Reisewarnung für Ostdeutschland? — InKladde

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Wieder einmal der Osten: In Chemnitz und Köthen hat jüngst der Hass auf vermeintlich fremd wirkende Menschen in den gewalttätigen Ausschreitungen von Rechtsextremen seine hässlichsten Auswüchse gezeigt. Es gibt Menschen, die jetzt am liebsten einen großen Bogen um Ostdeutschland machen würden. Einzelne wünschen sich die Mauer zurück. Und auf einem Elternabend wird diskutiert, ob von Klassenfahrten in den Osten nicht grundsätzlich Abstand zu nehmen sei.

Ist Ostdeutschland eine No-go-Area?

Ist es tatsächlich schon so weit, dass vor Schulausflügen nach Ostdeutschland gewarnt werden muss? Sind Mecklenburg Vorpommern oder Sachsen spätestens ab jetzt als Urlaubsort keine Option mehr? Bereits nach den Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte gab es Reisewarnungen aus Kanada und China an die jeweils eigenen Bürger des Landes. Die Sorge der „Betroffenen“ darf man nicht bagatellisieren. Aber lässt man sie nicht mit ihrer Sorge alleine, wenn man den Osten einfach zur No-go-Area deklariert? Es ist ein falsches Signal, aus verschiedenen Gründen.

Den Schüler*innen und Schülern vermittelten wir damit, in Ostdeutschland nicht mehr  für ihre Sicherheit garantieren zu können. Aber kann man in Mecklenburg-Vorpommern wirklich nicht mehr angstfrei über die Straßen gehen oder haben wir nur den Eindruck, weil wir seit Wochen vorrangig die Bilder von pöbelnden, demonstrierenden Menschen im Osten sehen? Und wenn es so wäre: Wollten wir das wirklich akzeptieren? Ist es nicht vielmehr die Aufgabe der Eltern, Pädagog*innen und Begleitpersonen, sicherzustellen, dass auch Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund sich sicher und unversehrt in Ostdeutschland aufhalten können?

Zivilcourage ist überall gefragt

In dieser Aufgabe sind wir auch andernorts gefragt, denn: Fremdenhass gibt es leider nicht nur im Osten, auch wenn er sich dort gerade sehr stark und besonders unangenehm offenbart. Dabei erhalten die Rechtsextremen dort übrigens Verstärkung aus den westlichen Bundesländern, in Chemnitz und auch bei anderen Kundgebungen und Treffen. Wachsamkeit ist also in ganz Deutschland empfehlenswert: Auch in Gelsenkirchen, Berlin oder Hamburg gibt es immer wieder Situationen, in denen Kinder, Jugendliche und Erwachsene beleidigt oder gar körperlich angegriffen werden, weil man sie als Fremde ausgrenzen möchte. Darauf müssen Menschen, die diesen Ausgrenzungen ausgesetzt werden, vorbereitet sein. Vor allem aber müssen sich ihre Mitmenschen klar machen, dass sie in ihrer ganzen Aufmerksamkeit und Zivilcourage gefragt sind. Erwachsene sollten wissen, junge Menschen lernen, dass sie eingreifen und helfen müssen, wenn es zu verbalen oder körperlichen Übergriffen kommt – sei es in Augsburg, Frankfurt oder in Hannover, sei es in Görlitz, Meißen oder an der Ostsee in Mecklenburg-Vorpommern.

In Sippenhaft

Die, die jetzt Ostdeutschland als „No-go-Area“ markieren, wünschen sich, ihr Boykott möge als Strafe wirken, im Sinne von „dann sehen sie mal, was sie davon haben“. Das soll auch die Politiker*innen treffen, insbesondere natürlich die der AfD. Unter dem Imageschaden leiden aber eher nicht die, die für die aktuellen Ereignisse verantwortlich sind – im Gegenteil. Die grölenden Neonazis haben sich mit ihren fremdenfeindlichen Parolen, mit Hitlergruß und rechtsradikalen Positionen in ihrer Schmuddelecke schon lange und gut eingerichtet – es kratzt sie wenig, ob Menschen aus dem Westen ihre Region mit einem Reiseboykott belegen. Viel eher fühlen sie sich bestätigt, wenn es ihnen gelingt, Menschen einzuschüchtern. Politiker*innen erscheinen eher hilflos als einsichtig, was ihr Anteil an der Entwicklung gewesen sein könnte. Wichtige Entscheidungsträger sind schon gar nicht mehr im Amt.

Wer aber unter dieser Art von „Reisewarnung“ leiden würde, sind die, die in Sippenhaft genommen werden, einfach weil sie im Osten leben. Es sind auch die Menschen, die im Kampf gegen Rechtsradikalismus und Neonazis schon Jahre lang alleine gelassen worden sind – von Bürger*innen und Politiker*innen im Westen genau wie von vielen im Osten. In der augenblicklichen Wahrnehmung mag es erscheinen, als seien es nicht zu viele. Vielleicht sind sie aber einfach nur müde und frustriert, weil sie erkennen müssen, dass trotz ihres Engagements nicht verhindert werden konnte, was jetzt auf den Straßen zu sehen ist?

Rechtsradikalismus – ein gesamtdeutsches Problem

Nicht zuletzt geht es auch um Verantwortung. Es ist eine Form der Abspaltung, die Ursachen von Rechtsradikalismus und Neonazismus auf eine entsprechende Mentalität und die Menschen im Osten zu reduzieren, auch wenn es dort unzweifelhaft ein besonderes Problem damit gibt. Arroganz aus dem Westen aber ist hier fehl am Platz. „Warum der Osten“ ist eine komplexe, vielschichtige Frage, die eine gemeinsame Verantwortung niemals ausgrenzen kann. Es war zum Beispiel der westdeutsche Politiker Kurt Biedenkopf, der sich jahrelang geweigert hat, die Anzeichen des Erstarkens des Neonazismus in Sachsen wahrzunehmen, geschweige denn, dagegen anzugehen. Und es war die bundesdeutsche Regierung, die im eigenen Interesse viel in die Wirtschaftsförderung in den „neuen Bundesländern“, aber viel zu wenig in die politische Präventionsarbeit investiert hat.

Was im Osten gerade zu sehen ist, ist ein gesamtdeutsches Problem. Wir lösen es nicht, wenn wir die Regionen mit einer Bannmeile versehen. Wir müssen dort sein, Einschüchterungsversuche ignorieren, Haltung zeigen, nach den wirklichen Ursachen der aktuellen Entwicklungen forschen. Wir müssen auf Polizeischutz pochen für die, die bedroht und angegriffen werden. Und wir müssen die unterstützen, die im Osten schon jetzt für die Werte einer freiheitlichen Demokratie unterstützen.

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Westdeutschland

David Wagner: Vier Äpfel und Meine Nachtblaue Hose

Als ich klein war, war Westdeutschland ziemlich weit weg, man musste zum Autobahnkreuz Dreilinden fahren, dort sechs Stunden warten, danach vier Stunden Autobahn fahren, und dann war man da. Zumindest war das mein Eindruck. Da die Mauer erst fiel, als ich neun war, waren 10 Stunden proportional zu meinem Gesamtleben eine lange Zeit. Aber es gab Bücher, allen voran Jo Pestum, Peter Härtling und Dagmar Kekulé, da kam man schneller hin, mein Hauptversorgungspunkt war die Bibliothek in Altstadt Spandau, weil die Bibliothekarin dort so nett war, und weil sie viel mehr Bücher hatten als die Hansa-Bibliothek.

Daher hatte ich eine Vorstellung von Westdeutschland, es gab dort Jugendzentren und Baggerseen, Landstraßen mit schwarzweißen Pfeilern an beiden Seiten, mit links zwei Punkten und rechts einem senkrechten Streifen in der schwarzen Bandierung, weiß, und vor und nach Einfahrten rot – letzteres ist wieder eigenes Erleben, das sich mir auf nächtlichen Fahrten eingeprägt hat.

