ist er ein Berliner Gericht. Ich habe die Berliner Mischung aus frischen Gurken, Tomaten, Salat und Saucen immer vermisst. Ich weiß, dass die Münchner Mischung, beispielsweise, Unmengen an Fleisch und Weißkraut, manchmal Rotkraut, näher an einem vermeintlichen Original dran sein soll. Trotzdem habe ich immer weitergesucht. Oft kam die Türkische Pizza (Lamacun) näher an den Geschmack heran, den ich mit meinem Döner vermisste – in Mainz wurde das mein Go-to-Essen.

Die Saucen. Knoblauch Kräuter Scharf. Im Grunde ist meine persönliche Kombi Knoblauch-Scharf, aber manchmal denke ich, ein bißchen Kräuter schadet auch nicht. Vor allem meine Zeit in Westdeutschland hat dazu geführt (wo es die so nicht gab), dass ich die rosane Knoblauchsauce immer nehme, wenn es sie gibt und heiß und innig liebe.

In Moabit gibt es den wunderbaren Beusselgrill. Er blickt über die Gleise. Neben dem verlassenen Turm an der Beusselbrücke, in den ich irgendwann einziehen will, hat er eigentlich immer offen, wenn ich dort vorbeikomme, vom S-Bahnhof den Heimweg auf die Moabiter Insel einschlage. Auch wenn die Küche dort partiell schon zu hat, gibt es dort immer noch etwas zu essen, und den Blick aus den großen Fenstern im Raum nach hinten hinaus. Und Tee.

Dieser Beusselgrill ist genauso mein Zuhause wie die Markthalle, die Spielplätze, die großen Gemüseläden wie der BOLU, die zahllosen kleinen Imbisse, und die Leute, die ich auf der Straße treffe und mit denen ich zum Teil aufgewachsen bin. In Mainz habe ich mich am wohlsten in der Neustadt gefühlt, und in München bin ich den Weg vom Hauptbahnhof immer zu Fuß gegangen, durch die Schillerstraße.

Es ist nicht meine Heimat, die Seehofer wieder herstellen will, wenn es ein Deutschland sein soll, das völlig weiß ist, ist es nicht das Land, in dem ich aufgewachsen bin. Ich fühle mich unvertraut, wenn alles homogen ist. Das ist nicht mein Zuhause. Es fühlt sich nicht ruhig oder sicher an.

Als ich Ende 2017 für eine kleine Umfrage zum Jahresende noch ein paar Stimmen aufnehmen wollte, bin ich einmal um den U-Bahnhof Turmstraße gezogen. Neben Menschen, die direkt vom LaGeSo kamen, habe ich mit Leuten gesprochen, die gerade einen Ausbildungsplatz bekommen haben, und am Dönerstand am Westausgang des U-Bahnhofes nicht nur eine flammende Rede gegen die AFD gehört, sondern auch noch eine Hymne auf den dort verkauften Döner (hier am Ende des Audiofiles).

Und dann sind wir mit den Jungs noch zu einer Beste Energy Cipher gegangen („Beste“ ist das Kennwort der Moabiter – wegen „Moabit ist Beste„). Das ist Free Style Hip Hop, im Kreis, mit Leuten, die sich kennen, mögen und vertrauen und das Mikro rumgeben und übernehmen, so wie es gerade der Flow ergibt. Und die Menschen, die genauso unterschiedlich sind, wie sie aussehen, ob jetzt mit Lampenbeleuchtung, im Tageslicht oder in dem Licht, das das ganze Jahr über am Nachmittag neue Winkel findet, in denen es auf der Erde ankommt.

Berlinale Tagebuch Tag 4, Sonntag 18. 02. 2018

Sara Casu, Alba Rohrwacher und Valeria Golino in „La Figlia Mia“

12.00 La Figlia Mia, Wettbewerb, Regie Laura Bispuri

Noch mal, nach „Wieża. Jasny dzień. / Tower. A Bright Day.“, die Frage: Was ist stärker, die Natur oder die Sozialisation, die Bindung an die leibliche oder an die soziale Mutter – eine Frage, die mir beide Filme zu einseitig beantworten, und die Figlia Mia auch noch nicht weniger blond (die biologische Mutter, die mit allen schläft) und braunhaarig (die soziale Mutter, die warmherzig und fürsorglich ist) besetzt, aber ein großartig gespielter (Alba Rohrwacher hätte den Silbernen Bären für diese Rolle bekommen können), voller neuer Perspektiven gedrehter, mit kräftigen, frischen Bildern aufgenommener Film, der ein Seh-Erlerbnis ist. Einer der besseren Filme des Wettbewerbs. Das, was er will, macht er gut.

