Meer Moabit

Moabit ist eine Insel. Das heißt, dass ich es vollständig umschwimmen könnte. Das heißt auch, dass es mit ein paar Posten auf Brücken schnell absperrbar ist, wie es wegen der Gebrüder Sass gemacht wurde. Von vielen Stellen ist das Wasser nicht weit. Weg. Die Mücken auch nicht, wenn es warm ist. Besonders ist aber der Himmel an den Stellen, die da sind, wo das Wasser ist, im Norden noch verstärkt von den vielen Gleisen des alten Morbider Güterbahnhofes, die neben dem Westhafen liegen (um von dort früher besser Waren umladen zu können. Silos stehen auch da).
Der Himmel verfärbt sich meistens schlierend, wie wenn Farben in Wasser gegossen werden, um es dann mit einem Papier aufzunehmen. Das haben wir im Kindergarten am Holsteiner Ufer gemacht, genauer gesagt, im Hort. Dafür musste ich als Kind eine Brücke überqueren, und dann noch unter einer anderen Brücke durch, die wir die „Huh“-Brücke nannten, weil wir dort immer mit über dem Mund flatternden Händen durchliefen und dabei „Huh(uhuhuhuhuh)“ riefen.
Ich bin am Ufer aufgewachsen und gucke gerne in die Spree. In meiner Jugend saß ich oft am Ufer, eigentlich mit einem Buch, zog an den Weiden (die wippen) und schaute in das fließende Wasser.
Meine liebsten Beschäftigungen heute (neben Lesen, Nachdenken, Kochen, Reden und ins Theater oder Kino gehen): Schwimmen und Rudern. Sich im Wasser bewegen und dadurch mit dem Wasser bewegen, nicht fließen, aber selbst treiben. Ohne den Grund zu berühren. Vielmehr berührt das Wasser mich.

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Stella Goldschlag / Neuköllner Oper

                                                                                                                                                         eine unmusikalische Opernrezension

Die Neuköllner Oper inszeniert das Leben der jüdischen Greiferin Stella Goldschlag, die 1922 in Berlin geboren wurde und eine Rolle in vielen Biographien von während der NS-Zeit in Berlin untergetauchten Juden, sogenannten U-Booten, spielt (Libretto Peter Lund, Komposition Wolfgang Böhmer). Ein reales, umstrittenes Leben dramatisiert und vertonen, dieses Wagnis zwischen Dokumentation (Fakten müssen untergebracht werden) und Reduktion (wie kann man einem Menschen gerecht werden, dessen Erleben ein paar Stunden lang zur Identifikation einlädt?) gelingt in einer Meditation über Blickrichtungen und Urteilen.

Das Publikum sitzt sich im Bühnenbild von Sarah Katharina Karl in zwei Blöcken gegenüber, in der Mitte ein Kubus aus Metallrahmen mit Glas dazwischen, wie ein Gewächshaus.Je nach Licht spiegeln diese Flächen zwischen den Metallstangen, und man sieht sich als Publikum selbst – dahinter den anderen Block.

Eine Sängerin, fünf Sänger, Frederike Haas spielt die Stella mit blonden Perücken, durchgängig, während die fünf Männer wechselnde Rollen übernehmen: ihren Vater, ihren guten Freund Gregor, Adolf Eichmann, Gestapo, SS, ihre drei Ehemänner.

Die Männer tragen Anzüge und sehen gleich aus, nur ihre Schuhe unterscheiden sich: Polierte Anzugschuhe, Turnschuhe, Armeestiefel …

Die meiste Zeit ist Stella innerhalb des Glaskubuses, klettert in ihm per Leiter auch mal zu ihrem Vater aufs Dach, liegt auf dem Boden, probiert Kleider an, lehnt sich an die Wände oder versucht sie zu durchbrechen.

Stella bleibt in ihrem Kasten eingeschlossen, die Männer umkreisen den Korpus der wie ein Käfig erscheint, wenn die Glasflächen durchsichtig sind, lachen, diskutieren, bleiben souverän, diskutieren sie, letztlich frei.

Das Publikum schaut genauso auf sie, spiegelt sich. Damit gibt das Bühnenbild ein erlebbares Abbild der Debatte um die Schuld der jüdischen Mittäter während der Verbrechen der NS-Zeit. Es wird geurteilt über Menschen, die wenig Möglichkeiten hatten, aus einer Position, die frei und sicher ist. Im Blick auf die Betroffenen herrscht der Spiegel der eigenen Position vor, so wie sich das Publikum im Bühnenbild spiegeln kann: Es beschäftigt sich letztlich mit sich selbst. War ich vielleicht weniger schuldig, wenn ich diese Person betrachte?

