Meer Moabit

Moabit ist eine Insel. Das heißt, dass ich es vollständig umschwimmen könnte. Das heißt auch, dass es mit ein paar Posten auf Brücken schnell absperrbar ist, wie es wegen der Gebrüder Sass gemacht wurde. Von vielen Stellen ist das Wasser nicht weit. Weg. Die Mücken auch nicht, wenn es warm ist. Besonders ist aber der Himmel an den Stellen, die da sind, wo das Wasser ist, im Norden noch verstärkt von den vielen Gleisen des alten Morbider Güterbahnhofes, die neben dem Westhafen liegen (um von dort früher besser Waren umladen zu können. Silos stehen auch da).
Der Himmel verfärbt sich meistens schlierend, wie wenn Farben in Wasser gegossen werden, um es dann mit einem Papier aufzunehmen. Das haben wir im Kindergarten am Holsteiner Ufer gemacht, genauer gesagt, im Hort. Dafür musste ich als Kind eine Brücke überqueren, und dann noch unter einer anderen Brücke durch, die wir die „Huh“-Brücke nannten, weil wir dort immer mit über dem Mund flatternden Händen durchliefen und dabei „Huh(uhuhuhuhuh)“ riefen.
Ich bin am Ufer aufgewachsen und gucke gerne in die Spree. In meiner Jugend saß ich oft am Ufer, eigentlich mit einem Buch, zog an den Weiden (die wippen) und schaute in das fließende Wasser.
Meine liebsten Beschäftigungen heute (neben Lesen, Nachdenken, Kochen, Reden und ins Theater oder Kino gehen): Schwimmen und Rudern. Sich im Wasser bewegen und dadurch mit dem Wasser bewegen, nicht fließen, aber selbst treiben. Ohne den Grund zu berühren. Vielmehr berührt das Wasser mich.

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Wasserblogs

Ich wollte einen Schwimmbadroman schreiben. Was man beim Schwimmengehen in der Großstadt, noch dazu einer mit einer so kreativen Verwaltung wie Berlin, alles bedenken muss, was einem unterkommt, was ich erlebt habe. Selbstverständlich alles autobiographisch. Sozusagen ein Enthüllungsroman in Badekleidung. Und vom Schwimmen selbst, vom Wasser. Von der Bewegung, vom „Gleiten, Ziehen“ (Blauer Abend in Berlin, Oskar Loerke), der veränderten Erfahrung nach dem Auftauchen.

Nun habe ich festgestellt, dass Chlorhuhn (Petra) diesen Text bereits geschrieben hat.

Ich lasse mich durchs Wasser gleiten. Ein Armzug, die Arme dann eng an den Körper gelegt. Dann spüre ich erneut, wie das Wasser an mir vorbeiströmt. Wie ich hindurch gleite. Auf dem Edelstahlboden des Beckens sehe ich meinen Schatten. Zum Spaß mache ich einen Delfinkick. Einfach, um meine Kraft zu spüren. Alles verschwimmt in diesem Moment. Ich bin ganz bei mir und freue mich auf die jetzt noch knapp 3.000 Meter, die vor mir liegen. An manchen Tagen flößen sie mir ein bisschen Respekt ein, an manchen nicht. Ganz egal, wie gut oder schlecht das Folgende läuft – die ersten paar Meter unter Wasser, dieses Gleiten und Spüren der Strömung – das ist für mich immer das Schönste am Schwimmen!“

(Chlorhuhn am 26. 12. 2014)

Gestolpert bin ich über ihren Blog über den von Kraulquappe („Eintauchen in eine chlorreiche Gegenwart, einer verschwommenen Zukunft entgegen“), der ich bereits seit einiger Zeit folge. Die Schwimmblogger*innen begehen gerade das (offensichtlich offizielle) Ende der Freibadsaison. Read More

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Die Katrin wird Soldat

von Adrienne Thomas las ich zuerst mit 15, nehme ich an, und es prägte sich mir mit einer Intensität ein, so dass ich immer wieder daran dachte, obwohl niemand über dieses Buch sprach. Es war eines der Bücher, die mir dankenswerterweise von der Bibliothekarin der Stadtbücherei Spandau ans Herz gelegt wurden.