15.30 The Real Estate, Wettbewerb, Regie Axel Petersén

Nach diesem Film hörte ich das erste Mal „Koslicks Rache“ als Kommentar unter den Kritiker*innen. Die Wackelkamera, dass speziell geblendete Licht lässt mich am Anfang Zweifeln, ob es ein Dokumentarfilm ist. Es zeigt aber nur so unbeschönigt wie möglich das Leben einer Immobilienbesitzerin (Léonore Ekstrand): Friseur, Anwaltsbüro, Fitnessstudio, Hausbegehungen, Seniorenzentrum. Was wollte dieser Film? Hypothesen, die ich gehört habe: „Reiche Leute haben auch Probleme“. „Schön, dass endlich mal einer einen Film über Gentrifizierung macht, der nicht links ist“. Aber warum in diesen Bildern? Ab Minute 60 habe ich ihn schlichtweg nicht mehr verstanden: Was ist diese Hütte? Was macht sie da? Wer ist dieser Mann? Warum geht sie nicht zur Polizei? Eine Sexszene unter nicht ganz jungen Schauspielern ist immerhin bemerkenswert und spannend gefilmt, wenn ich mir auch nicht ganz schlüssig bin, ob die Macher ihre Figur im Anschluss daran nicht verraten haben.

18.30 Becoming Astrid, Berlinale Special, Regie Pernille Fischer Christensen

Berlinale Special bedeutet, der Film war nicht gut genug für den Wettbewerb, aber zu gut für eine der anderen Reihen – eine sehr merkwürdige Definition, wenn man sich anguckt, dass die Highlights des Festivals meistens im Forum oder der Perspektive laufen. Warum dieser Film? Für viele eines der Highlights des Festivals. Der einzige Film, bei dem ich geweint habe. Ein Film, nach dem ich nach Hause gefahren bin, obwohl ich noch Programm gehabt hätte, einfach nur, um im Bus zu sitzen, aus dem Fenster zu sehen und mir dieses Berlin anzuschauen, das mir immer wieder die Frage stellt, wie viel sich Heimat eigentlich verändern kann.

Es ist ein historischer Film, er spielt um die Jahrhundertwende 1900. Er versucht, das Leben der jungen Astrid Lindgren nachzuzeichnen, basierend auf ihren eigenen Niederschriften über die Zeit. Zum Teil fiktionalisiert er auch. Die junge Schauspielerin Alba August spielt Astrid zu  jeder Zeit ihres Lebens anders, es ist tatsächlich ein Film über die Veränderungen des Lebens geworden. Tatsachen, die nicht langweilig werden, nur weil sie passiert sind (häufig das Problem von historischen Filmen, siehe „3 Tage in Quiberon“, weil an ihnen erzählt wird, was sie mit einem Menschen machen, und wie unterschiedlich Charaktere reagieren. Je mehr sich ereignet in diesem Film, in dem wenig Außergewöhnliches passiert, desto plastischer treten seine Welt, seine Figuren hervor. Es ist nicht die Geschichte einer berühmten Frau, es ist die Geschichte dieser einen Protagonistin, die so nachvollziehbar und konkret erzählt wird, dass sie einmalig erscheint und zugleich jedem Zuschauer während des Sehens passiert. Es ist ein Film über Fragen und Entscheidungen, über Mut und Leben, der zwar wunderbar ausgestattet ist als Film, der eine Zeit wiedergibt, sich aber nie wie ein Kostümfilm anfühlt.

 

Berlinale Tagebuch Tag 2, Freitag 16. 02. 2018

Lana Cooper und Daniel Roth in Storkow Kalifornia

14.00 Storkow Kalifornia, Perspektive Deutsches Kino, Regie Kolja Malik

Einer der beiden Filme neben „Tower. In the Light“, die ich empfehle, wenn mich jemand fragt, was ich bisher Gutes gesehen habe. Ein Film, den ich jederzeit noch mal sehen würde, was ich auch versucht habe, aber ich kam nicht noch einmal rein, trotz Anstehens.