Es geht um das Publikum, um Handlungsspielräume und Urteilen – Urteilen über jemanden mit wenig Handlungsspielräumen, gespiegelt und identifiziert in Männern, die in viel einfacheren Positionen sind, mit Bewegungsräumen, Teil einer Gruppe, die scheinbar ganz genau wissen, wie das alles zu sehen sei.

Das ist eine der wichtigsten Fragen nach dem Holocaust: Ihn nicht als klaren, monolithischen Block zu sehen, der abgehakt werden kann. Etwas über ihn auszusagen bedeutet immer auch, sich damit auseinanderzusetzen, wo die Verhaltensweisen, die ihn möglich gemacht haben, heute existieren. Und das hat viel mit Gruppen, Individuen und dem Urteilen über Menschen zu tun.

Mit neun Nominierungen führt diese Inszenierung verdient die heute veröffentlichte Auswahl der Jury für den Deutschen Musicalpreis an und wird hoffentlich bald wieder in den Spielplan aufgenommen.

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Westdeutschland

David Wagner: Vier Äpfel und Meine Nachtblaue Hose

Als ich klein war, war Westdeutschland ziemlich weit weg, man musste zum Autobahnkreuz Dreilinden fahren, dort sechs Stunden warten, danach vier Stunden Autobahn fahren, und dann war man da. Zumindest war das mein Eindruck. Da die Mauer erst fiel, als ich neun war, waren 10 Stunden proportional zu meinem Gesamtleben eine lange Zeit. Aber es gab Bücher, allen voran Jo Postum, Peter Härtling und Dagmar Kekulé, da kam man schneller hin, mein Hauptversorgungspunkt war die Bibliothek in Altstadt Spandau, weil die Bibliothekarin dort so nett war, und weil sie viel mehr Bücher hatten als die Hansa-Bibliothek.

Daher hatte ich eine Vorstellung von Westdeutschland, es gab dort Jugendzentren und Baggerseen, Landstraßen mit schwarzweißen Pfeilern an beiden Seiten, mit links zwei Punkten und rechts einem senkrechten Streifen in der schwarzen Bandierung, weiß, und vor und nach Einfahrten rot – letzteres ist wieder eigenes Erleben, das sich mir auf nächtlichen Fahrten eingeprägt hat.

Später, im Studium, lernte ich einige dieser Einfamilienhäuser in kleineren Städten kennen, während ich Kommilitonen zu Hause besuchte. Grillen im Garten, ausgelegte Trittsteine, befestigte Tischdecken, an denen kleine schöne Plastikfrüchte hängen.

Ich fand das alles sehr interessant, so in das Leben der anderen Menschen einzutauchen, in Dinge, die ihren Alltag geprägt hatten, ohne dass sie darüber nachdachten.

Dies ist ein sehr langer Vorspann, um darüber zu reden, dass ich gerade David Wagner lese. Ein sympathischer Mensch. Eine sehr schöne Sprache. Getragen von einem langsamen Klang. Tieffliegende Erinnerungen an ein Westdeutschland, das ich von diesen Kommilitonenbesuchen kenne, Gegenstände auf dem gedeckten Tisch, Marmeladenzubereitung, Lebensmittelaufbewahrung spielen eine wichtige Rolle. Eine nachtblaue Hose hat die frühere Zugehfrau des Erzählers ihm über den Stuhl gehängt.

Neulich war ich bei einem Diaryslam. Dort lesen Leute aus ihren Tagebüchern vor, meist aus der Zeit, als sie 10 – 18 waren. Es kam mir wie eine sehr informative Veranstaltung vor, in der ich wirklich viel über die Jugend an anderen Orten lernte. Von Menschen, denen damals etwas wichtig war, damals ihr Leben wichtig war.

David Wagner erinnert sich. Die emotionale Intensität der Texte, entfaltet sich in der kurzen Distanz bei der Beschreibung der Gegenstände. Es gibt keine Fragen, keine Themen, nur Alltagserinnerungen, in denen Emotionen mitgeliefert werden. Das ist alles. Was ist das? Erzählt er das, in einer Welt, in der nichts mehr wichtig ist, weil für alles gesorgt ist? Ist nur noch wichtig, was mal wichtig war, als man noch nicht den Überblick hatte, als noch alles relevant war?

