Berlinale Tagebuch Tag 2, Freitag 16. 02. 2018

Lana Cooper und Daniel Roth in Storkow Kalifornia

14.00 Storkow Kalifornia, Perspektive Deutsches Kino, Regie Kolja Malik

Einer der beiden Filme neben „Tower. In the Light“, die ich empfehle, wenn mich jemand fragt, was ich bisher Gutes gesehen habe. Ein Film, den ich jederzeit noch mal sehen würde, was ich auch versucht habe, aber ich kam nicht noch einmal rein, trotz Anstehens.

Handlung? Ich weiß nicht. Sunny (Daniel Roth) wächst in Storkow, Brandenburg auf. Er lebt mit seiner Mutter Nena (Franziska Ponitz) in einer Art WG, in der Drogen in fließendem Übergang genommen werden. Eines Tages gerät er in eine Verkehrskontrolle, und das Röllchenblasen mit Streifenpolizistin Liv (Lana Cooper) gerät zu einem knisternden Moment. Es erwacht die dicke fette Liebe, poetisch, alltagsnah, völlig von den Charakteren getragen. Und in der Ferne lockt oder droht Berlin, ein Ort, um Storkow zu verlassen.

Wunderschön gefilmt. Der Film sagt alles über diese bestimmte Zeit im Leben dieser Figuren aus genau diesem Ort und zugleich alles über das Leben in den Zwischenräumen, die nicht manifestiert oder sicher sind, die, auf die man keinen Stempel drücken kann, einfach nur durch seine Bilder und Kamerafahrten (Kamera Jieun Yi). Nur 29 Minuten, und für mich bis zum Schluss einer der stärksten visuellen Eindrücke dieser Berlinale. Dafür gehe ich ins Kino. Um das Leben anders sehen zu lernen.

Storkow Kalifornia | Trailer (2017) – YouTube

 

14.30 Rückenwind von Vorn, Perspektive Deutsches Kino, Regie Philipp Eichholtz

Charlie (Victoria Schulz) arbeitet als Quereinsteigerin im Grundschullehramt, ihr Freund Marco (Aleksandar Radenković) macht irgendwas mit Medien. Sie sehen aus wie Hipster, sie wohnen im südlichen Kreuzberg oder nördlichen Neukölln, ihre Wohnung sieht aus wie die von Hipstern real aussieht, wenn sie nicht für Instagram-Fotos ausgeleuchtet und aufgeräumt ist. Freiheit, das ist auf dem Karneval der Kulturen zu Dota die Kleingeldprinzessin tanzen und mit dem selbstausgebauten Wohnwagen durch den Balkan fahren und alles essen, was lecker ist. Marco möchte aber Kinder (nach fünf Jahren Beziehung). Charlie nicht.

Lösung: Nicht Selbstfindung oder so. Nein, da gibts ja schon nen anderen Mann, ihr Kollege Gerry (Daniel Zillmann), der geht auf den Karneval der Kulturen, hat schon so ein Wohnmobil und kocht gerne.

Vielleicht muss man Hipster mögen, um diesen Film gut zu finden? Vielleicht muss man zumindest seine Grundprämisse akzeptieren: Dass das Leben so orientierungslos ist und so wenig Nöte hat, dass sich diese Fragen tatstächlich stellen: Was jetzt? Kochen wär mal wieder schön.

Dabei hat Charlie als Figur genug andere Probleme. Ihre Oma (Angelika Waller), bei der sie aufgewachsen ist, ist schon ziemlich alt. Nichts davon spürt man in der Figur. Weder die Abwesenheit der Eltern noch die Perspektive auf ein Leben, das über mehr hinausgeht als die bundesrepublikanische Gegenwart. Krieg? DDR? Menschen mit Migrationshintergrund in Kreuzberg/Neukölln? Nein. Dieser Film ist der gegenwärtige deutsche Roman als audiovisuelles Medium. Von seinen Fragen, seinen Themen, seinen Figuren her, auch in seinen künstlerischen Mitteln wie der Kamera, die dem Film nichts Neues hinzufügen.

 

15.30 Djamilia, Forum, Regie Aminatou Echard

Dieses Jahr bin ich weniger in Forums-Filmen unterwegs als sonst. Für mich daher der formal mutigste Film der Berlinale. Basierend auf Tschingis Aitmatows Debüt-Novelle Djamilia aus dem Jahr 1958. In dieser berühmten Erzählung, die 1943 spielt, verlässt die eine junge Kirgisin ihren Heimatort, während ihr ungeliebter Mann aus einer arrangierten Ehe als Soldat im Krieg ist, und folgt ihrer Freiheit, ihrem Lebenswillen und ihrer Liebe zu Danijar. (Übrigens war die Novelle Aitmatows Abschlussarbeit am Maxim-Gorki-Literaturinstitut in Moskau – streng genommen also Institutsprosa, ohne diese in Schutz nehmen zu wollen.)

Regisseurin Echard lässt junge Kirgisinnen über Djamilias Geschichte und über ihr Leben sprechen. Sie filmt sie in Bewegung, legt ihre Stimme aber nicht auf die Bilder ihres Gespräches, sondern auf andere, in denen ihre Protagonistinnen schweigen oder anderes tun. Die Landschaft Kirgisiens, die möblierten Landschaften seiner Häuser und Wohnungen bekommen ein ruhiges, kräftiges Bild, in dem man die Luft, das Licht und die Farben förmlich spüren kann, die die Geschichten dieser Frauen mitleben.

