Meer, Moabit und das Areal um den Lehrter Bahnhof

Als die Billigfluglinien aufkamen, flog man mit Ryan Air nach Frankfurt Hahn, nach London Stansted,  nach Paris Beauvais. Ebenso fuhr man Ende des vorletzten Jahrhunderts von Berlin mit Ziel Hannover eben nach Lehrte, eine kleinere Stadt im Umland. Ausgangspunkt war einer der Berliner Kopfbahnhöfe (wie auch der Schlesische, der Görlitzer), eben der Lehrter Bahnhof, am Rande von Moabit. Als er an die Stadtbahn (die S-Bahn, die Charlottenburg und den Schlesischen Bahnhof verband) angeschlossen wurde, bekam er den schönen Namen „Lehrter Stadtbahnhof“. So nennen ihn viele Berliner noch heute, auch wenn er im Zuge der Wiedervereinigung und des Hauptstadtumzugs zum Hauptbahnhof umbenannt und umgebaut wurde, den Berlin mit seinen vielen Zentren historisch nie so hatte (mal war die Friedrichstraße die Hauptanlaufstelle für Ankommende wie in Kästners „Emil und die Detektive“, mal waren es der Ostbahnhof und der Bahnhof Zoo, die meiste Zeit war der Name „Berlin Hauptbahnhof“ jedoch nicht vergeben).

Die Fläche um den Lehrter Stadtbahnhof eignete sich für den Bau eines Hauptbahnhofes nicht nur wegen ihrer Nähe zum historischen Zentrum, zum Brandenburger Tor und zum Bundestag, sondern auch, weil sie wenig bebaut war. Dort verlief die Grenze der geteilten Stadt, der Todesstreifen, das Mauersperrgebiet. Außerdem aber war da die Brachfläche unweit des ehemaligen Zellengefängnis Moabit. Das wurde in den 1840er Jahren als „Musterstrafanstalt“ gebaut. Jeder Gefangene hatte dort seine eigene Zelle.

Unmittelbar schlossen sich Exerzierplatz und Kaserne an. Auf dem Gelände dieser Kaserne liegt heute das Stadtbad Tiergarten, zusammen mit dem Exerzierplatz ging das Gelände an die Post und wurde als „Poststadion“, ursprünglich für die Ertüchtigung der Postbeamten im Rahmen des Postsportvereins, eine zentrale Sportstätte der Moabiter. Der Name „Poststadion“ ging über auf das bis Anfang der Nuller Jahre dort gelegene Freibad und auch auf das Stadtbad Tiergarten, in dem ich, wie auch viele andere Moabiter, schwimmen gelernt habe. Wenn man heute über das Gelände streift, begegnet man dem alten Backsteinbau, von dem viele nicht mehr wissen, dass es mal ein Gefängnis war. Laut Mitarbeitern der Lettretage könnten die leerstehenden Zimmer für Kulturschaffende genützt werden.

In diesem Gefängnis schrieb der im Dezember 1944 inhaftierte Widerstandskämpfer Albrecht Haushofer, der als die Niederlage bereits absehbar war, zusammen mit ausgewählten anderen Gefangenen auf dem Marsch durch die Invalidenstraße ermordet wurde, innerhalb dieser kurzen Monate 80 Sonette, die sich in seiner Manteltasche fanden. Eines dieser „Moabiter Sonette“ handelt vom Meer, es war mit ausschlaggebend für die Benennung dieses Blogs.

Haushofer Sonett Wind vom Meer

 

 

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9 Kommentare

  1. dj7o9 · Dezember 1

    Habe diesen Text sehr sehr gerne gelesen – jetzt habe ich Lust auf Berlin 🙂

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    • ankedoersam · Dezember 4

      Das ist ein Wahnsinns-Kompliment aus Stadtteil-Bloggerinnen-Perspektive! ❤ Danke 🙂 Und natürlich hoffentlich bald: Herzlich Willkommen!