Es ist für mich nicht relevant. Als jemand, der nicht so aufgewachsen ist, sagt mir der Text nichts. Ich denke nur, ich müsste da gelebt haben, wo die Eier in Paletten von acht mal sechs geliefert wurden, um zu dem Wir zu gehören, das dieser Text voraussetzt. Es ist, als müssten meine eigenen Erinnerungen das ausgleichen, was der Autor mir nicht erzählt. Mir fehlt das Wasser, um dieses Instantpulver aufzugießen, es bleibt trocken.

Ja, da ist eine Liebe in Vier Äpfel. Die Erinnerungen an eine Frau mit dem bezeichnenden Namen L. begleiten den Erzähler durch einen Supermarkt. Ich mochte die Erzählstruktur sehr, ich mag die Fußnoten zu Äpfeln, Eiern und Speisenkellern.

Sie sind nett, die Fußnoten dahingegen im Knackstedt von Michael-André Werner, die ich auch sehr liebe, kommentieren jedoch klug, witzig, geben dem Text eine andere Farbe, Tiefe, sind Abstufungen und Schattierungen die irritieren und mir etwas über die Fragen erzählen, die die Welt stellt. Die in Vier Äpfel erinnerte Beziehung zu der Frau ist zu austauschbar, und die Erinnerungen an Marken sagen mir nichts.

Das einzige Kapitel das in mir die Idee geweckt hat, es könnte noch um etwas gehen, die sich leider nicht konkretisiert hat:

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Wer oder was bestimmt mich? Ich glaube, ich bin eine Biene, die durch den Supermarktgarten fliegt, die Verpackungen sind meine Blüten, Form und Farben, Schrift und Geruch verführen mich. Geruch? Aber ich rieche doch gar nichts, ist ja alles verpackt. Ich bin dressiert darauf, auf Formen, Farben und Schriften zu reagieren, bin vielleicht kein perfekter, alles in allem jedoch ein zuverlässiger Konsument, denn ich kaufe die Marken, die ich kenne und schätze und schon immer kaufe, und bin ich mit ihnen glücklicher als mit den Produkten ohne Namen, meine Marken sind noch bei mir, L. ist es nicht.“

Ich hatte Fragen als Jugendliche, ich habe Dinge erlebt, die mir wichtig waren, und dieser Prozess endete mit dem Ende der Jugend nicht. Wenn ich in Texten diese Fragen und Erfahrungen wiederfinde, oder wenn sie Fragen und Themen in mir ansprechen, kann ich den ganzen Weg einer Figur mitgehen.

Die bloße Erinnerung an Gegenstände reicht für mich dafür nicht aus.

„So ist es gewesen“, schreibt Gustav Seibt auf dem Klappentext. Formiert sich da ein deutsches Wir, das vergisst, dass es andere Menschen in Deutschland gibt? Das seine Identität aus der langweiligen, aber beruhigenden Privatvergangenheit des eigenen Reihenhausaufwachsens schöpft?

Der allgemeingültige Ton ist verwirrend und beunruhigend: die Unzufriedenheit mit der Belanglosigkeit des Lebens, die im Eigenen Bedeutung sucht statt den Blick nach Außen zu richten. Die deutsche Teilung, Einkunftsunterschiede, de facto Armut, Herkunftsunterschiede, Scheitern an Grenzen, die es in der Gesellschaft gibt, gehen in dieser Faszination mit der Belanglosigkeit der eigenen Jugend unter, die sich in der nachtblauen Hose eine Stimmung entwickelt wie ein schwüler Tag am Rhein.

„Eine Reise an den Rhein und in die Kindheit einer Generation“ schreibt der Klappentext – die Kindheit der Bundesrepublik fand am Rhein statt, dort wuchs sie politisch auf, soweit könnte man noch gehen, vermutlich würde man bei Böll (z. B. in Billard um halbzehn) Unterstützung für diese These finden, aber es ist nicht die Kindheit einer Generation. Wenn es die Kindheit einer Generation wäre, dann hätten wir in Deutschland wirklich nichts anderes zu beschreiben und politisch nichts anderes zu tun als traurig zu sein dass uns der eigene Überfluss keine besseren Schreibthemen beschert. Das lullt aber alles ein, es lädt dazu ein, wegzugucken. Der Mangel an Themen ist nicht das einzige Problem, das es in Deutschland gibt. Die Menschen, die in Reihenhäusern in Westdeutschland aufgewachsen sind, sind nicht die einzigen, die es in Deutschland gibt. Ein Problem gibt es wenn sie nicht nur den Ton angeben, wie es zu sein scheint, sondern außerdem nichts von den anderen wissen.

