Erzählungen

(1)

Als ich einige Zeit in Israel verbrachte, mussten wir der Studienleitung unterschreiben, dass wir nicht Bus fuhren und nicht in Cafés in die Jerusalemer Neustadt gingen. Es gab in der Abtei, in der ich wohnte, einen Bunker, der für den 1. Irakkrieg 1990/91 angelegt worden war, und in dem sich mittlerweile Regale voller Bücher befanden, die ehemalige Studienjährler dort liegen gelassen hatten, um Gepäckgewicht für den Rückflug zu sparen. Das Internet benutzte ich in dieser Zeit nur über den gemeinsamen Kopier- und Computerraum, weil mein mobiler Rechner, den ich immerhin schon hatte, kein Modem besaß. Ich las in dieser Zeit zwischen drei und sieben Bücher die Woche, schleppte immer ein paar hoch, und die ausgelesenen wieder runter, es fiel kaum auf, weil in den Lagerregalen so viele Bücher standen, viele doppelt.

Siegfried Lenz, Heinrich Böll, Maupassant, eins neben dem anderen, unterschiedliche Ausgaben, unterschiedlich abgegriffen, unterschiedlich lang.

Wie viele Erzählbände darunter waren, ist mir erst später aufgefallen. Auch in den folgenden Jahren, in denen ich, wieder in Deutschland zurück, kein Internet zu Hause, sondern nur in der Uni hatte, las ich Autor*innen „weiter“, also mehr Werke aus derselben Feder, wenn mir eins gefallen hatte. Vielleicht entspricht das dem Weiterklicken in neuen Tabs, wenn man sich beim Surfen in ein Thema vertieft. Ich weiß nicht mal, ob ich bei F. S. Fitzgerald mit den Romanen oder Erzählungen angefangen habe – hängengeblieben sind sie mir gleichermaßen.

Erst als ich im Herbst 2017 ein Seminar bei der Bayerischen Akademie des Schreibens mit dem Titel „Erzählungen – Groß im Kleinen“ besuchte, wurde mir klar, dass die Erzählung die kleine, vernachlässigte Schwester des Romans ist.

Die Energie, die es bedeutet, sich in eine Geschichte neu hineinzufinden, muss man im Laufe eines Erzählbandes immer und immer wieder aufbringen, die Trauer, die einen befällt, wenn man sich von der Welt, in der man kurz zuhause war, verabschieden muss, annehmen.

In Zeiten, in denen man viel zu tun, aber dennoch halbwegs Zeit zum Lesen hat, bedeutet ein Roman kleine Möglichkeiten, in ein Vertrautes zurückzutauchen, das einen manchmal über einen Zeitraum begleitet und ein ereignisreiches Vierteljahr zusammenhält.

Warum also Erzählungen überhaupt noch lesen? Warum also, außer dass der geneigte Schwimmbadblogger John Cheevers „Der Schwimmer“ einfach nicht auslassen kann? Oder Heinrich Böll in allen seinen Romanen dramaturgisch irgendwo einknickt, was man ihm zwar gerne verzeiht, um das man in seinen Erzählungen aber herumkommt?

Billard um Halbzehn„, ein Roman, den ich sehr liebe, und dem ich diese dramaturgischen Mängel verzeihe, ist für mich der Böll, der die Nachkriegszeit in einen tragischen Kontext stellt. Vielleicht bricht er zurecht wie die im Roman zentrale Brücke immer wieder ein, weil die Gegenwart, die in einen Kontext von Vergangenheit, parallel existierenden Geschichten und Zukunft gestellt wird, zusammenbrechen muss unter der Bürde der Narrative die sich in ihr kreuzen und die sie auffangen soll.

Einen Roman zu schreiben bedeutet eigentlich, eine Geschichte in einer Welt zu verankern. Die Welt abzubilden. Zusammenhänge herzustellen. Ein Roman ist mehr als marketinginstrumentativer Einordnungsversuch auf dem Buchcover der sagt: Lies mich! Ich verspreche dir eine Geschichte, die mit der Zugfahrt, die du gerade antrittst, beginnt, und erst am Reiseziel, wenn überhaupt, endet, dir wird nicht langweilig sein.

Den ganzen Blick, den ein Roman auf seine erzählte Welt nimmt, nämlich auch auf die Vergangenheit der Figuren, auf Entwicklungen, Zusammenhänge der in ihm verhandelten Themen miteinander, muss man erst mal werfen. In ihm fächern sich nahe und ferne Teile der Geschichte auf, der Erzählton ordnet sie zueinander an.

Man nimmt beim Lesen einen weiten Blick.

Ich habe den Verdacht, dass die aktuelle Erzählweise in der ersten Person Präsens, die nah am Erzähler bleibt, diesen Blick bewusst einschränkt, weil ein naher Blick eine viel höhere Konfrontation mit dem Erlebten bedeutet. Was näher ist, erscheint größer, absoluter, gerade weil der Kontext fehlt.