Der Film gibt seinen Protagonistinnen allen Raum, aber auch alle Unvoreingenommenheit, und die Protagonistinnen bleiben in ihren Geschichten, Gesichtern, Lebensumständen und Geheimnissen eigene Subjekte, die nie ihre Faszination  verlieren. Trotzdem nicht ganz unanstrengend zu gucken.

 

17.30 L’Empire de la Perfection (In the Realm of Perfection), Forum, Julien Faraut

Ein Dokumentarfilm über Tennis in Schwarzweiß. Grandios geschnitten und komponiert, so dass er keine Minute langweilig wird. Muss man was von Tennis verstehen? Nein. Es geht um den Kampf mit sich selbst. Aus dem Kampf, nicht trotz des Kampfes und der in der Kindheit angelegten Komplikationen zu gewinnen. Energie für das Spiel daraus zu gewinnen, die Menge erst mal gegen sich aufzubringen. Mit einem System, das man schön in Szenen gegeneinander schneiden kann. Ein fast perfekter Dokumentarfilm, der nicht mehr braucht als bestehende Aufnahmen für seine Erzählung, einen Sprecher Mathieu Amalric und einen herausragenden Soundtrack, der vor Mozart nicht zurück schreckt. Eine Meditation über die umperfekten Ecken des Perfekten, die Energie die durch diese Spannung entsteht, und auch über das Filmemachen. Denn Tennis und Filme gehören zusammen, wenn man, wie der Film, Jean-Luc Godard folgt.

 

21.30 Eva, Wettbewerb, Regie Benoit Jacquot

Isabelle Huppert ist so wahnsinnig gut in allem, was sie macht, dass man manchmal das Gefühl hat, das Regisseure, die sie besetzen, sich nicht mehr weiter um den Film zu kümmern brauchen glauben, weil die Hauptrolle alles tragen wird.

Der junge Prostituierte Bertrand (Gaspard Ulliel) nimmt nach dem Tod eines Klienten dessen letztes Manuskript an sich, wird damit erfolgreich, kann ein zweites Stück aber nicht liefern. Für Inspiration bedient er sich der Bekanntschaft mit der High-End-Prostitierten Eva (Isabelle Huppert). Eine nicht mal wechselseitige Projektion.

Dieser Film ist gefilmt wie ein Film. Er experimentiert nicht. Keine anstrengende Wackelkamera, keine Kulisse bei der man ein Auge zudrücken muss. Reiche Leute, Reiche Wohnungen, Paris, ein Châtelet in den Bergen. Spielkasinos. High-End-Prostiuierte. Viel Geld und Erfolg. Der Film ist schön anzusehen, ästhetisch. Keine der gefürchteten Berlinale-Real-Tristess-Demonstrationen (dazu kommen wir morgen mit The Real Estate). Der Film verlangt dem Zuschauer nichts ab. Aber. Das ist zugleich sein Problem. Der Film will auch nichts vom Zuschauer. Was will der Film?

Wiederum (nach The Bookshop, Djamilia, und es werden in den nächsten Tagen einige folgen) eine Literaturverfilmung (von James Hadley Chase ). Und es geht auch um einen Schriftsteller (wie in Transit, Becoming Astrid, Dovlatov, The Happy Prince …) – Themen die die diesjährige Berlinale prägen. Aber im Grunde geht es nicht ums Schreiben, nicht ums Nichtschreibenkönnen des Schriftstellers der keiner ist, aber es ist schwer zu sagen, worum es stattdessen geht. Es ist das Aufbegehren des Erzählenwollens ohne sich mit der Welt auseinander zu setzen. Dazu besteht jedes Recht. Es muss nur gekonnt sein.

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Berlinale Tagebuch Tag 1, Donnerstag, 15. 02. 2018

                Bild: Laila Hennesy in „Wieża. Jasny dzień.“ (Tower. A Bright Day.)

14h Das Schweigende Klassenzimmer, Berlinale Special, Regie Lars Kraume.

DDR, fünf Jahre vor dem Mauerbau. Eine Schulklasse schweigt in Gedenken an die Toten des Ungarnaufstands zwei Minuten lang. Der Fall geht bis ins Ministerium. Ihr Abitur steht in Frage.

Der schlechteste Film auf der Berlinale. Man hört und sieht, dass es Kulissen sind, und zwar die epochentypischen Kulissen, die man genau so schon immer im Fernsehen gesehen hat, wenn jemand sich ganz sicher sein wollte, dass man auch weiß, dass eine Sendung in den 50ern/in der DDR spielt. Die Dialoge sind schlecht, einige der Schauspieler*innen so gut, dass sie sie sprechen können, andere nicht – da klingen sie völlig hölzern. Die Handlung beruht auf einer wahren Begebenheit, die Figuren sind typenhaft anskizziert, ausgewählte, die dann mit besseren Schauspieler*innen besetzt sind (Jonas Dassler, Leonard Scheicher) wirken betont ambivalent. Sobald die eigentliche Handlung im Klassenzimmer beginnt, bietet der Film ansatzweise Neues. Interessant eine Szene, bei der durchscheint, dass es vielleicht eigentlich um Familie geht in diesem Film, weniger um den Klassenkampf. Macht eine liebevolle Familie pragmatisch, eine kalte ideologisch?

Anhand dieses Films habe ich gelernt, was „Berlinale Special“ ist (von anderen Journalist*innen, mit denen ich mich unterhalten habe): Filme, die es aus Qualitätsgründen („weil da irgendetwas schief gelaufen ist“) nicht in den Wettbewerb geschafft haben, aber für eine der Nebenreihen zu prominent besetzt sind.

