Wiederaufnahme ab 31. August: Stella Goldschlag / Neuköllner Oper

                                                                                                                                                         eine unmusikalische Opernrezension

Die Neuköllner Oper inszeniert das Leben der jüdischen Greiferin Stella Goldschlag, die 1922 in Berlin geboren wurde (Libretto Peter Lund, Komposition Wolfgang Böhmer). Sie spielte eine Rolle in vielen Biographien von während der NS-Zeit untergetauchten Juden, sogenannten U-Booten. Das Wagnis, ein reales, umstrittenes Leben zu dramatisieren und zu vertonen, zwischen Dokumentation (Fakten müssen untergebracht werden) und Reduktion (wie kann man einem Menschen gerecht werden, dessen Erleben ein paar Stunden lang zur Identifikation einlädt?) gelingt in einer Meditation über Blickrichtungen und Urteilen.

Das Publikum sitzt sich im Bühnenbild von Sarah Katharina Karl in zwei Blöcken gegenüber, in der Mitte ein Kubus aus Metallrahmen mit Glas dazwischen, wie ein Gewächshaus. Je nach Licht spiegeln diese Flächen, und man sieht sich als Publikum selbst, und dahinter den gegenüberliegenden Block, zwischen an Gefängnisgitter erinnernden Metallstangen.

Eine Sängerin, fünf Sänger, Frederike Haas spielt die Stella mit blonden Perücken, durchgängig, während die fünf Männer wechselnde Rollen übernehmen: ihren Vater, ihren guten Freund Gregor, Adolf Eichmann, Gestapo, SS, ihre drei Ehemänner.

Die Männer tragen Anzüge und sehen gleich aus, nur ihre Schuhe unterscheiden sich: Polierte Anzugschuhe, Turnschuhe, Armeestiefel … in ihrer Gleichheit werden sie zu einer Mehrheit, in der die einzelne Frau verschwindet.

Die meiste Zeit verbringt Stella innerhalb des Glaskubus‘, klettert in ihm per Leiter zu ihrem Vater aufs Dach, liegt auf dem Boden, probiert Kleider an, lehnt sich an die Wände oder versucht sie zu durchbrechen.

Stella bleibt in ihrem Kasten eingeschlossen, die Männer umkreisen den Korpus der wie ein Käfig erscheint, wenn die Glasflächen durchsichtig sind, lachen, diskutieren, bleiben souverän, letztlich frei und diskutieren über sie, Stella.

Das Publikum schaut zusammen mit den Männern auf sie, und gleichzeitig in der Spiegelung auf sich selbst zurück. Damit gibt das Bühnenbild ein erlebbares Abbild der Debatte um die Schuld der jüdischen Mittäter während der Verbrechen der NS-Zeit. Es wird geurteilt über Menschen, die wenig Möglichkeiten hatten, aus einer Position, die frei und sicher ist. Im Blick auf die Betroffenen herrscht der Spiegel der eigenen Position vor, so wie sich das Publikum im Bühnenbild spiegeln kann: Es beschäftigt sich letztlich mit sich selbst. War ich vielleicht weniger schuldig, wenn ich diese Person betrachte?

Es geht um das Publikum, um Handlungsspielräume und Urteilen – Urteilen über jemanden mit wenig Handlungsspielräumen, gespiegelt und identifiziert in Männern, die in viel einfacheren Positionen sind, mit Bewegungsräumen, Teil einer Gruppe, die scheinbar ganz genau wissen, wie das alles zu sehen sei.

Das ist eine der wichtigsten Fragen nach dem Holocaust: Ihn nicht als klaren, monolithischen Block zu sehen, der abgehakt werden kann. Etwas über ihn auszusagen bedeutet immer auch, sich damit auseinanderzusetzen, wo die Verhaltensweisen, die ihn möglich gemacht haben, heute existieren. Und das hat viel mit Gruppen, Individuen und dem Urteilen über Menschen zu tun.

Mit neun Nominierungen führt diese Inszenierung verdient die heute veröffentlichte Auswahl der Jury für den Deutschen Musicalpreis an und wird hoffentlich bald am 31. August 2017 wieder in den Spielplan aufgenommen.

Sie erhielt beim Deutschen Musicalpreis sechs 1. Preise: Bestes Musical, bestes Buch, beste Komposition, beste Liedtexte und beste Regie.

Hier alle Aufführungstermine

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