Westdeutschland

David Wagner: Vier Äpfel und Meine Nachtblaue Hose

Als ich klein war, war Westdeutschland ziemlich weit weg, man musste zum Autobahnkreuz Dreilinden fahren, dort sechs Stunden warten, danach vier Stunden Autobahn fahren, und dann war man da. Zumindest war das mein Eindruck. Da die Mauer erst fiel, als ich neun war, waren 10 Stunden proportional zu meinem Gesamtleben eine lange Zeit. Aber es gab Bücher, allen voran Jo Postum, Peter Härtling und Dagmar Kekulé, da kam man schneller hin, mein Hauptversorgungspunkt war die Bibliothek in Altstadt Spandau, weil die Bibliothekarin dort so nett war, und weil sie viel mehr Bücher hatten als die Hansa-Bibliothek.

Daher hatte ich eine Vorstellung von Westdeutschland, es gab dort Jugendzentren und Baggerseen, Landstraßen mit schwarzweißen Pfeilern an beiden Seiten, mit links zwei Punkten und rechts einem senkrechten Streifen in der schwarzen Bandierung, weiß, und vor und nach Einfahrten rot – letzteres ist wieder eigenes Erleben, das sich mir auf nächtlichen Fahrten eingeprägt hat.

Später, im Studium, lernte ich einige dieser Einfamilienhäuser in kleineren Städten kennen, während ich Kommilitonen zu Hause besuchte. Grillen im Garten, ausgelegte Trittsteine, befestigte Tischdecken, an denen kleine schöne Plastikfrüchte hängen.

Ich fand das alles sehr interessant, so in das Leben der anderen Menschen einzutauchen, in Dinge, die ihren Alltag geprägt hatten, ohne dass sie darüber nachdachten.

Dies ist ein sehr langer Vorspann, um darüber zu reden, dass ich gerade David Wagner lese. Ein sympathischer Mensch. Eine sehr schöne Sprache. Getragen von einem langsamen Klang. Tieffliegende Erinnerungen an ein Westdeutschland, das ich von diesen Kommilitonenbesuchen kenne, Gegenstände auf dem gedeckten Tisch, Marmeladenzubereitung, Lebensmittelaufbewahrung spielen eine wichtige Rolle. Eine nachtblaue Hose hat die frühere Zugehfrau des Erzählers ihm über den Stuhl gehängt.

Neulich war ich bei einem Diaryslam. Dort lesen Leute aus ihren Tagebüchern vor, meist aus der Zeit, als sie 10 – 18 waren. Es kam mir wie eine sehr informative Veranstaltung vor, in der ich wirklich viel über die Jugend an anderen Orten lernte. Von Menschen, denen damals etwas wichtig war, damals ihr Leben wichtig war.

David Wagner erinnert sich. Die emotionale Intensität der Texte, entfaltet sich in der kurzen Distanz bei der Beschreibung der Gegenstände. Es gibt keine Fragen, keine Themen, nur Alltagserinnerungen, in denen Emotionen mitgeliefert werden. Das ist alles. Was ist das? Erzählt er das, in einer Welt, in der nichts mehr wichtig ist, weil für alles gesorgt ist? Ist nur noch wichtig, was mal wichtig war, als man noch nicht den Überblick hatte, als noch alles relevant war?

Es ist für mich nicht relevant. Als jemand, der nicht so aufgewachsen ist, sagt mir der Text nichts. Ich denke nur, ich müsste da gelebt haben, wo die Eier in Paletten von acht mal sechs geliefert wurden, um zu dem Wir zu gehören, das dieser Text voraussetzt. Es ist, als müssten meine eigenen Erinnerungen das ausgleichen, was der Autor mir nicht erzählt. Mir fehlt das Wasser, um dieses Instantpulver aufzugießen, es bleibt trocken.

Ja, da ist eine Liebe in Vier Äpfel. Die Erinnerungen an eine Frau mit dem bezeichnenden Namen L. begleiten den Erzähler durch einen Supermarkt. Ich mochte die Erzählstruktur sehr, ich mag die Fußnoten zu Äpfeln, Eiern und Speisenkellern.