Was da schief gelaufen ist: Kamera, Ausstattung, Dialog (Szenenfolge funktioniert gut!), Figuren. Der Schnitt war ziemlich gut. Auch das Schauspiel der Mehrheit.

 

16.30 Black 47, Wettbewerb (außer Konkurrenz), Regie Lance Daly.

Irland 1847. Die Kartoffelfäule und die Herrschaft der Briten über Irland verursachen eine grausame Hungersnot. Ein irischer Soldat, der für die Briten in Afghanistan gekämpft hat, kehrt zurück und übt Rache.

Dieser Film gewinnt durch den Vergleich mit seinem Vorgänger, „Das Schweigende Klassenzimmer“. Er beginnt mit einer Verhörszene, die aus dem Vorgängerfilm hätte sein können. Ebenso deutlich Kulissen. Das Pferdegetrappel klingt wie mit Sounddesign eingefügt. Weite Teile der irischen Landschaft erregen Diskussionen unter Journalist*innen. Waren das Fotos, vor denen das gefilmt ist? Gemälde? CGI? Immer kurz bevor das Pferd in das Foto hineinreitet, kommt ein Schnitt. Dieser Film zeigt, was man mit schlechten Kulissen für großartige Effekte herausholen kann. Der Kamera gelingen nicht nur grandiose Landschaftsaufnahmen, sondern auch Tiefe und Textur in den Innenaufnahmen. Sie hat eine Handschrift, sie spielt, sie erzählt etwas über die Zeit. Sie hält sich in den Gegenständen auf. Sie verweilt in der Lebenswelt der nur skizzenhaft angerissenen Iren.

Interessanteste Figurendynamik sind leider die drei Engländer, die sich auch die Suche nach dem abtrünnigen Soldaten machen. Hier ist Konflikt, hier ist Ambivalenz, hier ist Veränderung. Leider geht es um die nicht. Ist natürlich auch besser so, in einem Film, in dem es um das Unrecht an den Iren gehen soll, aber deren Figuren und Handlung sind so vorhersehbar, dass es laute Lacher im Publikum gibt von denen, die nicht früher rausgingen. „Ein Charakterdrama ist das nun nicht, das ist ein kapitalismuskritischer Actionthriller“, sagte der einzige Kollege, von dem ich etwas Positives über den Film gehört habe.

 

18.30 The Bookshop, Berlinale Special, Regie Isabel Coixet.

Eine Hafenstadt an der Ostküste Englands, 1959. Florence Green (Emily Mortimer) eröffnet einen Buchladen. In der Ortschaft gibt es andere Pläne für das leerstehende Haus. Ihr Projekt trifft auf Freunde und harte Gegner. Nicht ganz „Chocolat“ als Buchladen.

Noch ein Film, der im Vergleich zu „Das schweigende Klassenzimmer“ gewinnt. So funktionieren Kulisse und Kostüm: Nicht nur die exakten Kleidungsstücke aus dem jeweiligen Jahr nehmen, sondern auch abgelegte, schlecht sitzende. Geerbte Möbelstücke. Nicht alles passt. Nicht jeder hat Geschmack. Und sofort wirkt es nicht wie Fernsehfilm, sondern wie in die späten 50er zurückversetzt. Hier haben wir das England der zivilisierten Konversationen, der Teekannenwärmer und der grün angemalten Ladenschilder mit goldeneren Schrift.

Eine Entscheidung für eine Farbpalette (ähnelt der von An Education). Eine Haltung der Kamera. Sie wählt aus. Sie erzählt, sie bildet nicht nur ab. In diesem Film (im Vergleich zu seinem Vorvorgänger) ist mir klargeworden, dass ein Film nicht nur eine historische Verortung braucht, um von einer vergangenen Zeit zu erzählen, sondern auch eine Entscheidung treffen muss, was er aus dieser Zeit warum erzählen will. Und warum.

Edmund Brundish (Bill Nighy) ist jemand, der nicht mehr an die Menschen glaubt und nie sein Haus verlässt. Er ist der erste Kunde des Buchladens. Er bestellt per Brief. Dieser Teil des Films wirft ein interessantes Licht auf die heutige Amazon-Bestellgesellschaft und die gesellschaftskritischen Stimmen, die sagen, heute würde man sich nicht mehr in Person begegnen, weil sich alles per Email und Smartphone abspielt. Auch in anderen Zeiten gab es schriftliche Kommunikation und Menschen, die das Haus nicht verließen. Und wie heute muss diese Kommunikation nicht unpersönlich sein, sondern kann von großer Intensität sein.

Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Penelope Fitzgerald kommt der Film aber nicht wirklich von der Stelle. Das Voice-Over und der Schluss verraten die Literaturvorlage allzu deutlich, es geht um große Themen wie das Überleben der Guten gegenüber dem Vernichtswillen der Bösen, aber der Film inszeniert das nicht als dramatische Auseiandersetzung von Haltungen, sondern als Ablaufen einer Uhr. Die sehr schöne Kulisse und hervorragenden Schauspieler*innen (Patricia Clarkson als Violet Gamart) hätten mehr gekonnt.

Hier habe ich noch einmal mehr verstanden, was die Kategorie „Berlinale Special“ bedeutet.