Später, im Studium, lernte ich einige dieser Einfamilienhäuser in kleineren Städten kennen, während ich Kommilitonen zu Hause besuchte. Grillen im Garten, ausgelegte Trittsteine, befestigte Tischdecken, an denen kleine schöne Plastikfrüchte hängen.

Ich fand das alles sehr interessant, so in das Leben der anderen Menschen einzutauchen, in Dinge, die ihren Alltag geprägt hatten, ohne dass sie darüber nachdachten.

Dies ist ein sehr langer Vorspann, um darüber zu reden, dass ich gerade David Wagner lese. Ein sympathischer Mensch. Eine sehr schöne Sprache. Getragen von einem langsamen Klang. Tieffliegende Erinnerungen an ein Westdeutschland, das ich von diesen Kommilitonenbesuchen kenne, Gegenstände auf dem gedeckten Tisch, Marmeladenzubereitung, Lebensmittelaufbewahrung spielen eine wichtige Rolle. Eine nachtblaue Hose hat die frühere Zugehfrau des Erzählers ihm über den Stuhl gehängt.

Neulich war ich bei einem Diaryslam. Dort lesen Leute aus ihren Tagebüchern vor, meist aus der Zeit, als sie 10 – 18 waren. Es kam mir wie eine sehr informative Veranstaltung vor, in der ich wirklich viel über die Jugend an anderen Orten lernte. Von Menschen, denen damals etwas wichtig war, damals ihr Leben wichtig war.

David Wagner erinnert sich. Die emotionale Intensität der Texte, entfaltet sich in der kurzen Distanz bei der Beschreibung der Gegenstände. Es gibt keine Fragen, keine Themen, nur Alltagserinnerungen, in denen Emotionen mitgeliefert werden. Das ist alles. Was ist das? Erzählt er das, in einer Welt, in der nichts mehr wichtig ist, weil für alles gesorgt ist? Ist nur noch wichtig, was mal wichtig war, als man noch nicht den Überblick hatte, als noch alles relevant war?

Es ist für mich nicht relevant. Als jemand, der nicht so aufgewachsen ist, sagt mir der Text nichts. Ich denke nur, ich müsste da gelebt haben, wo die Eier in Paletten von acht mal sechs geliefert wurden, um zu dem Wir zu gehören, das dieser Text voraussetzt. Es ist, als müssten meine eigenen Erinnerungen das ausgleichen, was der Autor mir nicht erzählt. Mir fehlt das Wasser, um dieses Instantpulver aufzugießen, es bleibt trocken.

Ja, da ist eine Liebe in Vier Äpfel. Die Erinnerungen an eine Frau mit dem bezeichnenden Namen L. begleiten den Erzähler durch einen Supermarkt. Ich mochte die Erzählstruktur sehr, ich mag die Fußnoten zu Äpfeln, Eiern und Speisenkellern.

Sie sind nett, die Fußnoten dahingegen im Knackstedt von Michael-André Werner, die ich auch sehr liebe, kommentieren jedoch klug, witzig, geben dem Text eine andere Farbe, Tiefe, sind Abstufungen und Schattierungen die irritieren und mir etwas über die Fragen erzählen, die die Welt stellt. Die in Vier Äpfel erinnerte Beziehung zu der Frau ist zu austauschbar, und die Erinnerungen an Marken sagen mir nichts.

Das einzige Kapitel das in mir die Idee geweckt hat, es könnte noch um etwas gehen, die sich leider nicht konkretisiert hat:

„51

Wer oder was bestimmt mich? Ich glaube, ich bin eine Biene, die durch den Supermarktgarten fliegt, die Verpackungen sind meine Blüten, Form und Farben, Schrift und Geruch verführen mich. Geruch? Aber ich rieche doch gar nichts, ist ja alles verpackt. Ich bin dressiert darauf, auf Formen, Farben und Schriften zu reagieren, bin vielleicht kein perfekter, alles in allem jedoch ein zuverlässiger Konsument, denn ich kaufe die Marken, die ich kenne und schätze und schon immer kaufe, und bin ich mit ihnen glücklicher als mit den Produkten ohne Namen, meine Marken sind noch bei mir, L. ist es nicht.“

Ich hatte Fragen als Jugendliche, ich habe Dinge erlebt, die mir wichtig waren, und dieser Prozess endete mit dem Ende der Jugend nicht. Wenn ich in Texten diese Fragen und Erfahrungen wiederfinde, oder wenn sie Fragen und Themen in mir ansprechen, kann ich den ganzen Weg einer Figur mitgehen.

Die bloße Erinnerung an Gegenstände reicht für mich dafür nicht aus.

„So ist es gewesen“, schreibt Gustav Seibt auf dem Klappentext. Formiert sich da ein deutsches Wir, das vergisst, dass es andere Menschen in Deutschland gibt? Das seine Identität aus der langweiligen, aber beruhigenden Privatvergangenheit des eigenen Reihenhausaufwachsens schöpft?

Der allgemeingültige Ton ist verwirrend und beunruhigend: die Unzufriedenheit mit der Belanglosigkeit des Lebens, die im Eigenen Bedeutung sucht statt den Blick nach Außen zu richten. Die deutsche Teilung, Einkunftsunterschiede, de facto Armut, Herkunftsunterschiede, Scheitern an Grenzen, die es in der Gesellschaft gibt, gehen in dieser Faszination mit der Belanglosigkeit der eigenen Jugend unter, die sich in der nachtblauen Hose eine Stimmung entwickelt wie ein schwüler Tag am Rhein.

„Eine Reise an den Rhein und in die Kindheit einer Generation“ schreibt der Klappentext – die Kindheit der Bundesrepublik fand am Rhein statt, dort wuchs sie politisch auf, soweit könnte man noch gehen, vermutlich würde man bei Böll (z. B. in Billard um halbzehn) Unterstützung für diese These finden, aber es ist nicht die Kindheit einer Generation. Wenn es die Kindheit einer Generation wäre, dann hätten wir in Deutschland wirklich nichts anderes zu beschreiben und politisch nichts anderes zu tun als traurig zu sein dass uns der eigene Überfluss keine besseren Schreibthemen beschert. Das lullt aber alles ein, es lädt dazu ein, wegzugucken. Der Mangel an Themen ist nicht das einzige Problem, das es in Deutschland gibt. Die Menschen, die in Reihenhäusern in Westdeutschland aufgewachsen sind, sind nicht die einzigen, die es in Deutschland gibt. Ein Problem gibt es wenn sie nicht nur den Ton angeben, wie es zu sein scheint, sondern außerdem nichts von den anderen wissen.

Blogparade: ‚Europa und das Meer‘ – Lasst uns leben! — Mal Zwetschgenmann – Mal Wassermann

Es kommt selten vor, dass ich bei einer Blogparade gleich mit mehreren Beiträgen vertreten bin. Aber diese lässt mich irgendwie nicht los. Aufmerksam verfolge ich die Beiträge zum Thema Europa und das Meer, die vom Deutschen Historischen Museum parallel zur gleichlautenden Ausstellung gesammelt wurden (und werden). Viel habe ich übers Meer gelesen – sehr persönliche Eindrücke, sehr spannende Texte, Anregendes, Nachdenkliches, Bedrückenden, Poetisches.
Wäre ich nicht gerade erst vom Meer zurückgekommen, vielleicht würde es mich gar nicht mal so interessieren. So aber möchte ich heute in der Zielgerade der Parade noch einmal ein Thema ansprechen, das mir sehr am Herzen liegt – ein Thema, über das man nicht oft genug sprechen kann:

Lasst uns leben!

