Totenzug der Ameisen – Zoroastre an der Komischen Oper Berlin

War schon mal jemand von Euch in Tempelhof? Ich nehme an, die meisten. Einer der jüngeren Tatorte spielte mit dem Aufeinanderprallen der Hochhaussiedlungen am Rande des Tempelhofer Felds („Rollbergkiez“, verschrien) und der weltoffenen Bourgeousie im anliegenden Altbauquartier.

Als ich neulich eine Woche Hund und Wohnung in der Siedlung um den Kaiserkorso hütete, lernte ich ein ganz anderes Tempelhof kennen. Unerwartet kleine Häuser, blumenverrankte Gartenspaliere, alle Straßennamen heißen nach hohen Militärs, friedlicher als in Wiesbaden, solange sich nicht die Hunde ins Gehege kommen, die der einzige Grund sind, dass jemand in dieser Gegend spazieren geht.

In der Inszenierung des Barock-Dramas Zoroastre an der Komischen Oper (Musik Jean-Philippe Rameau, Bühnenbild Rainer Sellmaier) stehen ganz lapidar zwei Einfamilienhäuser (eigentlich: Einpersonenhäuser) auf der Bühne, dazwischen ein Rasenstück.

Dort wohnen die Antagonisten Zoroastre (Thomas Walker) und Abramane (Thomas Dolie) Gartenzaun an Spalier. Der Originaltext (Louis Buch Cahusac) erzählt von zwei Zauberern. Diese Inszenierung (Regie Tobias Kratzer, Dramaturgie Johanna Wall) erzählt von unterschiedlichen Nachbarn.

Die einen trinken Bier aus Pfandflaschen, die anderen Bier aus Dosen. Giebeldach versus Flachdach, bodentiefe Fenster versus immer runtergelassene Jalousien, Kindlelexikon und Klassikgenuss aus kabellosen Kopfhörern neben Ballercomputerspielen am Desktoprechner. Sie konkurrieren um dieselbe Frau (Amelite, Katherine Watson). Unerwiderte Liebe zu einem Nachbarn, den man jeden Tag durchs Schlafzimmerfenster sieht, das kennen wir schon von Taylor Swift, mit denselben Distinktionsmerkmalen, nur genderrevers: „she wears short skirts / I wear T-shirts“ (das Video startet mit demselben Blick auf zwei Häuser). Identität entsteht am problemlosesten, wenn man sich von jemandem abgrenzt, und wenn Konkurrenz dazu kommt, wie auf dem engumkämpften Berliner Wohnungsmarkt oder der sprichwörtlichen Liebe zum girl next door. Noch viel mehr fiebert man mit mit Erinice (Nadja Mchantaf), die wiederum in Zoroastre verliebt ist und sich dafür mit Abrame verbündet – ein Plot wie die Teeniestory im oben genannten Tatort.

Kennst Du das Land, wo die Zitronen blühen? Nein? Zoroastre auch nicht. Aber er hat sich die Zitronenbäume in den Wintergarten gestellt, sie haben unter dem engen Glasdach kaum Platz zum wachsen. Er macht Yoga, nicht in einer Klasse, sondern allein mit seinem Privatlehrer Oromases (Jonathan McCullo). Zu seiner Hochzeit kommen praktisch keine Gäste, also braucht er auch nur eine einstöckige Hochzeitstorte. Kein Wunder, dass der Chor ins Off verbannt ist. Die Gesellschaft hat keinen Raum in diesem Konflikt – für Zoroastre und Abramane jedenfalls nicht.

Der Chor sagt stimmlich zu den Emotionen auf der Bühne: „Du bist nicht allein. Wir kennen das auch.“ Aber man sieht sie nicht. Viel mehr als die kleine Welt um das Rasenstück in ihrem Vorderhof bespielen die Protagonist*innen nicht.

Eine Leinwand beamt die Tänzer*innen des Balletts in Ameisenkostümen in Sichweite des Publikums, wenn die Sänger*innen in die Nähe des Rasenquadratmeters im Bühnenvordergrund kommen. Die Asche, die von Céphies (Katarzyna Wlodarcyk) Zigarette fällt, segelt als Bombenregen über die Ameisengruppe ins Gras, während der Text singt „welch grauenvolle Nacht“.

„Zittre vor meinem Hass und meiner Macht und dem was dir bevorsteht“ heischt Erinice, die ähnlich wie Azucena in Trovatore auch stimmlich zum energetischen Zentrum des Abends wird, ihre Konkurrentin an. Liebeskummer, Eifersucht, privates Drama dieser Inszenierung werden dem dramatischen Text des Originals, in dem Zauberer den Kampf um Gut und Böse ausfechten, nicht gerecht, solange man nicht ihre Auswirkungen auf ihre Umwelt einbezieht. Was das Ballett der Ameisen erlebt, spiegelt die Dramatik des Librettos wieder.

Auch der soziale Distinktionskampf um das Tempelhofer Feld, darum, was es heißt, in Berlin zu leben, der Rückzug auf die privaten Merkmale der richtigen Brille und des freiheitlichen Schrebergartens, hinterlässt einen Nebenkriegsschauplatz Restwelt. Möglicherweise ist es Absicht, dass der im Kontrast komponierten Musik (alles um Zoroastre wunderschön, alles um Abrame und Erinice dräuend) stimmlich vom Sänger des Zoroastre eine knorpelige bis knochige Interpretation entgegengesetzt wird. Musikalisch ist die Textur trotzdem wunderschön, und das Orchester der Komischen Oper, das zeitgleich Ariberts Reimans Medea aufführt, leistet Haptisches und Zärtliches mit der barocken Musik. Die Streicher spielen in dieser besonderen Interpretation mit Barockbögen auf modernen Instrumenten, als Analogie darauf, dass diese Inszenierung die Themen der modernen Welt mit dieser barocken Musik zum Klingen bringt. Währenddessen legt Erinice ihre Stilettos ab und interagiert zunehmend barfuß im zerstörten Vorgarten, und die Ameisen begraben ihre Toten.

Wieder am 24., 28. Juni, 6., 8. und 14. Juli.

»Am Ende stellt sich doch die Frage, ob der ›Gute‹ wirklich der moralisch Höherstehende ist«  (Interview mit Dirigent Christian Curnyn, Regisseur Tobias Kratzer, Ausstatter Rainer Sellmaier und Videodesigner Manuel Braun)

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Ein Kommentar

  1. Albrecht Selge · Juni 22

    Diese „unmusikalische Opernrezension“ finde ich musikalischer als so manche Musikkritik im Print. „Knorpelige bis knochige Interpretation“ ist gut gesagt. Trotzdem hat Walker mit besser gefallen als vielen anderen im Publikum. Es war ja m.E. alles etwas hochtourig, aber für Barock an der Komischen Oper ist das in Ordnung.

    Gefällt 1 Person

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