 

20.30 Wieża. Jasny dzień. (Tower. A Bright Day.), Forum, Regie Jagoda Szelc.

Frühsommer, Jetztzeit. Ländliche Idylle in Polen, mehr Landhaus- und Gartenleben als Landwirtschaft. Nina soll Erstkommunion feiern, und die Familie ist eingeladen und verbringt ein paar Tage zusammen im Haus von Ninas Eltern, Mula und Michał. Im Haus wohnt pflegebedürftig Mulas Mutter. Mulas Schwestern Kaja, Anna und Annas Mann und Kinder erreichen das Anwesen mit dem Auto. Von der ersten Begegnung zwischen Nina und Kaja ist klar, dass etwas über dem Familienfrieden liegt – vor allem Mulas Reaktion offenbart, dass Nina die biologische Tochter von Kaja ist, obwohl das Kind von Mula aufgezogen wird.

Der Film beginnt bereits mit einer atemberaubenden Kamerafahrt ohne jeden erkennbaren Schatten über die Felder Polens, an der Straße entlang, bis er sich auf das Auto der Ankommenden einschwenkt. Die Kamera wählt nie die einfachen Bilder. Der Sound holt Dinge in den Vordergrund, die das Bild verschweigt, das Herzklopfen, das Scharren der Tiere auf dem Grund, das Hecheln des verschwundenen Hundes, rutschende Erde. Einmal versucht die Familie, den Geräuschen aus dem Haus auf den Grund zu gehen, aber außer einer eingeschlagenen Wand wird nichts sichtbar. Die Natur lärmt in diesem Film. Die Menschen atmen. Sie versuchen, miteinander zurecht zu kommen, sie begehen Rituale, die Aufnahmen von den Proben der Erstkommunionkinder sind freundlich und chaotisch, das Licht ist warm, die Familie um Kommunikation bemüht, es ist kein Sozialdrama, das Abgründe zeigt, indem es verwahrloste Küchen und starre Blicke bemüht. Die Einrichtung des Hauses ist freundlich, gemütlich, bewohnt, sorglos. Ein Flüchtling irrt durch den Wald, er stürzt ab, auch seine Geschichte erreicht die Oberfläche nicht, rumort aber im Inneren des Films.

Ein mutiger Film voller interessanter Kameraeinstellungen, der etwas erzählt, was nicht auf der Ebene der ausgesprochenen Dialoge spielt. Der alles, was Film kann, Bild, Ton, Perspektive, Schnitt anwendet um Fragen zu stellen, um Zusammenhänge herzustellen, der wehtut ohne grausam zu sein.

Mein bester Film auf der Berlinale bis jetzt.

 

 

 

Ein Baum wächst in Brooklyn

Ich hatte einen Baum vor dem Fenster. Einen Lindenbaum. Nicht am Brunnen vor dem Tore, sondern vor einem fünfstöckigen Haus, eingefügt in das Pflaster einer Straße, vor dem Zimmer einer Jugendlichen. Das ist auch so eine Art Brunnen vor dem Tore, am Tor zur Welt, da wo es weitergeht, wo man hinausschauen kann, gedanklich das Zimmer und die eigene Welt verlassen, da steht ein Baum, der immer da ist, dass Blätter wechseln, der Saft und Leben hat, bleibt, mehr weiß, weniger weiß, man weiß es nicht. Ich habe irre viele Gedichte über diesen Baum geschrieben.

Im Roman „Ein Baum wächst in Brooklyn“ von Betty Smith aus dem Jahr 1943, das in diesem Herbst von Eike Schönfeld für den Inselverlag neu übersetzt wurde, wächst Francie Nolan mit einem solchen Baum vor dem Fenster auf. Er steht neben der Feuerleiter, auf der sie liest, und umfängt ihren Leseplatz mit seinen Ästen und Blättern, so dass sie ganz woanders zu sein scheint. Ihr Plan ist, die ganzen Bücher der Leihbibliothek auszulesen, und da sie jeden Tag ein Buch liest, scheint das nicht völlig im Unerreichbaren.

Unerreichbar ist vieles andere. Der Roman beginnt im Sommer 2012, unter eben diesem Baum und endet im Spätsommer 2018. Er spielt im Brooklyn der Eingewanderten, einem Umfeld in dem 1 Penny viel und 5 Pennys manchmal alles bedeuten können. Francie sammelt Lumpen, um sie gegen Pennys einzutauschen, sie spielt mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder Neeley, sie wären auf einer Polarexpedition, wenn sie nichts zu essen haben. Großmutter, Tanten und die Bewohner des Viertels, die aus Irland, Deutschland, Österreich eingewandert sind spielen eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Von ihnen hängt der Alltag ab. Der Großmutter, die nicht lesen kann, ist Bildung so wichtig, dass sie ihre Tochter, Francies Mutter darauf einschwört, ihren Kindern jeden Abend eine Seite aus der Bibel und eine Seite Shakespeare vorzulesen.

Francie manövriert den Alltag in seinen wirtschaftlichen Facetten (wo bekommt man das günstigste Brot, wie hält der Kaffee am längsten) mit Hilfe von Geschichten (wie der Polarexpedition). In der Schule bekommt sie für die Geschichten, die sie aufschreibt, Einsen. Bis sich ihre Welt verändert. Sie bemerkt, was hinter den Geschichten liegt.

Die Waage im Teeladen schimmerte nicht mehr so hell, und die Dosen waren angestoßen und schäbig. (…)

Alles veränderte sich. Francie geriet in Panik. Ihre Welt entglitt ihr, und was würde an deren Stelle treten? Aber was war denn überhaupt anders? Jeden Abend las sie wie immer eine Seite aus der Bibel und eine Seite Shakespeare. (…) Sie steckte Pennys in die Spardose. Der Trödelladen war noch da, die Geschäfte blieben alle gleich. Nichts veränderte sich. Was sich veränderte, war sie.                                (S. 276)

„Ein ganz schlimmer Fall von Großwerden“, attestiert ihr Vater, als sie ihn um Rat fragt.