Das Meer ist Lebensraum für so viele wunderbare und wundersame Pflanzen und Tiere. Die meisten davon werden wir wohl nie zu Gesicht bekommen, zumindest nicht lebend.
Wäre ich Taucher, ich würde vermutlich etwas mehr Meer sehen, als Schwimmer mit Schwimmbrille kratze ich buchstäblich nur an der Oberfläche, sehe selten mal einen Fisch, gelegentlich eine Muschel, Seetang und -gras.
Flüchtige Begegnungen sind das.
Auch über der Wasseroberfläche beschränken sich diese Begegnungen am Meer auf die Vögel und eher selten Seehunde oder Robben. Davon war in diesem Beitrag bereits zu lesen. Wer will, kann sich dort von meiner Begeisterung für Basstölpel inspirieren lassen.

Aber ich würde gerne so viel mehr sehen von diesem Lebensraum, der – und das wissen wir alle – äußerst fragil geworden ist. Naturschutzgebiete können nicht annähernd kompensieren, was der Mensch in seiner grenzenlosen Gier und Ausbeutung der Meere bereits zerstört hat oder in seiner Ignoranz den Ozeanen an Umweltbelastungen zumutet.

Lasst und leben! Kegelrobben

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MEER

Als Kind klangen für mich „Meer“ und „mehr“ gleich. Das ist für mich immer haften geblieben. Meer ist mehr. Mehr von Wasser, mehr von Weite, mehr als Land.

Im Atlas sieht man die Kontinente, die wie ein Puzzle zusammenpassen zu scheinen, man lernt, wie sie sich bewegt haben, auseinander, zusammen, auf unterirdischen und in diesem Fall auch unterseeischen Lavaströmen.

Und um sie rum die blaue Fläche in verschiedenen Tiefen, verschieden dunkles Blau, das die Legende am Rande der Karte als verschiedene Metertiefen auflöst.

Größtenteils sind es Meere, die die Kontinente voneinander trennen. Oft stellen sie auch Landesgrenzen da. Hier Land, da Wasser, hier Staat, da Hoheitsgebiete, auf denen gefischt werden darf und Erdöl gebohrt werden kann, dahinter internationale Seegewässer. Auf denen fahren Schiffe, die eine Flagge brauchen, wieder zu einem Staat gehören, kleine extraterritoriale Staatsgebilde mit eigenem Seerecht.

In einer Zeit, in der Grenzen immer wichtiger werden, in der Landgrenzen besser ausgeleuchtet werden können durch moderne Technik, Kameras, Beleuchtung, Infrarotsuchgeräte, bildet das Meer eine merkwürdig hybride Grenze. Wasser verändert Sandstrukturen, Felsen, schabt an Mauern, bildet Rost, verändert seinen Höhenstand, treibt oder zieht sich zurück. Gischt, Luftfeuchtigkeit, Nebel, Gewitter erschweren die Sicht. Ungleiche Machtverhältnisse führen zu unterschiedlichem Druck auf Menschen in unterschiedlichen Ländern, und zu unterschiedlichen Lebensbedingungen und Möglichkeiten, das eigene Leben zu gestalten bis hin zu essentiellen Menschenrechten wie Unversehrtheit, Nahrung, Wasser.

Es sind zunehmend die Grenzen, die das lösen sollen. Not, Unsicherheit durch menschengemachte und umweltgemachte Bedingungen, die sich nicht ausweiten sollen, die woanders bleiben sollen. Es soll mehr Sicherheit geben, zu kontrollieren, wo das ist. Zu kontrollieren, wohin sich die Menschen bewegen, die davor fliehen. Die manche verantwortlich machen. Genauere Regelungen. Klarere Regelungen. Striktere Regelungen. Mehr Kontrollen.

Und seit Jahrzehnten (Jahrhunderten) Menschen, die sich bewegen. Über das Wasser und über Land.

Schon die documenta 2002 zeigte Bilder vom Meer, in die Namen und Ausweise von ertrunkenen Flüchtenden eincollagiert waren. Das war die documenta, in der parrallel die Elbflut stattfand und Bilder von Dämmen und auf dem Wasser treibenden Schlauchbooten über Bildschirme in der Karlsaue flimmerten.

Menschen ertrinken auf dem Weg nach Europa übers Meer. So wichtig erscheint ihnen der Weg, dass sie es in Kauf nehmen, zu sterben. Wie auch immer man das sieht, was auch immer man für Motive annimmt, das muss man begreifen. Was sie bewegt, ist schlimm genug, dass ein möglicher Ertrinkungstod eine Alternative darstellt.

Boote auf dem Meer, die einen Weg bedeuten, die Möglichkeit, einen anderen Ort zu erreichen. Und zugleich Boote, die von anderen Häfen aufbrechen, Freizeitboote, Dampfer, Yachten, über dasselbe Meer.

Die Möglichkeit, über das Meer ein anderes Leben zu erreichen, ging auch von Europa aus. Das Auswanderermuseum in Bremerhaven hat eine großartige Dauerausstellungen zu den Motiven, Wegen und Schiffen dieser Migrationsbewegung.

In einer sicheren Wohlstandsgesellschaft ist Wassersport der Sport der Reichen. Er steht für Freizeit („Am Sonntag will mein Süßer mit mir Segeln gehn.“), Freiheit, Ausspannen.

Die Möglichkeiten, die das Wasser bietet. Die Bewegung, die Wellen, wie es das Licht fängt. Beim Rudern an der Pfaueninsel Pause machen, den Alltag vergessen in der gleichmäßigen Bewegung, in den Farben der verbeiziehenden Bäume.

Das Wasser gleicht seine Oberfläche immer wieder aus. Am Horizont, am Meer erscheint es als Linie. Unter dem Himmel, von dem es im Schöpfungsbericht der Bibel durch Trennung geschaffen wird: „Und Gott machte die Wölbung und schied die Wasser, die unterhalb der Wölbung von den Wassern, die oberhalb der Wölbung waren.“ (Genesis Kapitel 1, Vers 7, Elberfelder Übersetzung). Im Hebräischen trennt Gott Mayim (מים )  von Schamayim ( שמים ), Wasser von Himmel, beide Wörter phonetisch in einem Mengendual, Wörter, die nicht im Singular bestehen können. Die Himmel. Und die Wasser. Die in der Optik, in der Malerei die Farbe des jeweils anderen wiedergeben.

Der Blick in die Ferne, die Weite, ist in Alfred Anders‘ „Sansibar oder der letzte Grund“ der Blick in die Freiheit und der Blick in die Sehnsucht. Die Möglichkeiten, die in der Bewegung und letzten Unkontrollierbarkeit des Wassers liegen stehen für die Freiheit, etwas anders zu machen und die Enge, wenn nur noch ein Ausweg bleibt: der, der keine Sicherheit bietet.

 

Heimat Moabit 1

Heute, ein kalter Tag. Ein sommerlicher Tag mit 17 Grad im Juni und genug Gründen, EisEssen zu gehen. Und spazieren zu gehen. Durch das Stadtschloss an der Rostocker Straße hinten durch, am Spielplatz vorbei. Die Spielplätze auf der Waldstraße, an der Wiclefstraße, am Wullenwebersteg. Auch in den Zeiten, in denen ich woanders gelebt habe, hat es mich immer zutiefst beruhigt, meine Füße in den kühlen Sand eines Spielplatzes graben zu können, wenn ich im Sommer durch Moabit lief.

Egal was war.

Es ist ein besonderes Licht hier im Sommer. Am Nachmittag. Es ist die Farbe des Lichts, das zwischen den Zweigen der Büsche hindurchfällt, an den Ästen der Bäume vorbei. Es hat etwas mit dem Wasser zu tun, das Moabit umgibt. Nehme ich an, mit der Feuchtigkeit, mit der Temperatur, die leicht verschieden ist von anderen Orten, wie vielleicht die Wolkendecke oder auch nur die filternden Schichten ein anderes Licht auf die Stadt werfen. Besonders an den kühleren Tagen im Sommer.