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  2. Dirk Franke · Januar 7

    Liebe Anke, du fragtest gerade nebenan, wie Du mein Blog erst jetzt gefunden hast. Die Frage gebe ich gerne doppelt an sich mich selber zurück: wie konnte ich dieses Blog erst jetzt sehen? Mit seiner Themenmischung, die wie für mich gemacht scheint. Mit einer Westdeutschen Jugend, nicht direkt am Wasser aufgewachsen, aber dafür Kapitänsenkel und Walfänger-Urenkel (das scheint zu prägen) und seit den ersten Ostsee-Urlauben des aus Leipzig in den Westen geflohenen Vaters angefixt. Es ist einladend beschrieben und überhaupt. Das Gebiet um den Westhafen fasziniert mich jedes mal wieder, wenn ich an der Ringbahn vorbeifahre. Aber trotz mehrere Versuche habe ich den rechten Zugriff auf das Gegend zu Fuß noch nicht gefunden. Ich weiß auf jeden Fall, was ich heute den Rest des Tages machen werde: Blog lesen.

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    • ankedoersam · Januar 7

      Ja, wie merkwürdig, dass in der Bloggosphäre doch manchmal Blogger*innen mit so ähnlichen Themen sich nicht über Links gefunden haben – aber irgendwann doch! 🙂 Ich sehe, Du hasst auch Kraulquappe, den Wassermann und Petra/Chlorhuhn gefunden! Ich vermute mal, das füllt jetzt noch mehr von Deinem Tag, oder? Die Ringbahn fasziniert mich übrigens auch sehr, von den Rausblicken aus der Stadt, dem Einblicken, der Neigung und überhaupt. Ich verstehe das sehr gut, mit dem Kapitänsenkel. Hannover liegt ja außerdem in Niedersachen, und Niedersachsen liegt am Meer, so sehr, dass es sich bis nach Angelsachsen ausgedehnt hat. Mein Großonkel, der aus Bremen kommt, sagte immer, dass sein Großvater sich noch am Kai mit den Hafenarbeitern in London verständigen konnte. Fragt sich eigentlich nur: Ruderst Du auch? Liebe Grüße aus dem Gebiet um den Westhafen …

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  3. Dirk Franke · Januar 7

    Apropor Staddteilbloggerin.. kennst Du eigentlich Stories and Places? http://stories-and-places.com/ . Ne, zum Glpck rudere ich nicht, das wäre mir dann doch unheimlich. Ich habe mal Kanufahren in meiner Jugend sehr genossen, aber da wir in der Familie jetzt schon zwei Kanu/Kayak-bedingte Todesfälle hatten, betreten ich so ein Boot schon aus familiärer Rücksicht nicht mehr. Und immerhin haben meine Eltern mich in jeden Ferien entweder an die Ostsee (Vater) oder die Nordsee (Mutter) geschleppt. Das prägt. Und die anderen Blogs fand ich natürlich über Deine Blogroll. Ich freue mir einen Ast über jedes Blog, das heutzutage noch lebt und lebendig ist und in der Lage Gedanken auszudrücken, die mehr als 140 Zeichen lang sind.

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    • ankedoersam · Januar 13

      Danke für den interessanten Link! Das kannte ich nicht, aber ich würde gerne mitmachen! Das ist sehr traurig mit den Todesfällen. Ich finde diese Elternschaft aber sehr schön – Mutter Nordsee, Vater Ostsee, so eine Art Meerelternpaar :-). ~~~~~~ Lieben Gruß

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      • southpark · Januar 14

        Für Stories & Places reicht es ja, einfach hinzugehen und den/die eigenen Post(s) einzutragen. Die Seite war zwar schon aktiver, lebt aber still und ruhig vor sich hin und ist als solches natürlich auch ein schönes Archiv.

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  4. Stephanie Jaeckel · 26 Days Ago

    Ich hab mal eine Zeit in dem Werkhof gleich neben dem Fußballstadion mein Büro gehabt (bzw. in einem Großraumbüro meinen Schreibtisch zu anderen Schreibtischen gestellt). Ich war auch noch in dem Schwimmbad (damals nur noch Hallenbad) schwimmen, und habe die Stille genossen, die dort damals noch herrschte. Weil Moabit jedoch von Kreuzberg, wo ich wohne, weit entfernt ist (zumindest im Winter), bin ich nach Schöneberg gezogen. Das Moabiter Büro habe ich jedoch in bester Erinnerung: nicht zuletzt, weil man seine Pausen dort auf dem Flachdach machen konnte und weil es eine prima Eisdiele gleich gegenüber gab…

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    • ankedoersam · 21 Days Ago

      Was für eine schöne Erinnerung. Ich vermisse das Freibad sehr. Das aktuelle Hallenbad ist kein Favorit für mich. Die Eisdiele muss ich noch entdecken. Danke für die Empfehlung! ❤

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