  • „Was ist passiert, dass du jetzt so schreibst“, fragt Miss Gardner, die Englischlehrerin an der Grundschule. „Du warst eine meiner besten Schülerinnen. Du hast so hübsch geschrieben. Deine Aufsätze haben mir so gut gefallen. Aber diese hier …“ Frannie weiß nicht, was anders geworden ist. Sie hat sich dieselbe Mühe mit Rechtschreibung und Schönschrift gemacht.
  • „Ich meine, dein Thema. (…)  Armut, Hunger und Trunkenheit sind doch häßliche Themen. Wir alle wissen ja, dass es das gibt. Aber man schreibt doch nicht darüber.“
  • „Worüber schreibt man denn?“ – „Man versenkt sich in die Phantasie und findet dort Schönheit.“
  • „Was ist Schönheit?“ – „Schönheit ist Wahrheit, Wahrheit Schönheit.“
  • „Aber diese Geschichten sind die Wahrheit.“

Miss Gardner meint mit Wahrheit „Dinge wie die Sterne, die immer da sind, die Sonne, die immer aufgeht, die wahre Vornehmheit des Menschen“.

Während sie wie Platon das Gute, Wahre und Schöne als eins denkt, ist für Francie der Baum in ihrem Hof derjenige, der immer da ist. Der Baum mit Wurzeln in der Erde, der weiterwächst, wenn er abgehauen wird, wie die Menschen in ihrem Viertel.

Francies Noten bleiben schlecht. Ihr Leben bleibt in Berührung mit Armut, Hunger, aber auch mit Erwachsenwerden, mit dem Einsatz ihres Lesens. Ihre Bildung führt immer über Umwege. Aber daran hält sie fest:

Als sie ihre erste Liebe trifft, erzählt sie ihm „nur von den schönen Seiten – wie gut Papa ausgesehen habe – wie klug Mama sei – was für ein famoser Bruder Neeley sei und wie goldig ihre kleine Schwester. Sie erzählte ihm von der braunen Schale auf dem Tresen der Bücherei.“ Aber als er ihr erzählt, wie einsam er sein ganzes Leben über war, erzählt sie ihm dasselbe über sich. In diesem Moment beginnt etwas.

Betty Smith erzählt vom Leben in schwierigen Umständen nicht als eine Geschichte über schwierige Umstände, sondern als eine Geschichte vom respektvollen, liebevollen, wütenden Umgang mit dem, was da ist. Sie braucht die Blumenblüten und Schmetterlinge nicht, die Frannies Lehrerin von ihr lesen wollte. Sie nimmt sich des Lebens, der Menschen und dem Alltag Brooklyns an und damit der Einwanderungsgeschichte Amerikas in der Tradition von Willa Carters „My Antonia“. Eine Geschichte vom Ankommen, vom Sichorientieren, vom Nichtanderswissen, vom Lernen, vom Weitermachen.

Diese Zeit heute braucht es wie jede andere Zeit, das Hinsehen auf das was da ist, nicht das was sein sollte, was behauptet wird, was Menschen für ihre Argumentationen annehmen wollen. In Zeiten von Fake News und dem Storytelling der Unternehmen zeigt diese Neuübersetzung, wie aktuell es ist, mit dem zu leben, was da ist, und nicht dem, wie man die Welt eigentlich sehen sollte.

Wie war dein 2017?

Ein paar mal bin ich jetzt schon für CouchFM (Montag bis Freitag von 17-18h auf Radio Alex, 91,0) mit einem Mikrofon durch die Gegend gelaufen und habe kleine 1-Minute-Umfragen gemacht. Zu ganz unterschiedlichen Themen. Jetzt, am Ende des Jahres, ging es um das Jahr 2017. Und das ist die bisher politischste Umfrage geworden. Ich habe größtenteils in Moabit rumgefragt. Da ist ja auch das Lageso. Zwei Leute, die ich angesprochen habe, kamen direkt von da. Sie haben sehr nachdenklich geantwortet. Es war ein anstrengendes Jahr, das hoffentlich eine gute Grundlage wird für das nächste Jahr. Ich habe ihnen „the best of luck“ für ihre Pläne und ihre Zukunft gewünscht, und frage mich seitdem, wie das wohl auf sie gewirkt haben muss, nach der Behörde, beim Warten auf die U-Bahn, eine Frage nach ihrem Jahr 2017. Ansonsten hat Moabit genauso bunt geantwortet, wie es ist. Der Döner dort ist nunmal besonders gut.

Wie war dein 2017 (<- Audiolink, ca. 1:30 Minuten)

Und die Leute am Dönerstand haben uns dann gleich noch mitgenommen zu einem Cypher, der das letzte Mal stattfand, weil der Mietvertrag aufgelöst wurde. Was ein Cypher ist, wusste ich vorher auch nicht, aber dazu und besonders über diesen Abend werde ich noch mal einen eigenen Beitrag machen #besteenergycypher #moabitistbeste

Wie geht man raus?

Aus einem Jahr, wie geht man rein? Als ich im Februar 2013 diese Wohnung hier besichtigte und im März einzog, stiegen mit mir am U-Bahnhof Birkenstraße selten mehr als drei Menschen aus. Ich war überrascht, dass es wirklich noch Bahnhöfe ohne Rolltreppe und Fahrstuhl gab.