Adrienne Thomas wurde unter dem Namen Hertha Strauch 1897 in Lothringen geboren und wuchs dort in einem gutbürgerlichen Haus zweisprachig auf. In Metz, wo sie zur Schule ging, lebten Deutsche und Franzosen miteinander.

Als Jüdin und, noch dringlicher, Pazifistin, wurden ihre Bücher verboten, sie emigrierte 1933 in die Schweiz, über Frankreich, Österreich, Tschechien, Portugal und andere Europäische Länder (diese Erfahrungen flossen in andere Romane wie „Reisen Sie ab, Mademoiselle“ ein) schließlich 1940 in die USA. Read More

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Stella Goldschlag / Neuköllner Oper

                                                                                                                                                         eine unmusikalische Opernrezension

Die Neuköllner Oper inszeniert das Leben der jüdischen Greiferin Stella Goldschlag, die 1922 in Berlin geboren wurde und eine Rolle in vielen Biographien von während der NS-Zeit in Berlin untergetauchten Juden, sogenannten U-Booten, spielt (Libretto Peter Lund, Komposition Wolfgang Böhmer). Ein reales, umstrittenes Leben dramatisiert und vertonen, dieses Wagnis zwischen Dokumentation (Fakten müssen untergebracht werden) und Reduktion (wie kann man einem Menschen gerecht werden, dessen Erleben ein paar Stunden lang zur Identifikation einlädt?) gelingt in einer Meditation über Blickrichtungen und Urteilen.

Das Publikum sitzt sich im Bühnenbild von Sarah Katharina Karl in zwei Blöcken gegenüber, in der Mitte ein Kubus aus Metallrahmen mit Glas dazwischen, wie ein Gewächshaus.Je nach Licht spiegeln diese Flächen zwischen den Metallstangen, und man sieht sich als Publikum selbst – dahinter den anderen Block.

Eine Sängerin, fünf Sänger, Frederike Haas spielt die Stella mit blonden Perücken, durchgängig, während die fünf Männer wechselnde Rollen übernehmen: ihren Vater, ihren guten Freund Gregor, Adolf Eichmann, Gestapo, SS, ihre drei Ehemänner.

Die Männer tragen Anzüge und sehen gleich aus, nur ihre Schuhe unterscheiden sich: Polierte Anzugschuhe, Turnschuhe, Armeestiefel …

Die meiste Zeit ist Stella innerhalb des Glaskubuses, klettert in ihm per Leiter auch mal zu ihrem Vater aufs Dach, liegt auf dem Boden, probiert Kleider an, lehnt sich an die Wände oder versucht sie zu durchbrechen.

Stella bleibt in ihrem Kasten eingeschlossen, die Männer umkreisen den Korpus der wie ein Käfig erscheint, wenn die Glasflächen durchsichtig sind, lachen, diskutieren, bleiben souverän, diskutieren sie, letztlich frei.

Das Publikum schaut genauso auf sie, spiegelt sich. Damit gibt das Bühnenbild ein erlebbares Abbild der Debatte um die Schuld der jüdischen Mittäter während der Verbrechen der NS-Zeit. Es wird geurteilt über Menschen, die wenig Möglichkeiten hatten, aus einer Position, die frei und sicher ist. Im Blick auf die Betroffenen herrscht der Spiegel der eigenen Position vor, so wie sich das Publikum im Bühnenbild spiegeln kann: Es beschäftigt sich letztlich mit sich selbst. War ich vielleicht weniger schuldig, wenn ich diese Person betrachte? Read More

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Westdeutschland

David Wagner: Vier Äpfel und Meine Nachtblaue Hose

Als ich klein war, war Westdeutschland ziemlich weit weg, man musste zum Autobahnkreuz Dreilinden fahren, dort sechs Stunden warten, danach vier Stunden Autobahn fahren, und dann war man da. Zumindest war das mein Eindruck. Da die Mauer erst fiel, als ich neun war, waren 10 Stunden proportional zu meinem Gesamtleben eine lange Zeit. Aber es gab Bücher, allen voran Jo Postum, Peter Härtling und Dagmar Kekulé, da kam man schneller hin, mein Hauptversorgungspunkt war die Bibliothek in Altstadt Spandau, weil die Bibliothekarin dort so nett war, und weil sie viel mehr Bücher hatten als die Hansa-Bibliothek.