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Publicradio

Radio hat auch Wellen. Man muss sie nur irgendwo einfangen. Und hören. Man sieht sie nicht, es gibt unzählige Frequenzen über die Töne, Worte, Inhalte in der Luft sind.

Frequenzen sind geregelt, wenn zu dicht aufeinander gesendet wird, gibt es Interferenzen. Eigentlich etwas Erstrebenswertes.

Dinge, die sich zu etwas Neuem vermischen, in Kontakt kommen.

Berlin ist eine große Stadt mit der dankenswerten Tradition, die andere zu lassen, wie sie ist, und den anderen, wie er ist. Du musst nicht sein wie ich, damit du in dieser Stadt existieren kannst.

Busfahren ist eine lohnende Aktivität, inklusive Aussteigen natürlich. An jedem dritten Hinterhof kann man eine andere Welt betreten. Es gehört zu Berlin, dass es verschiedene Berlins gibt. Urberliner, Neuberlinerinnen, und natürlich die Bezirke.

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Public Radio – Auftakttreffen

Hast Du Lust auf Radio?Icon_Kopfhoerer
Auf Reportagen oder Interviews als Podcasts?
Willst Du Deine Arbeit veröffentlichen?
Dann triff Dich mit uns!
Public Radio ist ein Projekt für Menschen mit und ohne Fluchterfahrung, zum Kennenlernen in Berlin…
Melde Dich unter info@publicradio.de oder komm am 8. Juni 2016 um 17:00 Uhr ins JUP Pankow (Florastr. 84, Berlin 13187).

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Auf See, Notizen zur Gartenlesung

Es hakt etwas mit den Transporten in der megavernetzten superglobalisierten Welt, alles ist noch nicht ganz nah. Der Verlag Frohmann stellte sein neues (E-/)Buch vor, das elektronisch bereits veröffentlich ist, nur das Paket mit der Printausgabe hängt noch in der Post. Der nächste Transport kommt aber bestimmt. Große Teile des Textes wurden gestern bereits gelesen, wenn ich das richtig verstanden habe, und darum schreibe ich über die Hörversion. Jetzt ist gestern noch frisch, die Gedanken und die Stimmung vor, während und nach dem Gewitter und unter den Flugzeugen, die wegen des Wetters die Route über das Frohmannsche Haus genommen haben.

Seefahren, auf dem Wasser unterwegs sein, über Land fahren, woanders hinkommen, Flugzeuge sind heute oft das Mittel der Wahl. Einfach einmal drüber. Darunter ist alles gleich überwindbar, keine Steigungen oder Wegbeschwerden auf staubiger oder schlammiger Straße. 1977 wurde das Flugzeug „Landshut“ entführt und überflog mehrere Länder, landete zum Nachtanken zwischen und flog schließlich mit einer kaputten Maschine Mogadischu an, weil andere Flughäfen gesperrt waren. Damit nahm ein kompliziertes Netz an Kommunikation der Staaten Somalia und Deutschland seinen Ausgang, in diplomatischen Absprachen und Kontobewegungen, auch die Reiseverbindung war teil davon, tatsächlich wurde ein Direktflug Frankfurt-Mogadischu eingerichtet. Michaela Maria Müller hat in den Archiven des Auswärtigen Amtes mit ihrer Recherche Facetten der Konstellation gefunden, die über das Allgemeinwissen „Landshutentführung“ hinaus gehen.

Deutsch-Somalische Verquickungen hin und zurück: 2012 fand in Hamburg der Piratenprozess statt. Mit einem Piraten an Bord darf man eigentlich keinen Hafen anlaufen (merken für alle Fälle), darum wurden die Piraten, die „auf hoher See festgenommen“ wurden, an der somalischen Küste wieder frei gelassen, bis sich Deutschland bereit erklärte, in Hamburg, wo das internationale Seegericht sitzt, den ersten Piratenprozess seit mehr als 400 Jahren zu veranstalten.