In den 80ern bin ich in Moabit südlich der Turmstraße aufgewachsen, und die Gegend um die Beusselstraße galt als unheimlich. Nördlich der Turmstraße war ich bloß, weil da die Markthalle steht, zum Einkaufen, und weil vor ihren Eingangstüren blaue Plastikelefanten stehen, auf denen man reiten kann. Außerdem ist St. Paulus, meine Gemeinde, in der Oldenburger Straße knapp nördlich der Turmstraße. Auch das Rathaus Tiergarten und die Verkehrsschule Moabit – alle knapp drüber. Ich habe eine Erinnerung, von der ich nicht weiß, ob sie stimmt, dass die Oberministranten nach dem Ministrieren, wenn es schon dunkel war, besonders die Kinder aus dem Beusselkiez fragten, wie sie nach Hause kamen, und sich darum kümmerten, dass sie zusammen liefen. In meiner Erinnerung war es dort – hier auch immer eher dunkel, wenig Straßenlaternen. Den U-Bahnhof Birkenstraße habe ich damals nie kennengelernt, weil ich in Moabit eher zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs war – warum zum U-Bahnhof Turmstraße laufen, von dort eine Station fahren, und von dort noch mal laufen? Die Wege zum und vom Bahnhof wären länger als der gesamte Weg.

Jetzt lebe ich wieder hier, seit 4 Jahren und 10 Monaten. Und die Gegend hat sich verändert wie nur etwas. Wie alles im Leben vermutlich. Das ist nicht überraschend. Bis 1989 stand hier noch die Mauer, und jetzt laufen Scharen von Menschen die Trampelpfade ins Kallasch und in die Kulturfabrik. Und im Kaffee Klatsch bei Elke wird immer noch geraucht.

Wie geht man aus einem Jahr, wenn man doch weiß, dass sich alles ändert? Die Zeit „zwischen den Jahren“ fiel aus dem Jahr heraus, als es noch den Mondkalender gab. Alle sind beschäftigt, und das gibt einem noch mal Zeit, zu gucken, was war. Was wird, weiß man nie, ich habe auf der letzten Seite von meinem Kalender letztes Jahr eine Mindmap mit Zielen gemacht, in mit Strichen verbundene Begriffe, mit bunten Linien umkringelt, je nach Bereich. Vielleicht die Hälfte davon habe ich erreicht, die andere Hälfte hat sich verschoben durch Dinge, die passiert sind, die ich ganz anders erwartet hätte. Das ist meine Erfahrung mit Plänen: Wenn ich zwei, drei Jahre später auf sie zurückschaue, ist das, was passiert ist, etwas, das ich mir zum Planungszeitraum nicht vorstellen konnte. Weil jedes Jahr aus ca. 365 einzelnen Tagen besteht, nicht aus einem einzelnen Sprung. Und sich von jedem einzelnen Tag aus neue Wege ergeben, auf denen wieder etwas anderes aufbaut, und so fort. Die Veränderungen sind exponentiell, nicht linear.

„Die Urweihnacht war ein ausgelassenes Fest“, zitiert Pamela Dörhofer in der Frankfurter Rundschau die Historikerin Renate Reuther. Bei dem man von Haus zu Haus zog, Bräuche wie sie jetzt Halloween zurückkommen oder am Dreikönigstag noch begangen werden, nicht alleine zu Hause saß. Dieser Artikel hat mich beschäftigt in der letzten Woche, ich habe weiter gelesen, alles über diese 12 Tage „zwischen den Jahren“, die Bräuche, die Traditionen, die Wünsche. Etwas über die Zukunft herausfinden zu können in der Zeit, die nicht in der kalendarischen Ordnung festgehalten wird.

Was man draus macht, ist immer was die Zukunft ist, aber genauso das, was die Vergangenheit ausmacht. Wie man es sich zusammenfasst, wie man es deutet, welche Trampelpfade der Erinnerung man entlang geht, wenn man sie jemandem erzählt. Ich weiß mehr über das alte Moabit als über das neue Moabit der Trampelpfade vom U-Bahnhof zum Kallasch, zur Kulturfabrik und zum ZKU. Vielleicht finde ich es nächstes Jahr heraus. Wie das geht, mit dem Nebeneinanderher von westdeutscher Jugend und verwurzelten Berliner*innen weiterzuleben.

Ich habe schon ein paar Ziele für das nächste Jahr gesammelt. Auch die Berliner Verkehrsbetriebe und die Berliner Bäderbetriebe haben sich Ziele für das nächste Jahr gesucht. Ich hoffe fast noch mehr, dass sie ihre Ziele erreichen als ich. Endlich wieder ein saniertes Poststadion, Spreewaldbad und Paracelsusbad! Und vielleicht irgendwann die U5 bis zur Turmstraße verlängern. Dann wären wir Moabiter endlich auch an das Zentrum von Mitte angeschlossen, einem Bezirk, dem wir offiziell seit 2001 angehören.

Mehr verbinden, mehr sanieren, das sind doch Ziele. Schwimmbäder, in denen es weniger zieht, sauberer ist, Wege kürzer sind. Das gilt auch für ein Verkehrsnetz. Nicht unbedingt für ein Leben. Da sind ja oft die längeren Wege die interessanteren. Mit dem Ring die längere Strecke fahren als die, mit der man schneller zu Hause wäre. Zu Hause, am S-Bahnhof Beusselstraße. Da, wo der Blick auf die Gleisanlage des alten Güterbahnhof Moabit, mit dem unbewohnten Turm, in den ich einziehen möchte, fällt (siehe Foto). Da wo die freundliche Bäckerei ist, die so gut ist, dass ein Spandauer Ruderkollege von uns extra am S-Bahnhof Beusselstraße aussteigt, nur um sich da ein Rühreibrötchen zu kaufen. Und an dem der hervorragende Dönerladen an der Ecke ist, von dessen großzügigem Hinterraum aus man auf die Gleisanlagen schauen kann und auf die Sonne, wie sie auf- oder untergeht, je nachdem wann man da ist.