Daher hatte ich eine Vorstellung von Westdeutschland, es gab dort Jugendzentren und Baggerseen, Landstraßen mit schwarzweißen Pfeilern an beiden Seiten, mit links zwei Punkten und rechts einem senkrechten Streifen in der schwarzen Bandierung, weiß, und vor und nach Einfahrten rot – letzteres ist wieder eigenes Erleben, das sich mir auf nächtlichen Fahrten eingeprägt hat.

Später, im Studium, lernte ich einige dieser Einfamilienhäuser in kleineren Städten kennen, während ich Kommilitonen zu Hause besuchte. Grillen im Garten, ausgelegte Trittsteine, befestigte Tischdecken, an denen kleine schöne Plastikfrüchte hängen.

Ich fand das alles sehr interessant, so in das Leben der anderen Menschen einzutauchen, in Dinge, die ihren Alltag geprägt hatten, ohne dass sie darüber nachdachten.

Dies ist ein sehr langer Vorspann, um darüber zu reden, dass ich gerade David Wagner lese. Ein sympathischer Mensch. Eine sehr schöne Sprache. Getragen von einem langsamen Klang. Tieffliegende Erinnerungen an ein Westdeutschland, das ich von diesen Kommilitonenbesuchen kenne, Gegenstände auf dem gedeckten Tisch, Marmeladenzubereitung, Lebensmittelaufbewahrung spielen eine wichtige Rolle. Eine nachtblaue Hose hat die frühere Zugehfrau des Erzählers ihm über den Stuhl gehängt. Read More

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Publicradio

Radio hat auch Wellen. Man muss sie nur irgendwo einfangen. Und hören. Man sieht sie nicht, es gibt unzählige Frequenzen über die Töne, Worte, Inhalte in der Luft sind.

Frequenzen sind geregelt, wenn zu dicht aufeinander gesendet wird, gibt es Interferenzen. Eigentlich etwas Erstrebenswertes.

Dinge, die sich zu etwas Neuem vermischen, in Kontakt kommen.

Berlin ist eine große Stadt mit der dankenswerten Tradition, die andere zu lassen, wie sie ist, und den anderen, wie er ist. Du musst nicht sein wie ich, damit du in dieser Stadt existieren kannst. Read More

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Auf See, Notizen zur Gartenlesung

Es hakt etwas mit den Transporten in der megavernetzten superglobalisierten Welt, alles ist noch nicht ganz nah. Der Verlag Frohmann stellte sein neues (E-/)Buch vor, das elektronisch bereits veröffentlich ist, nur das Paket mit der Printausgabe hängt noch in der Post. Der nächste Transport kommt aber bestimmt. Große Teile des Textes wurden gestern bereits gelesen, wenn ich das richtig verstanden habe, und darum schreibe ich über die Hörversion. Jetzt ist gestern noch frisch, die Gedanken und die Stimmung vor, während und nach dem Gewitter und unter den Flugzeugen, die wegen des Wetters die Route über das Frohmannsche Haus genommen haben.

Seefahren, auf dem Wasser unterwegs sein, über Land fahren, woanders hinkommen, Flugzeuge sind heute oft das Mittel der Wahl. Einfach einmal drüber. Darunter ist alles gleich überwindbar, keine Steigungen oder Wegbeschwerden auf staubiger oder schlammiger Straße. 1977 wurde das Flugzeug „Landshut“ entführt und überflog mehrere Länder, landete zum Nachtanken zwischen und flog schließlich mit einer kaputten Maschine Mogadischu an, weil andere Flughäfen gesperrt waren. Damit nahm ein kompliziertes Netz an Kommunikation der Staaten Somalia und Deutschland seinen Ausgang, in diplomatischen Absprachen und Kontobewegungen, auch die Reiseverbindung war teil davon, tatsächlich wurde ein Direktflug Frankfurt-Mogadischu eingerichtet. Michaela Maria Müller hat in den Archiven des Auswärtigen Amtes mit ihrer Recherche Facetten der Konstellation gefunden, die über das Allgemeinwissen „Landshutentführung“ hinaus gehen. Read More

Nachtrudern

Bin völlig unvorbereitet und -eingenommen um acht Uhr abends im Verein angekommen, nach einer Hinfahrt zwischen schwarz-gelb-gekleideten Fussballfreund*innen mit Bockwurst auf dem Handteller.