Urteil: Nichts nachweisbar, nichts nachprüfbar, denn man kommt dazu nicht genug ins Land. Es ist schwer, nach Somalia reinzukommen, nicht nur wegen der Grenzen, sondern weil es eine geschlossene Gesellschaft ist.

Diese Recherche bildet den 1. Teil von „Auf See„. Und zwar den Hintergrund, wie in einem Bild, in dem die Maler*in erst die Landschaft anlegt. Er ist erzählt wie die Geschichtsschreibung von Cicero, mit den handelnden Politikern als Helden. „würde sie dem stattgegeben haben …“ hätte sich das und das ereignet (ich warte auf das Buch, um das nachzulesen, was ich nicht mitschreiben konnte), entlang der Entscheidungen von Menschen.

Geschichte wird ja oft weitergegeben durch Geschichten, als mich eine in der DDR aufgewachsene Freundin fragte, was denn die Landshutentführung war, sagte ich, „Hm, also damals wurde ein Flugzeug aus Frankfurt entführt, und es war …“

Es mag ein seltener begangener literarischer Weg sein, Fakten und Fiktion zusammen zu stellen, aber es ist letztlich dieselbe Geschichte in der diese fiktiven Menschen und wir leben. Diese Fiktion anonymisiert die Geschichte von zwei Menschen, sie werden dadurch nicht aktenkundig, weil die Quellen nicht festgehalten werden müssen.

„Die Kinder hatten die Stadtgebiete unter sich aufgeteilt“ wie die Erwachsenen es mit der Welt erfolgreich versuchen, abgesehen der Wassergebiete vor der Küste Somalias, dort herrschen keine Gesetze, was die Fischerei der einheimischen Fischer erschwert, weil das Recht des Stärkeren herrscht, das Recht des größeren Bootes und der größeren Fangnetze.

Samir wird Pirat, weil er keine großen Berufs-Alternativen hat. In „Holzkohle und Zucker ist die kenianische Armee verstrickt“. Er ist ungelernt und bekommt ein viertel von seinem Kollegen, der Fischer ist, um an der Küste im Ruderboot Fracht zu transportieren.

Es geht um Transportwege, was Menschen verbindet, um die Menschen hinter den Zahlen der Statistik und ihre Geschichten, um das Aufeinandertreffen, von einem Hin und einem Her in einer Welt mit verstrickten Hintergründen über die uns Sachbücher informieren, in der Menschen leben.

Ich schreibe mehr, wenn das Buch endlich da ist, auf dem Postweg, hoffentlich übermorgen.

 

Nachtrudern

Bin völlig unvorbereitet und -eingenommen um acht Uhr abends im Verein angekommen, nach einer Hinfahrt zwischen schwarz-gelb-gekleideten Fussballfreund*innen mit Bockwurst auf dem Handteller.

Ich dachte, wir fahren einfach ein bißchen am Abend. Es war ja noch hell, heller als es im Winter mittags je wird. Als ich die Verteilung der Kühlboxen und Lebensmitteltaschen auf die zwei Boote beobachtete, wurde mir jedoch klar, dass es sich um eine Wanderfahrt handelte, obendrein noch um eine sogenannte Zielfahrt, eine Untereigenheit der Ruderer*innen, ihre Fahrten zu kategorisieren und in Sommer-, Winter- und Jahreswettbewerben zu feiern: Es macht nichts, wenn man nicht daran teilnimmt, aber wenn man eh schon mal rudert, gibt es immer wieder mal Versammlungen mit Medaillenverleihungen, z. B. wenn man vom 1. April bis 31. 10. (der Ruderer-Sommer, hat nichts mit Temperaturen zu tun, auch wenn es vorher oder nachher warm ist) mindestens 4 Zielfahrten und mindestens 800 km (in meiner Altersklasse) gerudert ist. Eine Zielfahrt braucht mindestens 20 km (und das Erreichen eines anderen Zielbereiches als des Heimatzielbereichs (in unserem Fall Zielbereich 2, Erklärungen im unter „Sommer“ verlinkten PDF🙂 ), also sind wir 20 km gerudert. 10km hin, zu Welle Poseidon am Wannsee (Zielbereich 3), haben da Pause gemacht, der Mond wanderte von hinter einem Baum beständig nach rechts, während wir auf der Terrasse saßen, aßen, tranken, die Lichter auf dem Wannsee sahen, die Fußballfans beim Elfmeterschießen stöhnen und grölen hörten, und um 23.14 der Mond völlig rund wurde (wurde mir gesagt).