Handlung? Ich weiß nicht. Sunny (Daniel Roth) wächst in Storkow, Brandenburg auf. Er lebt mit seiner Mutter Nena (Franziska Ponitz) in einer Art WG, in der Drogen in fließendem Übergang genommen werden. Eines Tages gerät er in eine Verkehrskontrolle, und das Röllchenblasen mit Streifenpolizistin Liv (Lana Cooper) gerät zu einem knisternden Moment. Es erwacht die dicke fette Liebe, poetisch, alltagsnah, völlig von den Charakteren getragen. Und in der Ferne lockt oder droht Berlin, ein Ort, um Storkow zu verlassen.

Wunderschön gefilmt. Der Film sagt alles über diese bestimmte Zeit im Leben dieser Figuren aus genau diesem Ort und zugleich alles über das Leben in den Zwischenräumen, die nicht manifestiert oder sicher sind, die, auf die man keinen Stempel drücken kann, einfach nur durch seine Bilder und Kamerafahrten (Kamera Jieun Yi). Nur 29 Minuten, und für mich bis zum Schluss einer der stärksten visuellen Eindrücke dieser Berlinale. Dafür gehe ich ins Kino. Um das Leben anders sehen zu lernen.

Storkow Kalifornia | Trailer (2017) – YouTube

 

14.30 Rückenwind von Vorn, Perspektive Deutsches Kino, Regie Philipp Eichholtz

Charlie (Victoria Schulz) arbeitet als Quereinsteigerin im Grundschullehramt, ihr Freund Marco (Aleksandar Radenković) macht irgendwas mit Medien. Sie sehen aus wie Hipster, sie wohnen im südlichen Kreuzberg oder nördlichen Neukölln, ihre Wohnung sieht aus wie die von Hipstern real aussieht, wenn sie nicht für Instagram-Fotos ausgeleuchtet und aufgeräumt ist. Freiheit, das ist auf dem Karneval der Kulturen zu Dota die Kleingeldprinzessin tanzen und mit dem selbstausgebauten Wohnwagen durch den Balkan fahren und alles essen, was lecker ist. Marco möchte aber Kinder (nach fünf Jahren Beziehung). Charlie nicht.

Lösung: Nicht Selbstfindung oder so. Nein, da gibts ja schon nen anderen Mann, ihr Kollege Gerry (Daniel Zillmann), der geht auf den Karneval der Kulturen, hat schon so ein Wohnmobil und kocht gerne.

Vielleicht muss man Hipster mögen, um diesen Film gut zu finden? Vielleicht muss man zumindest seine Grundprämisse akzeptieren: Dass das Leben so orientierungslos ist und so wenig Nöte hat, dass sich diese Fragen tatstächlich stellen: Was jetzt? Kochen wär mal wieder schön.

Dabei hat Charlie als Figur genug andere Probleme. Ihre Oma (Angelika Waller), bei der sie aufgewachsen ist, ist schon ziemlich alt. Nichts davon spürt man in der Figur. Weder die Abwesenheit der Eltern noch die Perspektive auf ein Leben, das über mehr hinausgeht als die bundesrepublikanische Gegenwart. Krieg? DDR? Menschen mit Migrationshintergrund in Kreuzberg/Neukölln? Nein. Dieser Film ist der gegenwärtige deutsche Roman als audiovisuelles Medium. Von seinen Fragen, seinen Themen, seinen Figuren her, auch in seinen künstlerischen Mitteln wie der Kamera, die dem Film nichts Neues hinzufügen.

 

15.30 Djamilia, Forum, Regie Aminatou Echard

Dieses Jahr bin ich weniger in Forums-Filmen unterwegs als sonst. Für mich daher der formal mutigste Film der Berlinale. Basierend auf Tschingis Aitmatows Debüt-Novelle Djamilia aus dem Jahr 1958. In dieser berühmten Erzählung, die 1943 spielt, verlässt die eine junge Kirgisin ihren Heimatort, während ihr ungeliebter Mann aus einer arrangierten Ehe als Soldat im Krieg ist, und folgt ihrer Freiheit, ihrem Lebenswillen und ihrer Liebe zu Danijar. (Übrigens war die Novelle Aitmatows Abschlussarbeit am Maxim-Gorki-Literaturinstitut in Moskau – streng genommen also Institutsprosa, ohne diese in Schutz nehmen zu wollen.)