Sie sind nett, die Fußnoten dahingegen im Knackstedt von Michael-André Werner, die ich auch sehr liebe, kommentieren jedoch klug, witzig, geben dem Text eine andere Farbe, Tiefe, sind Abstufungen und Schattierungen die irritieren und mir etwas über die Fragen erzählen, die die Welt stellt. Die in Vier Äpfel erinnerte Beziehung zu der Frau ist zu austauschbar, und die Erinnerungen an Marken sagen mir nichts.

Das einzige Kapitel das in mir die Idee geweckt hat, es könnte noch um etwas gehen, die sich leider nicht konkretisiert hat:

„51

Wer oder was bestimmt mich? Ich glaube, ich bin eine Biene, die durch den Supermarktgarten fliegt, die Verpackungen sind meine Blüten, Form und Farben, Schrift und Geruch verführen mich. Geruch? Aber ich rieche doch gar nichts, ist ja alles verpackt. Ich bin dressiert darauf, auf Formen, Farben und Schriften zu reagieren, bin vielleicht kein perfekter, alles in allem jedoch ein zuverlässiger Konsument, denn ich kaufe die Marken, die ich kenne und schätze und schon immer kaufe, und bin ich mit ihnen glücklicher als mit den Produkten ohne Namen, meine Marken sind noch bei mir, L. ist es nicht.“

Ich hatte Fragen als Jugendliche, ich habe Dinge erlebt, die mir wichtig waren, und dieser Prozess endete mit dem Ende der Jugend nicht. Wenn ich in Texten diese Fragen und Erfahrungen wiederfinde, oder wenn sie Fragen und Themen in mir ansprechen, kann ich den ganzen Weg einer Figur mitgehen.

Die bloße Erinnerung an Gegenstände reicht für mich dafür nicht aus.

„So ist es gewesen“, schreibt Gustav Seibt auf dem Klappentext. Formiert sich da ein deutsches Wir, das vergisst, dass es andere Menschen in Deutschland gibt? Das seine Identität aus der langweiligen, aber beruhigenden Privatvergangenheit des eigenen Reihenhausaufwachsens schöpft?

Der allgemeingültige Ton ist verwirrend und beunruhigend: die Unzufriedenheit mit der Belanglosigkeit des Lebens, die im Eigenen Bedeutung sucht statt den Blick nach Außen zu richten. Die deutsche Teilung, Einkunftsunterschiede, de facto Armut, Herkunftsunterschiede, Scheitern an Grenzen, die es in der Gesellschaft gibt, gehen in dieser Faszination mit der Belanglosigkeit der eigenen Jugend unter, die sich in der nachtblauen Hose eine Stimmung entwickelt wie ein schwüler Tag am Rhein.

„Eine Reise an den Rhein und in die Kindheit einer Generation“ schreibt der Klappentext – die Kindheit der Bundesrepublik fand am Rhein statt, dort wuchs sie politisch auf, soweit könnte man noch gehen, vermutlich würde man bei Böll (z. B. in Billard um halbzehn) Unterstützung für diese These finden, aber es ist nicht die Kindheit einer Generation. Wenn es die Kindheit einer Generation wäre, dann hätten wir in Deutschland wirklich nichts anderes zu beschreiben und politisch nichts anderes zu tun als traurig zu sein dass uns der eigene Überfluss keine besseren Schreibthemen beschert. Das lullt aber alles ein, es lädt dazu ein, wegzugucken. Der Mangel an Themen ist nicht das einzige Problem, das es in Deutschland gibt. Die Menschen, die in Reihenhäusern in Westdeutschland aufgewachsen sind, sind nicht die einzigen, die es in Deutschland gibt. Ein Problem gibt es wenn sie nicht nur den Ton angeben, wie es zu sein scheint, sondern außerdem nichts von den anderen wissen.

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8 Kommentare

  1. dj7o9 · Juni 30, 2016

    Guck Guck – ich habe noch „The Illumination“ hier liegen – all yours 🙂 Bräuchte nur Deine Adresse, damit es bei Dir einziehen kann….

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    • ankedoersam · Juli 13, 2016

      hat das eigentlich funktioniert? Ich habe einen Adblocker, und es scheint mir, dass Kommentare oft nicht ankommen. Das sieht man ja immer nicht so schnell, weil die anderen den Kommentar ja ohnehin erst noch genehmigen müssen. Kannst Du mir sagen, ob der Kommentar angekommen ist und Du ihn nur nicht veröffentlicht hast? Ich habe da gerade wirklich ein technisches Problem. Liebe Grüße, Anke

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      • dj7o9 · Juli 14, 2016

        Hi – war wirklich im Spam gelandet, hab ihn jetzt aber und Buch geht gleich raus 🙂 Liebe Grüße.