Das ist Heimat für mich. Nach dem Abitur lebte ich für einige Zeit in Ecuador, und das war es, was ich am meisten vermisste: Das Nachmittagslicht. Das Licht, das schräg und leicht fällt, gegen fünf Uhr an einem Tag im Juni. Es gab noch etwas anderes, was mir fehlte: Auf der Straße essen zu können. Nachts durch die Stadt zu laufen. Ich hatte einen wieder kehrenden Traum: Ich lief nach Hause, vom Roseneck aus den Ku’damm entlang, es war dunkel, und ich aß auf dem Heimweg einen Döner.

Döner essen. Das ist ein Gericht, das alle zehn Finger benötigt, zumindest bei mir. Ich habe ihn in den Händen, oben Brot, unten Brot, dazwischen eine bewegliche Ansammlung von Essen. Ich habe meine Diplomarbeit über Brot geschrieben, vielleicht auch deswegen, und seine Anziehungskraft in vielen Kulturen, Essen zu sammeln: Hamburger, Sandwiches, Tortillas, Döner, Schawarma, Klappstullen mit allem, was der Berliner Kühlschrank so hat (Schnitzel, Käse, Wurst).

Ich weiß, dass der Berliner Döner kein original türkisches Gericht ist. Dafür ist er ein Berliner Gericht. Ich habe die Berliner Mischung aus frischen Gurken, Tomaten, Salat und Saucen immer vermisst. Ich weiß, dass die Münchner Mischung, beispielsweise, Unmengen an Fleisch und Weißkraut, manchmal Rotkraut, näher an einem vermeintlichen Original dran sein soll. Trotzdem habe ich immer weitergesucht. Oft kam die Türkische Pizza (Lamacun) näher an den Geschmack heran, den ich mit meinem Döner vermisste – in Mainz wurde das mein Go-to-Essen.

Die Saucen. Knoblauch Kräuter Scharf. Im Grunde ist meine persönliche Kombi Knoblauch-Scharf, aber manchmal denke ich, ein bißchen Kräuter schadet auch nicht. Vor allem meine Zeit in Westdeutschland hat dazu geführt (wo es die so nicht gab), dass ich die rosane Knoblauchsauce immer nehme, wenn es sie gibt und heiß und innig liebe.

In Moabit gibt es den wunderbaren Beusselgrill. Er blickt über die Gleise. Neben dem verlassenen Turm an der Beusselbrücke, in den ich irgendwann einziehen will, hat er eigentlich immer offen, wenn ich dort vorbeikomme, vom S-Bahnhof den Heimweg auf die Moabiter Insel einschlage. Auch wenn die Küche dort partiell schon zu hat, gibt es dort immer noch etwas zu essen, und den Blick aus den großen Fenstern im Raum nach hinten hinaus. Und Tee.

Dieser Beusselgrill ist genauso mein Zuhause wie die Markthalle, die Spielplätze, die großen Gemüseläden wie der BOLU, die zahllosen kleinen Imbisse, und die Leute, die ich auf der Straße treffe und mit denen ich zum Teil aufgewachsen bin. In Mainz habe ich mich am wohlsten in der Neustadt gefühlt, und in München bin ich den Weg vom Hauptbahnhof immer zu Fuß gegangen, durch die Schillerstraße.

Es ist nicht meine Heimat, die Seehofer wieder herstellen will, wenn es ein Deutschland sein soll, das völlig weiß ist, ist es nicht das Land, in dem ich aufgewachsen bin. Ich fühle mich unvertraut, wenn alles homogen ist. Das ist nicht mein Zuhause. Es fühlt sich nicht ruhig oder sicher an.

Als ich Ende 2017 für eine kleine Umfrage zum Jahresende noch ein paar Stimmen aufnehmen wollte, bin ich einmal um den U-Bahnhof Turmstraße gezogen. Neben Menschen, die direkt vom LaGeSo kamen, habe ich mit Leuten gesprochen, die gerade einen Ausbildungsplatz bekommen haben, und am Dönerstand am Westausgang des U-Bahnhofes nicht nur eine flammende Rede gegen die AFD gehört, sondern auch noch eine Hymne auf den dort verkauften Döner (hier am Ende des Audiofiles).

Und dann sind wir mit den Jungs noch zu einer Beste Energy Cipher gegangen („Beste“ ist das Kennwort der Moabiter – wegen „Moabit ist Beste„). Das ist Free Style Hip Hop, im Kreis, mit Leuten, die sich kennen, mögen und vertrauen und das Mikro rumgeben und übernehmen, so wie es gerade der Flow ergibt. Und die Menschen, die genauso unterschiedlich sind, wie sie aussehen, ob jetzt mit Lampenbeleuchtung, im Tageslicht oder in dem Licht, das das ganze Jahr über am Nachmittag neue Winkel findet, in denen es auf der Erde ankommt.

Erzählungen

(1)

Als ich einige Zeit in Israel verbrachte, mussten wir der Studienleitung unterschreiben, dass wir nicht Bus fuhren und nicht in Cafés in die Jerusalemer Neustadt gingen. Es gab in der Abtei, in der ich wohnte, einen Bunker, der für den 1. Irakkrieg 1990/91 angelegt worden war, und in dem sich mittlerweile Regale voller Bücher befanden, die ehemalige Studienjährler dort liegen gelassen hatten, um Gepäckgewicht für den Rückflug zu sparen. Das Internet benutzte ich in dieser Zeit nur über den gemeinsamen Kopier- und Computerraum, weil mein mobiler Rechner, den ich immerhin schon hatte, kein Modem besaß. Ich las in dieser Zeit zwischen drei und sieben Bücher die Woche, schleppte immer ein paar hoch, und die ausgelesenen wieder runter, es fiel kaum auf, weil in den Lagerregalen so viele Bücher standen, viele doppelt.

Siegfried Lenz, Heinrich Böll, Maupassant, eins neben dem anderen, unterschiedliche Ausgaben, unterschiedlich abgegriffen, unterschiedlich lang.

Wie viele Erzählbände darunter waren, ist mir erst später aufgefallen. Auch in den folgenden Jahren, in denen ich, wieder in Deutschland zurück, kein Internet zu Hause, sondern nur in der Uni hatte, las ich Autor*innen „weiter“, also mehr Werke aus derselben Feder, wenn mir eins gefallen hatte. Vielleicht entspricht das dem Weiterklicken in neuen Tabs, wenn man sich beim Surfen in ein Thema vertieft. Ich weiß nicht mal, ob ich bei F. S. Fitzgerald mit den Romanen oder Erzählungen angefangen habe – hängengeblieben sind sie mir gleichermaßen.

Erst als ich im Herbst 2017 ein Seminar bei der Bayerischen Akademie des Schreibens mit dem Titel „Erzählungen – Groß im Kleinen“ besuchte, wurde mir klar, dass die Erzählung die kleine, vernachlässigte Schwester des Romans ist.

Die Energie, die es bedeutet, sich in eine Geschichte neu hineinzufinden, muss man im Laufe eines Erzählbandes immer und immer wieder aufbringen, die Trauer, die einen befällt, wenn man sich von der Welt, in der man kurz zuhause war, verabschieden muss, annehmen.

In Zeiten, in denen man viel zu tun, aber dennoch halbwegs Zeit zum Lesen hat, bedeutet ein Roman kleine Möglichkeiten, in ein Vertrautes zurückzutauchen, das einen manchmal über einen Zeitraum begleitet und ein ereignisreiches Vierteljahr zusammenhält.

Warum also Erzählungen überhaupt noch lesen? Warum also, außer dass der geneigte Schwimmbadblogger John Cheevers „Der Schwimmer“ einfach nicht auslassen kann? Oder Heinrich Böll in allen seinen Romanen dramaturgisch irgendwo einknickt, was man ihm zwar gerne verzeiht, um das man in seinen Erzählungen aber herumkommt?