Heinrich Bölls Kurzgeschichten nehmen den Blick auf das Nachkriegsdeutschland auf wie nachhaltige Blicke aus der Eisenbahn, begrenzt durch die Metallumrahmung des Zugfensters aus einem Abteil, das mit sich bringt, was der Reisende mit sich bringt und nicht mehr erzählt als was in dem kurzen Abschnitt, auf dem wir den oder die Protagonisten begleiten, passiert – aber die Lücken in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit dem auffüllt, was sonst noch zu sehen ist. Und zwar in jedem Moment des Lesens von einem anderen Ort aus. Das gilt für Romane zwar auch, wegen des kleineren Rahmens und den dadurch entstehenden Lücken für die Erzählung aber im Besonderen. Es ist gerade der Blick, der noch nicht einordnet und der weniger hintergründige und vordergründige Erzählstränge zu einem lebensechten Bild zusammenfügt, der es der Erzählung ermöglicht, sich mit dem Hintergrund des eigenen Lebens zu verbinden.

 

(2)

Dieses Wochenende hatte ich „Das glückliche Paar“ von Somerset Maugham mit an den See genommen, weil ich „Oben an der Villa“ vom selben Autor sehr mag. Mir war nicht klar, dass es sich um eine Sammlung von Erzählungen handelt. Nirgendwo auf Cover oder Rückseite fand sich ein Hinweis darauf. Anstelle einer Inhaltsangabe findet sich folgendes Zitat des Autors auf dem Buchrücken:

„Ich schäme mich nicht, ’nur ein Geschichtenerzähler‘ genannt zu werden. Im Gegenteil, ich bin stolz auf diese Beschreibung meiner Tätigkeit. (…) Ich wollte immer Geschichten mit einer fortlaufenden Handlung. Ich hatte auch nie Angst vor sogenannten Pointen. Ich habe es immer vorgezogen, meine Geschichten mit einem Gedankenstrich zu beenden.“

Es ist eine höchst vergnügliche Lektüre, schon weil sich Maugham an keine Regel des Erzählens hält, wie sie in heutigen Textwerkstätten für junge Autor*innen verteidigt werden. Beim Lesen sah ich förmlich die Werkstättenteilnehmer*innen und Mitarbeiter von Verlagen mit der Rückseite der flachen Hand gegen die Absätze schlagen (wie ich es oft erlebt habe): „Das kann weg!“

Die Eingangsgeschichte mit dem Titel „Schein und Wirklichkeit“ (in der Übersetzung von Helene Mayer) beginnt beispielsweise mit den einleitenden Worten:

„Ich möchte mich nicht für die Wahrheit dieser Geschichte verbürgen, aber ein Professor für Französische Literatur an einer englischen Universität hat sie mir erzählt, und er war, glaube ich, ein Mann von zu lauterer Gesinnung, als daß er sie mir erzählt hätte, wenn sie nicht wahr gewesen wäre. Er hatte die Methode, die Aufmerksamkeit seiner Studenten auf drei französische Schriftsteller zu lenken, die seiner Meinung nach alle Eigenschaften vereinigten, die als Haupttriebfeder des französischen Charakters gelten können.“

Dieser Exkurs setzt sich über eine ganze Taschenbuchseite fort, bevor die eigentliche Erzählung beginnt, in der sich die im Verlauf der Eingangsanekdote beschriebenen Charaktere wiederfinden lassen – oder auch nicht. Die Geschichte erzählt im Übrigen die Beziehung eines Pariser Models zu einem Lokalpolitiker, die von unterschiedlichen Erwartungen und Einschätzungen der Beziehung (er bezahlt ihr ein Appartement und erwartet ihre Liebe, jedoch unter Beibehaltung des öffentlichen Anstands trotz Fortführung seiner Ehe) handelt. Diese widersprüchliche Vermengung von Bezahlung, erwarteter Authentizität des Gefühlslebens, Freundschaft und Loyalität unter gleichzeitig bestehenden Machtverhältnissen erschien mir einen klaren und erhellenden Blick auf derzeitige Arbeitsverhältnisse in Start-Ups und Arbeitsbedingungen, die ein hohes Maß an „Identifikation“ und „Eigenengagement“ einfordern.

Alle dieser Geschichten lassen sich höchst aktuell lesen. Mein persönliches Highlight ist „Das Gurren der Turteltaube“ (Übersetzung Claudia und Wolfgang Mertz), das den Einstieg eines jungen, vielversprechenden Autors in den Literaturbetrieb Wort für Wort so beschreibt, dass er aus dem Jahr 2018 stammen könnte.