Regisseurin Echard lässt junge Kirgisinnen über Djamilias Geschichte und über ihr Leben sprechen. Sie filmt sie in Bewegung, legt ihre Stimme aber nicht auf die Bilder ihres Gespräches, sondern auf andere, in denen ihre Protagonistinnen schweigen oder anderes tun. Die Landschaft Kirgisiens, die möblierten Landschaften seiner Häuser und Wohnungen bekommen ein ruhiges, kräftiges Bild, in dem man die Luft, das Licht und die Farben förmlich spüren kann, die die Geschichten dieser Frauen mitleben.

Der Film gibt seinen Protagonistinnen allen Raum, aber auch alle Unvoreingenommenheit, und die Protagonistinnen bleiben in ihren Geschichten, Gesichtern, Lebensumständen und Geheimnissen eigene Subjekte, die nie ihre Faszination  verlieren. Trotzdem nicht ganz unanstrengend zu gucken.

 

17.30 L’Empire de la Perfection (In the Realm of Perfection), Forum, Julien Faraut

Ein Dokumentarfilm über Tennis in Schwarzweiß. Grandios geschnitten und komponiert, so dass er keine Minute langweilig wird. Muss man was von Tennis verstehen? Nein. Es geht um den Kampf mit sich selbst. Aus dem Kampf, nicht trotz des Kampfes und der in der Kindheit angelegten Komplikationen zu gewinnen. Energie für das Spiel daraus zu gewinnen, die Menge erst mal gegen sich aufzubringen. Mit einem System, das man schön in Szenen gegeneinander schneiden kann. Ein fast perfekter Dokumentarfilm, der nicht mehr braucht als bestehende Aufnahmen für seine Erzählung, einen Sprecher Mathieu Amalric und einen herausragenden Soundtrack, der vor Mozart nicht zurück schreckt. Eine Meditation über die umperfekten Ecken des Perfekten, die Energie die durch diese Spannung entsteht, und auch über das Filmemachen. Denn Tennis und Filme gehören zusammen, wenn man, wie der Film, Jean-Luc Godard folgt.

 

21.30 Eva, Wettbewerb, Regie Benoit Jacquot

Isabelle Huppert ist so wahnsinnig gut in allem, was sie macht, dass man manchmal das Gefühl hat, das Regisseure, die sie besetzen, sich nicht mehr weiter um den Film zu kümmern brauchen glauben, weil die Hauptrolle alles tragen wird.

Der junge Prostituierte Bertrand (Gaspard Ulliel) nimmt nach dem Tod eines Klienten dessen letztes Manuskript an sich, wird damit erfolgreich, kann ein zweites Stück aber nicht liefern. Für Inspiration bedient er sich der Bekanntschaft mit der High-End-Prostitierten Eva (Isabelle Huppert). Eine nicht mal wechselseitige Projektion.

Dieser Film ist gefilmt wie ein Film. Er experimentiert nicht. Keine anstrengende Wackelkamera, keine Kulisse bei der man ein Auge zudrücken muss. Reiche Leute, Reiche Wohnungen, Paris, ein Châtelet in den Bergen. Spielkasinos. High-End-Prostiuierte. Viel Geld und Erfolg. Der Film ist schön anzusehen, ästhetisch. Keine der gefürchteten Berlinale-Real-Tristess-Demonstrationen (dazu kommen wir morgen mit The Real Estate). Der Film verlangt dem Zuschauer nichts ab. Aber. Das ist zugleich sein Problem. Der Film will auch nichts vom Zuschauer. Was will der Film?

Wiederum (nach The Bookshop, Djamilia, und es werden in den nächsten Tagen einige folgen) eine Literaturverfilmung (von James Hadley Chase ). Und es geht auch um einen Schriftsteller (wie in Transit, Becoming Astrid, Dovlatov, The Happy Prince …) – Themen die die diesjährige Berlinale prägen. Aber im Grunde geht es nicht ums Schreiben, nicht ums Nichtschreibenkönnen des Schriftstellers der keiner ist, aber es ist schwer zu sagen, worum es stattdessen geht. Es ist das Aufbegehren des Erzählenwollens ohne sich mit der Welt auseinander zu setzen. Dazu besteht jedes Recht. Es muss nur gekonnt sein.

Wie war dein 2017?