Billard um Halbzehn„, ein Roman, den ich sehr liebe, und dem ich diese dramaturgischen Mängel verzeihe, ist für mich der Böll, der die Nachkriegszeit in einen tragischen Kontext stellt. Vielleicht bricht er zurecht wie die im Roman zentrale Brücke immer wieder ein, weil die Gegenwart, die in einen Kontext von Vergangenheit, parallel existierenden Geschichten und Zukunft gestellt wird, zusammenbrechen muss unter der Bürde der Narrative die sich in ihr kreuzen und die sie auffangen soll.

Einen Roman zu schreiben bedeutet eigentlich, eine Geschichte in einer Welt zu verankern. Die Welt abzubilden. Zusammenhänge herzustellen. Ein Roman ist mehr als marketinginstrumentativer Einordnungsversuch auf dem Buchcover der sagt: Lies mich! Ich verspreche dir eine Geschichte, die mit der Zugfahrt, die du gerade antrittst, beginnt, und erst am Reiseziel, wenn überhaupt, endet, dir wird nicht langweilig sein.

Den ganzen Blick, den ein Roman auf seine erzählte Welt nimmt, nämlich auch auf die Vergangenheit der Figuren, auf Entwicklungen, Zusammenhänge der in ihm verhandelten Themen miteinander, muss man erst mal werfen. In ihm fächern sich nahe und ferne Teile der Geschichte auf, der Erzählton ordnet sie zueinander an.

Man nimmt beim Lesen einen weiten Blick.

Ich habe den Verdacht, dass die aktuelle Erzählweise in der ersten Person Präsens, die nah am Erzähler bleibt, diesen Blick bewusst einschränkt, weil ein naher Blick eine viel höhere Konfrontation mit dem Erlebten bedeutet. Was näher ist, erscheint größer, absoluter, gerade weil der Kontext fehlt.

Heinrich Bölls Kurzgeschichten nehmen den Blick auf das Nachkriegsdeutschland auf wie nachhaltige Blicke aus der Eisenbahn, begrenzt durch die Metallumrahmung des Zugfensters aus einem Abteil, das mit sich bringt, was der Reisende mit sich bringt und nicht mehr erzählt als was in dem kurzen Abschnitt, auf dem wir den oder die Protagonisten begleiten, passiert – aber die Lücken in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit dem auffüllt, was sonst noch zu sehen ist. Und zwar in jedem Moment des Lesens von einem anderen Ort aus. Das gilt für Romane zwar auch, wegen des kleineren Rahmens und den dadurch entstehenden Lücken für die Erzählung aber im Besonderen. Es ist gerade der Blick, der noch nicht einordnet und der weniger hintergründige und vordergründige Erzählstränge zu einem lebensechten Bild zusammenfügt, der es der Erzählung ermöglicht, sich mit dem Hintergrund des eigenen Lebens zu verbinden.

 

(2)

Dieses Wochenende hatte ich „Das glückliche Paar“ von Somerset Maugham mit an den See genommen, weil ich „Oben an der Villa“ vom selben Autor sehr mag. Mir war nicht klar, dass es sich um eine Sammlung von Erzählungen handelt. Nirgendwo auf Cover oder Rückseite fand sich ein Hinweis darauf. Anstelle einer Inhaltsangabe findet sich folgendes Zitat des Autors auf dem Buchrücken:

„Ich schäme mich nicht, ’nur ein Geschichtenerzähler‘ genannt zu werden. Im Gegenteil, ich bin stolz auf diese Beschreibung meiner Tätigkeit. (…) Ich wollte immer Geschichten mit einer fortlaufenden Handlung. Ich hatte auch nie Angst vor sogenannten Pointen. Ich habe es immer vorgezogen, meine Geschichten mit einem Gedankenstrich zu beenden.“

Es ist eine höchst vergnügliche Lektüre, schon weil sich Maugham an keine Regel des Erzählens hält, wie sie in heutigen Textwerkstätten für junge Autor*innen verteidigt werden. Beim Lesen sah ich förmlich die Werkstättenteilnehmer*innen und Mitarbeiter von Verlagen mit der Rückseite der flachen Hand gegen die Absätze schlagen (wie ich es oft erlebt habe): „Das kann weg!“

Die Eingangsgeschichte mit dem Titel „Schein und Wirklichkeit“ (in der Übersetzung von Helene Mayer) beginnt beispielsweise mit den einleitenden Worten:

„Ich möchte mich nicht für die Wahrheit dieser Geschichte verbürgen, aber ein Professor für Französische Literatur an einer englischen Universität hat sie mir erzählt, und er war, glaube ich, ein Mann von zu lauterer Gesinnung, als daß er sie mir erzählt hätte, wenn sie nicht wahr gewesen wäre. Er hatte die Methode, die Aufmerksamkeit seiner Studenten auf drei französische Schriftsteller zu lenken, die seiner Meinung nach alle Eigenschaften vereinigten, die als Haupttriebfeder des französischen Charakters gelten können.“

Dieser Exkurs setzt sich über eine ganze Taschenbuchseite fort, bevor die eigentliche Erzählung beginnt, in der sich die im Verlauf der Eingangsanekdote beschriebenen Charaktere wiederfinden lassen – oder auch nicht. Die Geschichte erzählt im Übrigen die Beziehung eines Pariser Models zu einem Lokalpolitiker, die von unterschiedlichen Erwartungen und Einschätzungen der Beziehung (er bezahlt ihr ein Appartement und erwartet ihre Liebe, jedoch unter Beibehaltung des öffentlichen Anstands trotz Fortführung seiner Ehe) handelt. Diese widersprüchliche Vermengung von Bezahlung, erwarteter Authentizität des Gefühlslebens, Freundschaft und Loyalität unter gleichzeitig bestehenden Machtverhältnissen erschien mir einen klaren und erhellenden Blick auf derzeitige Arbeitsverhältnisse in Start-Ups und Arbeitsbedingungen, die ein hohes Maß an „Identifikation“ und „Eigenengagement“ einfordern.

Alle dieser Geschichten lassen sich höchst aktuell lesen. Mein persönliches Highlight ist „Das Gurren der Turteltaube“ (Übersetzung Claudia und Wolfgang Mertz), das den Einstieg eines jungen, vielversprechenden Autors in den Literaturbetrieb Wort für Wort so beschreibt, dass er aus dem Jahr 2018 stammen könnte.

„Ich schwankte lange Zeit, ob ich Peter Melrose mochte oder nicht. Er hatte einen Roman geschrieben und einiges Aufsehen damit erregt bei den kreuzlangweiligen, aber gleichwohl verdienstlichen Leuten, die ständig auf Talentsuche sind. (…) Ich las ein paar Rezensionen, sie widersprachen sich ungeniert. Einige Kritiker verstiegen sich zu der Behauptung, mit diesem ersten Roman habe sich der Autor seinen Platz in der vordersten Linie der englischen Erzähler erobert, andere verrissen das Werk. Ich las es nicht, denn Erfahrung lehrte mich, bei einem ’sensationellen‘ Buch ein Jahr zu warten. Es ist erstaunlich, wie viele Bücher man dann überhaupt nicht zu lesen braucht.“

Die Geschichte folgt dem Erzähler, wie er den Jungautoren mit einer Opernsängerin bekannt macht (die ebenfalls heute leben könnte), da ihm seine Recherchen für das nächste Buch allzu idealistisch erscheinen. Auch die Einschätzung des Ergebnisses dieser literarischen Bemühung könnte man heute in einem Seitengespräch auf einer Sommerparty des Literaturbetriebs aufgeschnappt haben:

„Im Lauf der Zeit erschien sein Buch, das wie viele zweite Romane junger Autoren nur ein mäßiger Erfolg war. Die Kritik hatte seinen ersten Versuch überbewertet und zeigte sich nun übermäßig streng. Natürlich macht es einen gewaltigen Unterschied, ob man einen Roman über sich und die von Kindesbeinen an vertraute Umwelt schreibt oder über der eigenen Phantasie entsprungene Figuren. Peters Buch war zu lang, seine hochbegabten Beschreibungen wucherten zu ungezügelt, der Humor war immer noch recht ordinär, aber die Epoche hatte er geschickt getroffen und die Liebesgeschichte besaß jenes Feuer echter Leidenschaft, das mich an seinem Erstling so beeindruckt hatte.“

Der Erzähler, ebenfalls ein Schriftsteller, erscheint hier in seinem Urteil zu mehr Differenzierung und Ambivalenz bereit (oft ist es ja ein Nebeneinander von Stärken und Schwächen, was ein Buch ausmacht) als die Kritik, nicht ohne es sich nehmen zu lassen, auf den letzten Seiten der Erzählung einen Eindruck der Opernsängerin, die das Vorbild des zweiten Romanes des Jungautors war, in eigenen Worten zu beschreiben, die vielleicht mehr Klarheit und erzählerische Kraft haben als die „hochbegabten Beschreibungen“ des Romans, weil er ihr ihre Ambivalenz lässt.

