Berlin, wo bist Du.

Bildrechte: @Achvonunterwegs

In welchem Zwischenraum befindest Du Dich gerade? Seit ich vor 8 Jahren wieder nach Berlin zurückgezogen bin, habe ich seine verschiedenen Zwischenstunden gesucht, ich habe Künstler angehört, die hier Musik geschrieben haben, Bilder angeschaut und aufgehängt, die hier gemalt oder fotografiert wurden, und Bücher gelesen, die hier geschrieben wurden, und ich habe nach dem Berlin gesucht, in dem ich aufgewachsen bin. Zu allen diesen Berlins habe ich eine suchende Beziehung, aber in vielen Punkten auch eine liebevolle Beziehung, es ist, wie wenn man beim Fotografieren mit der Linse über den Landwehrkanal schweift und den Moment findet, in dem das Licht einem zu begegnen scheint.

Im Frühjahr habe ich mich mehr mit dem Kreis um Michael Rutschky beschäftigt und mich dunklen Seiten eines vergangenen Berlins gestellt, das vorher für mich eine vertraute und Vertrauen einflößende Seite der Stadt war, in dem Zivilcourage gefeiert wurde, in dem es gut war, zu widersprechen, aufzustehen, nicht zu schweigen. Aber diese Stadt hing auch in der Perspektivlosigkeit der Mauernenklave fest, in der sich noch in den 80ern nie etwas zu verändern schien und der Mauerfall weit weg von der Vorstellung war.

Aus dieser Zeit lese ich gerade die Werke Ulrike Edschmids, die in diesem Jahr 80 Jahre alt wird, aus dem Berlin nach der Studentenrevolte, weiterhin eingefallener Wohnraum, wenig Vertrauen in die Autoritäten, wenig, aber dafür genaue Perspektiven.

Während des Lockdown tauche ich in diese Zeit ein, laufe den Weg von der Siegessäule an der Hansabücherei vorbei, und will das erste Mal in meinem Leben woanders sein, auf dem Land, andere Straßen, anderes Licht, andere Farben. Das erste Mal macht es mir nicht die Freude, das Vertraute zu sehen, das, was ich schon kenne in einer anderen Stimmung, in einem neuen Moment, die Veränderungen, die man nur dann besonders gut sehen kann, wenn einem etwas vertraut ist. Ich sehne mich nach der Weite eines Ortes, an dem keine Häuser stehen, und ich nicht, wie im Tiergarten, weiß, welche Straße sich hinter der nächsten Beugung und der nächsten Ansammlung von Bäumen verbirgt.

Es erinnert mich an die Mauerstadt, an das nicht Rauskommen, das nicht-so-leicht-Rauskommen, das Erstmal-an-der-Grenze-Warten. Natürlich sind die Grenzen offen, aber trotzdem scheint der Radius beschränkt.

Es ist, als ob ich jetzt die Zeit habe, ein neues Berlin kennenzulernen, eines, das nicht auf den 20ern oder 50ern, 70ern oder 80ern beruht, und bin doch gerade nur an die engen Zeiten der Mauerzeit erinnert, nicht mal an den verzweifelten Aufbruch der 50er, Gemüse wenigstens im Tiergarten anzubauen, weil alles so kaputt war, dass irgendwie weiter das Einzige war, das überhaupt noch ging.

Was mich immer noch in dieser Zeit hält, sind die Begegnungen mit den Berliner*innen auf der Straße, die ich teils noch aus meiner Schulzeit kenne, und die sich nicht überlagern lassen von Kohleschwaden aus den 80ern, Mauerschatten und dem Gegeneinander der hohen Ansteckungszahlen in unseren Bezirken, die wirken, als wären manchen die anderen völlig egal. Die anderen, die sie nicht kennen, vermute ich, aber vermutlich haben alle Berliner*innen gerade unterschiedliche Gedanken.

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