Tagesanfänge, Tagesenden sind ja auch solche Zeiten, an denen man vor- und zurückschaut, und nach innen und nach außen. Wie auch an Gleisen, und da wo sich Schneisen in der Stadt zeigen, wo etwas losgeht oder ankommt. Wie eben zwischen den Jahren, dem Umsteigebahnhof des Kalenderjahres.

Wie man eine Ente in Berlin macht

Es ist der 25. Dezember, ein Montag, 13.20h. Weihnachten hat staatlich freie Feiertage, und es wird auch immer viel gegessen. Mit Tradition oder ohne. Und wenn, unter Einbeziehung sehr unterschiedlicher Traditionen. Eine sehr klassische ist: Heiligabend (der 24.) Kartoffelsalat und Würstchen oder Fisch, weil das eigentlich noch ein Fastentag ist. Und dann am 25., dem ersten Weihnachsfeiertag, der Braten. Oft ein großer Vogel.

Wie gesagt, es ist 13.20h, da muss es langsam losgehen. Für alle, die noch nicht genau wissen wie, hier ein Rezept: Hilfreich, schnell, kompetent:

Wie man eine Ente in Berlin macht (Audio-Link / ein kleines Spontaninterview beim Betriebseingang der Komischen Oper Berlin)

Spandau Nord

Das Schwimm-Blog Berlin hat über mein Berliner Lieblingsschwimmbad geschrieben!

In Berlin existiert die schönste, abwechslungsreichste Bäder Landschaft die es in Deutschland gibt. Durch die Tatsache der geteilten Stadt gibt es die unterschiedlichsten Bautypen. Kombibäder zum Beispiel im Westteil, sogenannte Volksschwimmhallen im Ostteil der Stadt. Identischer Bautyp bedeutet noch lange nicht identisches Innenleben. Durch Sanierungen, die mal lieblos unter dem Motto „hau raus die Kohle“,…

über Stadtbad Spandau Nord — www.schwimm-blog-berlin.de Blog Feed

Meer, Moabit und das Areal um den Lehrter Bahnhof

Als die Billigfluglinien aufkamen, flog man mit Ryan Air nach Frankfurt Hahn, nach London Stansted,  nach Paris Beauvais. Ebenso fuhr man Ende des vorletzten Jahrhunderts von Berlin mit Ziel Hannover eben nach Lehrte, eine kleinere Stadt im Umland. Ausgangspunkt war einer der Berliner Kopfbahnhöfe (wie auch der Schlesische, der Görlitzer), eben der Lehrter Bahnhof, am Rande von Moabit. Als er an die Stadtbahn (die S-Bahn, die Charlottenburg und den Schlesischen Bahnhof verband) angeschlossen wurde, bekam er den schönen Namen „Lehrter Stadtbahnhof“. So nennen ihn viele Berliner noch heute, auch wenn er im Zuge der Wiedervereinigung und des Hauptstadtumzugs zum Hauptbahnhof umbenannt und umgebaut wurde, den Berlin mit seinen vielen Zentren historisch nie so hatte (mal war die Friedrichstraße die Hauptanlaufstelle für Ankommende wie in Kästners „Emil und die Detektive“, mal waren es der Ostbahnhof und der Bahnhof Zoo, die meiste Zeit war der Name „Berlin Hauptbahnhof“ jedoch nicht vergeben).

Die Fläche um den Lehrter Stadtbahnhof eignete sich für den Bau eines Hauptbahnhofes nicht nur wegen ihrer Nähe zum historischen Zentrum, zum Brandenburger Tor und zum Bundestag, sondern auch, weil sie wenig bebaut war. Dort verlief die Grenze der geteilten Stadt, der Todesstreifen, das Mauersperrgebiet. Außerdem aber war da die Brachfläche unweit des ehemaligen Zellengefängnis Moabit. Das wurde in den 1840er Jahren als „Musterstrafanstalt“ gebaut. Jeder Gefangene hatte dort seine eigene Zelle.

Unmittelbar schlossen sich Exerzierplatz und Kaserne an. Auf dem Gelände dieser Kaserne liegt heute das Stadtbad Tiergarten, zusammen mit dem Exerzierplatz ging das Gelände an die Post und wurde als „Poststadion“, ursprünglich für die Ertüchtigung der Postbeamten im Rahmen des Postsportvereins, eine zentrale Sportstätte der Moabiter. Der Name „Poststadion“ ging über auf das bis Anfang der Nuller Jahre dort gelegene Freibad und auch auf das Stadtbad Tiergarten, in dem ich, wie auch viele andere Moabiter, schwimmen gelernt habe. Wenn man heute über das Gelände streift, begegnet man dem alten Backsteinbau, von dem viele nicht mehr wissen, dass es mal ein Gefängnis war. Laut Mitarbeitern der Lettretage könnten die leerstehenden Zimmer für Kulturschaffende genützt werden.

In diesem Gefängnis schrieb der im Dezember 1944 inhaftierte Widerstandskämpfer Albrecht Haushofer, der als die Niederlage bereits absehbar war, zusammen mit ausgewählten anderen Gefangenen auf dem Marsch durch die Invalidenstraße ermordet wurde, innerhalb dieser kurzen Monate 80 Sonette, die sich in seiner Manteltasche fanden. Eines dieser „Moabiter Sonette“ handelt vom Meer, es war mit ausschlaggebend für die Benennung dieses Blogs.