(W. Somerset Maugham: „Das Glückliche Paar“, Diogenes 1972)

 

(3)

Eigentlich wollte ich die Tage am See nutzen, um einen zusammenhängen Roman zu lesen und sie nicht auseinanderpflücken, indem ich eine Erzählung nach der anderen las, doch es fiel mir zunehmend schwerer, abzubrechen. Ein ganzes Wochenende ist vermutlich ein guter Zeitpunkt, um einen Roman anzufangen, doch die einzelnen Texte schienen mir so viel erzählen zu wollen, dass ich mir vorkam, als würde ich auf einer Party den Raum verlassen, in dem jemand gerade eine spannende Anekdote erzählt.  Je länger ich las, desto mehr erschien mir die Erzählung als eine gute Literaturform für die Gegenwart. Ein Gedanke, der nicht ganz neu ist und den Nikola Richter und ihr herausragender Verlag mikrotext auf ganzer Linie ausführen und belegen:

„Die Texte sollen in einem Rutsch oder auch mit Unterbrechungen in kurzer Zeit lesbar sein. Ich glaube zwar nicht, so wie Frank Schirrmacher, dass das Netz unser Gehirn zermatscht, aber ich merke schon, dass ich sehr viel gleichzeitig tue und mir mehr Auszeiten wünsche. Auszeiten als Kurzlektüre, die ich einfach mitnehmen kann, auf meinem Smartphone, auf meinem E-Reader oder Tablet, und überall lesen kann.“

Auch Christiane Frohmann verfolgt mit dem Frohmann Verlag ein ähnlich kluges Projekt, das Literatur für die Gegenwart aktualisiert. Was bedeuten die auseinander gerissenen Abschnitte unserer Wahrnehmung für das Zusammenhängen von Erzählungen? Wie antwortet Literatur auf die zunehmende Schriftlichkeit von Kommunikation über die messengerdienste auf dem Smartphone? Besprechungen über Bücher aus diesen Verlagen finden sich nicht nur, aber besonders mit diesem Blickwinkel auf Tania Folajis Blog elektro versus print. Es ist vielleicht nicht der Roman, der diese Zeit am besten erzählen kann.

Berlinale Tagebuch Tag 6, Dienstag 20. 02. 2018: Der Serien-Tag

Charlie Karumi als Marcus und Anton Nikolaj Hjejle Øberg als Christian in Liberty

12.00 3 Tage in Quiberon, Wettbewerb, Regie Emily Atal

1981 machte Romy Schneider eine Kur in Quiberon, Bretagne. Dort gab sie dem STERN ein Interview. Wieder ein Film „nach einer wahren Begebenheit“. Nachgestellt entlang der berühmten Fotostrecke von Robert Lebeck. Wie diese in Schwarz-Weiß. Ein Film in Schwarz-Weiß, geht das heute noch? Ja. Oh, Boy. The Party. Und jeden der Filme, die ich aus der Retrospektive („Weimarer Kino – neu gesehen“) gesehen habe, fand ich aufregend an Schnitt, Kamera, Tondesign, jeder einzelne funktionierte in genau diesen Bildern.

In „3 Tage in Quiberon“ jedoch sind außerhalb des Hotels der Sand der Dünen, die Wellen des Meers, die Felsen am Ufer, der Weg alle in ähnlichem Grau, während beispielsweise die Landschaft Brandenburgs in „Ihre Majestät die Liebe“ (Berlinale Retrospektive, 1931)  in völlig verschiedenen Grautönen strahlt und schillert, dass man das Gefühl hat, sie wären so grün wieder Teich, so blau wie der Himmel, so schattig wie die Baumkronen, so matschig wie der Erdboden.

Zu dem Schwarz-Weiß in „3 Tage in Quiberon“ fällt nur auf: Keine Kontraste. Ebenso wenig Tiefe bekommen die Bilder, wenn man sie mit denen der Originalaufnahmen vergleicht. Etwas abzubilden heißt nicht, etwas nachzustellen, nicht die Oberfläche von etwas nachzuempfinden, sondern eine neue Oberfläche zu finden, das das dahinterliegende heute genauso frisch und unverbraucht wiedergibt wie es beim ersten Mal war.

Dass Marie Bäumer in der Rolle der Romy Schneider gut sein sollte, hatte ich im Vorfeld gehört – aber der Film zeigt Romy mehr in der Rolle als Muse, als schöner, unverständlicher und irrationaler Frau als als eigenes Subjekt. Er scheint das nachzumachen, worunter Romy Schneider zeitlebens gelitten hat, nämlich Projektionsfläche zu sein. Statt den Film aus ihrer Perspektive zu erzählen, erzählt er ihn aus der Rolle des Beobachters – ein folgerichtiges Ergebnis des Versuchs, Fotos nachzustellen.

15.30 Home Ground – Heimbane, Berlinale Series, Regie Arild Andresen

Seit 5 Jahren gibt es Berlinale Series, seit diesem Jahr haben sie eine eigene Spielstätte, den Zoopalast. Serien verbinden viele mit Fernsehen und erwarten hauptsächlich Unterhaltung. Auch wenn ihnen schon auffällt, dass sie kaum aufhören können und binge watchen, empfinden sie das eher als Teil eines guilty pleasure als sich zu fragen, wie das eigentlich gemacht ist. Dabei sind Serien, auch wenn sie im Fernsehen laufen, eine eigene Kunstform. Ein Film mit 90-120 Minuten benötigt eine andere Dramaturgie als 12 Folgen à 45 Minuten, die zum Weitergucken animieren, aber auch in sich funktionieren müssen. Für die Figurenentwicklung bedeutet es völlig andere Möglichkeiten: Statt die Entwicklung einer*s Held*in durch drei Akte zu verfolgen, in dem der Ist-Stand auf der Vorgeschichte basiert und die Veränderung zu einem neuen Ist-Stand erzählt wird, erlauben es Serienformate, Veränderungen und Entwicklungen in verschiedenen Stufen, mit ihren Widersprüchen, Rückfällen aber auch Regelmäßigkeiten zu erzählen. Es entsteht nicht die Geschichte einer Figur, sondern der*die Zuschauer*in kann Entwicklungen von Veränderungen mitverfolgen, im Falle der wöchentlich versetzen Ausstrahlung sogar im Laufe von Veränderungen im eigenen Leben.

Home Ground – Heimbane erzählt die Geschichte der fiktiven ersten Trainerin eines Fußballclubs der norwegischen ersten Liga (Ane Dahl Torp). Die erste Folge jeder Serie muss einiges leisten: Die Figuren einführen, den Konflikt der Serie plausibel machen, neugierig machen auf mehr. Diese erste Folge folgt dem männlichen Blick auf eine Frau: Von ihr wird erzählt, wie sie sich in einer Männerwelt bewegt, wie sie mit Vorurteilen und Beleidigungen umgeht (direkt, souverän, charmant – nicht, wie es ihr wirklich damit geht, und wie Frauen mit ihr umgehen), wie sie sich als Mutter verhält. In gewisser Weise ist es also die Klischee-Geschichte, wie man es sich als Mann (Serienschöpfer und Drehbuchautor: Johan Fasting, Regie Arild Andresen) so vorstellt, wenn eine Frau Sexismus erlebt. Die selbstverständlich blond, schlank und gutaussehend ist.

