Nachtrudern

Bin völlig unvorbereitet und -eingenommen um acht Uhr abends im Verein angekommen, nach einer Hinfahrt zwischen schwarz-gelb-gekleideten Fussballfreund*innen mit Bockwurst auf dem Handteller.

Ich dachte, wir fahren einfach ein bißchen am Abend. Es war ja noch hell, heller als es im Winter mittags je wird. Als ich die Verteilung der Kühlboxen und Lebensmitteltaschen auf die zwei Boote beobachtete, wurde mir jedoch klar, dass es sich um eine Wanderfahrt handelte, obendrein noch um eine sogenannte Zielfahrt, eine Untereigenheit der Ruderer*innen, ihre Fahrten zu kategorisieren und in Sommer-, Winter- und Jahreswettbewerben zu feiern: Es macht nichts, wenn man nicht daran teilnimmt, aber wenn man eh schon mal rudert, gibt es immer wieder mal Versammlungen mit Medaillenverleihungen, z. B. wenn man vom 1. April bis 31. 10. (der Ruderer-Sommer, hat nichts mit Temperaturen zu tun, auch wenn es vorher oder nachher warm ist) mindestens 4 Zielfahrten und mindestens 800 km (in meiner Altersklasse) gerudert ist. Eine Zielfahrt braucht mindestens 20 km (und das Erreichen eines anderen Zielbereiches als des Heimatzielbereichs (in unserem Fall Zielbereich 2, Erklärungen im unter „Sommer“ verlinkten PDF 🙂 ), also sind wir 20 km gerudert. 10km hin, zu Welle Poseidon am Wannsee (Zielbereich 3), haben da Pause gemacht, der Mond wanderte von hinter einem Baum beständig nach rechts, während wir auf der Terrasse saßen, aßen, tranken, die Lichter auf dem Wannsee sahen, die Fußballfans beim Elfmeterschießen stöhnen und grölen hörten, und um 23.14 der Mond völlig rund wurde (wurde mir gesagt).

Seit ich nicht mehr auf dem kleinen Wannsee, sondern an der Havel rudere, habe ich das Wasser nicht mehr so still erlebt wie gestern nacht. Der See weitet sich bis unter die Bäume am Ufer aus, und überall hin kann man schauen, keine Welle, keine Gischt, die die Sicht verstellt oder die Brille verschmutzt, vom Boot aus fühlt man fast das Wasser in kleinen Schüben ans Waldbodenufer lecken, unter die Wurzeln fühlen, die Blätter der nahstehenden Äste eintauchen. Man fühlt alles was im See passiert über die Ruderblätter und den Schaft in der Hand, nur ist es sonst unübersichtlich viel.

Auf der Hinfahrt schien von links, also von Steuerbord, der letzte Rest der Sonne, rechts hing der Mond, durch seine Helligkeit kaum zu entdecken, viel zu hoch unter den leuchtenderen Wolken.

Auf der Rückfahrt schien von links der deutlich sichtbare Vollmond, der Himmel hellblau wie an einem Wintertag um halb fünf. Motorboote gibt es aus Ruderersucht in zwei Ausführungen, welche, die breite, flache Wellen machen, und welche, die hohe Welle machen (liegt am Motor, aber auch an der Fahrtgeschwindigkeit), die sich über den See ausbreiten. Normalerweise heißt das, die „Boote machen das Wasser schlecht“, aber bei der schwarzen, glatten Ebene, die wir auf der Rückfahrt überquerten, sahen die runden Wellen mit Paisley-Anklängen großartig aus, wie sie da auf uns zurollten und eingekrümmt an uns vorbei weiterliefen.

Ich musste über das Wort „tintenschwarz“ nachdenken. Es war fraglos tiefschwarz, wenn es auch mit dem Flüssigkeitsgefühl so eine Sache ist, wenn man eintaucht, durchzieht, die Kraft spürt, die aus dem Widerstand an den Ruderblättern in das Boot fließt und als Geschwindigkeit hinter uns herzieht.

Ich habe viel mit Tinte zu tun, jedesmal, wenn einer meiner beiden Füller leer ist, beide werden zudem auch noch unterschiedlich befüllt, und das Wasser ist anders. Ich weiß, dass es durchsichtig ist, weil ich mich nicht auf den einzelnen Tropfen konzentrieren muss, was er hinterlässt, ob er eine Spur hinterlässt, wie wenn ich Tinte umfülle. Das eigentliche Gegenüber, mit dem ich mich unterhalte, hinterlässt nichts mit seiner Farbe, sondern mit seiner Ausdehnung.

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