mitten im Herbst

Moabit ist kühl geworden, 9 Grad. Warm genug für die Winterschwimmer, die noch keine Eisschwimmer sind, aber Moabit hat kein Gewässer, in dem man schwimmen könnte. An den Uferwänden der Spree gibt es Treppen in den Mauern, von denen ich mich immer frage, ob sie dafür benutzt werden könnten. Sie werden zum Besteigen der Boote, die im Wasser ankern, benutzt, sie sind nicht abgesperrt, es gibt sie schon seit meiner Kindheit, nur wurden sie in letzter Zeit teilweise ausgebessert, wo der Stein verwittert war.

Es ist kühl geworden, durch Moabit zu laufen fühlt sich anders an als im Sommer. Diesen Sommer fühlte sich Moabit radikal anders an, als ich es jemals vorher erlebt habe, unverbunden. Die Leute auf der Straße in sich gekehrt oder aggressiv aus sich heraus. Nicht das aus dem Augenwinkel sich im Blick haben, ins Gespräch oder in Gedanken (den nächsten Einkauf, Umstieg, die nächste Begegnung) vertieft, aber ungefähr wissen, wo die anderen sind, um nicht in sie hineinzulaufen. Den Fahrradfahren, die wegen der Kopfsteinpflaster auf der Fahrbahn in den Seitenstraßen auf dem Gehweg fahren. Den anderen Fußgängen. Den Hunde mit ihren als Leinen über die Straße gespannten Verbindungen zu anderen sich bewegenden Personen.

Vielleicht weil alle mehr mit sich beschäftigt waren, weil der Blick auf den anderen konkret war, eine Gefahr durch Viren? Hält der oder die sich an die Regeln? Überträgt er das Virus? Ist das etwa so ein Maskendurchsetzer? Nimmt er mir meine Freiheit? Und: der andere, das bin nicht ich. Kommt er besser durch die Krise? Schlechter? Nimmt er mir was weg? Nehme ich ihm was weg? Und wird er mir das vorwerfen?

Der Blick auf die anderen ist nicht mehr so aus dem Augenwinkel, nicht mehr so absichtslos, und das eigene Ich ist nicht mehr so sicher und darum angespannt.

Jetzt ist der Sommer vorbei, und die Menschen haben schon durch ihre dickeren Jacken, teilweise die gegen den typisch Berliner und in diesen Tagen wieder ungewöhnlich lang anhaltenden Nieselregen aufgespannten Regenschirme ohnehin wieder einen größeren Abstand als zuvor, wie in anderen Herbsten auch. Es wird früher dunkel, es ist diesig, ab und zu nebelig, man sieht ohnehin weniger, stellt die Augen weniger scharf, mehr auf den Raum auf dem Weg vor einem, vielleicht noch auf den Himmel, auf das Licht, das man immer weniger sieht, weil die Tage kürzer werden und man mehr Zeit drinnen verbringt.

Es ist eine paradoxe Zeit, in der Abstand heißt, dass einem die anderen nicht egal sind. Es ist noch nicht klar, wie wir alle aus der Krise kommen, die einzelnen anderen Menschen, denen auf der Straße begegne. Die jede für sich ihren Weg gehen von dem Ort, an dem sie losgelaufen sind, zu dem Ort, wo sie hinwollen. Vor der Krise, nach der Krise, da mittenhindurch, damit sind wir nicht jeder allein, das betrifft uns alle, dass wir mittendrin sind, und dass wir ein Vorher hatten, das uns geprägt hat, dessen Ziele und Träume oder ihre Reste wir mitgenommen haben, mit denen wir durch den Herbst navigieren. Und dass das Nachher geprägt sein wird von dieser Zeit, von dem, wie die Träume, Wünsche und Ziele auseinander gebrochen und neu zusammengefallen sind, alle, die durch die Straßen laufen, die zu Hause bleiben, an jedem neuen Tag, und wie unser Weggucken, Hingucken, Abstand halten uns dabei beeinflusst, beim Weitergehen und Wiedertreffen, beim Stolpern und Sitzenbleiben, beim Innehalten und wieder Aufschauen.

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