„Ich schwankte lange Zeit, ob ich Peter Melrose mochte oder nicht. Er hatte einen Roman geschrieben und einiges Aufsehen damit erregt bei den kreuzlangweiligen, aber gleichwohl verdienstlichen Leuten, die ständig auf Talentsuche sind. (…) Ich las ein paar Rezensionen, sie widersprachen sich ungeniert. Einige Kritiker verstiegen sich zu der Behauptung, mit diesem ersten Roman habe sich der Autor seinen Platz in der vordersten Linie der englischen Erzähler erobert, andere verrissen das Werk. Ich las es nicht, denn Erfahrung lehrte mich, bei einem ’sensationellen‘ Buch ein Jahr zu warten. Es ist erstaunlich, wie viele Bücher man dann überhaupt nicht zu lesen braucht.“

Die Geschichte folgt dem Erzähler, wie er den Jungautoren mit einer Opernsängerin bekannt macht (die ebenfalls heute leben könnte), da ihm seine Recherchen für das nächste Buch allzu idealistisch erscheinen. Auch die Einschätzung des Ergebnisses dieser literarischen Bemühung könnte man heute in einem Seitengespräch auf einer Sommerparty des Literaturbetriebs aufgeschnappt haben:

„Im Lauf der Zeit erschien sein Buch, das wie viele zweite Romane junger Autoren nur ein mäßiger Erfolg war. Die Kritik hatte seinen ersten Versuch überbewertet und zeigte sich nun übermäßig streng. Natürlich macht es einen gewaltigen Unterschied, ob man einen Roman über sich und die von Kindesbeinen an vertraute Umwelt schreibt oder über der eigenen Phantasie entsprungene Figuren. Peters Buch war zu lang, seine hochbegabten Beschreibungen wucherten zu ungezügelt, der Humor war immer noch recht ordinär, aber die Epoche hatte er geschickt getroffen und die Liebesgeschichte besaß jenes Feuer echter Leidenschaft, das mich an seinem Erstling so beeindruckt hatte.“

Der Erzähler, ebenfalls ein Schriftsteller, erscheint hier in seinem Urteil zu mehr Differenzierung und Ambivalenz bereit (oft ist es ja ein Nebeneinander von Stärken und Schwächen, was ein Buch ausmacht) als die Kritik, nicht ohne es sich nehmen zu lassen, auf den letzten Seiten der Erzählung einen Eindruck der Opernsängerin, die das Vorbild des zweiten Romanes des Jungautors war, in eigenen Worten zu beschreiben, die vielleicht mehr Klarheit und erzählerische Kraft haben als die „hochbegabten Beschreibungen“ des Romans, weil er ihr ihre Ambivalenz lässt.

(W. Somerset Maugham: „Das Glückliche Paar“, Diogenes 1972)

 

(3)

Eigentlich wollte ich die Tage am See nutzen, um einen zusammenhängen Roman zu lesen und sie nicht auseinanderpflücken, indem ich eine Erzählung nach der anderen las, doch es fiel mir zunehmend schwerer, abzubrechen. Ein ganzes Wochenende ist vermutlich ein guter Zeitpunkt, um einen Roman anzufangen, doch die einzelnen Texte schienen mir so viel erzählen zu wollen, dass ich mir vorkam, als würde ich auf einer Party den Raum verlassen, in dem jemand gerade eine spannende Anekdote erzählt.  Je länger ich las, desto mehr erschien mir die Erzählung als eine gute Literaturform für die Gegenwart. Ein Gedanke, der nicht ganz neu ist und den Nikola Richter und ihr herausragender Verlag mikrotext auf ganzer Linie ausführen und belegen:

„Die Texte sollen in einem Rutsch oder auch mit Unterbrechungen in kurzer Zeit lesbar sein. Ich glaube zwar nicht, so wie Frank Schirrmacher, dass das Netz unser Gehirn zermatscht, aber ich merke schon, dass ich sehr viel gleichzeitig tue und mir mehr Auszeiten wünsche. Auszeiten als Kurzlektüre, die ich einfach mitnehmen kann, auf meinem Smartphone, auf meinem E-Reader oder Tablet, und überall lesen kann.“

Auch Christiane Frohmann verfolgt mit dem Frohmann Verlag ein ähnlich kluges Projekt, das Literatur für die Gegenwart aktualisiert. Was bedeuten die auseinander gerissenen Abschnitte unserer Wahrnehmung für das Zusammenhängen von Erzählungen? Wie antwortet Literatur auf die zunehmende Schriftlichkeit von Kommunikation über die messengerdienste auf dem Smartphone? Besprechungen über Bücher aus diesen Verlagen finden sich nicht nur, aber besonders mit diesem Blickwinkel auf Tania Folajis Blog elektro versus print. Es ist vielleicht nicht der Roman, der diese Zeit am besten erzählen kann.

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Ein Kommentar

  1. southpark · Mai 29

    Danke für den wie immer nachdenkenswerten und schön geschriebenen Text. Den finde ich spannend, weil es mir in vielem anders geht: ich neige mittlerweile beim Lesen mehr zum Gedruckten als viele Jahre, dort dann auch mehr zu längerem und auch mehr zur Belletristik als zum Sachbuch als lange zuvor. Also bin ich eher auf dem Weg hin zum Roman. Ich glaube unter anderem auch, um meinem Online-fahrigen Hirn wieder längere Entspannungszeiten zu gebem, in denen es nur eine Perspektive und eine Handlung und eine Konsistenz des Denkens gibt.

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