Wilde Maus, Österreich 2017

2 Musikkritiker*innen laufen 5 Minuten lang durch die Redaktion, kein Schnitt. Die Kamera filmt den walk-and-talk in bester Sorkin-Tradition von vorne. 5 Minuten lang unterbricht niemand diesen Dialog über Musikrezeption, von der 5. Symphonie von Bruckner über die White Stripes zu Jack White. Das hat sich seit Tarantino keiner mehr getraut. Und damit fängt der Film erst an.

 

Die Story

Dr. Georg Händel (Josef Hader – Regie: Josef Hader – Buch: Josef Hader), Misanthrop und Musikkritiker der fiktiven Wiener Gazette „Express“, wird gefeuert (unsanft, aber schmierig). Er plant die Rache an seinem Chef (Jörg Hartmann). Seine Frau Johanna (Pia Hierzegger) will mit ihm ein Kind. Mit einem Kompagnon (Georg Friedrich) übernimmt er ein Fahrgeschäft (Wilde Maus) im Wiener Prater (der Prater spielt die eigentliche Hauptrolle).

 

Und, wie finden wir das?

Geil. Bildaufnahmen, Dialoge, Weltschmerz. Endlich habe ich Österreich verstanden. Und den Jahrmarkt als solches. Bisher war mir schleierhaft, was toll daran sein soll, jetzt plane ich meinen ersten Full-Ride-Vergnügungsparkaufenthalt. Also, es geht im Leben darum, den unglaublich geilen Himmel anzugucken, wie nach einer durchgemachten Nacht auf einer Dorf-Kirmes, vorzugsweise auf dem Dach eines Achterbahnriesenrades im Prater, über den Dächern von Wien. Mega. Himmel. Sitzen Figuren im Auto und gucken nicht in den Himmel, regnet es meistens.

Den Soundtrack (wir befinden uns im Leben eines ehemaligen Mitstreiters des arrivierten Feuilleton) kann man als Zwischenüberschriften des unaufhaltsamen Abstiegs eines Kritikers lesen: Händels „La Folia“ (Die Dummheit) bei Regen, er brüllt in ein Auto. Der Rache-Klassiker (Auto-Lack mit dem Schlüssel zerkratzen) zu Bethovens Eroica (die heldenhafte Sinfonie) – noch mehr Regen. Mit dem neuerstandenen Klappmesser samt patriotischem Hirschhorngriff ein Cabrio-Cover aufschlitzen zu Händels Messias. Mehr Regen, versteht sich. Der hat ein tolles Sounddesign. Dr. Georg Händel geht in den Prater, haut auf den Lukas und fährt Fahrgeschäft. Im Hintergrund läuft Tod und Mädchen, Schubert (https://zqzaubert.de/kultur/egon-schiele).

Eine Figurenkonstellation wie in Schnitzlers Reigen. Einen Maskenball gibt es auch. Die Prateraufnahmen lassen Orson Welles‘ „Der dritte Mann“, in modernem Bonbonbunt wiederaufleben. Wien as Wien can. Keiner hört Wanda.

 

Schlechtester Dialog

Laß mich ausreden.“ „Wer bist du, dass du mein Leben zerstörst?“

– ein bisschen eine romantisch Komödie ist es doch. Zu Stravinskys Feuervogel betritt ein neuer Szenen-Klassiker den Kanon der romantischen Komödie: Beziehungsgespräch im stehenden Auto löst Rückstau in die Innenstadt aus.
Reaktionen aus dem Publikum

Nachdem das Ursprungsland des Filmes eingeblendet wird (Österreich!), multiples „Oh ja“ im Publikum. Deutliche „Wow“s bei einer Szene, bei der ein Mann im Schnee sitzt (Die logische Weiterentwicklung im nächsten Aggregatzustand nach dem Filmplakat von „Hader spielt Hader“ auf dem Hader mit dem Kopf halb im Wasser ist). Lacher. Gruseln. Mehr Lacher, gehen in Johlen über, zwei Mal Applaus, einmal vor dem Abspann, noch lauter nach dem Abspann (frag mich nicht, wieso, vermutlich, weil der mit einem klassischen Konzert unterlegt war, danach klatscht man ja, und mit Dr. Georg Händel sind wir jetzt irgendwie alle zu klassischen-Musik-Fans geworden.)
Äh, und der Bechdel-Test?

Nein. Gibt keine Szenen in der zwei Frauen miteinander reden.

 

Fazit

Könnte zum Kultfilmklassiker werden oder ein Revival für Klassische Musik auslösen oder den Geheimtipp-Status von Wien beenden oder den Jahresumsatz der Jahrmarktindustrie verdoppeln → reingehen .

 

Diese Rezension (leicht gekürzt) wurde zuerst veröffentlicht bei ZurQuelle.

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