Ich dachte, wir fahren einfach ein bißchen am Abend. Es war ja noch hell, heller als es im Winter mittags je wird. Als ich die Verteilung der Kühlboxen und Lebensmitteltaschen auf die zwei Boote beobachtete, wurde mir jedoch klar, dass es sich um eine Wanderfahrt handelte, obendrein noch um eine sogenannte Zielfahrt, eine Untereigenheit der Ruderer*innen, ihre Fahrten zu kategorisieren und in Sommer-, Winter- und Jahreswettbewerben zu feiern: Es macht nichts, wenn man nicht daran teilnimmt, aber wenn man eh schon mal rudert, gibt es immer wieder mal Versammlungen mit Medaillenverleihungen, z. B. wenn man vom 1. April bis 31. 10. (der Ruderer-Sommer, hat nichts mit Temperaturen zu tun, auch wenn es vorher oder nachher warm ist) mindestens 4 Zielfahrten und mindestens 800 km (in meiner Altersklasse) gerudert ist. Eine Zielfahrt braucht mindestens 20 km (und das Erreichen eines anderen Zielbereiches als des Heimatzielbereichs (in unserem Fall Zielbereich 2, Erklärungen im unter „Sommer“ verlinkten PDF🙂 ), also sind wir 20 km gerudert. 10km hin, zu Welle Poseidon am Wannsee (Zielbereich 3), haben da Pause gemacht, der Mond wanderte von hinter einem Baum beständig nach rechts, während wir auf der Terrasse saßen, aßen, tranken, die Lichter auf dem Wannsee sahen, die Fußballfans beim Elfmeterschießen stöhnen und grölen hörten, und um 23.14 der Mond völlig rund wurde (wurde mir gesagt). Read More

Bücher haben

Gerade habe ich ein paar Blogeinträge darüber gelesen, Bücher auszusortieren. Und einige Kommentare dazu.

Bücher haben ist für mich ein Glück, eine Art vorelektronisches Internet, in dem alles steht und ich dem ich alles nachschauen kann, so weit ich komme. Es ist nicht so groß wie das Internet, und es steht nicht alles drin, was im Internet steht, aber man kann ja mal loslaufen in die Richtung, und lesen was am Weg liegt, und ausgelesen habe ich die Bücher bis jetzt noch nicht. Viele Lexikonartikel, unterschiedlich alt, vom Brockhaus meines Opas, die ältesten Bände von 1922, bis zur Veröffentlichung der Heinrich-Böll-Stiftung aus dem letzten Jahr, verweisen auf Pfade, deren Ende ich noch nicht erreicht habe.

Ich sortiere Bücher in den Regalen nach Belletristik, Kinderbüchern, Sachbüchern und Lexika, Belletristik und Kinderbücher alphabetisch nach Autor*innen (die Anthologien in einem Extra-Brett), die Sachbücher und Lexika nach Themengebieten, damit ich schnell alles finde, wenn ich etwas suche, wenn ich mit jemanden rede, und mir einfällt, dazu habe ich …

Darum gebe ich nur Bücher weg, die mir nichts gesagt haben. Andere möchte ich noch mal lesen oder etwas nachschlagen, und vor allem: verleihen, und zwar gezielt verleihen. Ich finde den Gedanken, Bücher zu verschenken sehr sympathisch, damit das Buch nicht in der Zeit, die es im Regal steht, bloß vor sich hinschweigt. Aber woher weiß ich, ob es dann nicht in einem anderen Regal steht?

Ich verleihe gerne Bücher, wenn ich mich Menschen rede, die ein Thema beschäftigt, oder die gerne mal wieder lesen würde. Als Einsteigerbuch für Leute, die behaupten, Lese mache ihnen einfach keinen Spaß mehr, verleihe ich fast immer das Wetter vor 15 Jahren, das funktioniert ebenso fast immer als Wiedereinstiegsdroge oder als Hoffnung für Leute: Vielleicht lese ich doch ganz gerne. Read More