Haushofer Sonett Wind vom Meer

 

 

Aus dem Nichts (Fatih Akin)

Pünktlich zum Abschlussbericht des Hessischen NSU-Untersuchungsausschusses kommt Fatih Akins NSU-Hinterbliebenen-Drama „Aus dem Nichts“ in die Kinos. Der Film war für die goldene Palme in Cannes nominiert, konnte aber nur einen Preis für seine Hauptdarstellerin Diane Kruger mitnehmen. Die dominiert den Film in fast jeder Szene. Warum ist aus der Geschichte der NSU-Morde ein Film über das Leiden einer Deutschen geworden? Aus demselben Grund, aus dem der hessische Verfassungsschutz von dem geplanten Mord an Halit Yozgat im April 2006 in Kassel gewusst hat, aber nichts dagegen unternommen hat?

Braucht es das Leiden einer Deutschen, um sich zu identifizieren? Fatih Akin hat Erfahrung in der Besetzung bunter Casts – die Wahl auf die blonde Darstellerin Diane Kruger ist wohl nicht zufällig gefallen. An ihr inszeniert er eine fiktive Tragödie im Schatten der NSU-Morde. Die Unausweichlichkeit der antiken griechischen Tragödie nimmt er mit bis in den Schauplatz des dritten Teils, für den in Griechenland gedreht wurde und in die Besetzung von Diane Kruger, die mit der Rolle der Helena in „Troja“ ihren Durchbruch hatte.

Die realen Fälle dienen als zeitgeschichtliches Tableau, auf dem Akin ein Drama inszeniert, für dessen Funktionieren er einige Bedingungen konstruieren muss – und so wirkt der Film zunächst auch: Konstruiert. Eine Reihe von Szenen, die alle etwas zu gewollt wirken, die Kamera wackelt, Dialoge wie im Fernseh-Abend-Krimi: „Fühlen Sie sich in der Lage, uns bei den Ermittlungen zu helfen?“ „Kann das nicht bis morgen warten?“ „Gibt es jemanden den Sie anrufen können?“

Der Film kommt zu sich in der Ruhe der Kamera, in den Einstellungen, die den Szenen Raum geben, mehr zu sein als die Umsetzung der für die Handlungen notwendigen Informationen. Er verwendet viel Zeit auf die Exposition, und wo er Bilder verwendet, wird er oft sehr explizit metaphorisch:

Im Übersetzungsbüro, das zum Tatort wird, dem Ort, an dem eine Resozialisation gelungen ist, Flugtickets gebucht werden, zwischen Sprachen gewechselt wird, spritzt Blut auf eine Weltkarte.

Es regnet, es regnet über die bodentiefen Fensterscheiben der eskapistisch inszenierten Wohnung im Grünen, es regnet über die zu Tryptichen angeordneten Fensterscheiben im Polizeipräsidium. Der Schatten von Regentropfen läuft über Diane Krugers Gesicht, das große Teile der Laufzeit des Films im Fokus steht.

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The Square – eine geometrische Kritik.

The Square (Schweden 2017) – eine geometrische Kritik.

Anke Dörsam

Eine Reiterstatue aus Bronze, mit grüner Patina bedeckt, blickt den Zuschauer aus der Leinwand an. Sie hat aber keine Chance, etwas zu sagen, sondern wird an einen Kran gehängt – von einem Monteur, der sich in seinem neonorangenen Overall mit Reflektorenstreifen von ihr absetzt, als gehöre er in eine andere Dimension. Der blassgraue schwedische Himmel hängt über dem Museumsvorplatz, während ein Cello den Gesangspart in Bachs „Ave Maria“ übernimmt, begleitet anstelle der Instrumente von einer menschlichen Stimme. Wer begleitet hier wen, was? Der Kran begleitet die Statue nach unten, wo sie auf dem Pflastersteinboden zerschellt und ihren Kopf verliert. Niemand fängt ihn auf oder packt ihn in Transportkisten, weitere Bauarbeiter in Neongelb, das vor dem fahlen, beigen Stein wie Grün wirkt, hauen den Vorplatz auf, fügen einen Metallrahmen ein und walzen das Pflaster zu einer glatten Fläche. Das titelgebende Quadrat im Boden bleibt leer liegen.

Christian (Claes Bang) ist der Direktor dieses renommierten und progressiven „Museum X“. Eine Reihe von Pech, Vorurteilen und klassischem Führungsverhalten führen ihn in die Katastrophe: Ein Performance-Künstler (Terry Notaro) schmeißt den Starkünstler (Dominic West) aus einem Museumsempfang. Ein Medienskandal führt zu einer Kündigung. Es gibt Tote. Wenigstens metaphorisch. Ein Meta-Film.

Ein Film vom Scheitern (Regie und Buch: Ruben Östlund), und das fängt schon beim Quadrat an. Seine eingeebnete Fläche auf dem Museumsvorplatz wird nie den direkten Blick in das Gesicht des Zuschauers werfen wie die Plastik, die es ersetzt hat, und der Film selbst ist durchsetzt von verhinderten Quadraten: Rechtecken und Rauten. Die Rückseite eines Laptopbildschirms, überhaupt: Bildschirme, Smartphones, Projektionsleinwände. Aber auch Kacheln, Spiegel, Fenster, Treppen mit ihren abgegrenzten Flächen. Zum Quadrat schafft es kaum eine von ihnen, wie auch das titelgebende Kunstwerks es nur in den Dialog des Films schafft, der viel von dem tragen muss, was die Bilder nicht halten.

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