Seit ich nicht mehr auf dem kleinen Wannsee, sondern an der Havel rudere, habe ich das Wasser nicht mehr so still erlebt wie gestern nacht. Der See weitet sich bis unter die Bäume am Ufer aus, und überall hin kann man schauen, keine Welle, keine Gischt, die die Sicht verstellt oder die Brille verschmutzt, vom Boot aus fühlt man fast das Wasser in kleinen Schüben ans Waldbodenufer lecken, unter die Wurzeln fühlen, die Blätter der nahstehenden Äste eintauchen. Man fühlt alles was im See passiert über die Ruderblätter und den Schaft in der Hand, nur ist es sonst unübersichtlich viel.

Auf der Hinfahrt schien von links, also von Steuerbord, der letzte Rest der Sonne, rechts hing der Mond, durch seine Helligkeit kaum zu entdecken, viel zu hoch unter den leuchtenderen Wolken.

Auf der Rückfahrt schien von links der deutlich sichtbare Vollmond, der Himmel hellblau wie an einem Wintertag um halb fünf. Motorboote gibt es aus Ruderersucht in zwei Ausführungen, welche, die breite, flache Wellen machen, und welche, die hohe Welle machen (liegt am Motor, aber auch an der Fahrtgeschwindigkeit), die sich über den See ausbreiten. Normalerweise heißt das, die „Boote machen das Wasser schlecht“, aber bei der schwarzen, glatten Ebene, die wir auf der Rückfahrt überquerten, sahen die runden Wellen mit Paisley-Anklängen großartig aus, wie sie da auf uns zurollten und eingekrümmt an uns vorbei weiterliefen.

Ich musste über das Wort „tintenschwarz“ nachdenken. Es war fraglos tiefschwarz, wenn es auch mit dem Flüssigkeitsgefühl so eine Sache ist, wenn man eintaucht, durchzieht, die Kraft spürt, die aus dem Widerstand an den Ruderblättern in das Boot fließt und als Geschwindigkeit hinter uns herzieht.

Ich habe viel mit Tinte zu tun, jedesmal, wenn einer meiner beiden Füller leer ist, beide werden zudem auch noch unterschiedlich befüllt, und das Wasser ist anders. Ich weiß, dass es durchsichtig ist, weil ich mich nicht auf den einzelnen Tropfen konzentrieren muss, was er hinterlässt, ob er eine Spur hinterlässt, wie wenn ich Tinte umfülle. Das eigentliche Gegenüber, mit dem ich mich unterhalte, hinterlässt nichts mit seiner Farbe, sondern mit seiner Ausdehnung.

Bücher haben

Gerade habe ich ein paar Blogeinträge darüber gelesen, Bücher auszusortieren. Und einige Kommentare dazu.

Bücher haben ist für mich ein Glück, eine Art vorelektronisches Internet, in dem alles steht und ich dem ich alles nachschauen kann, so weit ich komme. Es ist nicht so groß wie das Internet, und es steht nicht alles drin, was im Internet steht, aber man kann ja mal loslaufen in die Richtung, und lesen was am Weg liegt, und ausgelesen habe ich die Bücher bis jetzt noch nicht. Viele Lexikonartikel, unterschiedlich alt, vom Brockhaus meines Opas, die ältesten Bände von 1922, bis zur Veröffentlichung der Heinrich-Böll-Stiftung aus dem letzten Jahr, verweisen auf Pfade, deren Ende ich noch nicht erreicht habe.

Ich sortiere Bücher in den Regalen nach Belletristik, Kinderbüchern, Sachbüchern und Lexika, Belletristik und Kinderbücher alphabetisch nach Autor*innen (die Anthologien in einem Extra-Brett), die Sachbücher und Lexika nach Themengebieten, damit ich schnell alles finde, wenn ich etwas suche, wenn ich mit jemanden rede, und mir einfällt, dazu habe ich …

Darum gebe ich nur Bücher weg, die mir nichts gesagt haben. Andere möchte ich noch mal lesen oder etwas nachschlagen, und vor allem: verleihen, und zwar gezielt verleihen. Ich finde den Gedanken, Bücher zu verschenken sehr sympathisch, damit das Buch nicht in der Zeit, die es im Regal steht, bloß vor sich hinschweigt. Aber woher weiß ich, ob es dann nicht in einem anderen Regal steht?