Die 2. Folge ist witzig und macht etwas richtig was die erst nicht macht. Sie setzen Haken. Sie setzen Dinge in Bewegung. Veränderung. Die Serie versucht nicht, ein Film zu sein. Nur einmal kurz, als sich die Kamera in dem Regen über dem Netz zwischen Torpfosten versenkt. Sie entwickelt die Figuren komplex und in unterschiedliche Richtungen weiter:

Was bedeutet es, mit ehrgeizigen Eltern aufzuwachsen, die einen schon als Kind trainieren? Was bedeutet es, erfolgreich in einem Metier zu sein, und darum wenig Kritik zu bekommen in einem Metier, das man gerade erst lernt und darin nicht wirklich besser zu werden? Wie schlägt man sich mit genug Pragmatismus aber auch genug Weitsicht für die wichtigen Themen in einem Fußballclub durch, der aus Tradition und loyalen Hierarchien besteht, aber mit anderen Clubs mithalten können muss? Ane Dahl Torp spielt vielschichtig und nimmt die ganze Welt ihrer Figur mit in ihr Spiel hinein, so dass es in jeder Szene nicht nur um den gerade verhandelten Konflikt geht. Einzig die Rolle des Bösewichts, die der einzige Schwarze Schauspieler spielt, bereitet mir noch Kopfschmerzen. Vielleicht entwickelt sie sich noch zum wirklich interessanten Gegenpart – in den ersten zwei Folgen ist sie aber erschreckend eindimensional gezeichnet.

18.00 Liberty, Berlinale Series, Regie Mikael Marcimain

Wieder eine Literaturverfilmung. Nach dem Tod des dänischen Schriftstellers Jakob Ejersbo (1968-2008) wurden drei auf seiner Kindheit in Tansania basierende Romane als Trilogie posthum veröffentlicht: Eksil, Revolution und Liberty (<- Link: Rezension der Buchbloggerin). In Liberty wird die Geschichte des dänischen Jungen Christian erzählt, der im Jahr 1980 mit seinen Eltern, die in der Entwicklungshilfe arbeiten, nach Tansania zieht. Dort trifft er auf den gleichaltrigen Schwarzen Marcus und die Mitschülerin Samantha, aus deren Perspektive die anderen beiden Bücher der Trilogie erzählt werden. Auch die Verwicklungen der Eltern und deren Freunde, die in einer Gated Community leben, spielen eine wichtige Rolle.

In der Vorstellung saß ich zufällig neben der Mutter der Schauspielerin der Samantha, Tana Kyhle Kahr. Sie ist mit schwedischen Eltern in Kenia aufgewachsen und spricht daher als eine der wenigen Schauspieler*innen Kisuaheli. 

Diese Serie findet eine wilde, kluge, unverbrauchte Bildsprache, um das Hineingeworfenein des Neuankömmlings Christian zu zeigen. Es ist nicht das, was man sich denkt wie es wäre, sondern das, was da ist, mit dem man sich auseinander setzen muss. Je weniger Macht man hat, desto mehr. Christian ist als Kind seiner Eltern in einer Position, in der er vieles nicht selbst entscheiden kann. Marcus ist Kind ohne Eltern, das „netterweise“ für Kost und Logis in einer privilegierten Familie mitleben -und arbeiten darf in einer noch viel weniger starken Position.

Anders als viele andere Serien erzählt „Liberty“ nicht nur die Geschichte der weißen Figuren mithilfe der Schwarzen. Oft bekommen Schwarze Figuren den reaction shot: Wie sie die Situation sehen ist wichtig für die Szene, und oft wird gerade das Clashen der Kulturen aus ihrer (stummen) Perspektive erzählt. Trotzdem stehen nach der Premiere auf der Bühne bis auf Charlie Karumi nur weiße. Die Antworten auf die Fragen, die ich der Produktion dazu gestellt habe, waren abgründig rassistisch, ebenso die Antworten der Produktion nach der Vorstellung auf andere Fragen: Warum wurde nicht in Tansania gedreht, sondern in Südafrika? Warum sind die afrikanischen Dialekte und Sprachen, die in den Hintergrundszenen gesprochen werden alle aus unterschiedlichen Ländern, als wäre Afrika ein einziges Land mit einer einzigen Kultur, die alle austauschbar sind? Und warum wird die Entwicklungszusammenarbeit so gezeigt, wie sie seit zwanzig Jahren nicht mehr ist – ein weißer erklärt, die Schwarzen hören alle andächtig zu? Die letzte Frage erklärt sich zumindest aus der Romanvorlage. Es werden die Verhältnisse der 80er Jahre erzählt. Die Serie spielt mit unglaublich heutigen Bildern im Jahr 2018 – die Bilder, Schnitte und Kamerafahrten, die sie findet, machen ihre erzählerische Stärke aus. Vielleicht wird bei der Ausstrahlung ein Hinweis transportiert werden, dass es sich um eine ins Heute versetzte vergangene Geschichte handelt (wie etwas Transit, im Berlinale Wettbewerb). 

 

21.30 The Looming Tower, Berlinale Series, Regie Alex Gibney

Noch eine Literaturverfilmung UND eine nach realen Begebenheiten, und zwar nach einem Sachbuch von Lawrence Wright, das sich mit dem Vorfeld der Anschläge auf die New Yorker Zwillingstürme am 11. September 2001 beschäftigt.

Was mit viel Starpower (Jeff Daniels und in einer Nebenrolle Peter Sarsgaard ) angetöst kommt und von den Berlinale-Organisator*innen entsprechend beworben wird, entpuppt sich als altbackenes Erzählschema mit Standard-Kulissen.

Oder, wie Matt Zoller-Seitz (einer der klügsten TV-Kritiker) es formuliert: „Law & Order: Bin Laden Unit“. Die Kulissen wirken wie aus einem Standard-Pappmaché-Satz „beliebige arabische Kulisse“ zusammengewerkelt, für Afrika (der Anschlag auf die US-Botschaft in Nairobi) laufen tatsächlich Männer mit Lendenschurz und Speren über der Schulter beim Schafe hüten über die Steppe. Eine prominente Männerfigur führt sexuelle Beziehungen zu drei verschiedenen Frauen, die Klischee bleiben, ohne dass diese Eskapaden irgendwas zur Handlung beitragen würden. Die Figur des libanesischstämmigen FBI-Mitarbeiters Ali Soufan (Tahar Rahim) bekommt wenig mehr Charakterisierung als der allgemeine arabischstämmige Prototyp. Diese Erzählform ist so hanebüchen altmodisch, dass es nicht mal spannend wird. Dass man weiß, wie es ausgeht, und die Charaktere keine schlüssigen Motivation haben, hilft nicht.

 

Fazit: Serien auf der Berlinale

Das war für mich der Serien-Tag auf der Berlinale: Der erste Tag, an dem ich Serien statt Filme gesehen habe, und dann auch noch drei davon, am Stück. Es hat sich anders angefühlt als die Tage davor.

Serie ist etwas anderes als Film. Es sieht aus wie Fernsehen. Aber es setzt Haken: Hier gibt es mehr zu erzählen, wie ein nicht aufgelöster Akkord, man weiß, es kommt noch etwas, man will mehr wissen. Damit greift es etwas auf, was einem im Leben begegnet – oder zeigt eine Herangehensweise an das Leben, die man vielleicht vergessen hat: Hier kann man nachfragen. Da gibt es noch eine Geschichte. Das ist nicht alles, was mir begegnet. Serien erzählen, gehen in die Entwicklung, Verwicklung und erzeugen so Beteiligung.

