Die Katrin wird Soldat

von Adrienne Thomas las ich zuerst mit 15, nehme ich an, und es prägte sich mir mit einer Intensität ein, so dass ich immer wieder daran dachte, obwohl niemand über dieses Buch sprach. Es war eines der Bücher, die mir dankenswerterweise von der Bibliothekarin der Stadtbücherei Spandau ans Herz gelegt wurden.

Adrienne Thomas wurde unter dem Namen Hertha Strauch 1897 in Lothringen geboren und wuchs dort in einem gutbürgerlichen Haus zweisprachig auf. In Metz, wo sie zur Schule ging, lebten Deutsche und Franzosen miteinander.

Als Jüdin und, noch dringlicher, Pazifistin, wurden ihre Bücher verboten, sie emigrierte 1933 in die Schweiz, über Frankreich, Österreich, Tschechien, Portugal und andere Europäische Länder (diese Erfahrungen flossen in andere Romane wie „Reisen Sie ab, Mademoiselle“ ein) schließlich 1940 in die USA.

Der 1930 veröffentliche Roman „Die Katrin  wird Soldat“ wurde ein Welterfolg, der in 16 Sprachen übersetzt wurde.

In Form eines Tagebuches erzählt die jugendliche Katrin von früher Verliebtheit, dem Verreisen, gemeinsamem Singen, Tanzstunde und Schlittschuhlaufen in und um das Metz der Jahre 1911 bis 1916. Die impulsive, poetische Beschreibung ihrer Erlebnisse ist immer humorvoll und voller Energie. Adrienne Thomas setzt die Mittel der Charakterbeschreibung durch die Einschätzung der jugendlichen Kathrin auf Ereignisse, die Autorin und Leser*innen anders einschätzen, gekonnt ein. Es werden Entwicklungen und Eigenheiten deutlich. Katrin steht nicht über den Dingen, sie ist mittendrin.

Ade, Eisbahn! Heut stand sie schon unter Wasser. Zwei Wochen andauernd Eis zu haben, ist aber für uns Metzer schon ein Glücksumstand. Und ich war jeden Tag drei Stunden auf dem Eis und bin schon fast eine Kunstläuferin geworden. Dafür bin ich aber heut noch mal der Länge nach hingeschlagen und war klitschnaß. Mein dunkelgrünes Samtkostüm ist nun wohl hin. (…) Und die vielen Risse und Löcher in dem ständig krachenden Eis, das immer mehr steigende Wasser unter den Füßen luden auch nicht mehr zum Laufen ein. So feierte unsere Clique lieber das Eisbahnende 1914 bei Mme. Boistaux.

Mittendrin beginnt der Krieg. Die Mitschüler*innen (selbstverständlich in geschlechtergetrennten Schulen) sind noch völlig beschäftigt mit der Ermordung des Figaro-Chefredakteurs durch Henriette Caillaux. Niemand hat eine Vorstellung davon, welche Ereignisse gerade wichtig sind, gerade hier zeigt sich die Stärke der Tagebuchform.

Katrin meldet sich zu den Rotkreuzschwestern, kocht Marmelade ein und teilt Suppe und Tee am Metzer Bahnhof aus. Ihre Begegnungen mit den durchreisenden Soldaten, Offizieren, Politikern, den mithelfenden Köchinnen, Krankenschwestern, Pfarrern, Bahnarbeitern füllen zunehmend die Seiten ihres Tagebuches. In den kleinen Begegnungen verlieren die Figuren nicht ihre Eigenheiten, auch wenn die Züge öfter kommen, die Soldaten leiser werden, die Wunden schwerer. Zivilisten verlassen die Stadt, aber wer auf den Schlachtfeldern kämpft und in Metz Zwischenhalt macht, diese Soldaten, werden als Menschen gezeichnet.

Heute hatte ich von 10 bis 14 Uhr Dienst. Wir hatten die ersten Verwundeten zu verpflegen. Frischverbundene, leichte Fälle. Nur einer darunter, für den die Bezeichnung l. V. nicht recht zutraf. Große, frische Blutflecke am Kopfverband, das Gesicht grünblaß. Ich zog ihm einen Liegestuhl in den Schatten, und da mußte er bleiben. Die anderen waren durchweg unglücklicher darüber, daß sie nun womöglich nicht in Paris mit einziehen können, als über ihre Verwundung. Als ich einem Mann das durch den Verband sickernde Blut aus dem Ärmel waschen mußte, wurde mir ein wenig übel, und der biedere Pommer tröstete mich noch: „Is nich schlimm, Fräuleinchen, is man blot ein Handschuh: hier rein, da raus!“

(Freitag, 28. August 1914)

Die Absurdität jedes einzelnen Todes, das schrille Gegeneinander von der Freude eines Menschen über seine Schmalzstulle und seinem Tod ziehen auf Augenhöhe vorbei, nicht im Abstand einer historischen Erzählung, nicht im Überblick.

Dies ist ein praller Roman, voll von poetischen Beschreibungen des Pfirsicheinkochens, des Himmels nach dem Feuergewitter der Schlacht, des Schlittschuhlaufens mit der ersten Liebe, ein pazifistisches Manifest über die Monstrosität des Krieges, niemals moralisch, niemals im Querschnitt. Die Toten verlieren sich nicht in der nachträglichen Einordnung ihres Fallens für ein sinnenhaftes Ganzes. Die Perspektive ist zu nah und hebelt damit die Argumentationen der Ideologie aus.

2009 verlegte der Röhrig Universitätsverlag eine Neuauflage. Damit ist das Buch wieder besser erhältlich und auch die antiquarischen Exemplare wieder erschwinglich.

 

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