Ich verleihe gerne Bücher, wenn ich mich Menschen rede, die ein Thema beschäftigt, oder die gerne mal wieder lesen würde. Als Einsteigerbuch für Leute, die behaupten, Lese mache ihnen einfach keinen Spaß mehr, verleihe ich fast immer das Wetter vor 15 Jahren, das funktioniert ebenso fast immer als Wiedereinstiegsdroge oder als Hoffnung für Leute: Vielleicht lese ich doch ganz gerne.

Ich habe mal ein altes Telefontischchen gekauft, weil ich die Farbe des Holzes schön fand. Da, wo die Telefonbücher hingehören, befand sich lange mein Stapel ungelesener Bücher. Oder angefangener und wieder weggelegter Bücher. Manche Bücher lagen dort sehr lange, und ich habe sie trotzdem gelesen. Manchmal passen sie einfach nicht in das Leben, das man gerade führt. Lady Chatterley habe ich drei mal angefangen, bis mich die Realität der 10er Jahre in der englischen Pampa mit der Beschreibung einer Jugend in der deutschen Reformpädagogik (!) eingesogen hat. Ungelesene Bücher sind Bücher im Zustand des Noch-Nicht-Gelesenseins, für Zeiten im Leben, die man noch nicht gelebt hat.

Das Buch Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat wanderte 2007 als Smalltalkhilfe für Akademiker*innen durch die Presse. Es geht aber um den permanenten Zustand des Nichtgelesenseins aller Bücher die man gelesen oder nicht gelesen hat.

Wer schon einmal ein Buch zweimal gelesen und beide Male unterschiedliche Dinge darin gefunden/erlebt/entdeckt hat, kann sich die unzähligen Male vorstellen, in dem sie/er* dieses Buch noch nicht gelesen hat.

Einzelne Bücher habe ich mehr als zwanzig mal gelesen, manchmal von hinten (ich will nur den Schluss noch mal lesen, doch den letzten Teil, vielleicht noch ab dem zweiten Kapitel, und dann am Schluss, den Anfang noch mal und manchmal bis zum Ende durch). In anderen habe ich nur einzelne Stellen nachgeguckt, auch zitiert bzw. in Briefen abgeschrieben.

Als ich Todorovs Eroberung Amerikas, von dem ich dachte, ich hätte seinen Inhalt fast vergessen, für meine Magisterarbeit noch einmal las, stellte ich fest, dass ich die gleichen Gedanken und Passagen, die ich bemerkenswert fand, schon einmal angestrichen hatte (was ich ebenfalls vergessen hatte), und was mich in Zeiten der Plagiatsaffäre des Barons von Guttenberg sehr erschreckte, ich hatte große Gedankenkomplexe in meinen „allgemeinen gesunden Menschenverstand“ übernommen und für meine eigenen gehalten. Sie hatten mich so überzeugt, ich hatte sie gedanklich nachvollzogen, und mich an den Input weniger erinnert, weil der Gedankengang in meinem Kopf eine stärkere Erinnerung war, weil in ihm, auch emotional, nehme ich an, wenn ich die Erinnerungswissenschaft richtig verstanden habe, mehr erlebt habe.

Was mir jetzt wiederum nicht einfällt, ist, wie genau das Zitat geht, und vom wem es ist, und ob es es überhaupt wirklich gibt, dass Wissen immer ein Tropfen im Meer des Unwissens ist. An allen Enden des Tropfens, an jedem Punkt seiner Oberfläche, berührt er etwas, was ich nicht weiß. Was vielleicht niemand weiß. Ich glaube, das Zitat bezieht sich auf eine Weltkarte aus der Renaissance, und das Unwissen sind tatsächlich die Meere, und das entdeckte Land wird als gewusst eingezeichnet.

So sind jedenfalls Bücher für mich. Sie sind Bojen auf dem Meer dessen, was ich noch nicht weiß. Verleihen ist eine gute Möglichkeit, mehr darüber zu erfahren, wie man sie noch lesen kann. Drüber Reden hilft, mehr darüber zu entdecken, was man da eigentlich gelesen hat, weil im Erzählen plastischer wird, was vorher nur kurz angedacht war.

Wenn eine/jemand* beim Lesen auf den Gedanken kommt, mir ihre/seine* Lebenssituation zu beschreiben, und mich nach einem Buchtipp zu fragen, dann wäre das für mich die allergrößte Freude.