Berlinale Series hat als Bild den Bären im Pool in orange (statt sonst in hellblau) – eingefärbt, heimelig?

Diese Erzählweise hat etwas Privates. Etwas Persönliches. Man sitzt anders im Kino als in einem Film, der auf Spannungsaufbau, Gefühle und Auflösung setzt, eines Publikums gemeinsam im Kinosaal. Man vergisst etwas vom Dasein. Vom Kino. Von der Berlinale. Ist es das Medium Fernsehen, das den Rahmen ausblenden lässt? Der Laptop, die Wohnzimmerkonsole, das Bett? Möchte sie etwas verschwinden lassen?

 

Berlinale Tagebuch Tag 5, Montag 19.02. 2018

14.45 7 Days in Entebbe, Wettbewerb, Regie José Padilha

Oje. Dieser Wettbewerb. Daniel Brühl und Rosamunde Pike als RAF-Terroristen, die 1976 gemeinsam mit der Volksfront zur Befreiung Palästinas eine Air-France-Maschine entführen und von Entebbe (Uganda) aus mit der israelischen Regierung verhandeln.

Rosamunde Pikes deutsche Aussprache wurde allgemein gelobt, aber mich haben ihre Betonungen bei jedem deutschen Satz, der länger als 8 Silben war, so aus dem Film geworfen, dass ich mich die ganze Zeit über gefragt habe, warum sie keine deutsche Schauspielerin genommen haben, wenn die Figur deutsch reden soll.

Der Film beginnt mit Einblendungen von historischen Rahmendaten. 1948. Der Film tut so, als böte er den historischen Kontext, die Erklärung, warum alles so ist wie es ist. Das hält er auf allen Ebenen durch. Die Diskussionen innerhalb des israelischen Kabinetts zwischen Schimon Peres und Yitzhak Rabin finden statt neben laufenden Tonbändern, um zu sagen: So war es. So ist es wirklich gewesen. Auch während der anschließenden Pressekonferenz war das die Antwort auf die Frage, wieso er sich für diese historisch umstritte Darstellung des Verhaltens von Yonathan Netanyahu (des Bruders des daraufhin in die Politik gegangenen Benjamin Netanyahu, der einen Militär-Einsatz während der Krise in Entebbe geleitet hat) entschieden hat: So war es. Für die Wahrheit muss man keine Erklärung liefern.

Die Frage ist, ob das als Film funktionieren kann.

19.00 Verlorene, Perspektive Deutsches Kino, Regie Felix Hassenfratz

Als ich mit Linda Söffker, der Kuratorin der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“, vor Festivalbeginn sprach, sagte sie, es würde viel Ähnliches eingereicht: Sie wären froh, wenn sie etwas Neues, Frisches, Anderes fänden, und das Ergebnis wäre die Reihe, wie sie zu sehen ist.

Ganz bestimmt ein Film, der für sich funktioniert und eine eigene Welt erschafft. Keine besonders neue Geschichte, sondern eine, die gern das Krasse zeigt, anstatt sich mit den Untiefen des Normalen zu beschäftigen. Schwäbisch mit Untertiteln, herausragende Darsteller. Das Innenleben einer Orgel und die oft gesehene Dynamik innerhalb einer Familie. „Der Architekt“ von Ina Weisse mit Sandra Hüller macht das besser.

Berlinale Tagebuch Tag 4, Sonntag 18. 02. 2018

Sara Casu, Alba Rohrwacher und Valeria Golino in „La Figlia Mia“

12.00 La Figlia Mia, Wettbewerb, Regie Laura Bispuri

Noch mal, nach „Wieża. Jasny dzień. / Tower. A Bright Day.“, die Frage: Was ist stärker, die Natur oder die Sozialisation, die Bindung an die leibliche oder an die soziale Mutter – eine Frage, die mir beide Filme zu einseitig beantworten, und die Figlia Mia auch noch nicht weniger blond (die biologische Mutter, die mit allen schläft) und braunhaarig (die soziale Mutter, die warmherzig und fürsorglich ist) besetzt, aber ein großartig gespielter (Alba Rohrwacher hätte den Silbernen Bären für diese Rolle bekommen können), voller neuer Perspektiven gedrehter, mit kräftigen, frischen Bildern aufgenommener Film, der ein Seh-Erlerbnis ist. Einer der besseren Filme des Wettbewerbs. Das, was er will, macht er gut.

15.30 The Real Estate, Wettbewerb, Regie Axel Petersén

Nach diesem Film hörte ich das erste Mal „Koslicks Rache“ als Kommentar unter den Kritiker*innen. Die Wackelkamera, dass speziell geblendete Licht lässt mich am Anfang Zweifeln, ob es ein Dokumentarfilm ist. Es zeigt aber nur so unbeschönigt wie möglich das Leben einer Immobilienbesitzerin (Léonore Ekstrand): Friseur, Anwaltsbüro, Fitnessstudio, Hausbegehungen, Seniorenzentrum. Was wollte dieser Film? Hypothesen, die ich gehört habe: „Reiche Leute haben auch Probleme“. „Schön, dass endlich mal einer einen Film über Gentrifizierung macht, der nicht links ist“. Aber warum in diesen Bildern? Ab Minute 60 habe ich ihn schlichtweg nicht mehr verstanden: Was ist diese Hütte? Was macht sie da? Wer ist dieser Mann? Warum geht sie nicht zur Polizei? Eine Sexszene unter nicht ganz jungen Schauspielern ist immerhin bemerkenswert und spannend gefilmt, wenn ich mir auch nicht ganz schlüssig bin, ob die Macher ihre Figur im Anschluss daran nicht verraten haben.

18.30 Becoming Astrid, Berlinale Special, Regie Pernille Fischer Christensen

Berlinale Special bedeutet, der Film war nicht gut genug für den Wettbewerb, aber zu gut für eine der anderen Reihen – eine sehr merkwürdige Definition, wenn man sich anguckt, dass die Highlights des Festivals meistens im Forum oder der Perspektive laufen. Warum dieser Film? Für viele eines der Highlights des Festivals. Der einzige Film, bei dem ich geweint habe. Ein Film, nach dem ich nach Hause gefahren bin, obwohl ich noch Programm gehabt hätte, einfach nur, um im Bus zu sitzen, aus dem Fenster zu sehen und mir dieses Berlin anzuschauen, das mir immer wieder die Frage stellt, wie viel sich Heimat eigentlich verändern kann.

Es ist ein historischer Film, er spielt um die Jahrhundertwende 1900. Er versucht, das Leben der jungen Astrid Lindgren nachzuzeichnen, basierend auf ihren eigenen Niederschriften über die Zeit. Zum Teil fiktionalisiert er auch. Die junge Schauspielerin Alba August spielt Astrid zu  jeder Zeit ihres Lebens anders, es ist tatsächlich ein Film über die Veränderungen des Lebens geworden. Tatsachen, die nicht langweilig werden, nur weil sie passiert sind (häufig das Problem von historischen Filmen, siehe „3 Tage in Quiberon“, weil an ihnen erzählt wird, was sie mit einem Menschen machen, und wie unterschiedlich Charaktere reagieren. Je mehr sich ereignet in diesem Film, in dem wenig Außergewöhnliches passiert, desto plastischer treten seine Welt, seine Figuren hervor. Es ist nicht die Geschichte einer berühmten Frau, es ist die Geschichte dieser einen Protagonistin, die so nachvollziehbar und konkret erzählt wird, dass sie einmalig erscheint und zugleich jedem Zuschauer während des Sehens passiert. Es ist ein Film über Fragen und Entscheidungen, über Mut und Leben, der zwar wunderbar ausgestattet ist als Film, der eine Zeit wiedergibt, sich aber nie wie ein Kostümfilm anfühlt.