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  2. Tania Folaji · August 22, 2016

    Eine schöne Besprechung, danke!

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  3. comp_lit_se · September 15, 2016

    Eine sehr interessante Besprechung! Ich habe dieses Buch von David Wagner nicht gelesen, lese aber von ihm gerade „Welche Farbe hat Berlin“ und aufgrund meiner Beobachtungen dabei vermute ich, dass es auch eine sehr treffende Besprechung ist (zudem blendend formuliert – kein Wasser für das Instantpulver!). Denn „Welche Farbe hat Berlin“ wirkt auf mich ähnlich unberührend. Wagner hat zum Teil überraschende, schöne Wortspiele und sprachliche Bilder, aber der Subtext seiner Erzählungen erschließt sich mir nicht, sagt mir nichts und fragt mich nichts.
    Ich finde es immer problematisch, wenn man von einer persönlichen Erfahrung auf die ganze Gesellschaft schließt. Alle diese Generationenbücher bleiben mir fremd, wohl weil ich mich selbst nie als Teil einer Generation oder irgendeiner Untergruppe derselben begreifen konnte und wollte. Sich so stark mit einer Gruppe zu identifizieren, heißt doch auch immer, sich aus allem anderen auszugrenzen, oder nicht? Impliziert doch auch, alle anderen würden zu irgendwelchen anderen Gruppe gehören, innerhalb derer auch alle gleich sind, aber anders als in den anderen Gruppen? Und da man die eigene Gruppe so toll findet, ist die Abwertung der andern Gruppen da nicht ein kleiner Schritt?
    Vielleicht lege ich da jetzt aber auch zu viel in Wagners Text, den ich ja – wie gesagt – gar nicht gelesen habe. Und nach dieser Rezension wohl auch nicht lesen werde. 😉

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    • ankedoersam · September 16, 2016

      Danke für Dein Lob und Deinen Kommentar! Ich habe mich sehr schwer getan mit diesem Eintrag und ihn mehrfach überarbeitet, weil ich die Nachtblaue Hose grundsätzlich gut fand. Dabei sind einige Grundstrukturen echt gelungen, das immer wieder Aufgreifen der einzelnen Handlungsstränge im Bezügenetz zum Beispiel, und in diesen Wiederholungen entstand für mich auch eine Stimmung. Ich fand diese Übertragung der eigenen Erfahrung auf eine ganze Gesellschaft auch deswegen problematisch, weil sie nicht im luftleeren Raum besteht, sondern in einem Kontext, in dem oft BRD-Geschichte mit deutscher Geschichte gleichgesetzt wird. Wir hatten darüber gerade ein Gespräch bei den Bücherfrauen, in dem es um die Ausstellung „Stadt der Frauen“ im Stadtmuseum ging. Sandra hat darüber hier geschrieben: https://experilente.wordpress.com/2016/08/25/stadtderfrauen/ .
      Und ich erlebe das oft bei Westdeutschen in Berlin, dass sie etwas für „normal“ halten, was spezifisch ist. Und das ist so schade, weil es den Blick verstellt auf anderes. Und damit komme ich wieder zurück zu Wagner: Ich würde total gern ein Buch von ihm lesen, in dem er das einbezieht und literarisch was draus macht (also nicht nur andere Perspektiven wahrnimmt), ich glaube, dass er das ziemlich gut machen würde.
      Die Nachtblaue Hose würde ich zum Lesen schon weiterempfehlen, sie hat auch ihre Stärken. Und Vier Äpfel wird auf die Dauer etwas dröge, eignet sich aber gut als Text für kleine Zwischenzeiträume, so wie Mikrotext das mal geplant hat. Dann verpasst man vermutlich aber auch die wenigen Zusammenhangsbezüge. Die Idee ist interessant, nur halt viel besser beim Knackstedt schon mal gemacht. LIEBE GRÜSSE!

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  4. Pingback: Prosanova 2017 | meermoabit

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