MEER

Als Kind klangen für mich „Meer“ und „mehr“ gleich. Das ist für mich immer haften geblieben. Meer ist mehr. Mehr von Wasser, mehr von Weite, mehr als Land.

Im Atlas sieht man die Kontinente, die wie ein Puzzle zusammenpassen zu scheinen, man lernt, wie sie sich bewegt haben, auseinander, zusammen, auf unterirdischen und in diesem Fall auch unterseeischen Lavaströmen.

Und um sie rum die blaue Fläche in verschiedenen Tiefen, verschieden dunkles Blau, das die Legende am Rande der Karte als verschiedene Metertiefen auflöst.

Größtenteils sind es Meere, die die Kontinente voneinander trennen. Oft stellen sie auch Landesgrenzen da. Hier Land, da Wasser, hier Staat, da Hoheitsgebiete, auf denen gefischt werden darf und Erdöl gebohrt werden kann, dahinter internationale Seegewässer. Auf denen fahren Schiffe, die eine Flagge brauchen, wieder zu einem Staat gehören, kleine extraterritoriale Staatsgebilde mit eigenem Seerecht.

In einer Zeit, in der Grenzen immer wichtiger werden, in der Landgrenzen besser ausgeleuchtet werden können durch moderne Technik, Kameras, Beleuchtung, Infrarotsuchgeräte, bildet das Meer eine merkwürdig hybride Grenze. Wasser verändert Sandstrukturen, Felsen, schabt an Mauern, bildet Rost, verändert seinen Höhenstand, treibt oder zieht sich zurück. Gischt, Luftfeuchtigkeit, Nebel, Gewitter erschweren die Sicht. Ungleiche Machtverhältnisse führen zu unterschiedlichem Druck auf Menschen in unterschiedlichen Ländern, und zu unterschiedlichen Lebensbedingungen und Möglichkeiten, das eigene Leben zu gestalten bis hin zu essentiellen Menschenrechten wie Unversehrtheit, Nahrung, Wasser.

Es sind zunehmend die Grenzen, die das lösen sollen. Not, Unsicherheit durch menschengemachte und umweltgemachte Bedingungen, die sich nicht ausweiten sollen, die woanders bleiben sollen. Es soll mehr Sicherheit geben, zu kontrollieren, wo das ist. Zu kontrollieren, wohin sich die Menschen bewegen, die davor fliehen. Die manche verantwortlich machen. Genauere Regelungen. Klarere Regelungen. Striktere Regelungen. Mehr Kontrollen.

Und seit Jahrzehnten (Jahrhunderten) Menschen, die sich bewegen. Über das Wasser und über Land.

Schon die documenta 2002 zeigte Bilder vom Meer, in die Namen und Ausweise von ertrunkenen Flüchtenden eincollagiert waren. Das war die documenta, in der parrallel die Elbflut stattfand und Bilder von Dämmen und auf dem Wasser treibenden Schlauchbooten über Bildschirme in der Karlsaue flimmerten.

Menschen ertrinken auf dem Weg nach Europa übers Meer. So wichtig erscheint ihnen der Weg, dass sie es in Kauf nehmen, zu sterben. Wie auch immer man das sieht, was auch immer man für Motive annimmt, das muss man begreifen. Was sie bewegt, ist schlimm genug, dass ein möglicher Ertrinkungstod eine Alternative darstellt.

Boote auf dem Meer, die einen Weg bedeuten, die Möglichkeit, einen anderen Ort zu erreichen. Und zugleich Boote, die von anderen Häfen aufbrechen, Freizeitboote, Dampfer, Yachten, über dasselbe Meer.

Die Möglichkeit, über das Meer ein anderes Leben zu erreichen, ging auch von Europa aus. Das Auswanderermuseum in Bremerhaven hat eine großartige Dauerausstellungen zu den Motiven, Wegen und Schiffen dieser Migrationsbewegung.

In einer sicheren Wohlstandsgesellschaft ist Wassersport der Sport der Reichen. Er steht für Freizeit („Am Sonntag will mein Süßer mit mir Segeln gehn.“), Freiheit, Ausspannen.

Die Möglichkeiten, die das Wasser bietet. Die Bewegung, die Wellen, wie es das Licht fängt. Beim Rudern an der Pfaueninsel Pause machen, den Alltag vergessen in der gleichmäßigen Bewegung, in den Farben der verbeiziehenden Bäume.

Das Wasser gleicht seine Oberfläche immer wieder aus. Am Horizont, am Meer erscheint es als Linie. Unter dem Himmel, von dem es im Schöpfungsbericht der Bibel durch Trennung geschaffen wird: „Und Gott machte die Wölbung und schied die Wasser, die unterhalb der Wölbung von den Wassern, die oberhalb der Wölbung waren.“ (Genesis Kapitel 1, Vers 7, Elberfelder Übersetzung). Im Hebräischen trennt Gott Mayim (מים )  von Schamayim ( שמים ), Wasser von Himmel, beide Wörter phonetisch in einem Mengendual, Wörter, die nicht im Singular bestehen können. Die Himmel. Und die Wasser. Die in der Optik, in der Malerei die Farbe des jeweils anderen wiedergeben.

Der Blick in die Ferne, die Weite, ist in Alfred Anders‘ „Sansibar oder der letzte Grund“ der Blick in die Freiheit und der Blick in die Sehnsucht. Die Möglichkeiten, die in der Bewegung und letzten Unkontrollierbarkeit des Wassers liegen stehen für die Freiheit, etwas anders zu machen und die Enge, wenn nur noch ein Ausweg bleibt: der, der keine Sicherheit bietet.

 

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4 Kommentare

  1. Tanja Praske · Juli 19

    Liebe Anke,

    vielen herzlichen Dank für deinen tiefsinnigen Beitrag zu #DHMMeer. Ich las just die Beiträge 64, 65 und deinen – fast glaube ich, ihr hättet euch abgesprochen, da ihr aus unterschiedlicher Perspektive die aktuelle Rolle des Meeres als entgrenzte Grenze und Hoffnungsschimmer für Flüchtlinge ansprecht.

    Danke dir vielmals!

    Herzlich,
    Tanja von KULTUR – MUSEUM – TALK

    Gefällt 1 Person

    • ankedoersam · Juli 23

      Liebe Tanja, vielen herzlichen Dank für Deinen Kommentar und die tolle Blogparade! Ich bin schon sehr gespannt auf die Ausstellung! Schon allein der Titel „Europa und das Meer“ macht die beiden beiden Wellenrichtungen aus, die diese Beiträge so vielseitig machen!

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  2. Pingback: Märchenhaftes! Wie das Salz ins Meer kam - #dhmmeer
  3. Pingback: Verfahren - wie sie mit dem Meer leben - Beitrag zu #DHMMEER

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