Ein paar mal bin ich jetzt schon für CouchFM (Montag bis Freitag von 17-18h auf Radio Alex, 91,0) mit einem Mikrofon durch die Gegend gelaufen und habe kleine 1-Minute-Umfragen gemacht. Zu ganz unterschiedlichen Themen. Jetzt, am Ende des Jahres, ging es um das Jahr 2017. Und das ist die bisher politischste Umfrage geworden. Ich habe größtenteils in Moabit rumgefragt. Da ist ja auch das Lageso. Zwei Leute, die ich angesprochen habe, kamen direkt von da. Sie haben sehr nachdenklich geantwortet. Es war ein anstrengendes Jahr, das hoffentlich eine gute Grundlage wird für das nächste Jahr. Ich habe ihnen „the best of luck“ für ihre Pläne und ihre Zukunft gewünscht, und frage mich seitdem, wie das wohl auf sie gewirkt haben muss, nach der Behörde, beim Warten auf die U-Bahn, eine Frage nach ihrem Jahr 2017. Ansonsten hat Moabit genauso bunt geantwortet, wie es ist. Der Döner dort ist nunmal besonders gut.

Wie war dein 2017 (<- Audiolink, ca. 1:30 Minuten)

Und die Leute am Dönerstand haben uns dann gleich noch mitgenommen zu einem Cypher, der das letzte Mal stattfand, weil der Mietvertrag aufgelöst wurde. Was ein Cypher ist, wusste ich vorher auch nicht, aber dazu und besonders über diesen Abend werde ich noch mal einen eigenen Beitrag machen #besteenergycypher #moabitistbeste

Wie geht man raus?

Aus einem Jahr, wie geht man rein? Als ich im Februar 2013 diese Wohnung hier besichtigte und im März einzog, stiegen mit mir am U-Bahnhof Birkenstraße selten mehr als drei Menschen aus. Ich war überrascht, dass es wirklich noch Bahnhöfe ohne Rolltreppe und Fahrstuhl gab.

In den 80ern bin ich in Moabit südlich der Turmstraße aufgewachsen, und die Gegend um die Beusselstraße galt als unheimlich. Nördlich der Turmstraße war ich bloß, weil da die Markthalle steht, zum Einkaufen, und weil vor ihren Eingangstüren blaue Plastikelefanten stehen, auf denen man reiten kann. Außerdem ist St. Paulus, meine Gemeinde, in der Oldenburger Straße knapp nördlich der Turmstraße. Auch das Rathaus Tiergarten und die Verkehrsschule Moabit – alle knapp drüber. Ich habe eine Erinnerung, von der ich nicht weiß, ob sie stimmt, dass die Oberministranten nach dem Ministrieren, wenn es schon dunkel war, besonders die Kinder aus dem Beusselkiez fragten, wie sie nach Hause kamen, und sich darum kümmerten, dass sie zusammen liefen. In meiner Erinnerung war es dort – hier auch immer eher dunkel, wenig Straßenlaternen. Den U-Bahnhof Birkenstraße habe ich damals nie kennengelernt, weil ich in Moabit eher zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs war – warum zum U-Bahnhof Turmstraße laufen, von dort eine Station fahren, und von dort noch mal laufen? Die Wege zum und vom Bahnhof wären länger als der gesamte Weg.

Jetzt lebe ich wieder hier, seit 4 Jahren und 10 Monaten. Und die Gegend hat sich verändert wie nur etwas. Wie alles im Leben vermutlich. Das ist nicht überraschend. Bis 1989 stand hier noch die Mauer, und jetzt laufen Scharen von Menschen die Trampelpfade ins Kallasch und in die Kulturfabrik. Und im Kaffee Klatsch bei Elke wird immer noch geraucht.

Wie geht man aus einem Jahr, wenn man doch weiß, dass sich alles ändert? Die Zeit „zwischen den Jahren“ fiel aus dem Jahr heraus, als es noch den Mondkalender gab. Alle sind beschäftigt, und das gibt einem noch mal Zeit, zu gucken, was war. Was wird, weiß man nie, ich habe auf der letzten Seite von meinem Kalender letztes Jahr eine Mindmap mit Zielen gemacht, in mit Strichen verbundene Begriffe, mit bunten Linien umkringelt, je nach Bereich. Vielleicht die Hälfte davon habe ich erreicht, die andere Hälfte hat sich verschoben durch Dinge, die passiert sind, die ich ganz anders erwartet hätte. Das ist meine Erfahrung mit Plänen: Wenn ich zwei, drei Jahre später auf sie zurückschaue, ist das, was passiert ist, etwas, das ich mir zum Planungszeitraum nicht vorstellen konnte. Weil jedes Jahr aus ca. 365 einzelnen Tagen besteht, nicht aus einem einzelnen Sprung. Und sich von jedem einzelnen Tag aus neue Wege ergeben, auf denen wieder etwas anderes aufbaut, und so fort. Die Veränderungen sind exponentiell, nicht linear.

„Die Urweihnacht war ein ausgelassenes Fest“, zitiert Pamela Dörhofer in der Frankfurter Rundschau die Historikerin Renate Reuther. Bei dem man von Haus zu Haus zog, Bräuche wie sie jetzt Halloween zurückkommen oder am Dreikönigstag noch begangen werden, nicht alleine zu Hause saß. Dieser Artikel hat mich beschäftigt in der letzten Woche, ich habe weiter gelesen, alles über diese 12 Tage „zwischen den Jahren“, die Bräuche, die Traditionen, die Wünsche. Etwas über die Zukunft herausfinden zu können in der Zeit, die nicht in der kalendarischen Ordnung festgehalten wird.

Was man draus macht, ist immer was die Zukunft ist, aber genauso das, was die Vergangenheit ausmacht. Wie man es sich zusammenfasst, wie man es deutet, welche Trampelpfade der Erinnerung man entlang geht, wenn man sie jemandem erzählt. Ich weiß mehr über das alte Moabit als über das neue Moabit der Trampelpfade vom U-Bahnhof zum Kallasch, zur Kulturfabrik und zum ZKU. Vielleicht finde ich es nächstes Jahr heraus. Wie das geht, mit dem Nebeneinanderher von westdeutscher Jugend und verwurzelten Berliner*innen weiterzuleben.

Ich habe schon ein paar Ziele für das nächste Jahr gesammelt. Auch die Berliner Verkehrsbetriebe und die Berliner Bäderbetriebe haben sich Ziele für das nächste Jahr gesucht. Ich hoffe fast noch mehr, dass sie ihre Ziele erreichen als ich. Endlich wieder ein saniertes Poststadion, Spreewaldbad und Paracelsusbad! Und vielleicht irgendwann die U5 bis zur Turmstraße verlängern. Dann wären wir Moabiter endlich auch an das Zentrum von Mitte angeschlossen, einem Bezirk, dem wir offiziell seit 2001 angehören.

Mehr verbinden, mehr sanieren, das sind doch Ziele. Schwimmbäder, in denen es weniger zieht, sauberer ist, Wege kürzer sind. Das gilt auch für ein Verkehrsnetz. Nicht unbedingt für ein Leben. Da sind ja oft die längeren Wege die interessanteren. Mit dem Ring die längere Strecke fahren als die, mit der man schneller zu Hause wäre. Zu Hause, am S-Bahnhof Beusselstraße. Da, wo der Blick auf die Gleisanlage des alten Güterbahnhof Moabit, mit dem unbewohnten Turm, in den ich einziehen möchte, fällt (siehe Foto). Da wo die freundliche Bäckerei ist, die so gut ist, dass ein Spandauer Ruderkollege von uns extra am S-Bahnhof Beusselstraße aussteigt, nur um sich da ein Rühreibrötchen zu kaufen. Und an dem der hervorragende Dönerladen an der Ecke ist, von dessen großzügigem Hinterraum aus man auf die Gleisanlagen schauen kann und auf die Sonne, wie sie auf- oder untergeht, je nachdem wann man da ist.

Tagesanfänge, Tagesenden sind ja auch solche Zeiten, an denen man vor- und zurückschaut, und nach innen und nach außen. Wie auch an Gleisen, und da wo sich Schneisen in der Stadt zeigen, wo etwas losgeht oder ankommt. Wie eben zwischen den Jahren, dem Umsteigebahnhof des Kalenderjahres.

Wie man eine Ente in Berlin macht

Es ist der 25. Dezember, ein Montag, 13.20h. Weihnachten hat staatlich freie Feiertage, und es wird auch immer viel gegessen. Mit Tradition oder ohne. Und wenn, unter Einbeziehung sehr unterschiedlicher Traditionen. Eine sehr klassische ist: Heiligabend (der 24.) Kartoffelsalat und Würstchen oder Fisch, weil das eigentlich noch ein Fastentag ist. Und dann am 25., dem ersten Weihnachsfeiertag, der Braten. Oft ein großer Vogel.

Wie gesagt, es ist 13.20h, da muss es langsam losgehen. Für alle, die noch nicht genau wissen wie, hier ein Rezept: Hilfreich, schnell, kompetent:

Wie man eine Ente in Berlin macht (Audio-Link / ein kleines Spontaninterview beim Betriebseingang der Komischen Oper Berlin)